Analytic Psychocatharsis

... combining meditation with science

Welcome to Analytic Psychocatharsis - Willkommen zur Analytischen Psychokatharsis

Transgender

 

Eines meiner Bücher hat den Titel: Vater seiner selbst, was mit der übertragenen Bedeutung des Wortes Vater zu tun hat. Zur Mutter seiner selbst kann man jedenfalls nicht werden. Das scheitert an der diesbezüglichen Geburts-Praxis, aber auch am Irrtum des Adonis, durch Verschmelzung mit der Muttergöttin stets aus ihr neu geboren zu werden. Und selbst wenn man sich vom Bemuttern losreißen kann, heißt dies ja nicht, dass es entscheidend zum selbstständig, kritisch und vernünftig werden führt. Auch Vater seiner Selbst zu werden ist nicht einfach, eben weil die Vatermetapher zu komplex, zu ‚überdeterminiert‘ und mit großer Spannweite strukturiert ist. Zwar besteht immer eine eigene Möglichkeit dazu, aber diese muss ja trotzdem noch abgeglichen werden mit dem zentralen Kern des Unbewussten, hinsichtlich der ich vorläufig noch bei eben dieser Vatermetapher bleibe. Daher ist es vorerst vielleicht auch noch gut, dieses Symbol, diese Paternität in sich anzurufen, wenn es um die Transgenderproblematik geht, die die Geschlechterspannung innerhalb der erwähnten Buchstaben (LGBTIQ) am weitesten bzw. komplexesten treibt. Denn hier geht es um eine „Umwertung aller Werte“ wie Nietzsche es beschrieb, nämlich als Mann eine Frau oder umgekehrt zu sein.
Die Mann/ Frau-, die Transgender-Thematik, gab es schon immer. Nicht nur bei der queeren Figur des Adonis spielte sie eine Rolle, auch der griechische Seher Theiresias wurde von der Zeusgattin Hera in eine Frau verwandelt und als Hera ihn wieder zum Mann zurück transformierend nach zehn Jahren die bekannte alberne Frage stellte, wer denn nun beim Lieben mehr genieße, Mann oder Frau, er müsse es als der optimale Transgender doch nun wissen, sagte Theiresias: als Frau zehnmal mehr! Prompt schlug Hera ihn mit Blindheit, denn das wollte sie schon gar nicht hören. Nachdem ihr Gatte eine Affäre nach der anderen produzierte, wollte sie ihm beweisen, dass die Frauen gar nicht so viel davon hätten und das Ganze nur eine Lustwut der Männer wäre. Zeus milderte Heras Verdammung zur Blindheit etwas ab und verlieh Theiresias die Sehergabe. So löste man damals die Problematik, die sich hunderte von Jahren später in der Gestalt der Jeanne D’Arc, der Jungfrau von Orleans, wiederholte.
Jeanne D’Arc war – so würde man es heute zumindest auch sagen dürfen – ebenfalls eine queere Figur. Das liegt schon einmal an ihrer Neigung zur Männerkleidung und ihrem Streben nach männlichen Heldentaten, auch wenn man dies alles – ebenso nach heutiger Manier – als harmlos neurotisch einstufen könnte. Ich will auch ihrer Größe keinen Abbruch tun. Bekanntlich hörte sie schon als Kind ‚Stimmen‘, die ihr anfänglich zu verstärktem Glauben an Gott und an die Kirche rieten. Später erschien ihr jedoch ein Mann mit ‚schneeweißen Flügeln‘, der sich als Erzengel Michael entpuppte und sie zum Kampf gegen England aufrief. Er war es, der ihr dann auch versprach, wo sie sich Männerkleidung besorgen und wie sie zum König gelangen könnte. Strenger Katholizismus und Männerherrschaften bestimmten damals das Leben, und so nahm alles zuerst seinen typischen, zeitgetreuen Verlauf, den man damals zu Recht nicht als queer bezeichnete. Derartige Bezeichnungen kannte man noch nicht. Aber ungewöhnlich, seltsam und für die Eltern sicher besorgniserregend war Jeanne D’Arcs Auftreten durchaus.
Trotzdem können wir von heute und von der heutigen Wissenschaft, speziell auch von der Psychoanalyse her, eine etwas andere Einschätzung dieses ‚himmlischen Mädchens‘ und ihrer faszinierenden Persönlichkeit geben. Demnach lag also wohl tatsächlich etwas Neurotisch-Hysterisches vor und auch eine gewisse Transgendertendenz kann man dem Fall Jeanne D’Arc von heute aus gesehen wohl doch zuordnen. Der Hang zur Männerkleidung und auch zu männlichen Durchhaltegedanken spielte nämlich noch ganz am Schluss, als Jeanne D’Arc schon lange in Gefangenschaft war, eine weiterhin bestimmende Rolle. Dort hatte sie sich wieder Soldatenhose und -jacke angezogen, und es kam zum Streit, zu einem längeren Hin und Her mit dem Gefängnispersonal darüber, ob sie dies nur zum Schutz vor männlichen Zudringlichkeiten angezogen habe oder nicht. Mit Sicherheit hat Jeanne D’Arc niemals daran gedacht, ein Mann sein zu wollen im Sinne einer weitgehendst (psychisch und phallisch) männlichen Identität. Aber männliche Attribute zogen sie stark an. Und warum war es der Erzengel Michael, der immer mit männlichen Attributen wie Schwert und Lanze dargestellt wird und nicht eine andere fromme Gestalt? Trotzdem war Jeanne D‘Arc auch eine ‚Heilige‘.(1)
Bestrebungen zum Geschlechtswechsel sind erst mit den Möglichkeiten körperlicher (hormoneller und chirurgischer) Angleichung stärker geworden. Heute wirken die Geschichten, die wie die von Adonis, der gleichermaßen männlich wie auch feminin war, weil vom gleichen Fleisch wie Aphrodite erstellt, interessant, aber auch mystisch-magisch unplausibel. Auch die Erzählungen von Männern, die sich in Frauenkleidern präsentierten, die versteckt homosexuell waren oder feminine Spielarten bevorzugten, wirken antiquiert. Genauso verhält es sich mit den männlichen Frauen, die sich burschikos und jungenhaft geben, die ‚zu Hause die Hosen anhaben‘ wie man sagt, oder gar die perfekte Domina sind. Der indische Psychoanalytiker, G. Bose behauptete, dass grundsätzlich jeder, Mann und Frau, einen Transgender-Wunsch habe, und so entwickelte er im Gegenzug zu Freuds Definition des Ödipuskomplexes den Komplex der „gegensätzlichen Wünsche“ (opposit wishes) oder Affekte. Der von Freud postulierten Kastrationsangst des Knaben setzte er z. B. den unbewussten und libidinösen „Wunsch eine Frau zu sein“ gegenüber. Dieser unbewusste Wunsch musste dann vom Therapeuten dem Patienten bewusst gemacht und mit der äußerlichen Situation versöhnt werden. Allerdings geriet Bose oft in Konflikte, wenn seine Patienten sich zu stark gegen seine Kriterien wehrten.
‚Heilige‘ wie Jeanne D’Arc landen heute vorzugsweise in der Psychiatrie. So beschrieb der indische Psychoanalytiker S. Kakar, dass eine Person, die bei uns als persönlichkeitsgestört gilt, in Indien eine Heilige wäre und umgekehrt ein indischer Heiliger wie Ramakrishna bei uns als „psychotisch“ gelten würde.(2) Allerdings ist diese Gegenüberstellung zu pauschal und psychologisch nicht genug durchdacht. Man könnte Jeanne D’Arc auch eine hypomanische Abwehr unterstellen. Ein derartiges unbewusstes Sich-Wehren bedeutet, dass man sich in eine gehobene Stimmung und Aktivität manövriert, weil man beispielsweise eine Infragestellung des eigenen Selbstbildes abwehren möchte. Dann steht nicht nur das libidinöse Begehren im Vordergrund, sondern etwas Aggressives. Schließlich ist an dem militärischen Eifer Jeanne D’Arcs nicht zu zweifeln, und man kann sich fragen: wie kommt ein junges Mädchen vom Land dazu, sich ja auch wie glaubhaft berichtet vorstellen zu müssen, wie sie mit dem Schwert ihre Feinde durchbohrt. Selbst wenn man freudianisch berücksichtigt, dass in den Bildern, die man sich von Jeanne D’Arc mit Rüstung, Schwert und Lanze gemacht hat, ein hypomanisch-aggressives und libidinöses Element zu finden, mit dem sie eben die zu sehr weibliche Identität abwehrte.
Geht es heute nicht manchen Menschen mit Transgenderwunsch wieder so wie es Jeanne D’Arc ergangen ist? So z. B. wenn eine Transfrau, die sich mühevoll von allem Männlichen getrennt das Frausein hat erkämpfen müssen, dann dennoch nicht vollständig als Frau anerkannt wird? Man wird heute nicht mehr verbrannt, aber wird man nicht in schrecklichen Identitätskonflikten alleine gelassen? Inwieweit müssen wir uns alle damit beschäftigen? Freilich gibt es einen Zusammenhang zwischen Genderproblem und Neurose, schon Freud meinte, das erstere sei die Schattenform des letzteren. Aber es erklärt nicht alles. Und auch wenn Lacan vom transsexuellen Delir sprach, also vom Paranoisch-Psychotischen, ruft dies heute, fünfzig Jahre später, nur Unverständnis hervor.
Daran ändern auch die modernen Transgenderdiskussionen nicht viel, in denen die Auffassung vertreten wird, dass ein perfekter Wechsel des Geschlechts und damit Kenntnis beider Identitäten von einer Person erfahren werden kann und somit Kluft und Spannung überwunden sind. Man braucht dann von der sexuellen Beziehung nicht mehr zu reden, man ist sie ja, verwirklicht sie ja in sich selbst. Man ‚transsubstanziiert‘ sie einfach, wenn ich einmal dieses sonst in der Theologie gebrauchte Wort verwenden darf. Aber wie die Theologen wollen die Transgender nicht viel vom Sexuellen wissen. Sie lehnen den Begriff Transsexualität ab und ziehen es vor als Transgender-Personen bezeichnet zu werden. Sie wollen nämlich nicht das andere ‚Geschlecht‘ im eingeengten Sinne sein, sondern die andere Person, das andere Wesen, behaupten sie stets.  
Freud äußerte sich dazu in seinem dreißig-bändigen Werk überhaupt nicht. Er wusste auch nicht, was bei den Frauen eigentlich los war. Mit seinem berühmt gewordenen Satz „Was will das Weib“? erhoffte er sich wenigstens von den angehenden Psychoanalytikerinnen, eine Antwort zu bekommen. Gefühle, erotische Selbstbestimmung, sagten sie, aber eine Antwort auf seine Frage bekam er nicht. Das liegt freilich auch daran, dass er nach dem Willen fragte und nicht nach dem Wollen. Was ist das Wollen der Frau? Vielleicht – wenn Theiresias sich schon bezüglich seines Frauseins so übertrieben geoutet hat – geben die Transgender selbst eine passendere Antwort.
Zumindest geht es bei den Transgendern um etwas Analoges, Ähnliches, wie ich es mit dem Begriff der Transsubstantiation und deren Elementen und der weiterführenden ‚logischen Selbststruktur‘ versuchen will. Was ein Transgender ist, ist ein bisschen kompliziert zu sagen, dennoch hat es die ungarisch jüdische Autorin Susan Faludi in einem Buch ganz originell zu beschreiben versucht.(3) „Die Autorin“, so ein Kommentar in der SZ vom 4. 11. 18, „bekommt eine E-Mail von ihrem Vater. Die beiden hatten seit 25 Jahren wenig Kontakt, während der Scheidung der Eltern in den Siebzigerjahren war es zu gewalttätigen Szenen gekommen, so dass die Tochter den Vater auf Abstand hielt. „Liebe Susan“, schreibt der Vater jetzt als wäre nie etwas gewesen, „ich habe interessante Neuigkeiten für dich. Ich bin zu dem Schluss gelangt, dass ich lange genug den aggressiven Macho gespielt habe, der ich innerlich nie war.“ Anbei Fotos des Vaters in Rock und Rüschenbluse. Sie zeigen ihn, nein: sie nach einer geschlechtsangleichenden Operation in Thailand. Die Unterschrift lautet: ‚Love, your parent Stefánie‘.“
Kurze Zeit später reist Faludi nach Budapest. Ihr Vater stammt von dort und lebt wieder da, seit die Familie in den USA auseinandergebrochen ist. „Konnte eine neue Identität die vorangegangene nicht nur ablösen, sondern gleich vollständig auslöschen“, fragt sich Susan Faludi. Sie findet eine alte Dame vor, an der ihr zumindest eine entnervende Angewohnheit vertraut ist: Sie redet ohne Unterlass und wischt unerwünschte Einwände lapidar beiseite.“ Die Autorin stellt wohl zu Recht fest, dass der Wechsel des Geschlechts nichts an der eigentlichen Identität ihres Vaters geändert hat, der nun was ist, Mutter, Frau, ältere Tante oder ‚Androgyn‘?
Der Vater Faludis war immer noch zumindest ein wenig der alte Macho geblieben, und so fragt sich natürlich, was geschlechtliche Identität eigentlich ist. Faludi „bezieht sich auf den Psychoanalytiker Erik H. Erikson, der in den Sechzigerjahren über das ‚subjektive Gefühl einer bekräftigenden Gleichheit und Kontinuität‘ schrieb“. Ich glaube jedoch, dass die Ableitung der Identität von den Genen oder den sozialen Gründen nicht genügt. Bei ihrem Vater war sich die Autorin ziemlich sicher, dass sein Leben vorher auch schon immer aus verdeckten Wechselspielen bestanden hat. So weist sie auf die vielen Verkörperungen ihres Vaters hin: Jude im Budapest des Zweiten Weltkriegs, dann Abenteurer im Amazonasgebiet und All-American Dad und heute eben eine Frau, die ihr Judentum wiederentdeckt hat. Jedenfalls führt der Psychoanalytiker den Identitätswechsel auf das Unbewusste zurück, das Lacan als „linguistischen Kristall“ bezeichnet, als etwas, das in Phonemen Spricht (linguistisch) und in Pixeln (kristallin) Strahlt.(4)
Lacan sprach also vom „transsexuellen Delir“, von einer wahnhaften Identität, von der vielleicht kein Mensch ganz frei ist, die aber den Namen zu Recht verdient, wenn sie zu ausgeprägt, zu gefestigt und fixiert ist. Das konnte ich bei meiner Tätigkeit in der Psychiatrie oft beobachten, wo der reine Paranoiker immer eine logische Erklärung im Brustton massivster Überzeugung parat hatte. Notfalls war es der amerikanische Geheimdienst, der Schuld an den Lebensverwicklungen war, denn von dem weiß man ja, dass er zu allem fähig ist, aber keine Möglichkeit eines Gegenbeweises hat. Die Transgenderthematik ist freilich komplizierter als eine einfache Paranoia.
Im SZ-Magazin vom 7. 12. 18 wurde über zwei Transmenschen, einem Mann und einer Frau, berichtet, die beide zumindest äußerlich perfekt dem neu gewählten Geschlecht entsprachen. Beide hatten sich schon früh dem anderen Geschlecht ähnlich gefühlt. Bei beiden war wohl die Angleichung der Genitalien nach hormoneller und kosmetischer Vorbereitung nicht so perfekt, sie betonten jedoch – wie schon erwähnt – sehr explizit, dass es ihnen hauptsächlich um die psycho-soziale Veränderung gegangen sei, um ihre völlige ‚Transition‘ wie sie sagten, nicht um die Sexualität. Und selbst wenn die Sexualität miteingeschlossen ist, finden sich beide jetzt großartiger, interessanter, wichtiger, besser. Ist das ein Delir?
Sie haben große Mühen und Leiden auf sich genommen, keine Frage. Sie sind vielschichtiger geworden, differenzierter. Aber haben sie sich wirklich – wie es S. Faludi bei ihrem Vater auch gefragt hat – so weitgehend verändert, dass der frühere Junge (in dem gerade geschilderten Fall bis zum 20. Lebensjahr) oder die junge Frau (bis zum 37. Lebensjahr) kaum noch eine Rolle spielen? Kann man – erneut gefragt – den psychisch-biologischen Mix wirklich so trennen, wirklich so transitieren, ja transsubstantiieren? Oder verwirklichen sie jetzt einen Mix aus beiden, der jetzt nur schwerpunktmäßig auf dem neuen Geschlecht liegt? Doch dann hätten sie ein vergleichbares Problem wie die Intersexuellen, die Hermaphroditen z. B., die sich im Leben mit der zweifachen Biologie schwer tun und sich dann meist doch für eine Seite entscheiden. Oder hat vielleicht die Bild-Wirklichkeit über die Wort-Wirklichkeit triumphiert, denn man hat das Gefühl, dass sich die Menschen in all diesem Identitären vorwiegend spiegeln und diesen Spiegel jedoch nicht durchbrechen. Sie beharren unwahrscheinlich auf dem anderen Geschlecht, doch wie  verworten sie das, wie setzen sie das in der Wort-Wirklichkeit um?
Die Transgender betonen gerne, dass die Ursache für ihr Leiden angeboren oder innerlich fixiert ist und durch das eben anders gepolte Gehirn bewirkt wird. Aber wie können die Gene zu einem männlichen Körper ein völlig weibliches Gehirn schaffen? Am Unbewussten kann es nicht liegen, denn Freud bewies, dass das Unbewusste die Unterscheidung Mann / Frau nicht kennt. Es könnte höchstens im Unbewussten liegen. Lacan schreibt, dass der sogenannte ‚kleine Unterschied‘ ein Wort-Wirkendes ist, ein Spiel der Signifikanten mit den kleinen Äußerlichkeiten. Wenn man aber das Geschlecht wechseln will, muss „man einen Preis auf diesen ‚kleinen Unterschied‘ zahlen, der durch Vermittlung des Organs auf trügerische Weise ins Reale übergeht, und zwar dadurch, dass es aufhört für ein solches gehalten zu werden, wobei es zugleich enthüllt, was es heißt, ein Organ zu sein, nämlich, dass es sich doch sehr erheblich auf das Wort-Wirkende gründet“. Und weiter:
„Der Transsexuelle will das Organ nicht mehr als Wortwirkendes und erliegt so einem ganz gewöhnlichen Irrtum“, indem er das Bild-Wirkende des Genießens und der Lust total von dem Wort-Wirkenden der Nominierung, Substanziierung, als Mann oder Frau trennt. „Er will durch den sexuellen Diskurs, der – wie ich behaupte – unmöglich ist, nicht mehr witzhaft durch den ‚kleinen Unterschied‘ definiert, erfasst, bestätigt und nominiert werden“.(5) Deswegen versucht er den Diskurs durch eine Verwandlung zu erzwingen, so Lacan. Und deswegen sagt er, dass es ihm generell um Identität geht und behauptet, dass Gene, Gehirn oder einfach eine innere Überzeugung ihn dazu gezwungen haben und nicht eine Verschiebung des Bild- und Wortwirkenden.
Nach Lacan ist der Transgender sozusagen humorlos und kann also das Wortspiel, den Wortwitz mit dem ‚kleinen Unterschied‘ nicht mitmachen. In vielen asiatischen Ländern gibt es oft mehr als vier oder fünf Geschlechts-Identitäten, aber sie haben alle etwas leicht Obsessionelles, Affektioniertes an sich. Bei dem von mir oben zitierten indischen Psychoanalytiker G. Bose verhielt es sich – was die Transgenderproblematik angeht – jedoch oft umgekehrt. Während bei uns im Westen die Tendenz besteht, dass sich heute auffallend mehr Menschen im falschen Körper aufgewachsen fühlen, zwang Bose seine Klienten, die meist nicht transsexuell waren, ganz intensiv mit dieser Identität des anderen Geschlechts zu verschmelzen, was oft negative therapeutische Reaktionen hervorrief. Vielen konnte er aber auch helfen, was letztendlich zu der gleichen Geltendmachung führt, wie ich sie oben erwähnt habe. Die Soziologin G. Lindemann, die eine ausführliche Dokumentation zur Transgenderproblematik schon in den Neunzigerjahren des letzten Jahrhunderts vorgelegt hat, schreibt sehr klar, dass die Transgender genauso wie die anderen Menschen das sein wollen, was in deren Augen aller eben nicht nur geschlechtliches Sein, sondern Sein in jeglicher Hinsicht ist:
„Wir alle sind Frauen oder Männer, indem wir den Eindruck erwecken, wir seien es. Wenn ich das Haus verlasse und einen Nachbarn grüße, tue ich das, ohne darüber unbedingt nachdenken zu müssen, auf eine Weise, die für alle glaubhaft macht, eine Frau verlässt das Haus. . . . Bei Transsexuellen wird folglich nur die Reflexivität sichtbar, die auch für das Frau- bzw. Mann-Sein von Nichttranssexuellen konstitutiv ist“.(6) Oder anders ausgedrückt: latent sind wir alle Transgender, wir sind aber mit dem uns angeborenen und sozial weiter formenden Geschlecht zurande gekommen und brauchen deswegen keine Veränderung und Diskussion darüber. Noch idealer hat es T. Schachl formuliert, wenn sie die Bewegung beschreibt, die „in verschiedenen Stadien der Sichtbarkeit: von der Diagnose transsexuell über die präoperative transsoziale Phase des Outings und des Ankommens im gewissermaßen unsichtbaren Ganz Normalen“ verläuft.(7)
Obwohl Schachl „Metapher Forscherin“ ist, Fachfrau für die Phoneme und Sprache, erkennt sie, dass die Transgenderproblematik in „der Betonung von ‚Sehen‘, ‚Sichtbarkeit‘ und ‚Bildern‘ [also der Inflation von Pixeln], liegt. Sie spricht vom ‚Banner der Sichtbarkeit‘, für das ein ungeheuer hoher Preis gezahlt wird“, um dieses perfekte Bild des um die zwei Ecken des Geschlechtlichen und des möglichst Normalen sich Drehenden darstellen zu können. Nichts freut die traditionelle Allgemeinheit mehr, als dass dadurch Grenzziehungen geboten werden, mit der man sich vor sich selbst als eben traditioneller Allgemeinmensch schützen kann. Denn in Wirklichkeit enden Transgender wie alle anderen auch in einer um die zwei Ecken herum stumm bleibenden ‚Unsichtbarkeit‘, schreibt Schachl. Der Transgender fühlt sich in seinem Erstgeschlecht nicht wahrgenommen, nicht richtig bestätigt, und so versucht er nun um dieser Bestätigung und des Wahrgenommenseins willen, das Geschlecht zu wechseln, weil er gesehen hat und glaubt, dass es in dieser Form funktionieren wird, n o r m a l funktionieren wird. Man will endlich normal Frau oder Mann sein, weil dies im Ausgangsgeschlecht nicht der Fall war. Die Betonung liegt auf der Normierung.
Nun genügen alle diese Stellungnahmen immer noch nicht. Es hat mit dem Problem des Wort- und Bild-Wirkenden zu tun, was Lacan übrigens mit dem verbalen und imaginären Signifikanten bezeichnet, mit Phonem und Pixel, mit Sichtigkeit und Symbolik. Diese Zweiheit von Schwerpunkten, von verschiedenen Gewichtigkeiten, verteilen sich unterschiedlich auf das, was Mann, Frau, Mutter und Vater effektiv ausmacht. So assoziieren die meisten Menschen weltweit zu Mutter genau all dies wärmende, hegende, nährende, kosende und liebende Verhalten, wie es auch der Schriftsteller Oskar M. Graf in seinem Buch ‚Das Leben meiner Mutter‘ beschrieben hat. Er hat hunderte Briefe von überall her bekommen, weil die Menschen ihm zustimmten und sagte: „Genau so war auch meine Mutter“. Mutter, das lässt sich sehr schnell auf Wesentliches und Typischen eingrenzen, auch wenn es einmal eine nicht so gute Mutter gibt. Auch zu Mann gibt es eingegrenzte und allgemein bekannte Assoziationen.(8)
Ganz anders beim Thema Frau, bezüglich der im Moment eine sonderbare Diskussion darüber ausgebrochen ist, wen man überhaupt als Frau bezeichnen darf! Begonnen hat diese Auseinandersetzung mit Bemerkungen der Harry Potter Autorin Joanne K. Rowling, die sich über einen Artikel lustig machte, in dem die Rede von „Menschen, die menstruieren“, war. „Menschen, die menstruieren. Ich bin mir sicher, dass es dafür mal ein Wort gab. Kann mir jemand aushelfen? Wumben? Wimpund Woomud?“, twitterte die Autorin. Nach dem Tweet wütete schnell ein Shitstorm gegen Rowling. In tausenden Kommentaren wurde ihr vorgeworfen, dass sie unsensibel und transphob agiere.
„Die Britin reagierte daraufhin mit einer Reihe an Tweets. ‚Wenn es Geschlechter nicht gibt, kann es auch nicht gleichgeschlechtliche Anziehung geben‘, twitterte sie etwa. ‚Ich kenne und liebe transsexuelle Menschen – sobald wir aber das Konzept von Geschlecht auslöschen, entfernen wir die Möglichkeit, sinnvoll über dieses Thema zu sprechen. Es ist nicht Hassrede, wenn man die Wahrheit spricht‘, führte die Autorin aus“.(9) Es folgten noch weiter Hin- und Her-Kommentare, in denen Rowling darauf bestand, dass das Geschlecht biologisch bestimmt sei, und sie in diesem Sinne als Frau glücklich lebe.
Es waren vor allem die Transfrauen, die also einmal ein Mann waren, und das Wort Frau nicht in Verbindung mit Menstruation bringen wollten. Denn auch das ist wieder einmal ein „kleiner Unterschied“, der diskriminierend verwendet wird. Doch wer oder was ist dann Frau? Wenn das Geschlechtliche nicht zählt, was dann? Da kommt wieder Lacan zu Hilfe, der allerdings aus ganz anderen Gründen häufig behauptet hatte, dass es d i e Frau überhaupt nicht gibt. Auch er ist mit Shitstorm überzogen worden, und zwar nicht nur, als der Corriere della Sera schrieb: „Per il dottore Lacan le donne non esistono“. Natürlich gibt es Frauen, aber eben nicht d i e, die mit dem universalierenden Artikel. Es gibt eben nur immer wieder eine Frau, eine jede für einen jeden, sinnierte er. Und so muss man zum Vater-Namen und zum Herrensignifikanten zurückkommen, um weiter an der ‚logischen Selbststruktur‘ zu bauen.



[1] Ich schreibe ‚Heilige‘ in Anführungszeichen, weil Heiligkeit immer schon schwer einzustufen war, aber so kann man es stehen lassen.

[2] Kakar, S., Der Heilige und die Verrückte, Religiöse Ekstase und psychische Grenzerfahrung, Beck (1993)

[3]Faludi, S., Die Perlenohrringe meines Vaters, dtv (2018)

[4] Weitere Begriffserklärungen dazu, in denen ich das Unbewusste ein Es Spricht und ein Es Strahlt nenne, später.

[5] Lacan, J., Seminar XIX vom 8. 12. 71

[6] Lindemann, G., Das paradoxe Geschlecht, Fischer (1993)

[7] Schachl, T.,  Transsexuell,  eine  sichtbare Bewegung ins Unsichtbare, Profil (1997)

[8] Ich assoziiere nur in der Fußnote: physische Stärke, Begeisterung für Sport, Technik, Politik, berufliche Identität etc.

[9] Der Standart, Webmix vom 8. 6. 2020

 

 

Das duale Genießen

 

Die Schriftstellerin Siri Hustvedt ist bekannt für ihre phantasievollen Romane, die oft mit Hinweisen auf Neurowissenschaft, Psychiatrie, Philosophie und Psychologie reichlich untermauert sind. In ihren Büchern kommt sie meist auch selber vor, und es geht vorwiegend um die Thematik von Mann und Frau. In ihrem allerneuesten Buch ‚Wenn Gefühle auf Worte treffen‘, spart sie nicht mit ihrer ungeheuren Belesenheit und ihrem Wissenschaftsanspruch, wobei sie oft vom Hundertsten ins Tausendste gerät.(1) Sie wird von der ihr ganz seelenverwandten Literaturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen interviewt, die genau die guten Fragen stellt, auf die hin Siri Hustvedt antwortend das Universum ihrer weit reichende Gedankenvielfalt zum Ausdruck bringen kann.
Denn Bronfen hat darüber philosophiert, was der Schriftsteller E. Allen Poe im Jahr 1846 verkündete: „Der Tod einer schönen Frau ist ohne jeden Zweifel das poetischste Thema auf der Erde.“ Kurios! Bronfen weitet nämlich diese Aussage fast bis zur nekrophilen ‚schönen weiblichen Leiche‘ hin aus.(2) Ganz so hintergründig geht es in Siri Hustvedts poly-szientistischen und autobiographischen Aussagen nicht,  wo sie eine vorwiegend feministische Haltung einnimmt und viel um die Beziehungen ihrer Figuren aus neuropsychologischer Hinsicht diskutiert.
So sagte sie in einem anderen Interview: „Für eine Frau ist es sehr wichtig, Männlichkeit in sich wie in anderen zu entdecken. Für den Mann gilt das spiegelbildlich auch. Wir müssen alle Aspekte in uns integrieren, um vollständige Wesen zu sein“.(3) Das klingt einfach und auch gleichzeitig ein bisschen naiv. Wie integriert man alle Aspekte in sich, sind doch schon alle Aspekte gerade des weiblichen Geschlechts unüberschaubar. Zudem, wenn man alle weiblichen und männlichen Aspekte in sich wirklich vereinen könnte, ist man dann – wie sie woanders einmal sagt – androgyn (oder in moderner Ausdrucksweise: postgender)? Klingt das nicht zu wenig differenziert, zu en bloc, zu pauschal? Freilich hat Siri Hustvedt noch detailliertere Angaben zum Thema Mann/Frau gemacht, aber des Rätsels Lösung findet sie nicht, speziell auch nicht für sich selbst.  
Insbesondere der Versuch einer Einheit ist auf dem Feld Mann/Frau, männlich/weiblich ist nämlich besonders schwer auszumachen. Siri Hustvedt bearbeitet es in ihren Büchern trotzdem mit obsessionellem Ehrgeiz. Meist stehen in ihren Romanen grobe, ungebildete und sexistische Männer den künstlerischen und manchmal auch leicht versponnenen Frauen gegenüber, was jede ‚Zwischenheit‘ – wie sie es nennt – zerstört bzw. geradezu brutal vernichtet. Denn auch sie weiß, dass das Geschlechtsverhältnis literarisch, aber auch wissenschaftlich nicht so leicht zu eruieren ist, und versucht es so mit eigens erstellten oder hermeneutischen Begriffen.
Man könnte es so versuchen: Der Mann leidet mehr als die Frau am Kastrationskomplex, da er ausschließlich auf die ‚phallische Funktion‘ setzt, die er, natürlich wieder im rein Bild-Wort-Wirkenden, im Signifikanten und nicht im Realen, verortet. Es geht um das, was er aus einer Schuld-Scham-Verschiebung heraus befürchtet. Die Frau dagegen, kann gar nicht kastriert werden, denn „ihre Libido schließt sich in ihr zum Kreis“, wie Lacan konstatiert. Sie bewegt sich im wellenartigen, ‚fließenden Rhythmus‘, im ‚rhythmischen Pulsschlag‘, in den Hingabe-, Empfänglichkeits-Zyklen und den Wogen des Einziehens und Ausstoßens wie es auch der Frauenarzt M. Odent beschrieb. Die weibliche Libido ist nicht so extrovertiert wie die Libido beim Mann, wo sie stärker nach außen drängt. Doch wie gesagt, die Frau schätzt dieses libidinöse In-Sich-Ruhen, diese Selbststruktur, gar nicht so sehr. Ist sie zu wenig ‚logisch‘?
Odent beschreibt in seinen Büchern die Wichtigkeit der natürlichen und sanften Geburt.(4) Er behauptet sogar, dass das Ausstoßen des Kindes bei der Geburt der männlichen Ejakulation gleich und eine derartige Fortsetzung des Orgasmus bei der Frau ist, für den er auch noch viele andere wellenartige Bewegungen im weiblichen Organismus anführt. (5)Er zielt dabei nicht auf die Mutterschaft, sondern auf die Frau, die auch – selbst wenn sie gar keine Kinder will oder bekommen kann – ein unbewusstes Begehren im Sinne eines Weitertragens des Lebens in sich hat. Doch exakt so etwas wird die LGBTIQ-Community nicht akzeptieren, ihnen schwebt eher so etwas vor wie das Leben, Fühlen und Denken von ‚Lilith‘, Adams erster Frau.
In seinem Buch ‚Der Lilith-Komplex‘ schreibt H. J. Maaz davon, wie Lilith von Adam verstoßen wurde, danach erst konnte Eva aus seiner Rippe geschaffen werden. ‚Die beiden mythischen Frauenfiguren verkörpern Prinzipien des Weiblichen, die bis heute nicht versöhnt sind. Das ist die Ursache für ein verlogenes Bild von Mütterlichkeit mitsamt seinen negativen Auswirkungen auf unsere Gesellschaft: Lebensgemeinschaften zerbrechen immer häufiger, Frauen erleben sich in ihrer Rolle als Mutter um wesentliche Aspekte ihrer Weiblichkeit betrogen, Eltern stehen den Wünschen und Ansprüchen ihrer Kinder oft hilflos gegenüber‘, heißt es im Klappentext.
In der FAZ vom 28.4.03 nennt G. Falke dieses Buch einen „Anti-Ödipus, weil darin mit der Durchsetzung des Leitbilds der selbstbestimmten Frau der Ödipus-Komplex empirisch verdrängt würde. . . Im Bilde Liliths lebten der Unmut über Mutterpflichten und enttäuschte Wünsche nach Gleichberechtigung fort, abgespalten und übersteigert zur lüsternen Verführerin und Kindsmörderin“. Lilith will Abenteuer, weibliche Lust, wilde Räusche, und da ist für ein langweiliges Mutterleben und eine biedere Hausfrauentätigkeit a la Eva kein Platz. Aber ist dies nicht nur das vollkommen Kontrapunktische zu dem oben geschilderten warmherzigen, konservativ-konfessionellen Frauenarzt, der von Adams erster Frau nichts versteht und ihr höchstens die neueste Antibabypille gegeben hätte, würde sie in moderner Form heute vor ihm erscheinen. Handelt es sich hier auch wieder nur um den Adonis-Komplex, denn ‚sie wissen nicht, wer sie sind‘.
Ich ziehe ein Resümee: Von all den geäußerten Gedanken, scheint mir die Vorstellung von der Frau, als dem mit dem dualen Genießen ausgestatteten menschlichen Wesen als die geeignetste, um zu definieren, was eine Frau ist. Alles andere wird immer wieder an den beiden Gegensätzen scheitern, die in der Diskussion um Joanne K. Rowling und ihre Gegner von der LGBTIQ eine Lösung suchen. Zu Recht gibt es d i e Frau nicht, aber benennen, in eine klare symbolische Ordnung bringen, sollte man den Namen ‚Frau‘ doch. Während Rowling zu sehr am Biologischen und althergebrachten Bild von Frau hängt, steigert sich die LGBTIQ-Community zu weit ins Utopische hinein. In der neueren Transgenderdiskussion scheint dies selbst bei Psychoanalytikern der Fall zu sein.
Mit A. Lamenti, J. Kestenberg, G. Hansbury und anderen psychoanalytischen Autoren sind Versuche gemacht worden, die Transgenderthematik unter dem Aspekt der Eigen-Körper-Spiegelung zu eruieren, was Freud bereits unter dem Begriff des primären Narzissmus in sein Konzept einführte. Die Männer haben einen narzisstischen Neid auf die bei den Frauen sich in ihnen zum Kreis schließende Libido, auf diesen ‚fließenden Rhythmus‘, und so sehen die genannten Autoren bei Männern, die den Wunsch haben eine Frau zu sein meist einen starken Neid auf alles Weibliche, speziell auch auf das unterstellte ‚weibliche Genießen’, oft ausgestattet mit der Phantasie eine Vagina zu haben. Diese Einstellung ist häufig verbunden mit ausgeprägter ‚Oralität’ (Mund-, Verschlingungs-, Verschmelzungslust).
G. Hansbury, der viel mit Transgenderpersonen gearbeitet und selbst ein Transmann ist (also zuvor biologisch eine Frau war), postulierte, dass alle Männer ein sogenanntes „männlich Vaginales“ besitzen, also eine weibliche Art von Geschlechtlichkeit, die er auch ziemlich phantasievoll als „inneren seelischen Raum“ bezeichnete.(6) Damit ist klar abgegrenzt, dass es nicht um das reale Organ geht, sondern um etwas Imaginär/Symbolisches, einen Bild- und Sprach-Raum, wie er idealerweise von der primären Körperspiegelung her verstanden werden kann.
Viele neuere Psychoanalytiker (die bereits ausreichend queer sind) sehen  das Vorherrschen primärer Spiegelungen ohnehin als präexistent an. Gemeint sind speziell solche Spiegelungen im eigenen Körper, also das starke uns von Anfang an bestimmende ‚Körper-Spiegel-Ich‘, das psychische „concrete original object“ (COO).(7) Ihm folgen erst dann die eigentlichen Selbstspiegelungen, mit denen man sich nach außen hin im Anderen reflektiert, wozu dann eben auch der sekundäre Narzissmus und anderes gehört. Kurz: es geht um genau das, wo man als Einzelner mit sich selbst allein sowieso anfängt oder anfangen muss, nämlich dieses Selbst-Oszillierende, Selbststrahlende, bevor Welt und Gesellschaft dazukommen. Ist es primär narzisstisch oder genuin weiblich?
Dieses Imaginär-Reale (Selbst-Oszillierende) des COO ist bei Hansbury dominierend, alles ist durchlöchert und überformt von phantasmatisch sexuellen Körperbildern, von Einstülpungen und Aufwölbungen unterschiedlich geschlechtlicher Art. Die „queeren Männer“, sagt Hansbury zum Beispiel, „müssen erst lernen, dass es nicht die Vagina ist, der gegenüber z. B. Transmänner in Indifferenz verharren. Das Entscheidende ist vielmehr, dass dieses „männlich Vaginale“, der innere sexuelle Begehrensraum, in dem sich ein anderer Mann oder eine Frau sozusagen direkt einnisten kann, wichtig ist für die letztliche, summarische Identität, die er „Inklusion“ nennt. Diese Theorie klingt schon reichlich kühn, klingt wieder nach Androgyn, und gilt wohl nur als Instrument für die Sexualtherapie queerer Männer, immerhin.
Aber könnte nicht das, was für die queeren Männer gilt, dann vielleicht  auch – mit umgekehrten Vorzeichen – für die erotomanen oder vom Feminismus zu stark geprägten Frauen gelten, egal ob sie cis oder trans sind? Denn auch sie maßen sich diese fertige ‚Inklusion‘ ja an, sie glauben an die geschlechtliche Omnipotenz (Hustvedts androgyne ‚Zwischenheit‘). Auch wenn das ‚Zwischenheitliche‘ bei Siri Hustvedt oft ganz anders klingt, geht es bei ihr wiederum ausschließlich um die irgendwo im Phantasiereich oder in der Neurologie verankerte ‚Zwischenheit‘ von Mann und Frau. Es geht um ein offensichtlich mehr ‚kunstseelisches‘ in-between der beiden Geschlechter. Das ist bei Hansbury anders, bei ihm haben die Menschen zwei Geschlechtsteile. Das „männlich Vaginale“ ist zwar nicht physisch, aber doch somatoform, wie eine Körperhöhle empfunden, in der sich ein anderer, Mann oder Frau, einnisten, also somatisiert verorten kann.
Dem „männlich Vaginalen" müsste man nämlich dann als Pendant nun zwangsläufig auf der weiblichen Seite so etwas wie die „phallische Frau“ gegenüberstellen, deren Bezug zum mehr aktiven „plaisier phallique“ man auf Seiten der Frau ja auch schon seit langem mit dem entsprechenden Neid versehen hat. Bekanntlich sprach Freud ziemlich missverständlich bei der Frau vom „Penisneid“. Es handelt sich diesbezüglich jedoch um eine männliche, phallische Dynamik, die den Mann zwingt, sich mit seinem Begehren auseinanderzusetzen. Er muss das zu sehr Sexuell-Aktive sublimieren, und so ist der weibliche Neid eher eine Frustration (imaginär) auf die beim Vater und nicht beim Mann vorhandene (reale) Begehrensdynamik. Der Neid beim kleinen Mädchen betrifft die ihr (symbolisch) abgesprochene phallische Dynamik, die sie durch ein imaginäres Objekt (edle Vater-Phantasie) ersetzt. Schließlich führt die letztliche  (reale) Unmöglichkeit dazu, sich ein symbolisches Objekt zu suchen, einen Lebenspartner, der die Begehrensdynamik mit ihr teilen kann.(8)
Männlicher und weiblicher Neid sind also unterschiedlich, aber wiederum völlig gleichwertig und oft auch ein bisschen hypothetisch. Dennoch könnte man von dieser negativen Position des Neides definieren, was den Namen Frau verdient, aber auch, was den Vater ausmacht, wenn er den männlichen Neid wenigstens weitgehend überwunden hat. Das alles – der weibliche, innere, libidinöse Kreis und die männliche Dynamik – passen viel besser zum „inneren seelischen Raum“, indem dieser – wenn man noch auf der transgenderten Ebene bleiben will – auch Fruchtbarkeit, Kreativität, ja, wie ich von der Psychoanalytikerin R. Golan schon zitierte, auch Leid, Universalität, Erkenntnis, Freiheit und Glückseligkeit einschließen müsste.(9) Aber irgendwie passt da nicht alles mehr ganz zusammen. Dieser Raum stünde dann nämlich mehr dem Realen der ‘Jouissance‘ nahe, wozu man  allerdings nicht mehr trangendern müsste. Man muss also ganz klar sagen, dass alle diese Zuschreibungen nur Sinn machen, wenn sie in einer praktizierten Therapie, in einer psychoanalytischen Praxis und speziell für Personen mit Transgenderproblematik stattfinden.
Für den herkömmlichen, etwas veralteten Normalgebrauch als philosophische, kulturelle, allgemein psychologische Darstellung haben sie wiederum nur in ihrer Metaphorik Bedeutung. Bei Lacan und für meine, der Psychoanalyse entlehnte Analytische Psychokatharsis sind andere Begriffe sinnvoll, nämlich Vater seiner selbst zu sein, indem die phallische Dynamik weitgehend überwunden ist, oder Frau zu sein, die keinen Neid auf die phallische Dynamik zu haben braucht, da sie über das duale Genießen verfügt. Das Einzige, was man Hansbury und den anderen Autoren zugutehalten kann, ist die Tatsache, dass sie sich auf die primäre Körperspiegelung, auf das ‚Selbst-Oszillierende‘ stützen, die nun wirklich entscheidende Effekte hat. Sie nehmen aber zu wenig auf  den primären ‚Widerhall‘, den ‚Laut’ der Köperechos in ihr Konzept auf.(10) Denn die ist ja genauso primär, der ‚Widerhall‘ kann schon im Mutterleib vor der Geburt vom Kind erfahren werden.
Der Psychoanalytiker W. Bion postulierte ein tagtraumartiges Geplauder, eine ‚Reverie‘ zwischen Mutter und Kind als ebensolche Kommunikation von ‚Unbewussten zu Unbewussten‘, das die Psychoanalytikerin D. Birksted-Breen, als seelische Echovorgänge bezeichnete. Zwischen diesem Reverie-Geplapper der Mutter und den echoartigen Antworten des Kindes entsteht – wie erwähnt schon bereits im Mutterleib – so eine erste gemeinsame Identität, eine erotische Verschworenheit in Form von ‚Widerhalleffekten‘. Es findet also ein erster Hall- / Widerhall, ein Anklang / Echo oder eine Signifikanten-Kombination gegensätzlicher Bedeutungen statt, die noch keine ausgereifte Sprache darstellt, dennoch aber schon symbolische Grundlage hat. Birkstedt-Breen konnte nachweisen, dass Menschen, denen derartige Erfahrungen in der frühen Kindheit fehlten, nicht träumen können und oft ausgeprägte psychische Störungen aufweisen.(11)
Doch auch, wenn man jetzt weiß, was eine Frau ist und in welchem Sinne man das Wort, den Namen, die Identitätsbezeichnung ‚Frau‘ anwenden kann, wird es auf den alltäglichen Umgang unter den Menschen keine große Veränderung erzeugen. Sowohl die herkömmliche Norm- wie die LGBTIQ-Community werden sich nicht allzu viel davon beeinflussen lassen, denn es wird beiden schwer fallen, mit ‚Frau‘ jetzt anders und vor allem in Kontext und Konnex, also in der gesamten Kontextualität der menschlichen Beziehungen damit umzugehen. Es braucht einen umfassenderen und direkteren Zugang als den, den das soziale, politische und auch das psychoanalytische Denken ermöglicht.
Und auch, wenn Lacan sagt, dass es d i e Frau nicht gibt und die LGBTIQ-Community sagt, dass eigentlich niemand so heißen kann, führt dies zu keiner Lösung. Es bedarf eines Verfahrens, das jeden Einzelnen in die Verfassung bringt, eine ‚logische Selbststruktur‘ zu entwickeln, um die Konflikte der Identität zu lösen. Dazu gehören sehr wohl die ‚Selbst-Oszillation‘, aber auch die ‚Körper-Echos‘, die unbewussten Gedanken und Stimmen, und dies zusammen in einer gelungene, reifen, guten Kombination dieser zwei Triebkräfte, Prinzipien, indem das Logische mit dem eingangs erwähnten Spricht, das Strukturelle mehr mit dem Strahlt zu tun hat.


[1] Hustvedt, S.,  Wenn  Gefühle  auf  Worte  treffen,  Kampa  (2019)

[2] Bronfen, E., Nur über ihre Leiche: Tod, Weiblichkeit und Ästhetik, Kunstmann (1994)

[3] Mayer, S., Siri Hustvedt, „Warum lieben sich Menschen? Ich habe keine Ahnung“, ZEIT online vom 17. 3. 2011

 [4] Odent, M., Birth  Reburn  (1994) und The  Scientification  of Love (1999)

 

[5] Odent, M., Die Natur des Orgasmus: Über elementare Erfahrungen, becksche reihe (2010)

[6] Hansbury, G., Das männliche Vaginale, PSYCHE Nr. 8 (2019)

[7] Ferrari, A. B., From the Eclipse of the Body to the Dawn of Thought, London: Free Association Books (2004)

[8] Lacan, J., Seminaire IV, fünfzehnter Vortrag (1957), in dem es um das imaginäre Wesen der Frustration, das Symbolische der Kastration und das Reale der Privation geht, die man auf den weiblichen Neid beziehen kann.

[9] Golan, R. Loving Psychoanalysis, Karnak (2006)

[10] Es handelt sich um all das Worthafte, Symbolische, das sich wie ‚Echos im Körper‘ angesammelt hat und von dem Lacan sagt (Seminare XXIII, Übersetzung Lacan-Archiv, S. 10):  „Die Philosophen . . wissen nicht, dass die Triebe das Echo im Körper sind. . .Weil der Körper einige Öffnungen hat, deren wichtigste, weil sie nicht geschlossen werden kann, das Ohr ist, antwortet im Körper das, was ich die [echoartige] Stimme genannt habe“.

 [11] Birkstedt-Breen in Mauss-Hanke, Angela (Hg.) Internationale Psychoanalyse 2009. Ausgewählte Beiträge aus dem International Journal of Psychoanalysis, Bd. 4 Psychosozial-Verlag.

 

 

All-Round-Wissenschaftler

 

 

Schon in anderen Büchern habe ich über die modernen, äußerst gebildeten, interessanten und umfassend argumentierenden Wissenschaftlern der letzten zwei, drei Jahrzehnte geschrieben. Sie sind Naturwissenschaftler und Wissenschaftsphilosophen wie D. C. Dennet, A. R. Damasio, S. Pinker, R. D. Precht, R. Dawkins und N. Harari, die mit einem großen Begriffsintrumentarium und komplexen Argumentationen Objektivität hinsichtlich des Menschen als solchen herstellen wollen. Sie wissen nichts von den Signifikanten, die nicht objektive Zeichen sind, an die man sich präzise halten könnte, wie sie die genannten Allround-Wissenschaftler zu verwenden versuchen. Die Signifikanten sind vielmehr ‚Zeichen des Subjekts‘, Zeichen  v o n  jemand, Subjekt-Zeichen, wie sie in der Psychoanalyse genutzt werden.
Sie sind Bild-Wort-Wirkendes, Zeigend- und Sprechend-Reales, doch die Allroundwissenschaftler wissen meist nichts davon und auch nicht von der Psychoanalyse. Sie  erwähnen Freud und Lacan evtl. in zwei oder drei Fußnoten, wenn überhaupt. Es gehört zum Wesen der universitären Wissenschaft und ihrer Akteure, dass das Wissen nicht an den Platz der Wahrheit gestellt wird, sondern an den eines immer ‚Mehr-Wissens‘, eines ‚savoir-pour-savoir‘. Ja, es handelt sich geradezu um die Lust am Wissen, dem der Gelehrte frönt, und von der Nietzsche sagte, sie wolle Ewigkeit wie alle andere Lust auch.  
Doch das ganze Rätsel unserer Gefühle, unserer Schaltvorgänge, unseres Denkens, unseres Gehirns, unserer Bild- und Wort-Wirkenden Kräfte (Wahrnehmungstriebe und Sprechtrieb) liegt darin, wie die Signifikanten sich kombinieren. Dem Sprachwissenschaftler F. de Saussure  zufolge ist der Signifikant ein „Schema von Gegensätzen“, die für den Menschen  – zuerst einmal äußerst vereinfacht gesagt – nicht aushaltbar sind, so dass er zu Signifikanten Kombinationen greifen muss, um sich auszudrücken und zu entlasten. Die ersten Signifikanten waren also Losungs- bzw. Identitätsworte, noch weitgehend unscharf, nicht für eine komplexe Sprache geeignet. Aber erste Befehls- und Identitätsvokabeln konnten damit ausgedrückt werden.
Kommen mehrere Signifikanten zusammen, ergibt sich durch eine Kettenbildung schließlich eine vollkommene, wenn auch nicht immer natürlich menschliche Sprache. Sie kann mit der Unbestimmtheit der Signifikanten Kombination versehen sein, es ist nicht immer klar wer zeigt und spricht (die Tiersprache dagegen ist nur eine Signal¬spra¬che, sie kann nur Signale ausstoßen, die zwar von mehreren Tieren verstanden werden können, aber keine von jedem Handlungsbezug losgelöste Symbolsprache ist). Die Signifikantenkette ist auch im Sinne einer Ahnenkette zu verstehen: eine Linie, in die jedes Subjekt schon vor seiner Geburt und auch nach seinem Tod lautbildlich eingeschrieben ist. Von diesen psychoanalytischen Weisheiten wissen die genannten Allround Wissenschaftler also nichts, auch wenn sie rein sach- und spezial-bezogen fundierte und interessante Bücher schreiben.(1)
Die Wissenschaftsjournalistin J. Rubner hat daher unter der Überschrift „Volksverblödung auf höherer Stufe” in einem Artikel der Süddeutschen Zeitung diese Pop-Intellektuellen wie ich sie gerade oben als Allroundwissenschaftler aufgeführt habe, kritisiert, die mit einem ausgefeilten Begriffsinstrumentarium aus Linguistik, Neurowissenschaften, Informatik etc. phantasievolle, aber unhaltbare Thesen aufstellen, medienwirksam unter die Leute bringen, und so unser Verständnis vom Fühlen und Denken, Wissenschaft und Glauben nur noch mehr verwirren.(2) In einer neuen Veröffentlichung rückt nun der Anthropologe und Verhaltensforscher M. Tomasello in den Mittelpunkt dieser Allroundkenner.(3)
Auch er hat enorm viel geforscht, experimentiert, gearbeitet und gelesen. Bereits vor längerer Zeit konnte der Philosoph J. Habermas in einer Diskussion mit Tomasello, der Gesten- und Zeigeverhalten, insbesondere „ikonische Gesten“ als den Anfang auch verbaler Kommunikation darstellte,(4) ebenfalls die Entstehung der Sprache aus dem Sprechen selbst postulieren.(5). Doch in dem neuen, fünfhundertfünfzig Seiten dicken Buch, hat Tomasello jetzt eine umfassende Beschreibung über das Wesen des Menschen vorgelegt, die sich auf evolutionäres Gedankengut und psychologische Experimente in tiefgründiger Weise stützt.
Er geht von dem Begriff der Intentionalität aus, den er zwar nicht weiter erklärt, so dass ich ihn mit dem Wort ‚Vorhaben‘, gerichtete Strebung, Auf-Etwas-Aus-Sein, einmal vorläufig übersetze. Andere sagen, es handelt sich bei der Intentionalität um die ‚Ausrichtung aller psychischen Akte auf ein reales oder ideales Ziel‘ oder um ‚die Fähigkeit des Menschen, sich auf etwas zu beziehen (etwa auf reale oder nur vorgestellte Gegenstände, Eigenschaften oder Sachverhalte)‘.(6) Auf jeden Fall steht am Anfang der menschlichen Intentionalität, aber auch gleichermaßen der von Menschenaffen, die individuelle Intentionalität.
Tomasello vergleicht nämlich das Menschenkind mit den Schimpansen und Bonobos, wo sich in den ersten Lebensmonaten des Kleinkindes wie der Menschenaffen (auch der schon älteren) diese individuelle Intentionalität zeigt, die jedes der untersuchten Lebewesen nur auf sich bezieht. Nach neun Monaten des Menschenkindes jedoch tritt die geteilte Intentionalität auf, die bei den Menschenaffen nur in geringstem Maß auftritt. Geteilt heißt, zwei oder später sogar mehr Individuen interagieren miteinander innerhalb dieser gleichen, geteilten Intentionalität. Bei den Kindern bekommt nämlich ab dieser Zeit eine soziale Komponente deutlich mehr Gewicht als bei den Menschenaffen.
Tomasello meint, diese soziale Kompetenz würde vor allen dadurch gestärkt, weil das Menschenkind von mehr Bezugspersonen als nur seiner Mutter betreut wird. Das Kind muss also früh anfangen mit mehreren Bezugspartner zu interagieren, zu kooperieren und die besagte geteilte Intentionalität entwickeln. Tomasello betont mehrmals, dass es insbesondere dieses Phänomen ist, die den weiteren sich entwickelnden Unterschied zum Menschenaffen herstellt. Doch hier findet sich bereits der erste Punkt einer Kritik, die meiner Ansicht entscheidend ist, wenn sie auch an der Grundtatsache, dass Mensch und Tier sich auseinanderbewegen, nichts ändert.
Ich habe nämlich in Tansania Löwengruppen gesehen (und auch später darüber gelesen), wo die Löwenkinder bei anderen Löwinnen und älteren Geschwistern bleiben mussten, wenn ihre Mutter mit zwei oder drei anderen Müttern auf die Jagd gehen mussten. Genau wie bei den Menschen existiert anfänglich nur die individuelle Intentionalität, indem die Löwenmutter ihre Kinder abseits vom gewohnten Rudel zur Welt bringt, und so erst einmal diese dyadische Beziehung im Vordergrund steht. Doch nach einiger Zeit kehrt sie zum Rudel zurück, wo sie und ihre Kinder mit Wohlwollen, intensivem Körperkontakten und Vertrautheiten begrüßt werden. Das Rudel besteht aus dem Löwen Papa, der meistens nicht zu Hause ist, und weiteren Löwenmüttern und deren unterschiedlich alten Kindern.
Zu all diesen Gruppenmitgliedern müssen die neuen Kinder eine geteilte Intentionalität herstellen, denn die eigene Mutter ist nunmehr verpflichtet, oft mit ein oder zwei der anderen Mütter auf Jagd zu gehen. Doch die neuen Kleinen finden sich damit gut zurecht, indem sie   also auch ein bisschen geteilte Intentionalität haben. Diese kann vielleicht ganz anders gesteuert und motiviert sein, als bei den menschlichen Kindern. Tomasello hat offensichtlich davon keine Ahnung, denn dieses Phänomen gibt es tatsächlich nur bei den Löwen und bei keinem anderen Tier, also auch nicht bei den Menschenaffen.
Egal, Tomasello führt nun zahlreiche und gut belegte Beispiele an, wie Menschenkind und Affe sich mehr und mehr auseinander entwickeln und so ab dem dritten kindlichen Lebensjahr über eine weitere Intentionalität verfügen, nämlich die kollektive Intentionalität. Dazu sind ganz andere kognitive Leistungen und noch weiter verstärkte Sozialkompetenzen nötig, über die nun kein Tier, kein Affe und auch kein Löwe mehr verfügt, denn das Kollektiv umfasst jetzt auch viele Menschen außerhalb der Familie oder der üblichen Bezugspersonen.
Vor allem die Untersuchungen zu Blickverfolgungen, Blickrichtungs- und Aufmerksamkeits-Einstellungen haben Übergänge ins Spiel gebracht, in denen sich Mensch und Affe ganz anders verhalten. Denn die Aufmerksamkeit beim Kleinkind ist im zweiten Lebensjahr nicht mehr nur dyadisch (folgt dem Blick, der Aufmerksamkeit der Mutter, des Erwachsenen, des Älteren), sondern bereits „triadisch“ geworden, hat also den Sinn der Aufmerksamkeit beim anderen mit in die eigene Aufmerksamkeit und deren Sinn integriert. Wieder ist hier das verstärkt Soziale mit am Werk und bahnt eine sogenannte Protokommunikation an, also eine Protosprache. Jetzt gibt es kaum noch vergleichbare Elemente zwischen Kind und Menschenaffe.
Doch das ganze wunderbare System Tomasellos kommt ins Schwanken, wenn es um das Wesen der Sprache als solcher, der symbolischen Ordnung, der semantisch, syntaktisch, grammatischen, lexikalischen etc. Zusammenhänge geht. Tomasello ist ein ganz großer Vertreter und Befürworter für den Spracherwerb durch vorausgehende Zeigegesten- und Gebärden-Kommunikation. Soziale Imitation und geteilte sowie kollektive Intentionalität führen zu einer konventionell sprachlichen Fähigkeit, die er auch die sozial-pragmatische Auffassung des Spracherwerbs nennt. All diese Austauschfunktionen steigern sich schließlich zu der „völlig erlernten‘ und „völlig sozialen‘ Sprache, die letztendlich „kulturell normativ“, als also die Kultur weiterhin fördernd erweist und den Menschen zu seinen kollektiv und konformen geistigen Höchstleistungen führt. Doch die soziale Imitation kann nur eine Signalsprache fördern, wie sie auch die Tiere kennen, und keine wirkliche Symbolsprache.
Diesen Unterschied zur Symbolsprache, also zur Sprache als solcher, die auch eine unbewusste symbolische Ordnung mitbeinhaltet, diskutiert Tomasello nicht. Lacan bezeichnet das durch Spiegelungen verinnerlichte Andere (maßgebliche Zeichen der Natur) und den durch Sprachliches ins Seelenleben integrierten bedeutenden Anderen (Eltern, Lehrer, Analytiker) als wesentlich für das, was sich dann durch die erwähnten Losungsworte oder Identitätsworte (wiederholt, betont) ausdrücken lässt. Tomasello weiß auch nicht, dass die Menge der Signifikanten – wenn ich das, Lacan zitierend, so kurios sagen darf – minus Eins ergibt, dass also alles Reden, wissenschaftliches Erarbeiten, Diskutieren sich immer vor dem Hintergrund eines toten Signifikanten, eines Leersignifikanten abspielt, der eben im Unbewussten sein Unwesen treibt und alles zum Kippen bringt. Doch es geht um eine Kippen in neue Paradigmata, ins neue Leben, in neue Beziehungen und Intentionalitäten.
Tomasello verwendet den universitären Diskurs, in dem der Professor immer mehr weiß als der Student, der andere Zuhörer, Mitdenker, kollektiv Intentionalisierer. Er stellt das Wissen nicht wie der Psychoanalytiker ins Zentrum der Wahrheit, sondern eben in das eines ständigen Mehr-Wissens, mehr Forschens, mehr Begriff-Instrumentalisierens. Die universitären Bibliotheken und das immer überdimensional werdende Wissen werden immer überdimensionaler. Tomasello hat keine Ahnung, dass die Sprache der Enthüllung dient und nicht so sehr der Kommunikation, doch es geht um eine Enthüllung der Wahrheit, der das Wissen nur zu Diensten ist und nicht einen Alleingeltungsanspruch hat.
Und so schreibt er zwar auch: “Das kulturelle Lernen der Menschen bezieht sich nicht nur auf den Erwerb wichtiger Fertigkeiten und Wissensinhalte, sondern auch auf die Herstellung wichtiger sozialer Beziehungen“. Doch dann argumentiert er weiter; „Eine der Hautquellen des Zusammenhalts bei allen Typen sozialer Gruppen des Menschen . . ist die Konformität“. Alle sollen konform sein, und so schildert Tomasello das gelungene, sozialverbindliche, mit moralischer Identität ausgestattete Normalkind, das auf kollektive Verpflichtung, auf das kollektive und kooperative ‚wir‘ ausgerichtet ist.
So werden Kinder, die vorher Erwachsenen versprochen haben, Spielsachen wegzuräumen, nunmehr, als diese weggegangen waren, aus verschiedenen Gründen von diesem, ihrem Versprechen weggelockt (guter Grund einem in Schwierigkeiten zu helfen, schlechter Grund, ein Spiel zu spielen). Beim Zurückkommen werden die Kinder gefragt, warum sie die Spielsachen nicht weggeräumt haben. Beim guten Grund war alles ok., beim schlechten Grund aber druckten die Kinder  herum und fühlten sich schuldig. Aber was ist daran unmoralisch? Schließlich hatten doch die Erwachsenen sich diese Psycho-Studie ausgedacht, weil sie, und zuerst einmal nur sie die sogenannte moralische Identität hatten, die daraus bestand, dass Spielsachen immer sofort wieder aufgeräumt werden müssen. Na ja.
Diese autoritäre Identität haben sie natürlich daher, weil sie selbst diese typisch menschliche Kindheit durchlaufen haben, die durch ständiges sich und andere beobachten, einbeziehen, sozial abwägen, neu moralisch justieren und im Zirkelschluss Tomasellscher Ontogenese zu verantwortungsbewussten, kollektiv intentionalistischen, moralisch identischen, kulturkonformen und sozialkooperativen Menschen wurden. Der Wertekatalog korreliert mit dem Sozialkatalog, der intentionalistische mit dem identitären, der imitative mit dem kollektiven, und so ist immer klar, wie es weiter, höher und gereifter zugehen soll. Aber was geschieht mit den ständig Unangepassten, den Beratungsresistenten und den notorischen Verweigerern? Dazu gibt es keine Information.
Was Tomasello erforscht hat, weiß man eigentlich schon lange, er hat es nur ausführlicher, wissenschaftlicher, akribischer bewiesen und dabei gleichzeitig den perfekt angepassten, normativ-normierten, idealtypisch moralisierten jungen Menschen in den Vordergrund gestellt. Nicht umsonst erwähnt er die Psychoanalyse mit keinem Wort und kennt wahrscheinlich auch all die moderne Literatur nicht, in der so viel über die konfliktreiche und leidvolle Kindheit geschrieben wird, über Mobbing und gegenseitige Gemeinheiten in der Schule, über ständige Missverständnisse und Misshandlungen im Elternhaus, etc. ‚Moralisches Selbst‘, ‚moralisches Handeln‘, ‚moralische Urteile‘, ‚moralische Gemeinschaft‘, moralisch im Sinne des Unparteiischen gegen sich und andere, ‚moralischer Diskurs‘ bis hin zu der bei Tomasello alles gegenseitig stützenden schwindelnden Höhe der ‚zentralen moralischen Identität‘. Sie ist der Gott des ontogenetischen (eigentlich psychoedukativen), Tomasellschen Forscherteams.
Aber warum gibt es dann trotz dieses mit ca. sechshundert hochkarätigen Literaturnachweisen bestückten Höhenflugs immer noch grauenhafte Kriege, Folter, Korruption, Intrigen, Ehedramen, Lug und Trug, Diebstahl, Mord und Perversion, wenn diese Kinder älter geworden sind? Ist Tomasello ein schöngeistiger Positivierer, der einen an I. Kant erinnert, als dieser behauptete, ein Mann, auf den draußen der Galgen wartet, könnte keine Lüsternheit mehr aufbringen, wenn man ihm noch vorher die Dame seiner Begierden zuführen würde. Muss man wirklich Therapeut sein, um zu wissen, dass „es nicht unmöglich ist, dass dieser Mann kaltblütig ins Auge fasst – um der Lust willen – die Dame in Stücke zu schneiden, zum Beispiel“?(7)  
Kant wollte und konnte sich in seiner entrückten Gedankenhöhe die Vernunft einer totalen Unreinheit, eine totale Antivernunft, einer aggressiven Perversion, nicht mehr vorstellen, er konnte sich nicht mehr daran erinnern, dass es noch ganz andere Lüste gibt, denn die hätten sein Gebäude ins Schwanken gebracht. Kant und wohl auch den ontogenetischen Forschern ergeht es wohl so, wie es schon Aristoteles ergangen ist. Die Leute, die nicht in sein System passten, die widerborstig, sexuell deviant und sonst andersartig waren nannte er τέρατες (terates, Bestien, Scheusale), und solche passen nicht in Tomasellos Werk, obwohl sie doch auch schon im Kindesalter vorkommen, bzw. von daher ihre Prägung erhalten.
Auch in dem Werk des oben zitierten Y. N. Harari finden sich die gleichen Widersprüche. Im vorletzten seiner zu Millionen verkauften Bücher kommt Harari zum Thema des Transhumanismus, also der Welt, die über den vorläufigen Menschen hinauswachsen wird zu einer Art von Gott-Menschen.(8) Dies gelingt hauptsächlich mit künstlicher Intelligenz, die viel bessere und umfangreicher Algorithmen herstellen kann als es die sind, aus denen der heutige, vorläufige Mensch besteht. Die Informations- bzw. Daten-Verarbeitung im Gehirn und im Computer ist unermesslich, und wird in Zukunft eben zu diesem Homo Deus führen.
Aber T. Fuchs, Professor für philosophische Grundlagen der Psychiatrie und Psychotherapie zerlegt Hararis Buch von Grund auf.(9) „Das fängt schon mit der Abwehr der unscheinbaren Behauptung an, dass Computer es mit ‚Informationen‘ zu tun hätten. Doch damit Daten zur wirklichen Information werden, bedürfen sie eines Empfängers, der sie versteht. . . Für sich betrachtet, wandelt der Apparat nur elektronische Muster nach programmierten Algorithmen in andere Muster um.“(10) Ein in einer Nährlösung schwimmendes perfektes Gehirn kann ohne Körper mit seinen Sinnesorganen und Rückspiegelungen aus den verschiedensten Organen gar nicht als solches funktionieren. Es ist und bliebe eine Maschine.
Und weiterhin: „Das Leben ist eine verkörperte Selbstständigkeit, die von keiner Simulation eingeholt werden kann. . . Es ist vielleicht nicht nur voreilig, sich mit lässiger Gebärde [wie Harari] vom Lebewesen Mensch zu verabschieden. Es ist auch ignorant und fahrlässig.“ Die Gehirn-Maschine lügt vielleicht nicht, aber sie kann auch nichts zur Wahrheit beitragen. Die Formel- und Pass-Worte lügen auch nicht, aber sie ermöglichen in gelungenerer Form die Wahrheit zu vermitteln, als es die universitären Wissenschaften je tun können. Gegenüber den Algorithmen, die Harari für die Zukunft voraussieht, indem diese sich selbst gegenseitig erneuern und verändern und das heutige Individuum völlig unterbuttern, sind die Formel- und Pass-Worte in ihrem Schnittstellen-Aufbau transparent. Sie können kein Eigenleben entfalten, sondern nur das Eigenleben dessen, der sich selbst sein Eigen nennt. Da liegt der Unterschied.
Wie die Normal-Community und die LGBTIQ-Gesellschaft, sind auch die Allround-Gelehrten und die heute immer mehr werdenden Wut- und Protest-Mar-schierer nur Gegenseitigkeiten der zugrundeliegenden Signifikanten-Menge, der Minus Eins, der anders-herum Menge, der Vorder- und Rückseite des Möbiusbandes, der stets gleichen Heideggerschen „Kehre“ (Vor- und Umkehre von Sein und Nichts), des Umkippens durch den Leersignifikanten oder der Gegenseitigkeit von Leben und Tod, wie der Dramatiker Dürrenmatt es konzipierte. Dürrenmatt betont im Anhang an sein Stück ‚Die Physiker‘, dass es im Drama nach kurzer Schilderung normaler Vorgänge zur „katastrophischst möglichen Wendung“ kommen muss, mehr oder weniger also das Chaos und der Tod im Hintergrund die gleich wichtige Rolle spielt wie das Leben. Nur so wird Positives und Negatives, Gutes und Schlechtes, Schönes und Hässliches berücksichtigt.
Im Drama ‚Der Besuch der alten Dame‘ fordert diese von der anfangs harmonisch geschilderten Dorfgemeinschaft, dass man ihren Exgeliebten umbringen müsse, wenn sie eine Milliarde für den Ort spenden würde. Erst lehnen alle entrüstet ab, doch dann bröckelt die moralische Haltung, und man trickst die Sache irgendwie so hin, dass der Exgeliebte – selbstverursacht oder nachgeholfen – letztendlich stirbt und die alte Dame den Scheck zücken muss. Die minus Eins-Menge, die am Anfang in der Dorfgemeinschaft ungeklärt war, wird tödlich durchgerüttelt, und so wird deutlich, dass ein ganz anderer und neuer Weg gefunden werden muss.
Und genau dies glaube ich, nun mit der Analytischen Psychokatharsis tun zu müssen. Egal, ob man den glücklichen oder nicht so glücklichen ontogenetischen Weg durchlaufen hat, ob man moralisch oder unmoralisch ist, durch die Übungen dieses Verfahrens wird man einfach die Wahrheit über sich selbst erfahren, und dann damit so umgehen können, dass man auch das Wissen zu dieser Wahrheit hat, um sie kommunizieren zu können. Denn was immer Menschen anderen Menschen sagen, es wird nie genügend sein, es sei denn es wird in einer Weise gesagt, die der amerikanische Psychoanalytiker G. Kohon als „detached love“ bezeichnet hat,(11) was vom Übersetzer dieses Artikels ein bisschen seltsam mit ‚getrennter Liebe‘ übersetzt wurde.
Von Liebe zu sprechen ist immer heikel, problematisch oder total daneben. Wahre, echte, tiefe, göttliche, romantische und andere mehr Formen davon, all das geht nicht, erzeugt eher eine leichte Nausea, ein flaues Gefühl, eine Trostlosigkeit. Aber die „detached love“, die ich eher als eine abgeschminkte, losgelöste, distinkte Liebe nennen würde, eine, die aus dem Hintergrund, aus einer Distanz heraus wirkt, indem sie sich nicht aufdrängt und sich als solche auch gar nicht zu erkennen gibt. Doch exakt dadurch ist sie wirksamer als alles andere und kann kommuniziert werden ohne ihren Namen allzu sehr preiszugeben. Auch den Datenmaschinen kann sie Widerstand leisten.
Und so muss man das Ganze nur noch ein bisschen umbiegen in die „detached love“, die in dem Verfahren der Meditation, der Analytischen Psychokatharsis selbst liegt, weil sie wissenschaftlich begründet ist, umbiegen also auch in eine Liebe zur Wissenschaft, zur ‚logischen Selbst-Struktur, zu sich, als dem Vater seiner Selbst, wie es auch die Psychoanalytikerin in ihrem letzten Buch beschrieb. Mit dem Titel ‚Eine Liebe zu sich selbst, die glücklich macht‘, meinte sie die in ihrer Arbeit mit Patienten wirkende Unabhängigkeit und Losgelöstheit.(12) Besser hätte sie vielleicht von einer Liebe zu sich selbst als Anderem geschrieben, denn es handelt sich ja nicht um Narzissmus oder etwas Egomanisches.
Ich muss in dieser Weise davon reden, was ich in vielen Jahren mit der Methode der Analytischen Psychokatharsis erarbeitet habe, die man natürlich auch anders nennen könnte, wenn diese Bezeichnung jemanden zu akademisch, abstrakt oder sachlich-nüchtern erscheint. Ich könnte von einer Selbsttherapie reden, wenn dies nicht wieder zu simpel klingt. Es soll auf jeden Fall etwas sein, das einem Halt und Perspektive gibt und vielleicht auch dazu anregt, selbst an dem Verfahren mitzuarbeiten.  Gewiss ist eine basale Allgemeinbildung dazu hilfreich, zumindest eine Grundahnung vom psychoanalytischen Vorgehen sollte man vielleicht haben. Dazu gibt es einfache Erklärungen im Internet und auch in meinen Büchern wird darauf hingewiesen.



[1] Laut Lacan „repräsentiert ein Signifikant ein Subjekt für einen anderen Signifikanten“. D. h., das Subjekt Mensch sitzt immer zwischen zwei Feuern (tra due fuochi, wie ein italienisches Sprichwort sagt), zwischen zwei Wesenheiten, Wünschen, Tendenzen, Triebkräften, und gerade dadurch wird es in sein Subjektsein getrieben und gezwängt.

[2] Rubner, J., SZ vom 5/6.12.98 S. III

[3] Tomasello, M., Mensch werden, Suhrkamp (2020)

[4] Tomasello, M. Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation, Suhrkamp (2009)

[5] Leipziger Diskussion Habermas / Tomasello in der ZEIT vom 18.6.2014, S. 46

[6] Wikipedia

[7] Lacan, J., Die Ethik der Psychoanalyse, Quadriga (1995) S, 135

[8]  Harari, Y. N., Homo Deus, C. H. Beck (2017)

[9] Fuchs,  T.,  Verteidigung  des  Menschen.   Grundlagen  einer verkörperten Anthropolpogie, Suhrkamp (2020)

[10] Zitiert nach Siemonds, M., Sind wir etwa doch keine Algorithmen? FAS vom 9. 8. 2020, S. 36

[11] Kohon, G., Love in a time of madness. In Green & Kohon: Love and its vicissitudes, Routledge (2005)  P. 41 – 100.

 

[12] Mitscherlich, M.,  Eine  Liebe  zu  sich  selbst, die glücklich macht, S. Fischer (2013)

 

Lacans Vater-Name

 

In der FAS vom 12. 7. 2020 schrieb die Journalistin J. Schaaf  über die Problematik lesbischer Paare und ihrem Kinderwunsch mit Hilfe schwuler Samenspender.(1) Die Frauen sind meist verheiratet und damit offiziell auch die Eltern des Kindes; in einen der geschilderten Fälle eines Jungen. Kurz nach der Geburt hatte der leibliche Vater zugestimmt, dass die Ko-Mutter den Jungen adoptiert. Damit hatte dieser jedoch auch seine Rechte am Kind verloren, was er anfänglich nicht befürchtete, da die Frauen ihm zugesichert hatten, sie wollen nicht nur einen Samenspender, sondern auch einen Papa für das Kind. Diese Konstellation lief jedoch schon bald nicht mehr so gut wie angekündigt. „Der Kontakt zwischen Vater und Sohn wurden von den beiden Müttern streng überwacht und reglementiert“, schreibt Schaaf. Immer mehr verweigerten die Frauen dem leiblichen Vater seine Paparolle, so dass dieser das Familiengericht einschalten musste: ohne Erfolg. Sein Kind hat er nicht mehr gesehen.
Da diese Thematik wohl inzwischen sehr häufig zum Problem geworden ist, schrieben vier solcher Schwulen-Papas ein Ratgeberbuch.(2) In der Verlagsbeschreibung steht: „Die Texte erzählen von allen Aspekten von Vaterschaft, den Planungen, der Zeugung, der Schwangerschaft, Geburt, vom Umgang mit eigenen Kindern, dem Umgang mit den Müttern, was alles für die Partnerschaft oder das Singledasein bedeutet, und welche rechtlichen Aspekte eine Regenbogenfamilie bestimmen. Das Konzept der Regenbogenfamilie ist vielfältig: Es gibt nicht die eine Regenbogenfamilie. Egal, welche Vaterrolle man schließlich für sich definiert: Eine Familie zu gründen bedeutet Verantwortung zu übernehmen. Die Kapitel des Buches bilden alle wichtigen Phasen von Vaterschaft von der Planung bis zu rechtlichen Aspekten ab. Die Kapitel bieten Erfahrungsberichte schwuler Väter, Interviews, Checklisten. Auch Mütter kommen zu Wort: Es ist wichtig zu sehen, dass es immer mehrere Perspektiven gibt“. Die ‚diverse Familie‘ wie sie auch heißt, hat nicht wenige Probleme.
Trotzdem, ein schwules oder lesbisches Paar, das verantwortungsbewusst, engagiert, privat, sozial und beruflich gut aufgestellt ist, wird auf jeden Fall die besseren Eltern stellen, als eine alkoholsüchtige Mutter, ein arbeitsloser Faulpelz als Vater und ein heruntergekommenes Zuhause dieses heterosexuellen Paares. Das tiefere Problem, z. B. aus psychoanalytischer Sicht betrachtet, gehen die Autoren des gerade genannten Buches aber nicht an. Es beginnt vielleicht schon damit, warum von den lesbischen Paaren besonders häufig schwule Männer als Väter herangezogen werden. Anscheinend gelten diese als nicht so dominanzstrebend, als weichere Verhandlungspartner, mehr linksliberal und nicht konservativ herrschsüchtig wie viele heterosexuelle Männer. Aber Väter wollen die schwulen Männer eben auch gerne sein und darin auch reüssieren, haben sie doch selbst meist einen schwachen Vater erlebt, vor dessen Liebe sie eher Angst hatten. Die Mütter ließen sie dagegen über sich herrschen. Die blieben die einzigen Frauen in ihrem Leben.
Darüber wissen schwule Männer meist selbst gut Bescheid, so wie auch heterosexuelle Männer wissen oder es zumindest müssten, dass sie pervers sind, wenn sie ständig eine andere Frau brauchen und noch viele weitere im Kopf haben. Jede Sexualität hat ihre Schattenseiten, und damit hängt wohl vieles der Problematik heutiger Beziehungen zusammen. Obwohl viel liberaler und toleranter, sind die Beziehungsverhältnisse, die ‚Beziehnisse‘,(3)nicht besser geworden. Sie sind zwar mehr ‚multilayered‘ als früher, aber zu viel ‚multi‘ ist auch schwierig. Wie der Psychoanalytiker A. Mitscherlich schrieb, hat dies damit zu tun, dass wir schon seit längerem in einer „vaterlosen Gesellschaft“ leben, was kein Wunder ist, nachdem in zwei Weltkriegen die Väter so fürchterlich versagt haben. Religion, Kultur und Wissenschaft bieten ebenfalls keine Richtlinie an, jedenfalls nicht effektiv genug. Doch – wie gerade erwähnt – man(n) will doch gerne Vater sein, und zwar ein guter, richtiger Vater. Nur, was ist das? Der Vater einer meiner Freunde soll gesagt haben, er erziehe seinen Sohn nicht streng, sondern ungerecht, weil die Welt eben so beschaffen sei. War das ein guter Vater?
Meiner war eher streng, Nazis waren sie damals ohnehin fast alle. Trotzdem bin ich letztlich mit ihm nach langen Kämpfen und gegen ihn gerichteten politischen Einstellungen ganz gut zurande gekommen. Mein Vater war allerdings schon von daher, dass er hundertzwei Jahre alt wurde, ein besonderer Fall. Denn allein das Alter machte ihn bewunderungswürdig, schließlich musste er auch in dieser langen Zeit (bis siebzig Jahre nach dem letzten Krieg) seine politischen Ansichten differenzieren und verbindlicher gestalten. Mehr und mehr konnte man mit ihm konstruktiv diskutieren. Zudem ermöglichte er mir reichlich Bildung, ein Studium, Unterstützung beim Hauserwerb und Alltagsklugheit. Trotzdem genügte mir all dies nicht. Ich musste noch eine psychoanalytische Ausbildung machen und mich mit Meditation beschäftigen, um in der Frage, was es heißt, wirklich Vater zu sein, weiterzukommen.
Auch Lacan hat mir geholfen. Da der Vaterbegriff angefangen von der Leiblichkeit einiger Spermatozoen über den Mythos eines göttlichen Urvaters bis zu all den familiären, sozialen, psychologischen, politischen, wissenschaftlichen und weiß Gott was sonst noch für Väter weit gespannt ist, hatte Lacan wie angedeutet lange Jahre an die Stelle seiner vor allem im Unbewussten wirkenden Instanz den ‚Namen des Vaters‘, den Eigennamen, das vaterbezogen Namentliche als solches ins Zentrum aller Zuschreibungen gesetzt. Denn das Unbewusste sei aufgebaut w i e eine Sprache, konstatierte er, und von daher lag es nahe der im bewussten Leben so wichtigen Muttersprache die eines im Unbewussten wirkenden ‚Vatersymbols‘ zur Seite zu stellen. Der Unterschied zwischen diesen beiden Größen ließ sich psychoanalytisch schon seit Freud im Wesen des sogenannten Überichs zeigen.
So gilt das weiblich-mütterliche Überich eher als breit, vielschichtig angelegt und nicht so kontrolliert und bestimmend wie das männlich-väterliche. Man hat dies auch auf die Frühphasen der Menschheitsentwicklung zurückgeführt. Dort mussten sich die Väter gegenüber der weiblich-mütterlichen, matrilinearen Dominanz behaupten, was sie – wollten sie sich, abgesehen von der matristischen Liebhabergeschichte, nicht nur mit brutaler körperlicher Stärke durchsetzen – mit entsprechender Stimmbezogenheit tun mussten. So waren die ersten Worte Befehls- und Losungsworte. Der Vormensch kannte wie die Tiere nur eine Signal- und keine Symbolsprache. Wie im Vogelgezwitscher konnte er Lautsignale geben, doch außer dem Trillern von Liebesbegehren und Revieransprüchen war ihm keine Aussage möglich. Erst als er eine Lautfolge betont und bewusst wiederholen konnte, als er eine Regung, ein Erstaunen, einen Affekt mit der gleichen Lautsequenz noch einmal und dann wieder und wieder mit Betonung von sich geben konnte, war das Symbol, das erste Wort geboren.(4)
Die Lautfolgen im Vogelgezwitscher sind zwar nicht immer konsequent die gleichen, und selbst wenn sie dies sind, so werden sie nicht mit einer Art von Bedeutsamkeit, zunehmend ernsthafter Betonung und Bewusstheit vorgetragen. Aus der reinen Lautbildlichkeit ist beim Menschen eine Worthaftigkeit und Signifikanz geworden, die mit zunehmendem Verständnis perpetuiert werden konnte. Die erste Diskursform war somit eine Art der ‚Ein-Wort-Sprache‘, das Losungswort des ‚Herrensignifikanten‘ wie Lacan es dem Philosophen G. F. Hegel folgend bezeichnete. ‚Ich Herr, du Freitag‘ sagte Robinson zu dem Indianer, den er schließlich auf seiner einsamen Insel traf und demgegenüber er gleich die Verhältnisse durch eine derartige Setzung zu bestimmen versuchte. „Ich bin der Bestimmer“ (soll heißen der Vater) sagen die Kinder auch heute noch im Spiel, um die Regeln zu vereinfachen.
Diesen Beginn des Vater-Namens, -Symbols, der Vater-Metapher  hat der Anthropologe C. Levy-Strauss in seinem Buch über die ‚elementaren Strukturen der Verwandtschaft‘ mit der Differenz von Natur und Kultur ins Spiel gebracht. Claude Levi-Strauss war der Ansicht, dass der Eigenname etwas ist, was ursprünglich vom Paten seinem Patenkind gegeben wurde und bei entsprechend engen und bestimmenden Verwandtschaftsverhältnissen identitätsstiftende Bedeutung hatte. Aber diese Bedeutung greift trotz aller Berechtigung zu kurz. Sie bezieht sich nur auf soziale Bande, auf eine schon durch wieder andere Namen (von denen auch einige Eigennamen sein könnten) bezeichnete Handlung. Lacan hat daher zu Recht gesagt, dass der Eigenname eine frei schwebende Funktion hat.(5) Er ist eben durch viele in ihm verwobene Bedeutungen gekennzeichnet, aber auch nur dann, wenn diese Bedeutungen nicht gleich einen zu definitiven Sinn ergeben. Der Eigenname steht der inneren Logik des ‚Namen-des-Vaters‘ nahe.
Levi-Strauss schildert diesen Zusammenhang auch anhand der Beziehungen der Lebenden zu den Toten. Die von ihm auf fast allen Kontinenten untersuchten Primärvölker praktizierten nämlich ein farbiges, reichhaltiges und langwieriges Brauchtum, zahlreiche Zeremonien und Begräbnisriten, bei denen die Toten zu Wort kamen und von bestimmten Gruppen von Männern oder Frauen auch direkt gespielt werden mussten. Doch – so der Autor – nur weil die lebenden Stammesmitglieder ihre Probleme untereinander nicht besser lösen können, weil sie nicht offen und tief miteinander reden, so dass sie sich selber Gegenparts sind, mussten die Toten den Lebenden helfen, musste ein ständiger komplexer Austausch der Lebenden mit den Toten stattfinden. Dazu mussten die Toten in tagelangen Riten und Festveranstaltungen massiv ‚wiederbelebt‘ werden, ein Umstand, den man also doch geschickter mit vertieften und therapeutischen Gesprächen der Lebenden untereinander hätte vermeiden können.
Und noch ein letztes Argument betreffend den Vater-Namen, nämlich das Inzesttabu. Auch dabei handelt es sich um etwas, was nie richtig ausgesprochen wird und dennoch überall wirkungsvoll besteht. Es ist nicht eine Erfindung patrilinearer Kulturen, es kommt vielmehr aus diesem ersten Schritt in die Welt des Symbolischen, Sprachlichen, wie ihn die Psychoanalyse auch mit dem Ödipuskomplex einzukreisen versucht hat. Dort geistert der Vaterspruch herum, der an den Sohn gerichtet „fass die Mutter nicht an“ und an die Mutter gerichtet „friss deine Kleinen nicht auf“ lautete. Kannibalismus und Inzest waren somit ‚Unworte‘, ins Unbewusste verdrängte Power-Namen, die heutzutage in Zivilgesellschaften verständlicherweise zu den gesetzlichen Verboten gehören, anfänglich aber den männlich-väterlichen Herrendiskurs prägten, ohne dass die Herren wussten, was sie sagten. Wir wissen es auch heute noch nicht besser, indem wir zugeben müssen, dass diese Phänomene total abgespalten weiterhin in jedem versteckt weilen, und ich damit den Titel meines Buches – unter anderem – auch so begründen kann: ob Ödipuskomplex oder Herrendiskurs, Schattenbereich jeder Sexualität oder letztliche Identität (speziell Geschlechtsidentität), man muss sein eigener ‚Vater‘ werden.  
Man muss im Namen des Vaters reden, denn sonst – so sagen die Psychoanalytiker – kommt gar keine richtige Sprache zustande. Wenn der Junge Nahrung, Pflege und auch noch Sex mit der Mutter haben kann, braucht er ja nichts mehr zu sagen, er bedient sich einfach. Er wird Vater ohne es zu wissen, er wird ein Adonis bleiben, der mit der Mutter-Gemahlin verschmolzen ist. Er wird im Namen des Mannes reden, im Namen des ‚phallus symbolique‘, wo reden nur in ein paar kräftig vorgetragenen Lauten besteht, aber nicht in einer ausgereiften Sprache. Und selbst wenn er sich vom Adonis zum Ödipus entwickelt hat, wird noch zu viel Mann in ihm sein, um die Vatermetapher in ihrer Gänze zu verstehen.
Wegen all dieser Schwierigkeiten sagte Lacan gegen Ende seiner Lehrtätigkeit, wie er früher „in verschiedenen Registern vor allem die Vatermetapher erkundet habe, den Eigennamen. Es gab alles, was es brauchte, um diesem mythischen Elaborat meines Sagens mit der Bibel einen Sinn zu geben. Ich werde das jedoch nie wieder machen, Ich werde das nie wieder machen, denn schließlich kann ich mich damit begnügen, die Dinge auf der Ebene der logischen Struktur zu formulieren, die ja ihre Rechte hat. Voilà!“(6) Die Struktur der Logik, das klingt freilich anspruchsvoller und wissenschaftlicher als der Vater-Name. Ich will darauf zurückkommen, für den Anfang ist der Vater-Begriff jedoch verständlicher.
Damit kann ich auch wieder zum Ausgangspunkt und zu den Regenbogenfamilien der LGBTIQ-Community zurückkommen.(7) Ich habe mir oft vorgestellt, wie es gewesen wäre, wenn ich unter zwei Männern als Eltern aufgewachsen wäre. Ich denke, ich hätte nicht den Vorteil nutzen können, den normierend-normativen Ödipuskomplex zu durchlaufen. Denn wie sollte der mehr weiblich-mütterliche, oft abschätzend als Tunte bezeichnete Schwule, in mir die geheimnisvolle, vielschichtige und glanzvolle Frau vermitteln, indem dieser ja gerade deswegen oft verspottet wird, weil man die künstliche Weiblichkeit an ihm nicht übersehen kann? Aber vielleicht gibt es Ausnahmen, und eine depressive, stark übergewichtige und ständig überforderte Mutter ist dann gar nicht mehr so vielschichtig und geheimnisvoll ? Oder andersherum bei zwei Müttern, bei denen ich doch versucht hätte, den potenten Sexualprotz und gleichzeitig den Überintellektuellen zu spielen. Schließlich, ganz gescheit geworden, hätte ich ihnen vorgeworfen, zu verleugnen, dass der Phallus ein Signifikant ist. Doch dafür hätten sie mich möglicherweise ausgelacht, und die mehr maskuline Lesbe hätte mich mit der Bemerkung vom ewigen Klugschießer aus dem Haus geworfen.
Doch ist dies alles meine persönliche und nicht ausreichend hinterfragte Auffassung. Wie gesagt, zwei taffe, engagierte, lebenserfahrene, -bejahende und erfolgreiche Mütter wären auf jeden Fall besser gewesen, als ein unglückliches, schlecht durch Leben steuerndes Ehepaar alter Couleur. Und so sehe ich im Auftreten der LGBTIQ-Community eine echte Herausforderung unserer Zeit, Gesellschaft, Politik und Psychologie, wozu ich auch mit diesem Buch einen Beitrag leisten möchte. Vielleicht werden auch noch ein paar weitere Buchstaben zu denen der LGBTIQ dazukommen, z. B. SM für Sadomasochisten oder P für Pädophile. Deren Schattenseite wäre allerdings die Realität, die wohl zu Recht strafrechtlich verfolgt wird, aber könnte man ihnen vielleicht mit virtueller Realität helfen?
In dem Theaterstück ‚Die Netzwelt‘ der amerikanischen Dramaturgin Jennifer Haleys geht es um diese teuflischen Kräfte, und weil es Netz-Kräfte sind, passen sie hierher. Das Stück handelt von einem Pädophilen namens Sims, der sich eine Virtual-Reality-Netzwelt – genannt ‚Refugium‘ – erschaffen hat, in der man allen erdenklichen päderastischen Neigungen nachgehen kann. Die dort missbrauchten Mädchen sind also perfekte Computeremulationen, und eine juristische Ermittlerin (Frau Morris) soll nun Sims verhören und feststellen, ob dies so legal ist oder besser verboten gehört.
Sims verteidigt sich damit, dass der Zugang zu dieser Netzwelt streng geregelt ist und auf Freiwilligkeit – und, so könnte man noch ergänzen – auf künstlicher und nicht realer Herstellung beruht, doch die im Theater zwischen Verhörsraum und Missbrauchsraum wechselnde Bühne zeigt die enge Verwobenheit der beiden Netze, des normo-realen und des phantasmatisch-realen. Morris lässt sich durch einen Mann vertreten, der sich in die pädophile Netzwelt aufnehmen lässt, um herauszufinden, was pervers und verboten ist und was nicht.
Doch dieser Mann macht ihr gegenüber wiederum selbst erotische Avancen, so dass sie sich in ihn verliebt und dadurch alles ein bisschen durcheinandergebracht wird. Eine juristische Aufarbeitung erscheint nun nicht mehr ganz relevant, weil sich die Ermittlerin ja nun selbst nicht mehr neutral verhalten kann und von ihrem neuen Lover abhängig ist. Doch die gezeigten Lustmord- und Missbrauchsszenarien tun das ihre. Ist zu viel Pornokonsum nicht vielleicht doch schädlich? Schwelgen nicht Anti-Kriegsfilme immer auch in dramatischen Kriegsszenarien und bewirken so das Gegenteil? Was macht man mit den realen Pädophilen, von denen es offensichtlich mehr gibt, als bekannt ist?
Mit Sicherheit wird es bald derartige Netzwelten geben, perfekte ‚Aktiv-Refugien‘, für die nicht einmal mehr Bilder realer Personen verwendet werden müssen, denn alles ist KI-erzeugt. Doch das Problem ist dann nicht mehr nur das von Herrn Sims, der viele Stunden täglich in seinem ‚Refugium‘ verbringt, aber einem juristischen Verhör noch folgen kann, sondern das, dass jeder Einzelne seine eigenen uferlosen Phantasien virtuell-real umsetzen will und sie alle in der normalen Realwelt nicht mehr zusammenwirken und folgen können. Vielleicht Verändern ein paar Pornofilme nicht den Charakter des Einzelnen, wohl aber eine tägliche Sucht solche Filme zu lange Zeit zu konsumieren.
Der Plot wird jedoch bei der Virtual-Reality-Netzwelt noch weit krasser ausfallen. Möglicherweise hilft den Nutzern (als einer der angekündigten Sonderfälle) dann doch die Psychoanalyse Le Soldats,(8) die wohl noch gerade wissenschaftlich genug ist, um die sexistischen und aggressiven Geister, die in der Therapie wie bei Goethes Zauberlehrling ständig aufgerufen werden, wieder loswerden zu können. Denn ohne eine Schnittstellen-Übertragung in die Welt der kombinierten Wort-Bild-Kommunikation wird man in der Virtual-Reality-Welt vom imaginären Teil der Netzwelt überrollt und verstrickt verloren gehen, egal, ob diese nun pervers oder psychotisch ist, um wieder einmal ein paar Vater-Wörter zu gebrauchen.

[1] Schaaf, J., Semmling darf nicht Papa sein, FAS 12. 7. 2020
 

[2] Schug, A., et al.  Das  Regenbogenväterbuch,  Ratgeber  für schwule Papas, Omnino-Verlag (2020)

[3] Ein Ausdruck des Kognitionswissenschaftlers D. Hofstadter.

[4] Auch dies argumentiert Lacan schlüssig und setzt sich damit von allen anderen Versuchen über gestisches Sprechen, über erste Bezeichnungen für Dinge etc. als Ursprung der Symbolsprache hinweg.

[5] Lacan, J., Seminaire XII, Vortrag vom 6. 1. 65

[6] Lacan, J., Seminaiere Nr. XIX, Ed. Seuil (2011) S. 104

[7] LGBTIQ,  Lesbian,  Gay,  Bisexual,  Transgender,  Intersexual, Queer.

[8] Ich komme später zu Le Soldats Theorien und ihrer Praxis.

 

Die Psychoanalyse neu erfinden

 

Lange Zeit habe ich geglaubt, dass die Psychoanalyse eine dritte Wissenschaft ist, die sich neben den Natur- und Geistes-Wissenschaften etabliert hat. Sie geht davon aus, dass die Natur des Menschen seine Beziehung zum Menschen ist, und das Wort Natur mir darin besonders gut gefallen hat. Doch was ist dann die Natur der Natur, dachte ich mir blödsinniger Weise und fing an, die Natur der Wissenschaften genauer zu hinterfragen. Dazu passt, dass sich der französische Psychoanalytiker J. Lacan in seinem vierundzwanzigsten Seminar sich die Frage stellte, ob der klassischen Psychoanalyse nicht die Natur eines „Autismus zu zweit“ zu Grunde liegt. Schließlich verurteilen sich in der psychoanalytischen Sitzung der Analytiker und sein Patient dazu, dass sie, obwohl keiner vom anderen etwas weiß und sie auch keine feste Thematik haben, ein paar hundert Stunden zusammenzusitzen (scheinbar konsterniert nur jeder für sich).

Freilich ist dies so nicht der Fall. Sie tun nur etwas anderes als das, was üblicherweise passiert: Zusammensitzen und über alles Mögliche gescheit (im Allgemeinen oder im Gelehrten-Jargon) daherreden, obwohl klar ist, dass niemand tief Persönliches, Wahrhaftes, Enthüllendes, Grundlegendes, Ehrliches etc. von sich gibt. Sie sind Fassaden-, Pseudo- und In-die-Kulissen-Redner. Ganz anders verhält es sich mit dem Psychoanalytiker und seinem Patienten, wenn sie in der herkömmlichen Form dieser Therapie wie ein „Autismus zu zweit“ agieren. Denn dies klingt ja so, als würden sie in genialer Weise so aneinander vorbeireden, dass gerade dadurch ein erleuchtender Funke entsteht, wenn sie mitten in dieser Paradoxie doch einmal perfekt zusammentreffen.

Bei ihnen geht es also vielleicht so zu, wie wenn jemand, der gerne Bücher liest, in einer Kleiderladen geht und den Verkäufer um einen guten Roman bittet. Auch diese beiden stehen sich erst einmal konsterniert gegenüber. Doch vielleicht frägt der Verkäufer schelmisch zurück: Weich und warm verfasst, verfertigt wie Flanell oder kühl und leicht wie Leinen? Immerhin, so ganz aneinander vorbei werden die beiden dann nicht reden. Der Verkäufer nimmt das Wort vom ‚guten Roman‘ allegorisch, der Käufer will wohl ein Kleidungstück, das wie ein ‚guter Roman‘ passend sein soll. Es geht um zwei Qualitäten, gut und romanhaft, die wie Flanell oder wie Leinen genommen werden können, und über die sich zwei Fremde, zwei Autisten einigen könnten, obwohl sie scheinbar nicht die gleiche Sprache sprechen oder – um den Naturbegriff noch einmal aufzunehmen – unterschiedliche Naturen sind.

Ganz im Gegensatz dazu steht das, was der Wissenschaftsjournalist M. Gladwell in seinem neuesten Buch schreibt, dass nämlich die Menschen zu viel von dem glauben, was ihnen andere, speziell auch Fremde, sagen.[1] Sie scheinen total übereinzustimmen und kommen damit doch nicht zu einer Einigung, sondern reden ständig aneinander vorbei, obwohl sie die gleiche Sprache verwenden und auch von Natur her gleich sind. Sie sprechen, aber wie die oben zitierten Fassadenredner sagen sie sich nichts, während der Kleiderverkäufer und sein Kunde sich vielleicht mehr sagen als nötig ist, aber dazu nur zwei Worte (Qualitäten) benötigen. Sie scheinen aus der Zeit gefallen zu sein, während die Personen in Gladwells Bestseller ständig darauf aus sind, in Form von Verhören, wichtigen Gesprächen und Missbrauchsbeurteilungen auf der Höhe gegenseitiger Verständigung zu sein.

Bevor ich wieder zu Gladwell zurückkomme, nochmals zur Psychoanalyse. In ihr umkreisen sich also zwei Protagonisten als zwei Unbekannte wie in einem unzugänglichen Urwald oder irgendeinem anderen, sonst völlig menschenleeren Land wie zwei Autisten. Der Überlebenskünstler Rüdiger Nehberg traf einmal im Regenwald Brasiliens auf so jemanden, der wie er dort herumstreifte, aber Nehberg hatte nicht viel in der Hand, während der andere gut gerüstet schien. Nehberg war beim Survival-Training, wo man nicht einmal ein Messer dabei haben durfte, und so war er etwas in Panik. Die beiden begrüßten sich zwar freundlich, aber konnte der andere nicht doch denken, dass Nehberg genug Geld mit sich trug oder ihn aus anderen Gründen mir nichts dir nichts umbringen konnte? Sie stellten eine dritte Art des aneinander Vorbeiredens oder besser dar, die aus Sprachlosigkeit besteht.

Niemand würde davon erfahren, wenn einer dem anderen etwas antäte, zig kilometerweit gab es keinen Menschen. Nehberg griff zu einer List und rief mit lauter Stimme Roberto oder Mattheo, so als wäre er mit einem Freund zusammen, der sich in Rufweite aufhielt. Damit andeutend, dass er nicht allein war, konnte er nun mit dem Fremden ein paar gekünstelte Worte wechseln und sich von ihm ein Bild machen, aus dem heraus das Gegenüber besser einzuschätzen war. Noch bevor Roberto oder Mattheo erneut gerufen werden musste, konnte man sich wieder trennen und dem Fremden gute weitere Wanderschaft wünschen. Ein derartiges Verhalten war genau im Gegensinne Gladwells gewesen: Aneinander vorbei aber ausnahmsweise doch gut verlaufen.

Gladwell ist nämlich der Auffassung, dass die meisten Menschen sich in einem prekären „Wahrheitsmodus“ befinden, in dem man wie gesagt zuerst einmal alles glaubt, was der Andere, vor allem auch der Fremde, einem sagt, auch wenn dies seltsam, ungut, missgünstig oder fragwürdig ist. Der Autor beschreibt Fälle aus der Politik, Kriminologie sowie von Missbrauch und anderen affektiv aufgeladenen Situationen, die meist nicht gut ausgehen, weil autistisch aneinander vorbeigeredet wird. Was er meint, ist jedoch eigentlich der Modus einer antizipierten Wahrheit, eines zu voreiligen Schließens, einer verbalen Beziehungsnaivität. Das eben ist beim Psychoanalytiker genau umgekehrt, denn der glaubt seinem Patienten gar nichts. Auch wenn dieser nicht offen lügt, so weiß der Psychoanalytiker dennoch, dass er auf jeden Fall nicht die Wahrheit sagt. Während der Kleiderverkäufer weiß, dass der Andere nicht das will, was er sagt, aber die Wahrheit in der Luft liegt, weiß der Analytiker nur, dass die Wahrheit im Unbewussten liegt. Der Käufer bekommt schließlich einen Text. . ., ein Textil. Aber was bekommt der Patient in der Psychoanalyse?

Er bekommt die Wahrheit  in Form des von Freud entdeckten ‚infantil Sexuellen‘, das selbst noch spät im Leben des neurotisch Kranken im Unbewussten versteckt geblieben ist. Diese Wahrheit muss anhand des Prekären oder Allegorischen in der infantilen Struktur des Begehrens selbst gefunden werden, weil sie noch unbewusst ist und nur durch viele und lange Gespräche geklärt werden kann. Der Psychoanalytiker muss seinen Patienten aus dessen Versteck durch das Angebot der ‚freien Assoziation‘ herauslocken. Frei zu sagen, was immer ihm einfällt, erinnert an den Kunden im Textilladen, was den Verkäufer nötigt, kühne Vergleiche zu ziehen, und ermöglicht dem Therapeuten, zwischen den Zeilen, zwischen den Assoziationen, das zu Entschlüsselnde zu deuten.

Nun kommt der Patient zwar zum Psychoanalytiker, um solch eine Klärung zu finden, die seine Symptome heilen kann, aber er leistet Widerstand, er will die Wahrheit nicht sofort und nicht so ganz genau finden, er versteckt sich in sich selbst. Er riskiert ein aneinander Vorbeireden, indem er sich ja um Therapie bemüht, aber ein Misslingen dem Therapeuten in die Schuhe schieben kann. Demgegenüber verstecken sich die Menschen bei Gladwells Beschreibungen nicht vor sich selbst, sondern vor den anderen, was besonders deutlich bei den Schilderungen von Doppelagenten herauskommt. Eine Agentin, die beim amerikanischen CIA als Spionin angestellt war, so erzählt Gladwell, musste sich bei den vorgeschriebenen halbjährlichen Testungen durch ihre Chefs vor dem selbigen verstecken, weil sie in Wirklichkeit für den kubanischen Geheimdienst tätig war. Doch erst nach zwanzig Jahren wurde sie verhaftet, obwohl es bei diesen Befragungen schon vorher immer wieder einmal Verdachtsmomente gegeben hat, dass sie Gegenspionage betreibt. Auch sie – Geheimdienstlerin und Prüfer - waren sich demnach gegenseitig Autisten.

Einmal hat die Doppelagentin mit einer Antwort zu lange gezögert, ein anderes Mal war sie eindeutig verwirrt. Der Befrager hatte wissen wollen, ob bei einem Nach-Hause-Weg von ihrem Büro etwas vorgefallen war oder sie jemanden Bekannten gesehen hätte. Hatte sie, aber es war einer ihrer kubanischen Kollegen gewesen, bei dem sie natürlich so tun musste, als kenne sie ihn nicht. Denn es galt aber als vereinbartes Zeichen, die Zentralstelle in Havanna anzurufen. Schließlich kann ein Geheimdienstler nicht einfach am Telefon angerufen werden. Nicht einmal ein Augenzwinkern durfte sie sich leisten, als sie den Kollegen sah. Erst danach rief sie in Kuba an.

Trotzdem war es ein Riesenproblem, wenn der eigene, hier jetzt der amerikanische Kontrolleur, sie so dezidiert fragte, ob sie auf dem Nach-Hause-Weg jemanden gesehen hätte. So eine Frage klingt doch nicht nach reinem Zufall, der Befrager musste wohl alles wissen. Er musste von diesem Erkennungszeichen erfahren haben, oder nicht? Denn er hätte auch fragen können, „haben Sie vor Tagen einen Anruf aus Kuba bekommen“? Oder: „Wo waren Sie vorgestern“? Alles konnte Finte oder Wahrheit sein. Die Doppelagentin brach wegen der Frage nach dem Nach-Hause-Weg fast zusammen, der Kollege aus Kuba konnte ja etwas verraten haben. Sie sagte aber schlicht ‚nein‘, sie haben niemand gesehen, und – es passierte nichts. Der Befrager befand sich im „Wahrheitsmodus“ und glaubte ihr. Die sichtbaren Assoziationen ihrer Verwirrtheit wurden nicht genutzt. Erst viel später wurde sie enttarnt.

Die beiden psychoanalytischen Autisten, der Therapeut und sein Patient, versuchen jedoch ständig, sich zu enttarnen, denn sie haben sonst nichts zu sagen. „Es gibt jedoch eine Sache, die es möglich macht, diesen Autismus aufzubrechen, nämlich dies, dass die Sprache eine gemeinsame Angelegenheit ist und eben das ist der Garant dafür, dass die Psychoanalyse nicht irreduzibel hinkt, von dem her hinkt, was ich soeben ‚Autismus zu zweit‘ genannt habe“.[2] Es ist also nicht so schlimm, wenn sich zwei Menschen total fremd, jeder nur auf sich bezogen, zusammensetzen, um sich auszusprechen und sich zu enthüllen, wenn sie die gemeinsame Angelegenheit nutzen, nämlich die sich total öffnende und enthüllende Sprache. Genau dies tun natürlich die Doppelagenten nicht, weshalb es also gegensätzlich wie in der Psychoanalyse zugeht. Sie versuchen die Sprache zu pervertieren, sie demnach für alles andere als zur Kommunikation oder gar zur Enthüllung zu nutzen.

Aber genügt es wirklich immer, zu jeder Zeit und mit jedwedem sich offen auszusprechen, wenn man dies will? Es könnte ja doch so sein, dass keiner mit dem Satz des anderen auch nur das Geringste anfangen kann, dass also zum Beispiel der Verkäufer seinen Kunden für verrückt hält. Oder der Patient in der Psychoanalyse einen Es-Widerstand hat, also nicht nur von seinem Ich her, sondern aus der Tiefe seines Es, seiner Triebkräfte her, den Enthüllungen eines ‚infantil Sexuellen‘ eine Blockade entgegensetzt. Aus diesem Grunde, dem des perfekten Nicht-Verstehens und Nicht-Begreifens versuchte der bekannte Linguistiker N. Chomsky einen grammatikalisch einwandfreien Satz zu finden, der sinnlos ist.

Chomsky wollte damit zeigen, dass das Wesen der Sprache nur formal erfasst werden kann und nicht rein inhaltlich. Er wollte, dass seine generative Grammatik die Urformel schlechthin darstellt, und Semantik, also Bedeutungszusammenhänge und anderes darauf aufgesetzt entwickelt werden. Der Satz, den Chomsky schließlich fand, und der inhaltlich völlig sinnlos sein sollte, lautete folgendermaßen: „Colorless green ideas sleep furiously“ (farblose grüne Ideen schlafen fürchterlich). Klingt ja wirklich ziemlich chaotisch. Nun ist dieser Satz absolut nicht sinnlos.

Er wurde vielleicht in einer Zeit erfunden, als es noch keine Grünen Parteien gab oder entsprechende Politiker. Denn dass ‚grüne Ideen‘ ‚farblos‘ sein können und vielleicht sogar gerade dadurch ‚fürchterlich schlafen‘, klingt – zumindest psychologisch – gar nicht so unsinnig. Politisch mag man darüber diskutieren oder gar das Gegenteil zutreffen, auch außerhalb des Politischen hat der Satz Sinn. Später haben die Linguisten daher einen anderen Satz gewählt: „Der Gnafel gircht, dass Inkeln schnofel sind“. Aber auch hier ist eindeutig – vielleicht sogar noch besser als im ersten Satz – ein Sinn zu eruieren.

Der ‚Gnafel‘ ist vielleicht ein Jemand, möglicherweise eine mythisch märchenhafte Figur, ein Kobold oder Gnom, egal, er ist auf jeden Fall einer, der offensichtlich keine moderne Sprache spricht. Er mümmelt, raunzt, grunzt, röchelt ‚gircht‘ oder artikuliert sich irgendwie sonst. Zudem wird ganz klar etwas ausgedrückt, und zwar dass die ‚Inkeln‘ (wohl ähnliche und doch gegensätzliche Wesen als die ‚Gnafels‘, denn beide Namen klingen nach mittelalterlichen, seltsamen Gestalten) ‚schnofel‘ sind (blöd, schäbig, schofelig oder was auch immer eher Abwertendes gemeint ist). Die Aussage dieses Satzes ist also klar und nicht sinnlos.

Lacan meint daher zu Recht, dass jeder Satz – wie entstellt er auch sein mag – Sinn habe. Er wollte damit auf den Sinn des Unbewussten hinweisen, jenes seelischen Bereiches, der – wie er sagt – ‚wie eine Sprache strukturiert ist‘ und damit sich auch irgendwie sinnvoll artikulieren kann, auch wenn es nicht von selbst geschieht. ‚Wie eine Sprache‘ soll eben heißen: das Unbewusste ist einer symbolischen Ordnung, einer Laut-Zeichen-Ordnung folgend so aufgebaut, dass die Dimension des logischen sich Vermittelns vollständig vorhanden ist, in der – umgekehrt zu Chomskys Theorie – die Wahrheit (und damit freilich auch die Lüge) eine entscheidende Rolle spielen können.

Denn die Natur und auch die nüchterne Linguistik selbst kennt keine Wahrheit. Es gibt in ihr vielleicht Begriffe wie ‚richtig’ im Sinne von passend und ‚falsch’ (negativ, unangepasst), aber nicht Wahrheit und Lüge. Auch Gladwells Doppelagentin log nicht, wenn sie ‚nein‘ sagte, denn sie ging ja an dem Kollegen vorbei als hätte es ihn nicht gegeben. Etwas gesehen zu haben, das es nicht gibt – darauf konnte sie mit ‚nein‘ antworten. Für einen Doppelagenten wäre es katastrophal zu lügen, er käme aus dem Lügengespinst eines Tages nicht mehr heraus. Zwischen ihr und ihrem Befrager ging es nur um richtig oder falsch. Richtig war, eine perfekte Spionin für die Amerikaner zu spielen, nein, zu sein. Darauf musste sie alle ihre Aussagen einrichten. Ihr Verhängnis war, dass ihr das totale aneinander Vorbeireden nicht mehr gelang.

Wie sie später, als die Amerikaner sie zum Tode verurteilen wollten, glaubwürdig argumentierte, sei sie zur Spionage nur deswegen gekommen, weil ihr die von Amerika drangsalierten Kubaner leidtaten. Das war die Wahrheit, doch die galt nicht mehr, oder war auch nie wirklich gefragt. Mitleid war nicht richtig und nicht falsch. Gefragt war das ‚mentir vrai‘, das Lügen-Wahre, wie es eine psychisch kranke Frau benutzte.[3] Und so verwenden die Geheimdienstler wie auch viele heutige Wissenschaftler – wie Lacan weiter sagt – das ‚präformierte Modell einer richtigen und als wahr geltenden Antwort’– und legen nicht Wert auf den Kampf um das Wesen der Sprache und um die grundlegende Wahrheit.[4] Sie sprechen alle so, dass man darauf nur mit einer definitiven Antwort reagieren kann, ansonsten ist gar nicht gesagt.

Sie befinden sich also im Modus eines präformierten Gesprächsmodells, einer grundsätzlichen Kommunikationslüge, in der es eben nur um richtig und falsch geht, obwohl behauptet wird, man suche die Wahrheit. Aus diesem Vorbeireden, diesem Falsch-Richtigen, diesen nicht sinnlosen, aber wertlosen Sätzen, wird die Wahrheit stets umgangen, erlogen oder ganz vernichtet. Das Falsch-Richtige, das ‚Präformierte‘, ist eine Kategorie im Bildhaften, im Imaginären, im Bild-Wirkenden, während die ‚wahre Antwort‘ eine Kategorie im Worthaften, Symbolischen, Wort-Wirkenden ist. Deswegen versuche ich in diesem Buch mit dem Konzept des ‚vertikalen Ichs‘ eine Institution zu schaffen, die über diese beiden Kategorien hinausgeht, indem sie sie in engster Weise kombiniert.

Klingt rätselhaft, aber es geht um nichts anderes, als man in den sechziger und siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts heftig darüber diskutierte, ob man mit den Kommunisten reden und sich wahrheitsmäßig mit ihnen verständigen kann. Viele sagten, dass die Kommunisten doch nur die Weltrevolution wollen, und dass sie somit ein Gespräch nur für ihre Zwecke, als Ablenkung sozusagen, nutzen würden, und dass hintenherum die Sowjetunion doch den Angriff auf den Westen weiter vorantriebe (das ist das bildhaft ‚Präformierte‘). Und tatsächlich, in der Kubakrise 1962 wollten die Russen gerade Raketen installieren, die weit nach Amerika gereicht hätten, kehrten aber um, als der damalige Präsident J. F. Kennedy mit einem Atomkrieg drohte, was auch nicht die verbindlichste Sprache war. Aber der Friede blieb gewahrt, und so war es die richtige, fast wahrhafte Antwort.

Bezüglich der Wahrheit existiert aber eine bessere Kombination dieser beiden Grundkategorien, die auch für mein weiteres Schreiben wichtig sein werden. Bessere Kombination, indem sie  aus dem Inneren eines jeden Einzelnen kommen kann, wofür ich hier mit dem ‚vertikalen Ich‘ eine Hilfe zur Selbsthilfe anbieten will, das die Psychoanalyse etwas umkrempelt. Denn heute ist eine Psychoanalyse notwendig, die nicht mehr von außen an einen herangetragen wird, sondern die aus dem Inneren jedes Einzelnen kommt. Seit Jahrzehnten ist keine Änderung in der Handhabung der Psychoanalyse zu sehen, alles nur Routine. Wir sehen in den Nachrichten die schaurigsten und negativsten Dinge, hören die Politiker gescheit daherreden, und wissen dabei, dass nichts passieren wird. Da nutzen keine Revolutionen mehr wie sie die Psychoanalytiker G. Deleuze und F. Guattari in den 68er Jahren angezettelt haben. Die Änderungen müssen vom Einzelnen kommen.

Im  Kongress vom 7. - 9. 7. 1978 konnte Lacan noch darauf hinweisen, dass „das Unbewusste vielleicht ein Freud’scher Wahn ist, es erklärt alles, aber wie ein gewisser Karl Popper, Philosoph, das gut ausgedrückt hat, es erklärt zu viel“.[5] Man benötigt demnach für die heutige Zeit tatsächlich eine andere Psychoanalyse, die den ‚Autismus zu zweit‘ in den Einzelnen hineinverlagert, weil dann schnellere, ja doppelte Ergebnisse zustande kommen, die dringend gebraucht werden. Ich erkläre später noch, was genau damit gemeint ist.

Zu viel erklären führt immer zu einer suggestiven Untermauerung des zu Sagenden und zu überbordenden Sinnversuchen. Genauso wie bei den „Colorless green ideas sleep furiously“, wo nur mit fünf Worten trotz totaler Verdrehung ein klarer Sinn ausgedrückt wird, ist auch im Unbewussten der Sinn in Überfülle da, und man muss eine gute Methode haben, um den wirklich bildhaften und zugleich worthaften Sinn herauszuholen. Den, wo es sich zeigt, wo es sich offenbart, und wo es nicht nur allegorisch, versteckt, verlogen, falsch/richtig herbeigeredet wird, sondern von sich aus in der gelungenen Kombination der beiden Kräfte (bild- und wort-Wirkend) wahr, direkt, authentisch spricht, wodurch jeder daran teilnehmen kann.

Auf dem gerade genannten Kongress meinte Lacan wohl wegen der mangelnden Betonung auf dem Bildhaften und sich Zeigenden, dass die Psychoanalyse nicht richtig übermittelbar sei. Man kann zwar psychoanalytische Therapien durchführen, aber den ausgebildeten Psychoanalytikern selbst gelingt es nicht, die Freud-sche Pioniertat in dieser Inhaltlichkeit und Größe neu zu vermitteln. „Die Psychoanalyse ist nicht übermittelbar. Es ist schon ziemlich ärgerlich, dass jeder Psychoanalytiker gezwungen ist – denn er muss ja dazu gezwungen werden – die Psychoanalyse neu zu erfinden. . . Es ist notwendig . . dass jeder Psychoanalytiker neu erfindet, auf welche Weise die Psychoanalyse fortdauern kann“. Das war eine strikte und sehr neu und modern vorgebrachte Aussage. Denn üblicherweise bewahren die psychoanalytischen Ausbildungsinstitute ihre Vorgehensweisen und Regularien konservativ und wie eingeschlossen in einem akademischen Klüngelverein.

So spricht man auf hohem intellektuellem Niveau, also spezialisiert in der Vertikalen aufgerichtet, jedoch nur unter sich, d. h. deutlich eingeengt. Klassischer Fall einer Gelehrtenrepublik, die vertikal und horizontal zu eng spezialisiert ist. Doch dieses Problem ist den Psychoanalytikern durchaus bekannt. Wie in der Krankenbehandlung soll auch in der Lehranalyse der Psychoanalytiker vollkommene Abstinenz halten, also nichts von seinem Es, Ich oder Überich in die Gesprächssituation einbringen. „Die Grenze zwischen Beziehungsphantasie und -realität“ darf nicht unsicher sein, was jedoch gerade in einem Ausbildungsinstitut, in dem auch die Lehranalyse stattfindet, unmöglich ist.[6]

Denn dort vermischen und verwickeln sich Lehrer und Novizen bei den verschiedenen Veranstaltungen im gleichen Haus. Die Gelehrten wollten sich ihr Meinungsdiktat nicht nehmen lassen und gründen in immer neuen Schulrichtungen neue Institute, halten scholastische Kongresse ab und lassen zur psychoanalytischen Ausbildung nur die ‚Normopathen' zu (Bird,1986), konservative, angepasste Zeitgenossen, und fördern die `dull normals' (Kernberg,1984), die Stinknormalen, die im Wesentlichen die Annehmlichkeiten der ökonomischen und sozialen Privilegien des gehobenen Mittelstandes im Auge haben“.[7] Wie der Psychoanalytiker Thomä bemerkt, wurde die Lehranalyse in den letzten Jahrzehnten immer mehr zur Superanalyse (Supertherapie) hochstilisiert.[8]

In einem neuen Heft der Zeitschrift PSYCHE wird diese Problematik der psychoanalytischen Ausbildungsinstitute ausführlich erörtert. Denn inzwischen ist längst bekannt, dass das Verfahren, wer zur psychoanalytischen Ausbildung zugelassen wird, von zu viel Voreingenommenheiten und Vorurteilen, von Undurchsichtigkeiten und Partikularismen geprägt ist.[9] Man muss zu drei vom Institut ausgewählten Analytikern gehen, die einem nicht andeutungsweise sagen, wie sie einen einschätzen. Auch im fortgeschrittenen Verlauf – auch nach hunderten Stunden Lehranalyse und mehreren Jahren dieser kostspieligen Ausbildung – kommt es immer wieder zur Verweigerung der Berufszulassung als analytischer Psychotherapeut. Der Psychoanalytiker G. Schneider bemerkt daher, dass „es jedenfalls nicht unvorstellbar ist, dass . .  ein Kandidat gegen seine Nichtzulassung oder sein Nichtbestehen beim Abschlusskolloquium . . gerichtlich vorgeht“.[10] Aus der Vereinigung, die Freud zum Wohlwollen der Menschheit begründet hat, wird eine Art Inquisition.

Aus all diesen Gründen versucht man jetzt, die Zulassungs- und Ausbildungskriterien mit hohem wissenschaftlich definierten „Kategorien der Kandidatenkompetenz“ zu etablieren.[11] Doch die mehr intuitive, bisherige Art der Kandidatenkompetenzbestimmung wird durch eine so hoch intellektualisierte, vielschichte Filtermethode wie die oben erwähnte nur noch mehr eingeengt, zensuriert und überfrachtet. Die Psychoanalytikerin Heenen-Wolf sieht die Ursache derartiger Regulierungen in den sich weiterschleppenden Übertragungsprozessen.[12] Bekanntlich überträgt der Patient auf seinen Therapeuten, aber auch der fertige Psychoanalytiker auf andere Kollegen, Bedeutungen (Gefühle, Regungen, gedankliche Inhalte etc.) aus früheren oder anderen Beziehungen. Diese Übertragungen sind sinnvoll, denn es lassen sich daraus Interpretationen auf die Motive und seelischen Strukturen des Übertragenden ziehen. Doch sie sind meist von Idealisierungen und persönlichen Eigenheiten durchdrungen, die sich schließlich wie Clanbildungen oder die oben genannten Klüngelvereine auswirken.

Ich konnte dies alles am Anfang meiner Ausbildung nicht erkennen. Mir fiel nur die schulmeisterliche, manchmal spießige und biedermännische Art der meisten Institutsmitglieder auf, wo ich mir doch Souveränität ausstrahlende Persönlichkeiten gewünscht hätte. Ich habe mich daher nach meiner Ausbildung gleich von vornherein keiner Fachgesellschaft angeschlossen, zur Doppelagentur (zur Psychoanalyse zu stehen, sie aber auch zu kritisieren) genügte es, den Beruf ein paar Jahrzehnte lang auszuüben und zudem noch Zeit für anderes zu haben, so z. B. für Yoga und Meditation, wo der ‚Autismus zu zweit‘ zum Normalvorgang des einzelnen Übenden gehört, denn man muss diese Praktiken zwischen sich und seinen Unbewussten ja alleine ausführen.

Nun gut, in diesem Sinne will ich eine Neuerfindung in diesem Buch versuchen, indem ich auf das von mir entwickelte Verfahren der Analytischen Psychokatharsis hinweise und im Anhang auch eine detaillierte Beschreibung davon gebe. In diesem Verfahren wird das Ich nicht spezialisiert aufgerichtet, sondern breit und umfassend. Kollegen haben mir gesagt, mein Verfahren sei sehr interessant, aber keine Psychoanalyse, schon gar keine Weiterentwicklung derselben. Aber so ist es ja auch Lacan selbst ergangen, als man ihn aus der Internationalen Psychoanalytischen Gesellschaft ausschloss. Man warf ihm sogar Scharlatanerie vor, inzwischen ist er der nach Freud am meisten rezipierte Psychoanalytiker. Seinen Ausschluss verglich er mit der ‚excommunicatio major‘, der päpstlichen, autokratischen Machtdemonstration.

Dadurch habe ich in meinem Verfahren die Psychoanalyse anders herum formulieren können, von ihrer Kehrseite her, der mehr bildhaften, imaginären Seite her, während sie klassischerweise mehr an der worthaften, symbolischen hängt. Bereits Lacan titulierte sein siebzehntes Seminar „Die Kehrseite der Psychoanalyse“, indem er sie von ihrer sprachlich betonten Seite auf die von Eigennamen, Wortspielen bis hin zu geometrischen und topologischen Besonderheiten verschob. Ich habe nun beispielsweise in ähnlicher Manier das bekannte Zuhören „mit gleichschwebender Aufmerksamkeit“ von Seiten des Analytikers herumgedreht auf die Seite des Analysanden, indem es in der Analytischen Psychokatharsis jetzt dieser selbst ist, der mit „gleichschwebender Aufmerksamkeit“ zuhört. Und zwar seinem eigenen Unbewussten.

In meinem Verfahren muss der Analysand, hier besser der Übende, der Proband, diese meditative Grundhaltung einnehmen. Es geht wie in der Psychoanalyse um ein Zuhören so halb in Trance. Er muss jedoch nicht nur mit „gleichschwebender Aufmerksamkeit“ in sich hineinhören, er muss auch das tun, was es in der psychoanalytischen Sitzung mit den „freien Assoziationen“, den spontanen, freien Einfällen, auf sich hat. Bekanntlich bringt der Patient (oder Klient) in der Psychoanalyse seine Übertragung ein, d. h. er überträgt Bedeutungen (Gefühle, Regungen etc.) aus früheren oder anderen Beziehungen auf den Therapeuten, der ihn auffordert, spontan und frei alles zu sagen, was ihm einfällt.

Auch dabei handelt es sich um ein Reden in tranceartiger Unbesonnenheit, aus dem heraus der Therapeut seine Interpretationen geben kann. Manche sagen: Therapeut und Patient träumen zusammen die Deutung. Ähnlich, wenn auch wie fast umgekehrt, muss der Proband der Analytischen Psychokatharsis sein Unbewusstes zum Sprechen bringen, indem nun dieses selbst dafür zuständig ist, nicht mit „freien Assoziationen“, sondern mit ‚freien Deutungen‘ zu antworten. Dazu hilft eine sprachlich völlig relevante und doch nichts definitiv aussagende Formulierung (sogenannte Formel-Worte, die ich später erkläre), die der Proband gedanklich einübt. Anders gesagt: das durch die genannte Formulierung in eine bestimmte Verfassung gebrachte Unbewusste spielt hier selbst die Rolle des Therapeuten, indem es selbst die Deutungen liefert, die für die Wahrheit des übenden Subjekts nötig sind. Diese Deutungen kommen in spontan vernommenen, gedanklich ‚gehörten‘ Formulierungen heraus, die ich Pass-Worte nenne. 

Ein Beispiel. Vor längerer Zeit hatte ich beim Üben der Analytischen Psychokatharsis, in der man in der ersten Übung bei geschlossenen Augen auf das Phänomen des Strahlt (was irgendwie diesen Charakter hat) achtet, in der zweiten Übung (konzentrieren auf das Spricht, den inneren ‚Laut‘)  solch ein Pass-Wort vernommen: „Man muss Männer und Frauen aufladen“. Seltsam, was heißt das? In meinem Fall geht es wohl um Patienten beider Geschlechter, aber was heißt aufladen? Aufladen womit, oder einfach nur sich selbst mit deren Problemen aufladen, sie zu containern wie Psychoanalytiker gerne sagen? Es war wohl beides gemeint, und hinsichtlich des ‚Aufladens womit‘ fiel mir sofort ein: mit Übertragung. Die Übertragung also verstärken, was besonders dann sinnvoll ist, wenn sie beim einstündigen Setting beispielsweise (nur eine Therapiestunde pro Woche) zu schnell wieder abflauen oder ganz abreißen könnte, wie die Psychoanalytikerin E. Loibner schreibt.[13] Sie verwendete verschiedene Techniken, um den ‚Faden der Übertragung‘ auch über eine Woche lang gespannt zu halten. Dieses Aufladen der Übertragung spielt nun bei der Analytischen Psychokatharsis eine wichtige Rolle, wozu ich gleich weiteres bemerken will.

Die Übertragung ist der tragende Faden, der sich durch die psychoanalytische aber auch analytisch kathartische Behandlung zieht und der nicht ganz lose und unsichtbar werden darf, sondern wenigstens leicht gespannt bleiben muss (damit sind auch die oben genannten Komplikationen vermieden). Eine positive, aber auch negative Übertragung in Richtung des Therapeuten setzt das Unbewusste in Gang, unter dessen Mitwirkung nunmehr frei gesprochen, ‘frei assoziiert‘ und dann gedeutet, interpretiert werden kann. Das zentrale Element, das zwischen Assoziationen, freien Einfällen und sogar Träumen und all derer Deutungen liegt, ist in beider Verfahren das Gleiche.

Ich behandelte viele Personen nur in diesem einstündigen Setting und stets in der gleichen, bequemen, leicht zurückgelehnten Sitzhaltung, doch die Aufrechterhaltung der Übertragung über nunmehr sechs Tage war nicht immer einfach wie auch Loibner berichtete. Gleicher Wochentag und gleiche Uhrzeit verstärkten bei ihrer Vorgehensweise den genannten Faden ein bisschen, aber insgesamt war es bei meinen Patienten meistens nicht ganz befriedigend. Als ich die Methode der Analytischen Psychokatharsis entwickelte, kam ich auf die Idee, einigen meiner Klienten zu raten, deren Übungen unter der Woche anzuwenden und sie sozusagen mit der psychoanalytischen Therapie zu kombinieren.

Das Problem war auf diese Weise gut zu lösen, doch selbst von den wenigen, denen ich diese Zusatzmethode empfehlen konnte, ließen manche in ihren Bemühungen die Übungen der Analytischen Psychokatharsis zumindest eine halbe Stunde am Tag durchzuführen, mehr und mehr nach. Den meisten, die zur analytischen Psychotherapie kamen, konnte ich mein Verfahren jedoch gar nicht anbieten, sie wollten davon nichts wissen. Das war ja auch verständlich, sie waren ja schließlich zu einer fest vereinbarten und von den Krankenkassen bezahlten Art der Therapie gekommen, und sollten jetzt zusätzlich noch Hausaufgaben mit einer anderen, unbekannten Methode machen. 

Doch für mich selbst war klar, dass das Verfahren der Analytischen Psychokatharsis gut geeignet war, den Faden der Übertragung sogar länger als nur eine Woche gespannt zu halten. Mit der Zeit kam ich darauf, dass er sich sogar über Monate gespannt halten konnte. So musste ich das Verfahren als etwas Eigenständiges entwickeln, indem ich von vornherein die kombinierte Methode empfahl. In der Methode der Analytischen Psychokatharsis entfällt auch das Drängen nach einer nicht zu lange hinausgezögerten Deutung. Die muss, wie die Psychoanalytikerin E. Loibner schreibt, ohnehin von selbst kommen.13 Vermittels der selbst angewandten Übungen während mehreren Wochen war daher auch die physische Gegenwart des Therapeuten nur noch bedingt notwendig.



[1] Gladwell, M., Die Kunst nicht aneinander vorbeizureden, Rowohlt (2019)

[2] Lacan, J., Seminaire 24 von 19. 4. 1977, übersetzt von R. Nemitz.

[3] Granon-Lefont, J., Topologie  Lacanienne  et  Clinique Analytique, Point Hors Ligne (1990) S. 25 - 40

 

[4] Lacan, J., Seminar I, Walter (1986) S. 202

[5] Lacan, J., Kongress über die Vermittlung der Psychoanalyse vom 9. 7. 1978

[6] Körner, J., Die Abstinenz der Lehranalytikers, Zeitschrift für Psychosomatische Medizin und Psychoanalyse 2 (1994)

[7] Cremerius, J., Vom  Handwerk  des  Psychoanalytikers,  frommann- holzboog (1990)

[8] Thomä, H., Psyche Nr 2 (1992) S. 115 -144

[9] Tuckett, D., Does anything go? Towards a framework for the more transparent assessment, Int J Psychoanal 86 (2005)

[10] Schneider, G., PSYCHE Nr. 2 (2020) S. 145

[11] Israelstam, K., PSYCHE Nr. 2 (2020) S. 83 - 117

[12] Heenen-Wolf, S., Die psychoanalytische Institution, PSYCHE Nr. 11 (2016) S. 1077 - 1088

[13] Loibner, E., Zur Vertiefung der Übertragung im einstündigen Setting, PSYCHE Nr. 1 (2020) S. 26-44

Aktuelle Seite: Home Fachbeiträge