Die körperlich kranke Seele I und II - Die Psychoanalyse

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Die Psychoanalyse ist also die am weitesten entwickelte psychotherapeutische Wissenschaft, jedoch sehr komplex und in ihrer klassischen Form für die Behandlung der „körperlich kranken Seele", also von Krankheiten, die körperliche Beschwerden machen, aber im seelisch Unbewussten ihre Wurzel haben, nicht so gut geeignet. Das Problem liegt in der Art und Weise der Sublimierung, d. h. der Verfeinerung, Anhebung, Verbindlichmachung der unbewussten Triebkräfte (oben gerade als (a) und (b) bezeichnet) ins bewusste, gesellschaftliche und allgemeine Leben. Arbeit, Kunst, Kultur und eben auch analytische Psychotherapie sind z. B. Wege, auf denen die ungesteuerten Triebkräfte verfeinert und dem bewussten Alltags- und Gefühlsleben zugänglich gemacht werden können. Manche dieser Sublimierungen sind mehr intellektuell, andere mehr körper- oder gefühlsnah.

Zusammenhänge Sublimierungen

Abb. 1 Zusammenhänge (körper-, gefühls-, und intellektbezogen) ver-schiedener Sublimierungsmöglichkei­ten auf dem Hintergrund einer Boyschen Fläche. Die einzelnen Bezeichnungen sind nur eine Auswahl von kulturellen, psychotherapeutischen oder sonstigen Zugängen zum Menschen in seiner Gesamtheit als Subjekt. Die Boysche Fläche ist ein Durchschlingungsgebilde ähnlich dem auf der Umschlagseite, und ist somit auch wieder mathematisch aufgebaut. Sie demonstriert so erneut die Vielschichtigkeit in einer einheitlichen Formulierung. Dies wird noch von zentraler Bedeutung für die Analytische Psychokatharsis sein (hier mit den Buchstaben A und P gekennzeichnet)

Die Abbildung 1 soll alle diese Zusammenhänge anschaulich darstellen. So leuchtet es sicher sofort ein, dass Sport beispielsweise eine sehr körpernahe Sublimierung ist, aber es wird dabei nichts intellektuell verarbeitet oder erkannt. Die Psychoanalyse ist dagegen eine sehr intellektuelle Methode, bei der auch viel erkannt und geistig-seelisch verarbeitet wird. Aber es fehlt ihr wie gesagt der nahe Bezug zum Körperlichen, und dies ist gerade heute oft das entscheidende Problem. Wer ginge z. B. mit Migräne oder chronischen Magenschmerzen Hunderte von Stunden in eine psychoanalytische Gesprächsbehandlung, in der zwar sehr viel über sich erfährt und vielleicht auch eine kleine Erleichterung seiner Beschwerden verspürt, aber nicht direkt an die Nahtstelle von Seele und Körper gelangt, wo sein Leiden sitzt? Genau so wenig wie ihm diesbezüglich Sport allein weiterhelfen würde, weil eben die Zusammenhänge der innerseelischen Triebkräfte und Konflikte dabei nicht geklärt und gelöst werden, vermag die ausschließlich analytische Therapie wiederum nicht physisch spürbar genug Erleichterung von solchen psychosomatischen Erkrankungen zu bringen. Und auch die Kunst oder andere psychotherapeutische Methoden können gerade die „körperlich kranke Seele" nicht genügend heilen, so sehr sie auch hilfreich sind.

Trotzdem ist - wie betont - die Psychoanalyse als vereinfachtes wissenschaftliches Werkzeug wichtig. Sie hat uns gezeigt, dass wir unbewusst auf den Analytiker Bedeutungen übertragen (man nennt diesen Vorgang daher die Übertragung), die meist aus früheren Beziehungen, Konflikten und den wesentlichen Kombinationen von diesen beiden Grundtrieben, Triebkräften, Grundprinzipien stammen, die beide für sich autonom sind, aber gegen- und miteinander verwoben in uns wirken. Denn diese beiden Triebkräfte (Wahrnehmungs- und Entäußerungstrieb) sind in uns miteinander stark verwickelt, ja geradezu verknotet, und machen so Probleme, und ihre Auswirkungen müssen also gelöst und sublimiert werden. Sonst brechen diese Kräfte in Aggressivität und Perversion, in Ideologie, Fanatismus und anderen -Ismen ziemlich ungehindert durch, sind aber nicht nur aus gesellschaftlichen Gründen, sondern auch aus ihrer Kombination heraus keine Lösung für das einzelne Subjekt und stellen eben auch keine genügende umfassende Sublimierung dar. Sie bleiben roh und unverbindlich.


 
 

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