Bild und Sprache - Mückentanz

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Bild: Mückentanz

Ökopsychoanalytisch betrachtet ist der „Wiesengrund" samt aller anderen vom Menschen oft romantisierten Spiele der Natur nichts anderes als ein großer Spiegel, in den wir mit unseren anthropomorphen Blicken hineinschauen. Wir spiegeln uns darin. Wir glauben, es müsste schön sein so wie die Mücken tanzen zu können, schließlich sind deren Bewegungen ja ungleich schneller und ausgiebiger, ekstatischer, weder ein Walzer noch ein Technorock können da konkurrieren. Und damit ist klar: unser Blick verfängt sich. A. Stifter hat geträumt, phantasiert und gedichtet. Wir können uns in die Natur versetzen, aber selbst wenn sie uns ihr letztes Geheimnis preis gibt, sind wir gerade mal da angelangt, wo die Natur - oder was sonst? - und gezwungen hat, Mensch zu sein. Ich will hier kein Manuskript vorlegen, das außer ein paar Gefühlen und pauschalen Beschreibungen keine Konsequenzen hat.

Wir müssen uns also nicht in die Naturmystik begeben, müssen sie nicht einmal weiß Gott wie tief als Zoologie, Botanik oder sonst etwas studieren und natürlich auch nicht romantisieren. Wir könnten höchstens Gott für sie spielen, Überflieger, Weitergeher, eben: Ökopsychoanalytiker. Wir lassen die Mücken in uns selbst tanzen, besser noch: Es einfach, Es tanzen lassen. Denn die Natur ist nichts anderes als ein sicher sehr weit gehendes, umfassendes „Strahlt". Ein Es Scheint, Strahlt, Oszilliert und Spiegelt, dem wir jeweils einen Namen zuweisen können. Welchen Namen? Weder einen, den wir aus der Natur selbst entnehmen können - so wie es noch der Mystiker J. Böhme sich dachte: signatura rerum gäbe es, Zeichen, Signaturen, die den Dingen aufgedrückt sind, man müsste sie nur ablesen. Noch einen, den wir unseren Vokabular entnehmen können, das wir ja nur erfunden haben, um uns - angeblich - zu verständigen. Natürlich verständigen wir uns gar nicht, meistens reden wir aneinander vorbei oder lügen gar. Das gilt auch für alle herkömmlichen Wissenschaften, Dichter und Denker.

Nein, es müsste ein Name sein, der aus sich selbst kommt. Eine creatio ex nihilo, wie man sie immer schon philosophiert hat. Nur - damit man nicht hintenherum wieder betrogen wird mit einem Namen, in dessen Namen eben schon jemand anderer seine ganz bestimmten Absichten untergebracht hat, müsste es also einer sein, bei dessen Entstehen man genau mit verfolgen kann, wie er entstanden ist. Genau das ist nämlich Wissenschaft, dass man weiß, wie das Wissen zu sich kommt. Dass man es nicht nur vorschwärmt oder mythisch aufdrängt wie es in der antiken oder daher auch mythisch genannten Wissenschaft passiert (z. B. auch in der Anthroposophie etc.).

So lange wir leben suchen wir den Tod in einer Form zu erreichen, in der wir noch so ein ganz klein bisschen über ihn frohlocken können. Es ist der Trick der Religion, dass sie behauptet, das zu können. Aber sie stützt sich auf Statuten, auf alte Bücher oder trockenes, rein literomanisches Schriftstudium. Auf uralte „Offenbarungen" oder gibt es jemand heute, der gezielte „Offenbarungen" hat? Und selbst wenn er sie hätte, was soll das sein, dass etwas sich offen, licht, klar, transparent und sozusagen druckreif darstellt? Wo spräche etwas aus sich selbst heraus? Wo barte sich etwas offen, wo namt es sich? Dass der Name sich gebiert, wissenschaftlich beobachtbar, nur so etwas könnten wir gelten lassen, und genau so etwas will ich mit dem Begriff Ökopsychoanalyse erreichen.

Dazu muss man zuerst einmal natürlich den Namen „Ökopsychoanalyse" wieder vergessen. Das wäre ja noch schönen, zu behaupten, Naturwissenschaft, Religion und alles andere seien reiner Humbug, aber Öko und Psychoanalyse könnten es leisten. Es soll nur das anzeigen, woher ich komme. Freilich werfen wir erst einmal alles hinter uns. Nur dass ich plappere, dass ich palavere, papperlappapere, das muss man mir zugestehen. Weil ich unglücklicherweise mit Papier und Buchstaben angefangen habe, muss ich jetzt auch beweisen, dass ich daraus das ziehen kann, um was es gehen soll. Es, das mit dem Namen als solchen.

Papperlapappere, das ist es auch, zu dem wir den Patienten in der Psychoanalyse auffordern. Nach manchmal erst Hunderten von Stunden ziehen wir dann daraus eine Deutung, Interpretation, z. B. das Wort :  „Mutterfixierung". Viel ist das nicht, weil es ohnehin heutzutage schon in aller Munde ist, dass man schließlich aus den wilden Wünschen und Süchten der Kindheit so etwas meist ziemlich Amoralisches herauszieht. Aber gut, es muss dennoch einen anderen und direkteren Weg geben. Man muss wieder beim Tanz der Mücken anfangen. Auch Goethe soll, laut Eckermann, den Tanz der Mücken erwähnt haben als Beispiel für Zustände unserer Beobachtung, die zwar nicht das große Besondere aber eben doch einen Beitrag darstellen zu „uns gemäßer und erwünschter Art", das zu erleben, ws uns „beglücke und fördere" (Eckermann, Beiträge zur Poesie, S. 133). Den Mückentanz uns also mathematisch, biologisch oder ethologisch - dass er ein Paarungstanz ist - zu erklären, bringt nichts. Aber dass Beglückung dabei sein kann? Das könnte etwas sagen. Beglückung in gemäßer Art soll heißen, nicht in pompösen Formen, sondern als Großes eben im Kleinen, wie es also schon A. Stifter meinte und wie es zu Ökopsychoanalyse passt.


 
 

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