All-Round-Wissenschaftler

Schon in anderen Büchern habe ich über die modernen, äußerst gebildeten, interessanten und umfassend argumentierenden Wissenschaftlern der letzten zwei, drei Jahrzehnte geschrieben. Sie sind Naturwissenschaftler und Wissenschaftsphilosophen wie D. C. Dennet, A. R. Damasio, S. Pinker, R. D. Precht, R. Dawkins und N. Harari, die mit einem großen Begriffsintrumentarium und komplexen Argumentationen Objektivität hinsichtlich des Menschen als solchen herstellen wollen. Sie wissen nichts von den Signifikanten, die nicht objektive Zeichen sind, an die man sich präzise halten könnte, wie sie die genannten Allround-Wissenschaftler zu verwenden versuchen. Die Signifikanten sind vielmehr

‚Zeichen des Subjekts‘, Zeichen  v o n  jemand, Subjekt-Zeichen, wie sie in der Psychoanalyse genutzt werden.
Sie sind Bild-Wort-Wirkendes, Zeigend- und Sprechend-Reales, doch die Allroundwissenschaftler wissen meist nichts davon und auch nicht von der Psychoanalyse. Sie  erwähnen Freud und Lacan evtl. in zwei oder drei Fußnoten, wenn überhaupt. Es gehört zum Wesen der universitären Wissenschaft und ihrer Akteure, dass das Wissen nicht an den Platz der Wahrheit gestellt wird, sondern an den eines immer ‚Mehr-Wissens‘, eines ‚savoir-pour-savoir‘. Ja, es handelt sich geradezu um die Lust am Wissen, dem der Gelehrte frönt, und von der Nietzsche sagte, sie wolle Ewigkeit wie alle andere Lust auch.  
Doch das ganze Rätsel unserer Gefühle, unserer Schaltvorgänge, unseres Denkens, unseres Gehirns, unserer Bild- und Wort-Wirkenden Kräfte (Wahrnehmungstriebe und Sprechtrieb) liegt darin, wie die Signifikanten sich kombinieren. Dem Sprachwissenschaftler F. de Saussure  zufolge ist der Signifikant ein „Schema von Gegensätzen“, die für den Menschen  – zuerst einmal äußerst vereinfacht gesagt – nicht aushaltbar sind, so dass er zu Signifikanten Kombinationen greifen muss, um sich auszudrücken und zu entlasten. Die ersten Signifikanten waren also Losungs- bzw. Identitätsworte, noch weitgehend unscharf, nicht für eine komplexe Sprache geeignet. Aber erste Befehls- und Identitätsvokabeln konnten damit ausgedrückt werden.
Kommen mehrere Signifikanten zusammen, ergibt sich durch eine Kettenbildung schließlich eine vollkommene, wenn auch nicht immer natürlich menschliche Sprache. Sie kann mit der Unbestimmtheit der Signifikanten Kombination versehen sein, es ist nicht immer klar wer zeigt und spricht (die Tiersprache dagegen ist nur eine Signal¬spra¬che, sie kann nur Signale ausstoßen, die zwar von mehreren Tieren verstanden werden können, aber keine von jedem Handlungsbezug losgelöste Symbolsprache ist). Die Signifikantenkette ist auch im Sinne einer Ahnenkette zu verstehen: eine Linie, in die jedes Subjekt schon vor seiner Geburt und auch nach seinem Tod lautbildlich eingeschrieben ist. Von diesen psychoanalytischen Weisheiten wissen die genannten Allround Wissenschaftler also nichts, auch wenn sie rein sach- und spezial-bezogen fundierte und interessante Bücher schreiben.(1)
Die Wissenschaftsjournalistin J. Rubner hat daher unter der Überschrift „Volksverblödung auf höherer Stufe” in einem Artikel der Süddeutschen Zeitung diese Pop-Intellektuellen wie ich sie gerade oben als Allroundwissenschaftler aufgeführt habe, kritisiert, die mit einem ausgefeilten Begriffsinstrumentarium aus Linguistik, Neurowissenschaften, Informatik etc. phantasievolle, aber unhaltbare Thesen aufstellen, medienwirksam unter die Leute bringen, und so unser Verständnis vom Fühlen und Denken, Wissenschaft und Glauben nur noch mehr verwirren.(2) In einer neuen Veröffentlichung rückt nun der Anthropologe und Verhaltensforscher M. Tomasello in den Mittelpunkt dieser Allroundkenner.(3)
Auch er hat enorm viel geforscht, experimentiert, gearbeitet und gelesen. Bereits vor längerer Zeit konnte der Philosoph J. Habermas in einer Diskussion mit Tomasello, der Gesten- und Zeigeverhalten, insbesondere „ikonische Gesten“ als den Anfang auch verbaler Kommunikation darstellte,(4) ebenfalls die Entstehung der Sprache aus dem Sprechen selbst postulieren.(5). Doch in dem neuen, fünfhundertfünfzig Seiten dicken Buch, hat Tomasello jetzt eine umfassende Beschreibung über das Wesen des Menschen vorgelegt, die sich auf evolutionäres Gedankengut und psychologische Experimente in tiefgründiger Weise stützt.
Er geht von dem Begriff der Intentionalität aus, den er zwar nicht weiter erklärt, so dass ich ihn mit dem Wort ‚Vorhaben‘, gerichtete Strebung, Auf-Etwas-Aus-Sein, einmal vorläufig übersetze. Andere sagen, es handelt sich bei der Intentionalität um die ‚Ausrichtung aller psychischen Akte auf ein reales oder ideales Ziel‘ oder um ‚die Fähigkeit des Menschen, sich auf etwas zu beziehen (etwa auf reale oder nur vorgestellte Gegenstände, Eigenschaften oder Sachverhalte)‘.(6) Auf jeden Fall steht am Anfang der menschlichen Intentionalität, aber auch gleichermaßen der von Menschenaffen, die individuelle Intentionalität.
Tomasello vergleicht nämlich das Menschenkind mit den Schimpansen und Bonobos, wo sich in den ersten Lebensmonaten des Kleinkindes wie der Menschenaffen (auch der schon älteren) diese individuelle Intentionalität zeigt, die jedes der untersuchten Lebewesen nur auf sich bezieht. Nach neun Monaten des Menschenkindes jedoch tritt die geteilte Intentionalität auf, die bei den Menschenaffen nur in geringstem Maß auftritt. Geteilt heißt, zwei oder später sogar mehr Individuen interagieren miteinander innerhalb dieser gleichen, geteilten Intentionalität. Bei den Kindern bekommt nämlich ab dieser Zeit eine soziale Komponente deutlich mehr Gewicht als bei den Menschenaffen.
Tomasello meint, diese soziale Kompetenz würde vor allen dadurch gestärkt, weil das Menschenkind von mehr Bezugspersonen als nur seiner Mutter betreut wird. Das Kind muss also früh anfangen mit mehreren Bezugspartner zu interagieren, zu kooperieren und die besagte geteilte Intentionalität entwickeln. Tomasello betont mehrmals, dass es insbesondere dieses Phänomen ist, die den weiteren sich entwickelnden Unterschied zum Menschenaffen herstellt. Doch hier findet sich bereits der erste Punkt einer Kritik, die meiner Ansicht entscheidend ist, wenn sie auch an der Grundtatsache, dass Mensch und Tier sich auseinanderbewegen, nichts ändert.
Ich habe nämlich in Tansania Löwengruppen gesehen (und auch später darüber gelesen), wo die Löwenkinder bei anderen Löwinnen und älteren Geschwistern bleiben mussten, wenn ihre Mutter mit zwei oder drei anderen Müttern auf die Jagd gehen mussten. Genau wie bei den Menschen existiert anfänglich nur die individuelle Intentionalität, indem die Löwenmutter ihre Kinder abseits vom gewohnten Rudel zur Welt bringt, und so erst einmal diese dyadische Beziehung im Vordergrund steht. Doch nach einiger Zeit kehrt sie zum Rudel zurück, wo sie und ihre Kinder mit Wohlwollen, intensivem Körperkontakten und Vertrautheiten begrüßt werden. Das Rudel besteht aus dem Löwen Papa, der meistens nicht zu Hause ist, und weiteren Löwenmüttern und deren unterschiedlich alten Kindern.
Zu all diesen Gruppenmitgliedern müssen die neuen Kinder eine geteilte Intentionalität herstellen, denn die eigene Mutter ist nunmehr verpflichtet, oft mit ein oder zwei der anderen Mütter auf Jagd zu gehen. Doch die neuen Kleinen finden sich damit gut zurecht, indem sie   also auch ein bisschen geteilte Intentionalität haben. Diese kann vielleicht ganz anders gesteuert und motiviert sein, als bei den menschlichen Kindern. Tomasello hat offensichtlich davon keine Ahnung, denn dieses Phänomen gibt es tatsächlich nur bei den Löwen und bei keinem anderen Tier, also auch nicht bei den Menschenaffen.
Egal, Tomasello führt nun zahlreiche und gut belegte Beispiele an, wie Menschenkind und Affe sich mehr und mehr auseinander entwickeln und so ab dem dritten kindlichen Lebensjahr über eine weitere Intentionalität verfügen, nämlich die kollektive Intentionalität. Dazu sind ganz andere kognitive Leistungen und noch weiter verstärkte Sozialkompetenzen nötig, über die nun kein Tier, kein Affe und auch kein Löwe mehr verfügt, denn das Kollektiv umfasst jetzt auch viele Menschen außerhalb der Familie oder der üblichen Bezugspersonen.
Vor allem die Untersuchungen zu Blickverfolgungen, Blickrichtungs- und Aufmerksamkeits-Einstellungen haben Übergänge ins Spiel gebracht, in denen sich Mensch und Affe ganz anders verhalten. Denn die Aufmerksamkeit beim Kleinkind ist im zweiten Lebensjahr nicht mehr nur dyadisch (folgt dem Blick, der Aufmerksamkeit der Mutter, des Erwachsenen, des Älteren), sondern bereits „triadisch“ geworden, hat also den Sinn der Aufmerksamkeit beim anderen mit in die eigene Aufmerksamkeit und deren Sinn integriert. Wieder ist hier das verstärkt Soziale mit am Werk und bahnt eine sogenannte Protokommunikation an, also eine Protosprache. Jetzt gibt es kaum noch vergleichbare Elemente zwischen Kind und Menschenaffe.
Doch das ganze wunderbare System Tomasellos kommt ins Schwanken, wenn es um das Wesen der Sprache als solcher, der symbolischen Ordnung, der semantisch, syntaktisch, grammatischen, lexikalischen etc. Zusammenhänge geht. Tomasello ist ein ganz großer Vertreter und Befürworter für den Spracherwerb durch vorausgehende Zeigegesten- und Gebärden-Kommunikation. Soziale Imitation und geteilte sowie kollektive Intentionalität führen zu einer konventionell sprachlichen Fähigkeit, die er auch die sozial-pragmatische Auffassung des Spracherwerbs nennt. All diese Austauschfunktionen steigern sich schließlich zu der „völlig erlernten‘ und „völlig sozialen‘ Sprache, die letztendlich „kulturell normativ“, als also die Kultur weiterhin fördernd erweist und den Menschen zu seinen kollektiv und konformen geistigen Höchstleistungen führt. Doch die soziale Imitation kann nur eine Signalsprache fördern, wie sie auch die Tiere kennen, und keine wirkliche Symbolsprache.
Diesen Unterschied zur Symbolsprache, also zur Sprache als solcher, die auch eine unbewusste symbolische Ordnung mitbeinhaltet, diskutiert Tomasello nicht. Lacan bezeichnet das durch Spiegelungen verinnerlichte Andere (maßgebliche Zeichen der Natur) und den durch Sprachliches ins Seelenleben integrierten bedeutenden Anderen (Eltern, Lehrer, Analytiker) als wesentlich für das, was sich dann durch die erwähnten Losungsworte oder Identitätsworte (wiederholt, betont) ausdrücken lässt. Tomasello weiß auch nicht, dass die Menge der Signifikanten – wenn ich das, Lacan zitierend, so kurios sagen darf – minus Eins ergibt, dass also alles Reden, wissenschaftliches Erarbeiten, Diskutieren sich immer vor dem Hintergrund eines toten Signifikanten, eines Leersignifikanten abspielt, der eben im Unbewussten sein Unwesen treibt und alles zum Kippen bringt. Doch es geht um eine Kippen in neue Paradigmata, ins neue Leben, in neue Beziehungen und Intentionalitäten.
Tomasello verwendet den universitären Diskurs, in dem der Professor immer mehr weiß als der Student, der andere Zuhörer, Mitdenker, kollektiv Intentionalisierer. Er stellt das Wissen nicht wie der Psychoanalytiker ins Zentrum der Wahrheit, sondern eben in das eines ständigen Mehr-Wissens, mehr Forschens, mehr Begriff-Instrumentalisierens. Die universitären Bibliotheken und das immer überdimensional werdende Wissen werden immer überdimensionaler. Tomasello hat keine Ahnung, dass die Sprache der Enthüllung dient und nicht so sehr der Kommunikation, doch es geht um eine Enthüllung der Wahrheit, der das Wissen nur zu Diensten ist und nicht einen Alleingeltungsanspruch hat.
Und so schreibt er zwar auch: “Das kulturelle Lernen der Menschen bezieht sich nicht nur auf den Erwerb wichtiger Fertigkeiten und Wissensinhalte, sondern auch auf die Herstellung wichtiger sozialer Beziehungen“. Doch dann argumentiert er weiter; „Eine der Hautquellen des Zusammenhalts bei allen Typen sozialer Gruppen des Menschen . . ist die Konformität“. Alle sollen konform sein, und so schildert Tomasello das gelungene, sozialverbindliche, mit moralischer Identität ausgestattete Normalkind, das auf kollektive Verpflichtung, auf das kollektive und kooperative ‚wir‘ ausgerichtet ist.
So werden Kinder, die vorher Erwachsenen versprochen haben, Spielsachen wegzuräumen, nunmehr, als diese weggegangen waren, aus verschiedenen Gründen von diesem, ihrem Versprechen weggelockt (guter Grund einem in Schwierigkeiten zu helfen, schlechter Grund, ein Spiel zu spielen). Beim Zurückkommen werden die Kinder gefragt, warum sie die Spielsachen nicht weggeräumt haben. Beim guten Grund war alles ok., beim schlechten Grund aber druckten die Kinder  herum und fühlten sich schuldig. Aber was ist daran unmoralisch? Schließlich hatten doch die Erwachsenen sich diese Psycho-Studie ausgedacht, weil sie, und zuerst einmal nur sie die sogenannte moralische Identität hatten, die daraus bestand, dass Spielsachen immer sofort wieder aufgeräumt werden müssen. Na ja.
Diese autoritäre Identität haben sie natürlich daher, weil sie selbst diese typisch menschliche Kindheit durchlaufen haben, die durch ständiges sich und andere beobachten, einbeziehen, sozial abwägen, neu moralisch justieren und im Zirkelschluss Tomasellscher Ontogenese zu verantwortungsbewussten, kollektiv intentionalistischen, moralisch identischen, kulturkonformen und sozialkooperativen Menschen wurden. Der Wertekatalog korreliert mit dem Sozialkatalog, der intentionalistische mit dem identitären, der imitative mit dem kollektiven, und so ist immer klar, wie es weiter, höher und gereifter zugehen soll. Aber was geschieht mit den ständig Unangepassten, den Beratungsresistenten und den notorischen Verweigerern? Dazu gibt es keine Information.
Was Tomasello erforscht hat, weiß man eigentlich schon lange, er hat es nur ausführlicher, wissenschaftlicher, akribischer bewiesen und dabei gleichzeitig den perfekt angepassten, normativ-normierten, idealtypisch moralisierten jungen Menschen in den Vordergrund gestellt. Nicht umsonst erwähnt er die Psychoanalyse mit keinem Wort und kennt wahrscheinlich auch all die moderne Literatur nicht, in der so viel über die konfliktreiche und leidvolle Kindheit geschrieben wird, über Mobbing und gegenseitige Gemeinheiten in der Schule, über ständige Missverständnisse und Misshandlungen im Elternhaus, etc. ‚Moralisches Selbst‘, ‚moralisches Handeln‘, ‚moralische Urteile‘, ‚moralische Gemeinschaft‘, moralisch im Sinne des Unparteiischen gegen sich und andere, ‚moralischer Diskurs‘ bis hin zu der bei Tomasello alles gegenseitig stützenden schwindelnden Höhe der ‚zentralen moralischen Identität‘. Sie ist der Gott des ontogenetischen (eigentlich psychoedukativen), Tomasellschen Forscherteams.
Aber warum gibt es dann trotz dieses mit ca. sechshundert hochkarätigen Literaturnachweisen bestückten Höhenflugs immer noch grauenhafte Kriege, Folter, Korruption, Intrigen, Ehedramen, Lug und Trug, Diebstahl, Mord und Perversion, wenn diese Kinder älter geworden sind? Ist Tomasello ein schöngeistiger Positivierer, der einen an I. Kant erinnert, als dieser behauptete, ein Mann, auf den draußen der Galgen wartet, könnte keine Lüsternheit mehr aufbringen, wenn man ihm noch vorher die Dame seiner Begierden zuführen würde. Muss man wirklich Therapeut sein, um zu wissen, dass „es nicht unmöglich ist, dass dieser Mann kaltblütig ins Auge fasst – um der Lust willen – die Dame in Stücke zu schneiden, zum Beispiel“?(7)  
Kant wollte und konnte sich in seiner entrückten Gedankenhöhe die Vernunft einer totalen Unreinheit, eine totale Antivernunft, einer aggressiven Perversion, nicht mehr vorstellen, er konnte sich nicht mehr daran erinnern, dass es noch ganz andere Lüste gibt, denn die hätten sein Gebäude ins Schwanken gebracht. Kant und wohl auch den ontogenetischen Forschern ergeht es wohl so, wie es schon Aristoteles ergangen ist. Die Leute, die nicht in sein System passten, die widerborstig, sexuell deviant und sonst andersartig waren nannte er τέρατες (terates, Bestien, Scheusale), und solche passen nicht in Tomasellos Werk, obwohl sie doch auch schon im Kindesalter vorkommen, bzw. von daher ihre Prägung erhalten.
Auch in dem Werk des oben zitierten Y. N. Harari finden sich die gleichen Widersprüche. Im vorletzten seiner zu Millionen verkauften Bücher kommt Harari zum Thema des Transhumanismus, also der Welt, die über den vorläufigen Menschen hinauswachsen wird zu einer Art von Gott-Menschen.(8) Dies gelingt hauptsächlich mit künstlicher Intelligenz, die viel bessere und umfangreicher Algorithmen herstellen kann als es die sind, aus denen der heutige, vorläufige Mensch besteht. Die Informations- bzw. Daten-Verarbeitung im Gehirn und im Computer ist unermesslich, und wird in Zukunft eben zu diesem Homo Deus führen.
Aber T. Fuchs, Professor für philosophische Grundlagen der Psychiatrie und Psychotherapie zerlegt Hararis Buch von Grund auf.(9) „Das fängt schon mit der Abwehr der unscheinbaren Behauptung an, dass Computer es mit ‚Informationen‘ zu tun hätten. Doch damit Daten zur wirklichen Information werden, bedürfen sie eines Empfängers, der sie versteht. . . Für sich betrachtet, wandelt der Apparat nur elektronische Muster nach programmierten Algorithmen in andere Muster um.“(10) Ein in einer Nährlösung schwimmendes perfektes Gehirn kann ohne Körper mit seinen Sinnesorganen und Rückspiegelungen aus den verschiedensten Organen gar nicht als solches funktionieren. Es ist und bliebe eine Maschine.
Und weiterhin: „Das Leben ist eine verkörperte Selbstständigkeit, die von keiner Simulation eingeholt werden kann. . . Es ist vielleicht nicht nur voreilig, sich mit lässiger Gebärde [wie Harari] vom Lebewesen Mensch zu verabschieden. Es ist auch ignorant und fahrlässig.“ Die Gehirn-Maschine lügt vielleicht nicht, aber sie kann auch nichts zur Wahrheit beitragen. Die Formel- und Pass-Worte lügen auch nicht, aber sie ermöglichen in gelungenerer Form die Wahrheit zu vermitteln, als es die universitären Wissenschaften je tun können. Gegenüber den Algorithmen, die Harari für die Zukunft voraussieht, indem diese sich selbst gegenseitig erneuern und verändern und das heutige Individuum völlig unterbuttern, sind die Formel- und Pass-Worte in ihrem Schnittstellen-Aufbau transparent. Sie können kein Eigenleben entfalten, sondern nur das Eigenleben dessen, der sich selbst sein Eigen nennt. Da liegt der Unterschied.
Wie die Normal-Community und die LGBTIQ-Gesellschaft, sind auch die Allround-Gelehrten und die heute immer mehr werdenden Wut- und Protest-Mar-schierer nur Gegenseitigkeiten der zugrundeliegenden Signifikanten-Menge, der Minus Eins, der anders-herum Menge, der Vorder- und Rückseite des Möbiusbandes, der stets gleichen Heideggerschen „Kehre“ (Vor- und Umkehre von Sein und Nichts), des Umkippens durch den Leersignifikanten oder der Gegenseitigkeit von Leben und Tod, wie der Dramatiker Dürrenmatt es konzipierte. Dürrenmatt betont im Anhang an sein Stück ‚Die Physiker‘, dass es im Drama nach kurzer Schilderung normaler Vorgänge zur „katastrophischst möglichen Wendung“ kommen muss, mehr oder weniger also das Chaos und der Tod im Hintergrund die gleich wichtige Rolle spielt wie das Leben. Nur so wird Positives und Negatives, Gutes und Schlechtes, Schönes und Hässliches berücksichtigt.
Im Drama ‚Der Besuch der alten Dame‘ fordert diese von der anfangs harmonisch geschilderten Dorfgemeinschaft, dass man ihren Exgeliebten umbringen müsse, wenn sie eine Milliarde für den Ort spenden würde. Erst lehnen alle entrüstet ab, doch dann bröckelt die moralische Haltung, und man trickst die Sache irgendwie so hin, dass der Exgeliebte – selbstverursacht oder nachgeholfen – letztendlich stirbt und die alte Dame den Scheck zücken muss. Die minus Eins-Menge, die am Anfang in der Dorfgemeinschaft ungeklärt war, wird tödlich durchgerüttelt, und so wird deutlich, dass ein ganz anderer und neuer Weg gefunden werden muss.
Und genau dies glaube ich, nun mit der Analytischen Psychokatharsis tun zu müssen. Egal, ob man den glücklichen oder nicht so glücklichen ontogenetischen Weg durchlaufen hat, ob man moralisch oder unmoralisch ist, durch die Übungen dieses Verfahrens wird man einfach die Wahrheit über sich selbst erfahren, und dann damit so umgehen können, dass man auch das Wissen zu dieser Wahrheit hat, um sie kommunizieren zu können. Denn was immer Menschen anderen Menschen sagen, es wird nie genügend sein, es sei denn es wird in einer Weise gesagt, die der amerikanische Psychoanalytiker G. Kohon als „detached love“ bezeichnet hat,(11) was vom Übersetzer dieses Artikels ein bisschen seltsam mit ‚getrennter Liebe‘ übersetzt wurde.
Von Liebe zu sprechen ist immer heikel, problematisch oder total daneben. Wahre, echte, tiefe, göttliche, romantische und andere mehr Formen davon, all das geht nicht, erzeugt eher eine leichte Nausea, ein flaues Gefühl, eine Trostlosigkeit. Aber die „detached love“, die ich eher als eine abgeschminkte, losgelöste, distinkte Liebe nennen würde, eine, die aus dem Hintergrund, aus einer Distanz heraus wirkt, indem sie sich nicht aufdrängt und sich als solche auch gar nicht zu erkennen gibt. Doch exakt dadurch ist sie wirksamer als alles andere und kann kommuniziert werden ohne ihren Namen allzu sehr preiszugeben. Auch den Datenmaschinen kann sie Widerstand leisten.
Und so muss man das Ganze nur noch ein bisschen umbiegen in die „detached love“, die in dem Verfahren der Meditation, der Analytischen Psychokatharsis selbst liegt, weil sie wissenschaftlich begründet ist, umbiegen also auch in eine Liebe zur Wissenschaft, zur ‚logischen Selbst-Struktur, zu sich, als dem Vater seiner Selbst, wie es auch die Psychoanalytikerin in ihrem letzten Buch beschrieb. Mit dem Titel ‚Eine Liebe zu sich selbst, die glücklich macht‘, meinte sie die in ihrer Arbeit mit Patienten wirkende Unabhängigkeit und Losgelöstheit.(12) Besser hätte sie vielleicht von einer Liebe zu sich selbst als Anderem geschrieben, denn es handelt sich ja nicht um Narzissmus oder etwas Egomanisches.
Ich muss in dieser Weise davon reden, was ich in vielen Jahren mit der Methode der Analytischen Psychokatharsis erarbeitet habe, die man natürlich auch anders nennen könnte, wenn diese Bezeichnung jemanden zu akademisch, abstrakt oder sachlich-nüchtern erscheint. Ich könnte von einer Selbsttherapie reden, wenn dies nicht wieder zu simpel klingt. Es soll auf jeden Fall etwas sein, das einem Halt und Perspektive gibt und vielleicht auch dazu anregt, selbst an dem Verfahren mitzuarbeiten.  Gewiss ist eine basale Allgemeinbildung dazu hilfreich, zumindest eine Grundahnung vom psychoanalytischen Vorgehen sollte man vielleicht haben. Dazu gibt es einfache Erklärungen im Internet und auch in meinen Büchern wird darauf hingewiesen.



[1] Laut Lacan „repräsentiert ein Signifikant ein Subjekt für einen anderen Signifikanten“. D. h., das Subjekt Mensch sitzt immer zwischen zwei Feuern (tra due fuochi, wie ein italienisches Sprichwort sagt), zwischen zwei Wesenheiten, Wünschen, Tendenzen, Triebkräften, und gerade dadurch wird es in sein Subjektsein getrieben und gezwängt.

[2] Rubner, J., SZ vom 5/6.12.98 S. III

[3] Tomasello, M., Mensch werden, Suhrkamp (2020)

[4] Tomasello, M. Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation, Suhrkamp (2009)

[5] Leipziger Diskussion Habermas / Tomasello in der ZEIT vom 18.6.2014, S. 46

[6] Wikipedia

[7] Lacan, J., Die Ethik der Psychoanalyse, Quadriga (1995) S, 135

[8]  Harari, Y. N., Homo Deus, C. H. Beck (2017)

[9] Fuchs,  T.,  Verteidigung  des  Menschen.   Grundlagen  einer verkörperten Anthropolpogie, Suhrkamp (2020)

[10] Zitiert nach Siemonds, M., Sind wir etwa doch keine Algorithmen? FAS vom 9. 8. 2020, S. 36

[11] Kohon, G., Love in a time of madness. In Green & Kohon: Love and its vicissitudes, Routledge (2005)  P. 41 – 100.

 

[12] Mitscherlich, M.,  Eine  Liebe  zu  sich  selbst, die glücklich macht, S. Fischer (2013)

 


 
 

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