Analytic Psychocatharsis

... combining meditation with science

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Dahinter, über das Wesen des Kenn-Wortes

Dahinter, wie die Wahrheit des Kenn-Wortes auf das Wissen antwortet.

Weit hinter einem Fluss und noch weiter hinter Wäldern von Jakarandabüschen geht die Sonne auf. Vier Uhr morgens, in Indien oder irgend woanders auf der Welt, wo ich schon gewesen bin und dieses Aufwachen, Herausrascheln und Emporfliegen des Lebens beobachtet habe. Egal, ob es romantisch zu verstehen ist, was ich meine, oder ab es nur einfach deskriptiv ist.

Ich habe auch in viele gequälte Menschen geschaut, in seelisches Leid und Blut, in Wunden und in Tote (eine zeitlang wart ich auch in der Pathologie tätig). Ich will damit sagen, dass es gleichgültig ist, wie ich anfange und wie ich immer wieder gedacht habe: da ist doch etwas dahinter, das lebt oder ein Geheimnis ausplaudern will. Ich muss es zu fassen kriegen. Es geht nicht nur um diese Orte wie die Natur oder der menschliche Körper oder das Hyperphärische seiner Seele, es geht auch um alles andere. Wer waren die Menschen früher? Was sagen die  Fußspuren von Laetoli vor dreieinhalb Millionen Jahren, der Schmuck der Neandertaler, die 14372xcitefun-gobekli-tepe-2stilisierten Gestalten von Göbekli Tepe (vor 12 000 Jahren)? Was drücken die Kindheitserfahrungen von Angstneurotikern aus, was die Träume, die immer wiederkehren? Immer  gibt es ein  „Was steckt dahinter?"

Abb. 1 Stilisierte menschliche Figu-

rensäule mit Panther, Göbekli Tepe

Sicher ist der Mensch glücklicher, der nicht so viel frägt. Aber er ist nur der glückliche Dumme. Hat man einmal mit dem Fragen angefangen, kann man nicht mehr aufhören. Deshalb verrate ich gleich zu Anfang, was ich inzwischen glaube, ja zu wissen denke und nach strengen Kriterien wissenschaftlich begründen kann. Es sind die Kenn-, die Pass - Worte, die hinter allem stecken, und vor allem geht es um die, die jeder in sich selbst finden muss, um die Schlüssel für die letztlichen Antworten zu haben, nach denen gesucht wird. Denn  kein Frühmensch, kein Prophet, kein Philosoph oder Wissenschaftler hat jemals eine genaue Antwort gegeben, die  soweit gereicht hätte, dass  man  nicht  selbst  nochmals nach dem „Dahinter"  hätte nachfragen müssen. Aber auch das ist keine große Weisheit. Als Psychoanalytiker arbeite ich seit über dreißig Jahren mit dieser Methode, in der nicht der Therapeut alles weiß, sondern die Antworten aus dem Unbewussten des Patienten kommen müssen. Denn der Patient wehrt bestimmte Erinnerungen oder Einfälle ab. Er kann z. B. etwas verdrängen oder etwas ganz von sich abspalten. Verdrängung, Spaltung sind somit „Abwehrmechanismen" der Seele.

Wenn der Patient frei seine Assoziationen, seine Träume und Phantasien äußert, wenn er also eine Art von „Finnegans Wake" oder „Zettels Traum" liefert, d. h. chaotisch lesbaren Manuskripten oder kryptischen Reden, die zu entziffern sind, werden diese Abwehren zuerst einmal ein bisschen umgangen. Doch zwischen so krumm und assoziativ geäußerten Vokabeln lässt sich ein versteckter Sinn herauslesen. Kann man dem Patienten diesen Sinn deuten, muss und kann er seine Abwehren aufgeben. Und natürlich könnte ich sagen, dass eine solche Psychoanalyse erst beendet ist, wenn der Sinn in Form dieser Kenn- und Passworte schließlich aus ihren Teilen entschlüsselt, wieder zusammengesetzt und so voll gebrauchsfertig geworden sind. In der herkömmlichen Psychoanalyse sind diese Begriffe (wie etwas das Kenn-Wort) zwar noch nicht so Usus, aber die meisten Psychoanalytiker würden dem wohl zustimmen, wenn man ihnen sagen würde, was das genau heißt: Kenn- oder Passwort: der französische Psychoanalytiker J. Lacan hat nämlich exakt mit dem Begriff der „passe"  (französisch für „Durchgang") das Ziel des psychoanalytischen Lehrkandidaten bestimmt. Im Besitz dieses Schlüssels kann der Psychoanalytiker sich anderen und sich selbst gegenüber auf dem Freudschen Feld verständlich machen. Er hat den Schlüssel zu sich und zu anderen auf der gleichen Ebene. Dazu später mehr.

Vorerst möchte ich noch bei dem eingangs erwähnten Bild bleiben, bei dem Blick in die Ferne, Weite, wo - laut Goethes Faust - „der Schüler unverdrossen die ird´sche Brust im Morgenrot baden sollte".  Nicht ganz zu unrecht hat er vorher noch gefragt, ob er ein Gott sei, weil ihm so,licht und klar ums Herz wurde. Denn sicher, auch so kann man sein Pass-Wort finden. Ich glaube nur, dass es - so schön es auch scheint - umständlich ist, und auch Faust kommt zu dieser Einsicht, als er merkt, dass alles nur ein Schauspiel ist. Durch Meditation zu so einer frühen Zeit und an so einem einsamen Ort kann man, wiederholt man dieses Verfahren der Natur- oder Geisterbeschwörung nur über Wochen und Monate auch eine „passe" haben, sie ist nur nicht wissenschaftlich abgesichert. Heute reizt die Wissenschaft. Nun ist es tatsächlich gar nicht so einfach, die Wissenschaftlichkeit klar und definitiv zu belegen, wenn man nicht von vornherein Karriere in ihr gemacht hat. Ich habe meine Arbeiten bisher noch in keiner Fachzeitschrift veröffentlich habe, sondern meinen wissenschaftlichen Beweis in allgemeiner, konjekturalwissenschaftlicher[1] Weise erstellt. Die Menschen haben sich bis heute  -  im Sinne  e i n e r  Wissenschaft -  auf keine Wahrheit einigen können.[2] Sie glauben, dass immer wieder neues Wissen eine Antwort auf die Frage nach der Wahrheit geben kann. Doch es muss umgekehrt sein: am ehesten können wir eine Lösung von einer Konjekturalwissenschaft erwarten, in der die Wahrheit auf das Wissen antworten muss, weil die Wahrheit die eigentliche Ursache ist, indem sie dem Subjekt (und nicht dem Objekt) die Teilung Wissen / Wahrheit auferlegt hat.

All das klingt schwierig, aber es ist notwendig es so zu sagen. Gerade nämlich ist ein neues Buch über den Streit der Philosophen mit den Neurowissenschaftlern herausgekommen.[3] Darin wird klar, dass die Kontrahenten sich mehr oder weniger überhaupt nicht mehr verständigen können. Sie werfen sich gegenseitig nur „Irreführung", „Begriffsverwirrung" und Ähnliches vor, von einem gemeinsamen Nenner im Sinne  e i n e r  Wissenschaft sind sie meilenweit entfernt. Die Konjekturalwissenschaft (Lacan bezeichnet nicht nur die Mathematik, auch die Psychoanalyse als eine derartige Wissenschaft) wäre eine Lösung. Doch auch dazu finden die Streithanseln keinen Weg. Wie Freud einmal treffend sagte: alle haben sie eine kleine Macke. Die Philosophen und Künstler sind sublime Hysteriker, die Gläubigen und ihre Theologen ein wenig zwangsneurotisch und die Wissenschaftler ein bisschen Paranoiker (darin hat er sich auch selbst etwas eingeschlossen). Dass dies so ist, liegt daran, dass wir keine wirklich guten Offenbarungs-Propheten mehr haben oder eben alle anderen Versuche, in denen ein Mensch einem anderen etwas beibringen will, immer von den Eigenheiten, von der Subjektivität und dem Zeitgeist des Beibringers etwas gefärbt sind. Auch mein Buch über das Kenn - Wort kann jedoch nicht ohne verantwortungsvolle und wissenschaftliche Sprache auskommen, und um die Färbung beim Beibringen etwas zu vermeiden, halte ich mich an die Konjekturalwissenschaft.

Selbst wenn die Sache so einfach ist, wie ich sie gleich anhand eines Beispiels schildern werde, steckt doch ein enormer wissenschaftlichen Anspruch dahinter, der auch erfüllt werden muss. Es geht um Folgendes: um hinter das „Dahinter" zu kommen, bin ich Psychoanalytiker geworden und habe aus den Erfahrungen, die ich in dieser Arbeit machte, ein Resümee, eine Essenz, kurz: etwas konkret Methodisches herausgezogen, das ich unter dem Namen Analytische Psychokatharsis mehrfach veröffentlicht habe. Der Name sagt bereits, dass es sich einerseits um Psychoanalytisches handelt, andererseits spielt auch eine Entspannung, Entladung und Befreiungserfahrung eine große Rolle. Aus einer klassischen Psychoanalyse geht man abgeklärt, reifer, aber nicht unbedingt glückstrahlender hervor. Der Ausdruck Katharsis, der vom griechischen καθαιρο, befreien, herkommt, zeigt an, dass dieser Aspekt des Sich-Entladens, des „Durchrieseltwerdens" und der Befreiungserfahrung gleichermaßen wichtig ist.

Hier nunmehr das angekündigte Beispiel: Einer meiner Kandidaten, der die Analytische Psychokatharsis praktizierte, hörte einmal oder hatte wie aus der Tiefe oder wie von weither den Gedanken: „ist der Kennvogel". So etwas klingt fast wie ein Traum, aber der Übende war wach und hatte die Formulierung noch „wie im Ohr". Ich muss zugeben, so etwas gibt es manchmal auch beim „Aufträumen". Hat man in dem Moment wo man schon wach wird, etwas gehört oder gesagt, klingt das so, als wäre es gerade real passiert. Auch von Berührungen habe ich solches schon oft gehört: man hat im Traum die Hand von jemand gehalten und im Aufträumen spürt man noch den Druck der Finger des anderen eine zeitlang nach, manchmal vielleicht sogar Sekunden. Egal, hier in diesen Fall, war das „ist der Kennvogel" durch die Übung mit den Formel-Worten entstanden (Erklärung dazu später). Und dem Betreffenden war sofort klar, was gemeint war. Erstens war er ornithologisch interessiert, er musste und wollte jeden Vogel kennen. Zweites hieß sein Chef Vogel. Und drittens dachte er sofort auch an das im Volksmund übliche „der hat einen Vogel". Natürlich hatte er auch von mir über das Kenn - Wort gehört und gelesen.

 

„Ich muss nicht jeden Vogel kennen", sagte er, „aber es ist wohl so, dass man als Ornithologe nach irgendeinem sucht, dem interessantesten, dem ultraschönsten. Sodann dachte ich anfangs schon, die Analytische Psychokatharsis führt vielleicht dahin, dass man einen Vogel kriegt, aber letztlich ist dieses Wort, der „Kennvogel" für mich jetzt ein ideales Instrument zur Selbsterkenntnis. Es passt genau zu mir. Ich muss meinen Vogel kennen, meinen Chef, vielleicht geht dann manches besser, und all die anderen Leute auch, denen ich vielleicht einen Vogel unterstelle. Sicher muss und will ich auch noch weiter den Vogel suchen, der mich ornithologisch interessiert. Der wahre „Kennvogel" aber bin ich selber. Mir gefällt das, was mein Unbewusstes mir da zum Denken gegeben hat."

 

Auch wenn ich vorerst nichts weiter über das Verfahren der Analytischen Psychokatharsis geschrieben habe, versteht jeder, dass es etwas Besonderes ist, wenn man einen Gedanken hört, ja ihn wie laut selber denkt, also sich selbst beim Formulieren eines solchen Gedankens erwischt, der sich dann als irgendwie tiefsinnig erweist. Hätte einem so etwas jemand Fremder oder ein Freund oder Lehrer gesagt, wäre es bei weitem nicht so eindrucksvoll gewesen. Der Kandidat hätte das Reden über seine Problemzonen als gute Ratschläge auffassen können, aber das „ist der Kennvogel" war der beste Hinweis auf seine Probleme. Ja, auf so einen Ausdruck hätte gar niemand kommen können. Mir selbst fiel ein, dass die Taube, die bei Jesu Taufe vom Himmel gekommen sein soll, doch auch so ein „Kennvogel" war: er klärte die Identität auf, die zwischen Jesus und seinem geistigen Vater bestehen würde. Er war das „Pass - Wort" von oben nach unten, während wir Tiefenpsychologen heute natürlich sagen würden: diesen Gedanken, den der Kandidat hörte, war wie ein „Pass - Wort" von unten nach oben. Es stieg in ihm auf.Taufejesu0001

Abb. 2   Taufe und Taube als Pass-Wort

Dass es sich im Neuen Testament um eine Taube gehandelt hat, ist kein Zufall. Die Taube verbildlicht die Stimme, die das „Kenn - Wort" ausspricht am besten, weil Tauben und Möwen sehr menschenähnliche Laute hervorbringen. Entsprechend ist die Verkürzung des Gedankens bei meinem Kandidaten auf ein „ist der Kennvogel", was ja kein ganzer Satz ist, typisch von der linguistischen Seite des „Kenn - Wortes" her. Lacan sagt nämlich, dass es im Unbewussten immer einen „inneren Satz" gibt, der sich allerdings  dort  nicht  „in  kontinuierlicher  Weise" ein-schreibt, sondern der oft bruchstückhaft, als Kurz-Satz, knappe Formulierung und immer wieder anders aus dem Insgesamt des Unbewussten auftaucht.[4] „Da man nun einmal die Funktionen des Ich als solchem sucht, sagen wir, dass eine seiner Beschäftigungen genau darin besteht, nicht von diesem Satz belästigt zu werden, der immer weiterzirkuliert und der nur beansprucht, wiederaufzutauchen in tausend mehr oder weniger getarnten und störenden Formen".4

Eben, wir weisen das ab, diese Belästigungen aus dem Unbewussten, wir wollen von uns selbst, von unserer inneren Wahrheit nichts wissen. Allerdings muss man auch sagen, dass das Unbewusste uns die Dinge so hochbringt, dass wir sie gar nicht verstehen können, dass wir unter den so produzierten Symptomen leiden. Erst wenn man Vertrauen in einer Verfahren gefasst hat und damit weiterkommt und feststellt, dass man mit einer bestimmten Art dieser Sätze leben kann, ja sogar gut leben kann, weil sie einem das Wesentliche über einen selbst sagen. Natürlich spricht das Unbewusste nicht mehr so bildhaft wie vor 2000 Jahren bei der Taufe am Jordan. Vielleicht ist er auch gar nicht so genau gesagt worden, wir sind uns bei so alten Überlieferungen nicht so sicher. Heldenleben werden oft im Nachhinein positiver dargestellt. Vielleicht waren auch die, die es gehört haben in leicht hypomanischer Stimmung. Man hat dem Ursprung der christlichen Religion oft leicht narzisstische Grundlagen unterstellt, so z. B. B. Grunberger in seinem Buch „Narzissmus, Christentum, Antisemitismus".[5] So eine submanisch gehobene Stimmung und Erfülltheit vom Religiösen gelingt uns heute nicht mehr so leicht bzw. wohl überhaupt nicht mehr, und so fallen auch die Kenn-Wort-Sätze nicht so euphorisch aus. Trotzdem war es ja auch so: je positiver und euphorischer sie ausfielen, um so mehr musste man für sie büßen.

Bleiben wir also dabei: das oder die Kenn- bzw. Pass-Worte, inneren Formulierungen etc. wären schon eine recht gute Sache, könnte man sie einfach so aus sich herausholen, indem man nur „die irdische Brust im Morgenrot badet" oder einmal in den Jordan eintaucht und dabei gleichzeitig einen so guten Psychotherapeuten hat wie Johannes den Täufer. Und doch möchte ich hier so etwas Ähnliches vermitteln. Ich gehe natürlich davon aus, dass auch die Religionen aus dem Unbewussten früherer Menschen so entstanden sind nämlich als die sonst - weil „belästigenden" - verdrängten Kurz - Sätze, Kenn- oder Pass - Wort - Sätze, Offenbarungs - Sätze, könnte ich sogar sagen. Aber ich muss es nicht, mir geht es hier nicht um eine Neufassung des Theologischen oder Religiösen. Mir geht es darum, dass die psychoanalytische Enthüllung durch eine Art der Selbstanalyse mit Hilfe der Analytischen Psychokatharsis zustande kommen kann, und sich dies dann mit einer Katharsis (Bad im Morgenrot) und gleichzeitigen Identitätserkennung, aufs Eigene bezogenen Warhrheitsfindung (dass das Wissen auf die Wahrheit antworten muss) vollzieht.

Das Unbewusste denkt, kalkuliert und rechnet nicht, aber es weiß, sagt Freud. Etwas in uns weiß es schon ziemlich genau, und das hängt sogar mit der Wahrheit von uns selbst zusammen. Wenn das dann hochkommen kann, braucht man es nur noch mit eine bisschen weiteren Wissen anzureichern, um das Ziel erreicht zu haben. Aber wie kommt das Kenn- bzw. Pass - Wort wirklich und wissenschaftlich begründet dazu, eine solch entscheidende Funktion im Leben jedes Individuums haben zu können? Ein paar Dinge habe ich schon angeführt. Das erste war, dass ich von der Lacanschen „passe" ausgegangen bin, dem „Durchgang", der knapp zusammenfasst, wie jemand durch seine Analyse hindurch gekommen ist. Welche Abwehren hat er aufgeben müssen, welche Einsichten hat er dadurch gewonnen. Diese Schlüssel-Sätze die seine „passe" ausmachen, hat er ja schon vorher unbewusst in sich getragen. Das Zweite war, dass es neben diesem rein analytischen Vorgehen noch die kathartische Erfahrung gibt, die das Kenn- oder Pass - Wort eigentlich erst richtig zu dem macht, was es bedeutet: ein hypomanischer Durchgang, ein Durchrauschen.

Der Konnex, das Konnektiv, der dynamische Beziehungs - Kontext.

Der Philosoph  A. Noë schreibt in seinem Buch „Du bist nicht dein Gehirn", dass wir uns heutzutage viel zu sehr von den Neurowissenschaften beeindruckt zeigen. Gewiss ist es gut, wenn man bei Psyche-, Geist- und Bewusstseinsfragen die Rolle des Gehirns mit erklären kann, aber wesentlich ist es nicht. Für A. Noë liegt das Bewusstsein und das Seelische in erster Linie nicht im Gehirn, sondern im Kontext, in dem das Lebewesen mit seiner Umwelt und anderen Lebewesen steht und dynamisch interagiert. Dieser Kontext ereignet sich also eher in einer Art von hypersphärischem Raum, zu dem das Gehirn wahrscheinlich eine intensivere und komplexere Beziehung hat als ein einfacher Stein. Deswegen kann man also gelegentlich mal ruhig von Echo- und Spiegel-Neuronen sprechen, wenn einem neurowissenschaftliche Bilder mehr liegen als andere. Aber der Begriff eines Echokontextes wäre vielleicht noch naheliegender.

Nun scheint das Kenn - Wort ja gerade mitten in diesem Kontext, in diesem Beziehungs - Konnex zu stehen. Wir interagieren zwar nicht bewusst, aber eben doch unbewusst mit solchen Kontext - Schlüsseln. Wenn wir in einer Psychoanalyse so weit gekommen sind, dass wir von diesen Kontext - Schlüsseln als „passe" sprechen können, das Ganze also symbolisch - verbal ausdrücken können, sind wir ja am Ziel. Dennoch: welche Rolle spielt das Gehirn dabei, was heißt hier hyperspährischer Raum, wie ereignet sich der Kontext konkret in und mit uns. Da sind immer noch viele Fragen offen. Um was geht es überhaupt, pflegte einer meiner Patienten in so einer Situation immer zu fragen. Was soll das, dass ich angefangen habe wie weit hinter dem träg dahinziehenden Fluss die Sonne aufgeht und eine meditative Stimmung verbreitet. Halb fünf Uhr morgens und in Indien oder Madagaskar. Es ist doch ein Trick, mit dem ich dem Leser suggeriere, ich hätte einen plausiblen Anfang gefunden.

Ich weiß, dass Philosophen manchmal wochenlang vor einem Blatt weißen Papiers sitzen und sich damit abquälen, wie sie die ersten Worte niederschreiben sollen. Schließlich ist es für einen Philosophen von eminenter Bedeutung, wie er anfängt. Er kann nicht einfach hinschreiben: ich denke mir, dass die Dinge so und so sind. Er muss ja Begründungen haben, Logik. Und da ist es wichtig, dass er in den ersten Schritten nicht schon die letzten vorwegnimmt. Denn im Grunde genommen ist dies bei allen Philosophen der Fall. Sie setzen eine Einheit (sprachlicher oder irgendwie sonstiger Art) schon von Anfang an als bedeutend voraus und haben dann natürlich keine Schwierigkeiten über lange Umwege schließlich zu erklären, warum ein Beweis ein Beweis ist. Sie haben das Wort Beweis schon mit soviel Bedeutung aufgeladen, dass sie nichts mehr extra noch beweisen müssen. Ja, sie schreiben sogar ganze Bücher über den Begriff der Tautologie, weil sie wissen, dass sie nur durch eine Anlehnung an die Mathematik ( und ihr A = A) eine Möglichkeit haben, glaubwürdig zu sein.

Dabei liegen sie hier gar nicht so falsch: Krieg ist Krieg ist eine Tautologie und sagt dennoch etwas Darüberhinausgehendes aus. Nämlich dass es nicht so lustig ist wie im Frieden, dass im Krieg andere oder gar keine Regeln mehr gelten. Auch ich lehne mich letztendlich an die Mathematik an. Ich setze die „Menge" zuerst, dann erst das Einzelne, Doppelte, die Drei, die Vier. Auch der bekannte Physiker St. Hawking schreibt in seinem letzten Werk (The Great Design), dass keine einzelne Theorie wird jemals die Weltformel liefern können. In seiner M-Theorie genannten theoretischen Formulierung, lässt er die Menge aller Theorien gelten. Nur wenn man alle Theorien im Überblick ihrer Menge behält, liegt man richtig. Eine gut gewählte romantische Schilderung, eine Neuronentheorie, psychoanalytische Auffassungen, das Verständnis der Taube bei Johannes als das eines mythischen Sprechens und die Verwendung dieses Mythos als eine wertvolle Historie, die Tautologie und die Seele als Interaktions-Kontext - alles kann gut als ein Einstieg in das gewertet werden, was ich hier schreiben will, als Einstieg in das „Dahinter".

Und natürlich gilt dies auch für das Reden von der Entwicklung der Sprache. Lacan war ganz entsetzt über den berühmten Sprachwissenschaftler N. Chomsky, als dieser ihm gegenüber erklärte, die Sprache sei für ihn ein Organ, ein Werkzeug![6] Nach Chomsky ist die Sprache ein menschliches Werkzeug, das auf den Menschen selbst zurückwirken kann, während Lacan genau der gegenteiligen Auffassung war: „Der Mensch spricht" - hat die Fähigkeit zum definitiven Symbolisieren - „aber er tut dies, weil das Symbol ihn zum Menschen gemacht hat"![7] Irgendetwas Symbolisches, eine primitive symbolische Ordnung, eine Art von „Sage", „Spreche", ja von einem Es Spricht ist schon da, bevor der Mensch erscheint, d. h.  mit diesem Spricht erscheint er erst voll und ganz. „Die Natur liefert Signifikanten",[8] schreibt Lacan. „Noch bevor die eigentlichen Humanbeziehungen entstehen, sind gewisse Verhältnisse schon determiniert . . Noch vor jeder Erfahrung, vor aller individuellen Deduktion und noch bevor überhaupt kollektive Erfahrungen . . . sich niederschlagen, gibt es etwas, das dieses Feld organisiert und die ersten Kraftlinien in es einschreibt . . die Funktion einer ersten Klassifizierung. Wichtig ist für uns, dass wir hier die Ebene erkennen, auf der es - noch vor jeder Formierung eines Subjekts, das denkt - bereits zählt, auf der gezählt wird. Wichtig ist, dass in diesem Gezählten ein Zählendes schon da ist".[9] Ein Zählendes, ein menschlich Zählendes, das natürlich auch ein Erzählendes, eine „Sprechung", ein Spricht.[10]

Da haben wir es also, was die Mathematiker seit Pythagoras immer schon behaupten: etwas, was wirklich zählt, Laute, die wirklich zutreffen, ein Spricht, ein (Er-)Zählbares gab es schon zu Zeiten der Neandertaler (und sogar davor), und genau dies Ursymbolische, das einfach rein nur zählte, hat ihn zum Menschen gemacht. Nicht allein das große Gehirn hat den Sprung zum homo sapiens sapiens bewirkt - das sicher auch, wobei man bedenken muss, dass das Neandertalergehirn noch größer als unseres war. Auch war nicht allein die Gruppendynamik Ursache der besonderen Menschentwicklung, denn diese gibt es bei vielen Tiergruppen auch, die trotzdem bis heute nicht menschenähnlich geworden sind. Wenn ich also von diesem Spricht rede - der Leser wird es schon bemerkt haben - so weil es natürlich wieder mit dem Kenn - Wort etwas zu tun hat. Denn das Kenn - Wort spricht ja nicht nur einfach so vor sich hin. Vielmehr zählt, zählt sehr intensiv, was Es sagt.

Am Anfang gab es also vielleicht die Zahl, die sprechende Zahl. Nur in diesen primären Kraftlinien der Signifikanten, in diesem Es Spricht, zählte es also für den Frühmenschen  bereits, genau so wie für uns heute. Diese  Verlautungsmethode, diese - wenn ich das noch einmal so sagen darf - „Spreche", „Rufung", der Signifikanten funktionierte beim Neandertaler genauso wie es in unserem heutigen Unbewussten da ist und funktioniert. Die Sprache ist nicht - wie Chomsky sagt - ein Werkzeug des Menschen, sondern der Mensch ist ein Werkzeug der Sprache, wenn wir sie so auffassen, nämlich als symbolische Ordnung, als Kraftlinien der Signifikanten,[11]als „UR´s" (ein Begriff F. v. Weizsäckers) der Bedeutungen. Und die waren immer schon da, längst auch zu Zeiten des Frühmenschen. Allerdings waren es noch keine Kenn-, Pass - Worte in dem Sinne, wie ich Sie verwenden möchte.

Auch die meisten Sprachwissenschaftler sind sich einig, dass die ersten Laut-Worte Losungsworte waren, Identitätsworte. Dies bestätigt auch der Linguist H. Haarmann (Weltgeschichte der Sprachen, Becksche Reihe, S. 32), indem er die Identitätsfindung als die Ursache der Sprache auffasst. Ein Losungswort ist ein Identitätswort, das man sich zurief, um sich zu bestätigen und anzuerkennen. Erst dann konnte man sicher sein und auch Gegenständen einen Namen geben. Die ersten Menschen mussten sich abgrenzen von anderen menschenähnlichen Hominiden. Aber man musste seine Identität auch ständig durch Lautbilder, durch Wort-Klang-Bilder bekräftigen. War man beispielsweise ein Bewältiger des feurigen Brennens geworden, ein Brenner und ein Löscher, ein „Brunzler",[12] ein „Brennzler".[13] Man war nicht mehr nur ein Tiermensch sondern fast ein Gottmensch wie Prometheus, der den Göttern das Feuer raubte. Man war „Agni" (ein Übermensch aus der indischen Mythologie) geworden oder irgend so jemand, und darin erkannte man sich wieder, wenn man jemanden mit diesem Losungswort anrief und dieser es verstand. „Brunzler", „Brennzler",  du und ich, da konnte man sicher sein.

Nicht umsonst hat S. Freud seine Theorie eine Sexualtheorie genannt, weil in all diesen Vorgängen etwas Erotisches mitschwingt, auch wenn es mit dem, was wir unter erwachsener und mehr männlich betonter Sexualität verstehen, gar nichts zu tun hat. Aber Zeugung und Geburt, sehr intimes, inbrünstig Erfahrenes oder Getanes, „Brennzeln" und Ähnliches lassen sich nicht als nüchtern Objektives verstehen, sind aber auch nicht subjektive Einbildungen. Bis man einen gültigen und sich bei allen Individuen eingebürgerten Namen z. B. für eben dieses Brennen-Machen, für diesen „Brunzler" hatte, war es wie eine Schwangerschaft und Geburt mit der schließlich ein solcher Name in einem selbst gewachsen und dann herausgepresst, hervorgedrückt und befreiend enthüllt werden konnte. Man hat nicht einfach Dinge bezeichnet, man hat Namen geboren. Denn mit jedem Ding außen war auch ein Ding innen gemeint.

Dem Sprachwissenschaftler F. de Saussure zufolge ist der Signifikant ein „Schema von Gegensätzen", die für den Menschen nicht aushaltbar sind, so dass er zu einem "Lautbild" greifen muss, um sich auszudrücken und zu entlasten. So kann man es also auch sagen, was es mit der Sprach- und Menschentstehung auf sich hat. Bei der Überwältigung eines Raubtieres könnte beispielsweise ein „Lautbild", Wort-Klang-Bild  die Rettung, den Sieg bezeichnet haben und so für die Gruppe zum Identitätswort geworden sein. Der Clan des „Bären" könnte sich dann etwa auf so eine Erfahrung zurückgeführt haben. Kommen mehrere Signifikanten zusammen, ergibt sich durch eine Kettenbildung von Signifikanten schließlich eine vollkommene menschliche Sprache (die Tiersprache dagegen ist nur eine Signalsprache, sie kann nur Signifikate ausstoßen, die zwar von mehreren Tieren verstanden werden können, aber nicht ihren Clan, ihre psycho-soziale Organisation bilden, d. h. sie ist keine von jedem Handlungsbezug losgelöste Symbolsprache).

Trotz alledem erklärt uns das nicht das Wesen der Kenn - Worte im speziellen Sinn. Der Begriff der Losungs- und Identitätsworte ist eine gute Annäherung, aber trifft noch nicht das Wesentliche. Um dem näher zu kommen muss ich nunmehr doch auf das tiefer eingehen, was ich weiter oben schon einmal kurz mit einer weiteren Spezifität, nämlich den Formel - Worten angedeutet habe. Auch hier ist es wieder wichtig auf Psychoanalyse und Mathematik zurückzugreifen. Das Unbewusste kann nämlich nur bis zur Drei zählen, weiter - und dies gilt auch bei vielen Primärvölkern so - gibt es nur noch das Viele, die Menge. Tatsächlich steckt ja auch im Identitätswort eine Menge, der Angstaffekt vor anderen / fremden, der Affekt der gemeinsamen Tat, die Enthüllung eines gemeinsamen Sexuellen etc. (alles wie oben bereits angedeutet). Gerade weil es „überdeterminiert" ist (ein Ausdruck Freuds für die Besetzung eines Symbols z. B. im Traum oder im Versprecher durch mehrere Bedeutungen) ist das Identitäts- oder Losungs - Wort ein so dicht gepacktes Wort-Klang-Bild, Signifikant, Integrations - Kontexter. Und eben deswegen ist auch das Formel - Wort - zwar künstlich erstellt -  doch vom gleichen Charakter. Ich stelle hier nochmals eines vor, indem ich vom Raum ausgehe. Vom unbewussten Raum.

Freud stellte sich das Unbewusste so vor wie wenn die Stadt Rom mit ihren sämtlichen auch aus frühesten Zeiten stammenden Bauwerken, also imaginär ineinandergeschachtelten alten und neuen Bauten in einem Raum-Konstrukt zu sehen wäre. In der Mathematikspricht man hier, also bezüglich dieser Raum-in-Raum-Strukturen von räumlichen Mannigfaltigkeiten, was ebenfalls ein treffender Ausdruck ist. Der Raum ist mehrfach aus- und eingefaltet. Der psychoanalytische Raum ist also eine raum-zeitlich-gekrümmte Struktur, in der sich Patient und Analytiker treffen, theoretisch! Die Psychoanalytiker hängen jedenfalls an den „freien Assoziationen" ihrer Patienten buchstabengetreu die Interpretationen auf. Sie sprechen vom analytischen Raum, der mit Raunen, sich Versprechen, verlegenem Räuspern, schnellem Atmen, hastigen Ausreden, brünstigen Gedanken und schweigendem Deuten voll gepackt ist.[14] „Eine Rede, in der ich mir etwas sagen lasse, nenne ich wahr . . und so steht die Wahrheit am Anfang . . .  in diesem sich mit der Auseinandersetzung zweier Subjekte aufspreizendem Raum", schreibt der Philosoph J. Simon.[15] In der klassischen Psychoanalyse gelingt es jedoch nur ganz selten, dass man von solchen verknoteten Räumen heraus auch so sprechen kann, dass sich die ineinandergeschachtelten Vorstellungen, Affekte, Gedanken etc. auch sprachlich interpretieren lassen. Gerade deswegen ist hier mit dem Formel-Wort mehr zu erreichen.

ALOCUSTOS10001Locus heißt lateinisch der Raum, Ort, was aber heißt  ALOCUSTOS oder CUSTOSALO? Hier wird mit dem Buchstabenraum gespielt wie die nächste Abbildung deutlich zeigen kann:

Diese formelartige Buchstabenreihe hat jeweils eine andere Bedeutung, wenn man sie von einem anderen Buchstaben liest, denn es stecken - immer gleich im Uhrzeigersinn gelesen - folgende Worte darin: Sal (Salz), Locus (Ort, Raum), Custos (Wächter), Os (Mund, Knochen), Salo (durch das Meer), Alo (ich ernähre, Sto (ich stehe), Osa (hassend)  und noch ein paar andere. Je nachdem wo man anfängt kann man viele Bedeutungen herauslesen, und genau das macht den poetischen, glücklichen oder sonst wahrheitsgemäßen Raum aus. Eine einzige Bedeutung, die z. B. ein menschliches Subjekt von sich gibt, macht, wie wir bei Simon gerade gelesen haben, keinen Raum aus. Es müssen mindestens drei sein um den Raum wirklich voll zu machen. Ich, der Wächter, ernähre (Alo, Custos), Ich stehe im Meer CU (Sto salo CU), Hassend, der Ort (Osa Lucus) all diese seltsamen Bedeutungen haben einen tieferen Sinn. Sie stellen das lineare Bewusste dar, das sich normalerweise vom ineinandergeschachtelten Unbewussten fernhalten will. Hier aber, genutzt als Formel-Wort, kann es den Mund des gleichgestalteten Unbewussten öffnen. Dringt es nämlich durch ständiges gedankliches Wiederholen ins Seelische ein, wird es vor allem das Unbewusste treffen. Das Bewusste kann ja all die seltsamen Bedeutungen nicht zu einem Sinn formen, also muss es das Unbewusste sprechen lassen.

Denn besser könnte man es doch gar nicht zeigen, dass der unbewusste Raum ineinandergeschachtelt, verknotet ist. Die rein bildhafte Verschachtelung z. B. eben der Häuser und Tempel am Forum Romanum in Rom ist zwar eindrucksvoll, verzettelt uns aber in zahlreiche Visionen . Aber ein so formelhaftes Kreisgebilde erfüllt die topologischen Aspekte wie auch die der symbolischen Ordnung auf ideale Weise. Damit, darüber zu meditieren, muss ein guter, wissenschaftlich (psycho-linguistisch) begründeter Weg sein.

Ich habe jetzt weit vorgegriffen und der Leser wird noch nichts glauben, obwohl alles wissenschaftlich klar begründet ist. Ich kehre daher wieder zu den Kenn- und Pass-Worten zurück, die ja eine Verwandtschaft und Ähnlichkeit mit den Formel-Worten haben. Sie sind ihr Pendant, ihr Kontra-Part ihre genauen Mit- und Gegenspieler. Der oben genannte die Analytische Psychokatharsis übende Kandidat hatte ja mit seinem „ist der Kennvogel" so ein gleichermaßen seltsames formelartiges Wort, Kurz-Satz, Kurz-Kontext, Kenn-Wort hervorgebracht. Zweifellos stand dieses Kenn-Wort dem Bewussten näher, er erkannte es ja als sein eigenes, wenn auch befremdliches und wie von ferne her kommendes Denken. Dennoch ist es durch das Üben mit den Formel-Worten (unter anderen hat er auch das ALOCUSTOS verwendet) entstanden. Das Bindeglied, durch das das eine mit dem anderen zusammenhängt, ist nunmehr zwar auch eine derartige Formulierung, die wir jetzt hier nicht vollkommen rekonstruieren können, aber ja auch nicht müssen. Der Kandidat selbst hat ja den Vogel als Chef und als das Ornithologische und das Kennen als vom Kenn-Wort-Begriff  herkommend  beigesteuert. Dadurch ist ja ein kurzes kathartisches Erlebnis und eine analytisch gewonnene Einsicht zustande gekommen und genügte vorerst.

Natürlich hat dieser Kandidat weitergeübt und schon bald ein weiteres Kenn-Wort erfahren. Aber auch dies hat nicht dazu geführt, eine evtl. lückenlose bis ins einzelne Phonem hineinreichende Erklärung zu finden, wie von den Wort-Klang-Bildern der Formel-Worte die Wort-Klang-Bilder der Kenn-Worte exakt entstehen. Ich denke auch - vorerst einmal - dass dies nicht nötig ist, solange der Übende selbst (evtl. mit Hilde seines Lehrers der Analytischen Psychokatharsis) befriedigende Ergebnisse erhält. Denn würde man dieses letzte missing link finden, wäre es wahrscheinlich nichts anderes als wieder eine neue Art von Formel-Wort, das man vielleicht noch idealer als die bisher von mir gefundenen Formel-Worte verwenden könnte. Ich muss dies also späteren Generationen überlassen, will aber am Schluss nochmals darauf eingehen.

Analytische Psychokatharsis

Obwohl ich bisher wahllos Einzelteile des Verfahrens der Analytischen Psychokatharsis geschildert habe, ist doch inzwischen ziemlich klar geworden, wie das Verfahren selbst funktioniert. Man setzt sich in bequemer Haltung hin und wiederholt gedanklich eines oder mehrere Formel-Worte. Scheinbar handelt es sich damit um nichts anderes, als wie man früher sich rein mit der Zunge der Gedanken ein Gebet formuliert hat. Der Unterschied liegt nur darin, dass das Gebet schon einen fest vorgegebenen Sinn hatte, der sich an der religiösen Lehrmeinung orientiert hat. Mit der entspannenden und meditativen Gebetsübung hat man sich sozusagen gleichzeitig die religiöse Doktrin eingekauft. Da ich hier wissenschaftlich bleiben will, muss ich anders vorgehen. Wie schon erwähnt benutze ich ja durch eine gewisse psycho-linguistische Methode erstellte Formulierungen, die Formel-Worte, die eben keinen vorgegebenen Sinn zulassen. Sie scheinen eher unsinnig zu sein, genauer aber muss man sagen, dass sie einen überdeterminierten Sinn haben, der eben so überdeterminiert ist, dass man keinen einzelnen Sinn oder eine einzelne Sinngeschichte mehr daraus machen kann. Was sollte man auch aus Custos, Sal, Os, Osa, Locus etc. für einen Kurz-Satz, Kompakt-Satz bilden? Das geht nicht, das Bewusste wird also ausgeschaltet und das Seelische dann solange mit dem Formel-Wort bearbeitet, bis es nunmehr aus dem Unbewussten einer derartigen Kurz-Satz herausgibt, den ich eben Kenn-Wort oder Kenn-Satz genannt habe. Ich habe dies auch in dem Begriff des Wort-Klang-Bildes und des Es Spricht zusammengefasst.

Wort-Klang-Bild, d. h. dem Es Spricht steht auch das Bildhafte, Imaginäre, also so etwas wie ein Es Scheint oder Strahlt gegenüber. In meinem ganzen Text waren ständig Bilder und bildhafte Bezugnahmen versteckt enthalten. Selbst die Formel-Worte, wenn sie so im Kreis geschrieben sind, wirken wie ein Scheint oder Strahlt, ein Kranz. Ich habe in anderen Büchern ausführlich dazu Stellung genommen und dieses Spricht und Strahlt aus den psychoanalytischen Grundtrieben, dem Entäußerungs- bzw. Sprechtrieb und dem Wahrnehmungs- bzw. Schautrieb herausgearbeitet. Es wird auch nicht schwer sein, zu begreifen, dass das Strahlt mehr der kathartische Teil des Verfahrens ist, das Spricht mehr der analytische, im Kenn-, Pass - Wort, kommen beide zusammen. Oft muss ja dann noch ein bisschen analytisch nachgearbeitet werden, um dann beim späteren Üben wieder eine kathartische Erfahrung mit einem Kenn-, Pass- Wort zu haben.

Zusammenfassend und weiterführend würde ich Folgendes sagen: ich habe mit Bildern angefangen. „Die ersten Symbole, die natürlichen Symbole sind hervorgegangen aus einer bestimmten Anzahl maßgeblicher Bilder - aus dem Bild des menschlichen Körpers, aus dem Bild einer Reihe von deutlich sichtbaren Objekten wie der Sonne, dem Mond und einiger anderer. Und das ist das, was der menschlichen Sprache ihr Gewicht gibt, ihre Triebfeder und ihr emotionales Vibrieren. Ist dieses Imaginäre dem Symbolischen homogen? Nein."[16] Und doch gibt es wie wir ständig gesehen haben, Verbindungen zwischen den beiden, zwischen den maßgeblichen Bildern und dem eigentlich Symbolischen, also der Sprache und den Worten. Ich konnte zurecht das Bild des Schülers beschwören, von dem es hieß: „auf, bade unverdrossen die ird´sche Brust im Morgenrot". Ich konnte das Bild der Taufe evozieren, die bei der Taufe des Johannes zu sprechen anfing wie es sonst nur die Tiere im Märchen tun. Hier war das maßgebliche Bild (das Strahlt des Himmels und der Taube von dort her) mit einem Kurz-Satz, einer Kontext-Formel eng - aber eben nur rein mythisch, magisch, narrativ - verbunden gewesen. Mit den Hinweisen auf das Wesen des psychoanalytischen Vorgehens konnte ich jedoch mehr und mehr eine  wissenschaftliche Verbindung zwischen dem Strahlt und dem Spricht und deren optimalen Kombinationen herstellen.

Man setzt sich also in bequemer Haltung hin und wiederhold rein mental die Formel-Worte. Um dies nicht zur leeren gebetsmühlenhaften Wiederholung konzentriert man sich gleichzeitig auf das, was ich mit dem Strahlt der maßgeblichen Bilder, dem Spürbarwerden des Körperbildes beim „Aufträumen", mit dem „Durchrieseltwerden" usw. gemeint habe. Dies ist ja etwas, was man nicht künstlich erstreben, erarbeiten muss. Es ist ja schon immer da dieses Strahlt der ineinandergeschachteteln Räume, diese Befreiungserfahrung des Körperbildes, dieser - wie die Psychoanalytiker sagen - Primärprozeß des Wahrnehmungs- bzw. Schautriebes. Es ist nur dennoch gut, dieses Strahlt mit dem Wiederholen der Formel-Worte zu verbinden, weil dadurch sich Aufschaukeln und eine Stabilisierung des Verfahrens in einer ersten Übung erreicht wird.

Die zweite Übung besteht dann in der Erfahrung des Kenn-, Pass-Wortes. Auch hier ist es nämlich hilfreich, sich auf das Spricht, das Verlautet, das Klingt zu konzentrieren, wenn ich den Primärprozeß des Entäußerungs-, Sprechtriebes so erläutern kann. Die Psychoanalytikerin S. Maielleo hat nämlich aus ihrer Arbeit mit psychisch gestörten Patienten  heraus das „Erlebnis"- und das „Klang-Objekt" als erste seelisch-psychische Objekte des Menschen beschrieben.[17] Während das „Erlebnis-Objekt" wiederum genau mit unserem Strahlt bzw. Spiegelungsvorgang korreliert (das Kind bzw. der Säugling erlebt erste Beziehungsaspekte zur Wärme, Bewegung und Emotionen der Mutter wie Spiegelungserfahrungen), stellt das „Klang-Objekt" exakt jenem zweiten,  ebenfalls schon frühzeitig auftretenden Vorgang dar, den ich ja jetzt ständig mit dem Spricht, dem Integrations-Kontext etc. beschrieben habe.  Maiello geht davon aus, dass das Kind durch die Wahrnehmung erster Klanggeräusche, wie etwa der Stimme der Mutter, ihres Herzschlags etc., durch Laute also, deren Einordnung in das beim Menschen bereits früh ausgeprägte Hör-Sprech-System schon während der Schwangerschaft stattfindet, ein erstes (bzw. hier gleichzeitig zum Spiegelungsvorgang nunmehr zweites) seelisches „Objekt" aufbaut.[18]

Indem man beide Übungen hintereinander übt, kommt vor allem durch die Konzentration auf die zweite Übung das Kenn- oder Pass-Wort zustande. Es ist dann, wie wenn man mit seinem Unbewussten sprechen würde, und so ist es auch. Mit längerem Üben kommt schließlich ein tiefgreifender Dialog zustande.

 


[1] Der Begriff Konjekturalwissenschaft geht auf Nikolaus von Kues zurück. Conjectura heißt Vermutung, man geht von den Konjekturen aus, präzisen Bahnen der Vermutung, die man in immer weitere Präzision treiben kann, bis man zu jener linea maximalis et infinita, der größten und unendlichen Linie kommt, die die Wesen in Liebe verbindet. (Werke, Meiner, 2002) Heutzutage wird der Begriff Konjekturalwissenschaft vor allem in der Mathematik verwendet. Auch hier geht man ja häufig von einer Vermutung aus und kreist diese immer weiter ein, bis diese oder ihr Gegenteil bewiesen ist.

[2] Siehe: Die Wahrheit in der Wissenschaft, Spectrum der Wissenschaft Nr. 7 (2001) S. 70, wo Vertreter dieser beiden Richtungen nicht die geringste Übereinstimmung erzielen konnten.

[3] Bennet, M., Dennet, D., et al. Neurowissenschaften und Philosophie. Gehirn, Geist und Sprache. Suhrkamp (2010)

[4] Lacan, J., Die Psychosen, Seminar III, Quadriga (1997) S. 135

[5] Grunberger, B., Narzissmus, Christentum, Antisemitismus, Klett Cotta (1997)

[6] Lacan, J., Le Sintome, Seminaire Nr. XXIII vom 9.12.75

[7] Lacan, J., Schriften I, Walter (1980) S. 117

[8] Was Signifikanten sind,  soll sich aus dem weiteren Text  ergeben. Gehen wir einmal davon aus, dass sie im Unterschied zu reinen „Bezeichnungen" der/das „Bezeichnende" sind, Wesen des originären Sprechens, also tatsächlich der „Sprechung", eines Es Spricht als solchem. Oder anders und etwas vereinfacht gesagt: Signifikanten sind Bedeutungseinheiten, Elemente der Bedeutung, „Bedeuter."

[9] Lacan, J., Die vier Grundbegriffe der Psychoanalyse, Walter (1980) S. 26

[10] Absichtlich verwende ich hier die 3. Person Singular, weil es ja vorwiegend nicht um den Menschen als denkendes Subjekt geht, sondern als Subjekt des Unbewussten. Und da spricht ja nicht der Mensch von seinem Ich heraus, sondern Es SPRICHT in ihm.

[11] Das Wesen der Signifikanten werde ich im Folgenden zunehmend erörtern. Hier soll vorerst genügen, darunter „Sinn" - und „Bedeutungseinheiten" zu verstehen. Letztlich meint  Chomsky natürlich  mit seiner Tiefengrammatik genau das  gleiche. Er stellt aber im Endeffekt die Theorie einer durch die Chromosomen vererbten Sprachfähigkeit auf, die der Mensch eben wie ein Werkzeug benutzt, während Lacan zurecht betont, dass jede psychoanalytische Sitzung uns beweist, wie sehr der Mensch unter den Wirkungen einer primär-symbolischen Struktur steht und in all seinen Konflikten von ihr gezeichnet ist.

[12] S. Freud näherte sich diesem Thema über das Brennen in der Harnröhre beim Urinieren, mit dem man auch Feuer löschen konnte, und zwar das innere wie das äußere zugleich. Innen und Außen fanden sich also durch die verschiedensten Funktionen verschränkt und verknüpft vor. Erst derartige Zusammenhänge und ihr Verständnis haben veranlasst, dass man Worte benutzte. Dieser Ausdruck „brunzen" für urinieren entstammt einem österreichischen Dialekt und enthält wohl im Wortstamm das Brennen wie auch den Brunnen, vielleicht auch das Bruzeln und das Adverb brenzlig, das eben ideal die Mischung der in diesem Namen ausgesagten Dinge vereint. Auch dies ist wichtig für das Verständnis der Kenn - Worte.

[13] Wenn ich dieses Kunstwort im gleichen Sinne hier verwenden darf.

[14] Ferro, A., Im analytischen Raum, Psychosozial Verlag, 2005

[15] Simon, J., Philosophische Untersuchung . . De Gruyter, 1969 (Zitat ist zum besseren Verständnis etwas abgeändert)

[16] Lacan, J., Seminar II, Walter (1980) S. 388 Der imaginäre Signifikant ist also vom symbolischen klar getrennt / verbunden.

[17] Kaminer, I., Die intrauterine Dimension des Menschen, Psyche Nr. 2 (1999) S. 101-136

[18] Maiello, S., Das Klang-Objekt, Psyche Nr. 2 (1999) S. 137-157

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