Praxis der Analytischen Psychokatharsis

Das Verfahren der Analytischen Psychokatharsis ist von seiner praktischen Seite her sehr einfach durchzuführen. Man sitzt in bequemer Haltung und wiederholt in der ersten von insgesamt zwei Übungen rein gedanklich langsam hintereinander ein, zwei oder bis zu fünf der in den theoretischen Artikeln beschriebenen Formel-Worte,(1) während man gleichzeitig darauf achtet, ob etwas auftaucht, das den Charakter eines ‚Es Strahlt‘ hat. Bei dem Es Strahlt kann es sich um eine Erhellung, ein Schimmern, einen ‚Lichtpunkt‘ oder eine grundlegende Luzidität handeln, dem eben solch ein Phäno-men zukommt, und deren Auftauchen eine Katharsis (Befreiung, Loslösung) bewirkt. Es kann auch eine Körperbildwahrnehmung sein, die sich dann mehr wie ein sehr körpernahes ‚Durchrieseln‘, Durchschauern äußert. (2)   Das Strahlt ist also nicht etwas, das man selbst imaginieren, erzeugen oder gar erzwingen muss. Es ist in jedem Menschen als Primärform eines Kräftegeschehens (Triebkraft) vorhanden und muss so nur geweckt oder erwartet werden. Es kann auch die Empfindung des sich weitenden Raumes auftreten oder es einfach nur als schwarze Farbe, als Fleck vor den geschlossenen Augen festzustellen sein. Denn schwarz ist schon eine Wahrnehmung, die sich von der Dunkelheit im Kopf ganz gering abheben kann. Egal was auch immer ‚gesehen‘ oder erfahren wird, es wird den Charakter von einem auch nur ganz geringem ‚Es Strahlt‘ (wie in der Theorie erklärt) haben, und das genügt.

 

Dadurch tritt eine Entspannung ein, eine Katharsis (Reinigung), ein Befreiungserleben, das besonders dadurch gesteigert werden kann, wenn gleichzeitig die besagten Formel-Worte rein mental geübt wer-den. Sie werden wie monoton und nur gedanklich reverberiert, vielleicht mit kleinen Unterbrechungen. Gerade weil diese Formulierungen nichts Definitives sagen, wirken sie fördernd auf die Kontemplation, auf  die Luzidität, die Erhellung, die sich in Richtung auf ein innerlich-körperhaftes ‚Durchrieseln‘ verlagern kann. Die Katharsis wird nicht nur als Folge des Erlebnisses von Furcht und Mitleid in der antiken griechischen Tragödie beschrieben, sondern auch in den vielen mythisch, magisch, mystischen Praktiken, die als erlösend, kenntnissteigernd und therapeutisch bekannt sind. In der Analytischen Psychokatharsis dienen sie jedoch vorwiegend dem Zweck, durch ihr Gehobensein zur zweiten Übung gleitend hinüberzuführen. Denn das Hängenbleiben bei der zwar positiven, aber nicht wahrhaft im weiteren Sinne therapeutisch wirkenden Katharsis, kann nicht das letzte Ziel sein.
Nochmals: während man langsam die Formel-Worte gedanklich wiederholt, erlebt man das Es Strahlt in verschiedener Art, manchmal auch so, als stünde man ganz, ganz leicht unter Strom wie bei einer Chill-Out- Erfahrung, die etwas mit der Lacanschen ‚jouissance‘ (dem Genießen als solchem) zu tun hat, von der er schreibt, sie komme auch in jeder Form des Lebens vor. Letztlich fragte er sich, ob das Genießen nicht ein Merkmal des Lebendigen schlechthin ist, das heißt, ob auch Pflanzen genießen.  Lacan bejaht dies ganz vehement und sagt an anderer Stelle, dass auch die Bäume, die Amöben und die Bakterien genießen.  Man darf sich davon jedoch nicht dazu verleiten lassen, man sei so mit allem identisch und könne von dieser Identität aus auch wirken. Ic h erwähne dies alles nur, um darauf hin-zuweisen, wie vielseitig die erste Übung sein kann, und dass es notwendig ist, dass sie zur zweiten Übung hinüberführt.
Links  ist ein Formel-Wort dargestellt (mehr ist jedoch im Theorie-Teil zu erfahren). Dieses (RA-DIC-IT) ist kein normales Wort aus dem Lateinischen, aber es beinhaltet mehrere sich überschneidende Bedeutungen in einer Formulierung, es ist ‚linguistisch kristallin‘ aufgebaut wie es Lacan vom Unbewussten sagte. Außer dem radiat und dicit (Strahlt und Spricht) ergeben sich im Kreis geschrieben und von verschiedenen Buchstaben aus gelesen mehrere disparate Bedeutungen. So kann man hier z. B. auch „adi cit r“ (geh heran, es bewegt R) „C i tradi“ (hundert I  übergeben), „citra di“ (diesseits die Götter), „dicit ra“ (es sagt ra), „r adic it“ (füge r hinzu, es geht), „radi cit“ (gekratzt werden, es bewegt sich), „trad ici“ (erzähle, ich habe getroffen) etc. herauslesen, wobei vieles recht unsinnig klingt. Dies hat jedoch für den formalen Ausdruck keinerlei Bedeutung. Ausschlaggebend ist nur, die wissenschaftliche Begründung (mehrere Bedeutungen in einer Formulierung, Verwendung nur anderer Schnittstellen) klar darlegen zu können, und dies ist für das Verfahren sehr wichtig, weil man nur so volles Vertrauen in die Methode haben kann.
Nach dem R-A-D-I-C-I-T kann nun auch das Formel-Wort O-R-S-A-C-E-R-A-M hinzugenommen werden, denn sollte jemand wirklich Interesse haben, die analytisch-psychokathartische Methode zu erlernen, sind wenigstens drei dieser Formulierungen notwendig. Zwei oder gar nur eines würden einen zu schnell ermüden. In dem – einmal anders geschriebenen Formel-Wort C-E-R-A-M-O-R-S-A stecken je nach Ausgangsbuchstaben folgende Bedeutungen: C eram orsa (hundertfach war ich Beginnen,  amo R sacer  (ich liebe das heilige R), cera morsa (das zerstückelte Wachs), mors acer (der Tod ist bitter), amor sacer (die Liebe ist heilig) usw. Wie betont, kann man diese Bedeutungen gleich wieder vergessen. Sie sind zu disparat, also auf keinen Nenner zu bringen. Denn übt man sie in dem ein-heitlichen Schriftzug, wird man niemals den bitteren Tod mit dem zerstückelten Wachs und dem hun-dertfachen Beginnen in einem Sinngehalt zusammenbringen. Wichtig ist nur zu verstehen, wie die Formel-Worte aufgebaut sind, so dass man wissenschaftlich-intellektuell das Verfahren jeder Zeit hinterfragen kann. Kommen irgendwelche Gefühle oder Ideen hoch, die unpassend sind oder Angst machen, kann man nachdenken oder sich weiter über das Verfahren belesen. Blinder Glaube ist nicht gefragt.
Bei der zweiten Übung wird nunmehr auf genau den Ton, Laut, auf das ‚Es Spricht‘, das Echo des Körpers, also auf ein von oben / rechts im Kopf herkommendes Verlauten, auf einen Ton, Laut, aus dem tiefen Inneren geachtet.(3)  Es sind außer der Konzentration auf dem reinen innerlichen Ton oder Laut schließlich Buchstaben, die aus diesem ‚typographischen‘ Raum herausklingen und die das Un-bewusste dort gespeichert hält. Und genau in diesen Raum sind die Formel-Worte eingedrungen und haben die Buchstaben in ihrer B(r)uchstabenhaftigkeit geweckt und evoziert.  Auch hier wieder gilt das Gleiche: es handelt sich um einen ganz originären Aspekt des Entäußerungs- bzw. Sprechtriebes, der in jedem Menschen als Primärprozess vorhanden ist und im Unbewussten sogar die Form ganz knapper, kompakter „innerer Sätze“, „ultrareduzierter Phrasen“ annimmt (alles Begriffe Lacans für diese  lautli-che Erfahrung).
Auch hier können anfänglich nur ein feines Rauschen, ein ferner Laut oder Ähnliches wahrgenommen werden können, der Übende wird jedoch von Anfang an bemerken, dass es sich hier um eine Konzent-ration auf ein mehr oben-rechts oder oben-zentral im Kopf befindliches Hör-Sprechsystem handelt, zu dem die Echos des Körpers Beziehung haben, auf die hier zurückgegriffen wird. Auch wenn das ei-gentliche Hör-Sprechsystem im Kopf linksseitig angelegt ist, ist eben rechtsseitig das mehr rudimentä-re, musikalische, prosodische und der Regression besser zugängliche Hör-Sprechsystem vorhanden, und seine Echostruktur deutlich zu sehen. Dazu passen dann eher die kurzen Phrasen der Pass-Worte, während bei den längeren das linksseitige System (psychoanalytisch: das Vorbewusste) eine Rolle spielt.
Dazu ein Beispiel aus der Erfahrung eines meiner Adepten der Analytischen Psychokatharsis, das ich zwar in einem Buch bereits veröffentlich habe, und das lautete: „Das ist es nicht“! Im ersten Moment war dem Übenden nicht ganz klar, was das heißen soll, doch kam er später mit der Ahnung zu mir, dass es mit dem Verfahren selbst zu tun haben könnte. Ich bestätigte ihm das, denn solch ein Ausdruck erinnert sehr stark an den typischen psychoanalytischen ‚Widerstand‘, also an die Abneigung gegen das Vorgehen alles frei sagen zu müssen und gegen die Aufdeckung von zu viel verdrängter Wahrheit. „Das“, meine Methode, „ist nicht das, was es sein sollte“, was er sich vorgestellt hatte. „Das ist es nicht“.
Diese Interpretation leuchtete ihm ein, denn nun ich konnte ihm ja erklären, dass es doch genau das war, was die Analytische Psychokatharsis beinhaltet, nämlich dass es überhaupt so etwas geben kann wie ein Pass-Wort aus dem eigenen Inneren, dass ‚Es‘ tatsächlich in einem in dieser Weise Spricht.  Zudem konnte ich hier auf den/das Andere(n), also auf Lacans ‚L’Autre‘ verweisen, den er den Hort der Signifikanten, der Sprecheinheiten, nennt. Es sind diese „wichtigen Mitmenschen“, von denen auch der Psychoanalytiker Otto Kernberg sprach, die in einem als Ich-Ideal, Über-Ich aber auch als ein „tief empathisch verstehendes Ich“ verinnerlicht sind und sich zum innerlichen Anderen vereinheitlicht ha-ben. Zudem ist die unbewusste Wahrheit ja eben gerade nicht die übliche, allgemein kommunizierte und bewusst, bekannte Wahrheit, sondern die mit einer Umkehrung, die mit der Leerstelle, die gerade durch ihr überraschendes Auftauchen bei dieser zweiten Übung zustande kommt.
Das mit dieser Methode – wie etwa mit dem Ariadnefaden des R-A-D-I-C-I-T geweckte Unbewusste –  filtert allzu spekulative und enigmatische Aussagen aus. Zudem gehört vielleicht ein wenig psychoanalytisches Wissen dazu, um solch ein Identitäts- bzw. Pass-Wort in den druckreifen Text zu übersetzen, was bei dem Spruch mit „Das ist es nicht“ allerdings nicht allzu schwer war, denn es ging wohl um das Widerstrebende im Probanden selbst. Auch wenn jemand, wie Freud hinsichtlich einer Deutung zur konfliktbezogenen Mutter-Imago berichtete, mit empörter, affektgeladener und lauter Stimme betont: „Nein, die Mutter ist es keinesfalls“! handelt es sich höchstwahrscheinlich exakt um die Mutter. Eine zu heftige Abwehr ist in der Umkehrung die Bestätigung und betrifft die Wahrheit.
Und so ist das ablehnende „Das ist es nicht“ also nichts Aberwitziges. So verblüffend eine solche ge-dankliche Äußerung aus dem Unbewussten auch war, sie war doch für den Probanden beeindruckend und auch zutreffend. Paradoxer, trotziger, aber auch origineller hätte ihm dies kein Therapeut vermit-teln können. Nichts ist so wirksam wie das aus dem eigenen Inneren kommende Pass- oder Identitäts-Wort, das er sich – über einen unbewussten Umweg – ja selber gegeben hatte. Übertragung und Auflösung der Übertragung stehen hier ganz eng beieinander oder passieren im fast gleichen Moment. Wer irgend sonst ihm geraten hätte, er solle das Verfahren doch weitermachen, hätte ein ‚ja danke‘ aber nicht mehr bei ihm bewirkt. Doch die fast paradoxe Formulierung bezüglich des Umkehrsatzes weckte das Interesse viel ausgiebiger, und so übte er mit der Methode der Analytischen Psychokatharsis auch weiterhin.
In der ersten Übung existiert also nur ein Schein, ein Es Strahlt, ein ‚Durchrieseln‘ (vielleicht nicht ein Erschauern wie Moses es wohl bei der Erscheinung beim brennenden Dornbusch erlebt hat, aber ein ‚Durchschauern‘ im Körperbild, in dessen zusammengeschlossener Mehrschichtigkeit). Ich habe es schon als Ausdruck des weiblichen Über-Ichs beschrieben. Das verneinend Paradoxe – sage ich jetzt nachträglich –  hat meinen Probanden zu dieser Erkenntnis und Einsicht geholfen, daran hätte er als Vertreter der alltäglichen Meinung, dass die Psychoanalyse oder die Analytische Psychokatharsis ziemlicher Humbug ist, nicht gedacht. Er ist selbst zum Vertreter der Analytischen Psychokatharsis geworden und hat den Humbug beendet.
In diesem Ausdruck, im Pass-Wort, besteht das Wesentliche des analytischen Teils des Verfahrens, auch wenn man das Pass-Wort manchmal zusätzlich deuten muss. Die erste Übung bezieht sich dage-gen mehr auf das Meditative. Einige Anwender der Analytischen Psychokatharsis begnügen sich mit diesem ersten Teil der Methode. Sie wollen die Katharsis in einer gesicherten und wissenschaftlich begründeten Weise erfahren, mehr nicht. Jeder kann es handhaben, wie er will. Um neurotische Kon-flikte zu beseitigen und um mehr über sich wissen zu wollen, muss man allerdings auch die zweite Übung dazu nehmen, die auf der ersten aufbaut, aber im Ton- und Gedankenhören besteht.
Wenn man sich über Psychoanalyse etwas beliest und auch sonst Kontakt zu literarischer und wissen-schaftlicher und sonstiger Kultur hält, und auch den vorliegenden Text gelesen hat, einen Versuch mit den Übungen gemacht hat, kurz: ein bisschen Bildungsbürger ist, wird man die oft sofort einsehbaren Pass-Worte richtig deuten. So schreibt Freud, dass man sogar manche Träume, die ja nun viel entstellter sind als die Pass-Worte, und die in solch einem Fall auch unmittelbar vom Symbolisch-Realen herkommen, direkt vom „Blatt weg ablesen“ könnte. Man braucht nicht mehr den Träumer nach Einfällen dazu zu befragen und umständliche Interpretationen anzubringen.
Und noch ein letzter Hinweis, nach dem oft gefragt wird. Bemerkt man bei der Anwendung der Analy-tischen Psychokatharsis, dass der Strahlt-Anteil beim Üben zu stark ausfällt, wechselt man zur Spricht-Übung und umgekehrt. Ansonsten sind beide Übungen jeweils nur für etwa zwanzig Minuten durchzuführen. Der Wechsel von praktischer Erfahrung und theoretischem Denken ist wichtig, weil am Ende etwas Gemeinsames herauskommen wird: eine gedankliche Selbsterfahrung, eine praktische Logik, eine kathartische Analyse. Letztendlich finden beide Übungen zu einem inneren ‚Auftrag‘, einer Gewissheit von dem, was die Formel des Subjekts bedeutet, zusammen und so auch zur Möglichkeit am Verfahren mitwirken zu können.
Andererseits habe ich bereits beschrieben, dass man manchmal nicht nur in Gedanken vom meditativen Vorgang abweicht. Manchmal weicht man sogar zwischen den einzelnen Formel-Worten zu Bildern, Erinnerungen, zu einem Gemisch von beiden und zu Pass-Worten ab, und kehrt doch wieder zum Formel-Wort-Reverberieren zurück. Der Fortgeschrittene wird dies durchaus als bereichernd erfahren, denn er lässt sich nicht in eine einseitige Strahlt- oder Spricht-Richtung verführen, sondern bleibt beim Fortschreiten in der engen Kombination der beiden Grundtriebe, Grundprinzipien, des Spiegel- und Echodiskurses, des Bild-Wort-Wirkenden. Dies gibt ihm bildliche und sprachliche innere Erfahrungen, die ihm das Wesen seiner Identität offenbaren.

(1) Weitere Formel-Worte sind in anderen Veröffentlichungen oder auch auf der hinten angegebenen Webseite zu finden. Vorerst genügen die hier erwähnten. Mehr als fünf sollte man nicht benötigen.

(2) Damit ist eine Erfahrung gemeint, die etwas mit atavistischen Gefühlsreaktionen zu tun hat. Die Frühmenschen haben noch viel mit ihrer unbedeckten Haut gefühlt, ertastet und umweltbezogen kommuniziert. Auch bei bewegenden Musikstücken, wenn es einen mit den Rücken herunterrieselnden Schauer erfasst, greift man auf diese eben besonders tief gehenden Emotionen zurück. In der Analytischen Psychokatharsis wird diese Erfahrung jedoch neben dem befreienden Erleben auch als Bestätigung einer Erkenntnis genutzt z. B. bei den noch zu erwähnenden Pass-Worten.

(3) Der Ton, der wie von Lacan zitiert, den Primat des Sprechens beweist, ist seiner Auffassung nach auch wie ein Echo aus den im Körper (im Gehirn, im Unbewussten) gespeicherten Lauten zu verstehen.


 
 

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