Die körperlich kranke Seele I und II - Zur Praxis

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Weitere Ausführungen und erneut ein praktischer Versuch

Wir sind also der Kombination von Psychoanalyse und Meditation und den angekündigten FORMEL-WORTEN schon näher gekommen. Das STRAHLT / SPRICHT stehen sich als Grundstrebungen unserer selbst trennend / verbindend gegenüber, egal, ob wir Psychoanalyse üben oder Meditation. Denn wenn ich nun das Wesen des FORMEL-WORTES erklären werde, wird klar sein, dass es sich bei dem neuen Verfahren lediglich um eine Psychoanalyse „andersherum"[16]handelt und ebenso um eine neue, wissenschaftlich begründete Form der Meditation, die im Gegensatz zu herkömmlichen Methoden, das Denken nicht völlig ausschaltet, sondern ein „konjekturales Denken" ist, ein Denken in - sehr präzisen - Vermutungen. Ich will damit klarmachen, dass es sich bei der Analytischen Psychokatharsis nicht um irgendwelche halbwissenschaftlichen Psychotherapien oder um Meditationsmethoden handelt.

Die FORMEL-WORTE entsprechen exakt dem Unbewussten, von dem Lacan sagt, dass es „strukturiert ist wie eine Sprache, wie die Sprache des Anderen". Das Unbewusste ist letztlich durch diese Kombinatorik von STRAHLT/ SPRICHT, „topologisch", ja, man könnte fast sagen hieroglyphisch (so wie Bild-Wort-Zeichen)[17] verfasst. Wir wissen dies insbesondere von den Bild-Wort-Zeichen des Traums, den ja Freud als die via regia zum Unbewussten bezeichnet hat. Aber auch bei einfachen Versprechern kann man dies beobachten. So erzählte einmal Heinrich Heine die Geschichte eines Mannes, der mit seiner Bekanntschaft des reichen Baron Rothschilds prahlen wollte. Er wollte sagen, dass er mit ihm wie „familiär" verbunden sei, sagte aber: „ich bin mit ihm so „famillionär". Die Wahrheit, dass es doch die Millionen sind, die ihn faszinierten, rutschte ihm so aus dem Unbewussten heraus. Und genau so wie im „famillionär" eine Mehrfachbedeutung steckt, nämlich die des Familiären und der Millionen (und somit die Unverblümtheit einer Habgier), so auch in den FORMEL-WORTEN, die aus drei oder mehr bildhaften Bedeutungen (Vorstellungen) bestehen. Sie werde jetzt aber umgekehrt wie der Versprecher im obigen Beispiel benutzt, nämlich konstruktiv. Indem das FORMEL-WORT nur eine Formulierung bildet, obwohl eine Mehrfachheit an Bedeutungen in dieser Formulierung, in diesem Wort-Zug des FORMEL-WORTES steckt, weckt es das Unbewusste. Das heißt, dieser eine Wort-Zug hat mehrere Schnittstellen, und liest oder spricht man ihn von jeweils einer anderen Schnittstelle aus, kommt immer eine andere Vorstellung heraus, genau so also, wie in dem oben genannten Beispiel: man kann familiär, Millionär oder eben „famillionär" heraushören.

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Abb.3 Die Vielschichtigkeit dreier Bedeutungen entsprechend ihrer klang-bildlichen Struktur unter einander geschrieben.

In dieser Mehrfachheit von Bildern und Worten funktioniert also das Unbewusste. Es ist nichts anderes als eine Kombination des Bild- und Worthaften in eben dieser Form von Schnittstellen, wie wir sie auch aus der modernen Computertechnik kennen. Dort ermöglicht eine Schnittstelle den Austausch zwischen zwei oder mehr Systemen. Übt man durch gedankliches Wiederholen ein derartiges - jetzt jedoch wie gesagt ein konstruktiv, wissenschaftlich aufgebautes - FORMEL-WORT, so greift dieses nun genau in die bereits vorhandenen Schnittstellen des ja genauso verfassten Unbewussten (Bild / Wort, STRAHLT/ SPRICHT) ein, und kann dieses öffnen und modulieren.

Das Gleiche lässt sich auch durch ein reines Bild und seinem Titel darstellen, indem die Schnittstellen durch Linien ausgedrückt sind und so die Vielschichtigkeit des Unbewussten wie in der obigen Abbildung malerisch sichtbar gemacht ist. Hier ( in der Abb. 4) ist jetzt also einmal das rein meditativ Bildhafte dargestellt. Der Titel „Hund/Mensch" hilft weiter dazu, das Ganze auch wieder in Richtung des Worthaften zu schieben, auch wenn das Bildhafte im Vordergrund bleibt. Bild und Titel sind dann fast so etwas, was ich gerade vorhin ein „Übersetzungs-Objekt" nannte. Es ist ein bildhaftes Objekt, das durch seine „Strahlen-Linien" schon etwas Bedeutung annimmt und durch den worthaften „sprechenden" Titel dann endgültig Bedeutung, Deutung wird, die im Sinne einer Punkt zu Punkt, Phonem zu Phonem Übersetzung sehr konkret werden kann.[18]

Übergangs-Objekt

Abb. 4 In diesem Bild von T. Heydecker findet sich durch Schatten- und Formkombination das Thema „Hund" variiert. Ja, eine eigenartige Ästhetik entfaltet sich in diesem Linien- und Farbenspiel, das sogar eine Andeutung an die sich aufrichtende Gestalt des Menschen beinhaltet. Genau so muss man sich das frühe, eben noch mehr bild- als worthafte Unbewusste vorstellen. Es zeigt einem direkt die Fragwürdigkeit normaler, alltäglicher Sinneswahrnehmung und dass der Mensch daraus ein Bild von sich selber machen muss. Dieser Vorgang der Menschwerdung kann auch in sehr bildhaften Gedanken vor sich gehen, und eben dies nenne ich das „Übergangs-Objekt". In diesem Bild kommt natürlich der worthafte Anteil etwas zu kurz. Erst der Titel „Hund / Mensch" vollendet das Ganze in Richtung auf einen Schluss dieses Denkens.

Ein derartiges FORMEL-WORT, das nunmehr bild- und worthafte Elemente rein stilisiert, formal vereint (wenn auch hier anders als in der gerade gezeigten Abbildung wiederum die bildhaften etwas zu kurz kommen und die worthaften etwas mehr dominieren) und das aus der lateinischen Sprache stammt, die sich dafür besonders eignet, lautet - in Erweiterung des schon vorgestellten „Radicit" - beispielsweise:

RAD - IOD - ICO

Der bildhafte Charakter dieser Formulierung ist zwar wie gesagt nicht sehr ausgeprägt, kommt aber noch besser in der weiter unten gezeigten Kreisschreibung heraus. Immerhin sind die Buchstaben, die Silben in dieser etwas stilisierten Schreibweise ja durchaus etwas Bildhaftes und dass auch klare Worte darin stecken, wird der Lateinkenner sofort bemerken. Um aber jetzt nicht wiederum in der Theorie zu weit zu gehen, werde ich den worthaften Aspekt dieser lateinischen Formulierung und deren wissenschaftlich präzisen Hintergrund gleich anschließend ausführlich erklären. Vorerst also jetzt wieder die erste (von insgesamt zwei) aus den bisher gewonnenen Erkenntnissen geformte praktische Übung, um auch sofort mit einer weiteren praktischen Erfahrung zu beginnen.

Es ist ja auch die Praxis, die im Vordergrund stehen soll, wenn es um die Behandlung seelischer Störungen geht, die sich auch körperlich ausdrücken. Eben gerade die Tatsache, dass sie sich auch körperlich ausdrücken können, heißt ja, dass theoretische Überlegungen und auch die meisten Therapien der Seele nicht ausreichend geholfen haben. Die praktische, körperlich fast spürbare Seite muss mehr betont werden. Bei der ersten Übung nun wird - wie etwa beim autogenen Training und wie bereits in der Vorübung ausprobiert - in einer bequemen Sitzhaltung (und anfangs vielleicht besser bei geschlossenen Augen) darauf geachtet, ob man so etwas wie ein ES STRAHLT wahrnehmen kann. Die Formulierung, man solle ein „Licht" wahrnehmen, wie es bei vielen Meditationsverfahren empfohlen wird, ist wie schon erwähnt etwas unglücklich und widersprüchlich. Schließlich handelt es sich ja nicht wirklich um Licht. Der Begriff des STRAHLT, einer Form des unbewussten SCHAUENS, SCHEINENS ist hier tatsächlich besser, und wird von den meisten Menschen schnell realisiert.


 
 

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