Die körperlich kranke Seele I und II - Erste Übung

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Nochmals: nach einiger Zeit des Sitzens und entspannten Achtens stellt sich bei jedem Menschen das Phänomen von etwas her, das man das STRAHLT einer zunehmenden Entspannung nennen kann und das nunmehr noch weiter vertieft wird, wenn man gleichzeitig das FORMEL-WORT gedanklich (langsam und monoton) übt. Das STRAHLT oder SCHEINT, dieses „glimmerige" Etwas, ist - wie mehrfach betont - eine Art von primärster Wahrnehmung und immer bei jedem Menschen bereits unbewusst vorhanden. Um der praktischen Erfahrung wegen und um nicht anfänglich schon in lauter Theorie stecken zu bleiben, empfehle ich jetzt diese erste Übung einmal durchzuführen. Sie besteht also darin, etwas, das dem Charakter eines STRAHLT zukommt (ohne den Einsatz der Augen, ohne aktives Imaginieren) zu erfahren und gleichzeitig diese Formulierung des R.A.D.I.O.D.I.C.O langsam monoton gedanklich und stets erneut (später verschiedene FORMEL-WORTE hintereinander) zu wiederholen.

Dieses STRAHLT ist also die Erfassung eines prinzipiellen Triebes, einer Art von Primärwahrnehmung, und es muss dazu nichts anderes geschehen als nähme man etwas vom eigenen Körperbild wahr, den Schimmer eines beginnenden Traums - egal: eine derartige Erfahrung wird sich immer nach einiger Zeit einstellen, denn es handelt sich ja um das, was die Psychoanalytiker eben den Primärvorgang des Schautriebs nennen. Sitzt man aber entspannt da, wird man es irgendwie bemerken. Die Mystiker sprachen auch vom „schwarzen Licht", weil sich selbst bei geschlossenen Augen etwas vom Dunkel hinter den Augen als schwarze „Farbe" abhebt, von diesem STRAHLT erfassen lässt. Wie schon betont, kann das STRAHLT aber auch in Form des „rieselnden" Körperbildes mehr als ein Spüren wahrgenommen werden. Und dies alles geschieht umso leichter und umso mehr, wenn man dabei langsam monoton RAD - IOD - ICO gedanklich wiederholt, weil nunmehr beide Vorgänge sich gegenseitig aufschaukeln.

Bevor ich jetzt die zweite Übung erkläre, doch wieder kurz zurück zur Theorie und endlich zu einer genauen Erklärung über das Wesen des FORMEL-WORTES. Denn ohne dass der gesamte Vorgang auch klar verstanden worden ist, hat alles keinen Zweck. Der Intellekt soll das Verfahren genau so erfasst haben wie der praktische Moment erfahren werden muss. Denn nur dann kann der Intellekt während des Übens ruhig sein und muss sich nicht ängstlich nach den tatsächlichen Hintergründen fragen. Trotzdem - soviel nochmals vorweg - mit Mystik hat dies nichts zu tun, eben weil der Intellekt immer wieder eingeschaltet werden kann, wenn wirklich Fragen auftauchen. Wie die Praxis immer wieder geübt werden kann, so kann die Theorie immer wieder bedacht und hinterfragt werden. Ein derartiges Vorgehen verzögert nur scheinbar den Ablauf der Übungen. Das Denken soll ja mitwachsen und sich vertiefen.

FormelwortWas hat es nun mit dem FORMEL - WORT RAD- IOD- ICO auf sich? Die nebenstehende Abbildung zeigt es. Man weiß nicht, von welchem Buchstaben an man zu lesen beginnen soll, denn es kommt jedes Mal eine Bedeutung heraus, und zwar jedes Mal eine andere. Ich hätte also so das FORMEL - WORT auch ORA - DIO - DIC schreiben können oder DIC - ORA - DIO. Es ist egal, wo man (im Uhrzeigersinn) zu lesen anfängt, denn beim stetigen gedanklichen Wiederholen kommt man sowieso zu einer Formulierung, wo sich das Wesen des FORMEL-WORTES am besten durch die Kreisschreibung zeigt. Man muss ja am Ende wieder von vorne anfangen. Auch wenn es zum Teil unsinnige Bedeutungen sind, die sich darin enthalten finden, sind es doch echte Bedeutungen.

So steckt in der lateinischen Formulierung RAD - IOD - ICO z. B.: ora dio dic, Bete, vermittels des Himmels, sprich, aber auch: cor adi odi, Herz geh, ich hasste, weiter: radio dico, Durch den Strahl spreche ich und natürlich ein linguistisch besseres radicit, nämlich dico radio, Ich spreche, ich strahle. Noch zahlreiche weitere Bedeutungen stecken darin (z. B. heißt ora auch die Münder, Gesichter, dio auch durch Göttliches), Bedeutungen also, die alle letztlich unwichtig und auch oft etwas unsinnig sind, wenn man nunmehr die Formulierung stets nur von einer anderen Stelle aus liest. Doch es ist wie mit dem Versprecher oder dem Traum, der ja auch unsinnig ist und aus dem man in der Psychoanalyse dennoch einen wichtigen versteckten Sinn herausziehen kann. Wir üben ja nicht die einzelnen Vorstellungen, sondern nur die geschlossene, einheitliche Formulierung. Die Zerlegung an den Schnittstellen dient lediglich der wissenschaftlichen Begründung und dem intellektuellen Verständnis des Aufbaus der FORMEL-WORTE: dass sie nämlich genauso strukturiert sind wie das Unbewusste, dass alle Vorstellungen zusammen keinen durch irgendeine bewusste Konstruktion herzustellenden Sinn ergeben, sondern nur so wie der Unsinn im Traum - (oder im Beispiel das „famillionär") aus verschiedenen unbewussten Vorstellungen zusammengesetzt ist, aber dennoch eine wichtige versteckte Botschaft hat. Denn - wie gesagt - der Analytiker zieht gerade aus dem Unsinn den (darin versteckten) eigentlichen Sinn heraus. Wenn wir uns auf das intellektuelle Verständnis dieser FORMEL-WORTE, die am Rande der Sprachlichkeit stehen, stützen, so deswegen, weil wir heute in einer Zeit leben, wo wir mehr mit Intellekt und Wissenschaft vertraut sind, als mit dem Ur-Glauben früherer Zeiten. Damals gehorchten wir einem heute meist nicht mehr passenden z. B. von einem als Gott bezeichneten Wesen gegebenen Sinn. Ich habe in einer umfangreichen Veröffentlichung darauf hingewiesen, dass die Religionsstifter sich wahrscheinlich sogar ähnlicher Meditationen wie der hier mittels der FORMEL-WORTE dargestellten bedient haben, sie haben sie nur nicht wissenschaftlich erklärt und verwendet und konnten sie daher nicht so ausdrücken.Aber auch die Psychoanalytiker haben die Struktur des Unbewussten noch nicht exakt so gesehen.[21]

Nochmals also: beim FORMEL-WORT ist die bildhafte Struktur der Buchstabenreihe genau so wichtig, wie die worthafte Struktur, die durch die darin enthaltenen Bedeutungen gegeben ist. Wenn auch für das Unbewusste die bildhafte etwas zu kurz kommt - sie ist in dem oben gezeigten Bild-Beispiel „Hund / Mensch" natürlich viel besser (bildhaft anschaulicher) zu sehen - so ist sie doch ausreichend. Denn das Bild allein ist wiederum in erheblichem Maße zu vieldeutig, es könnte lediglich durch einen treffenden Titel ergänzt werden. Aber ein Bild mit Titel könnten wir wiederum nicht in einem Übungsverfahren verwenden und deshalb ist das FORMEL-WORT in Kreisschreibung vielleicht die beste bild-worthafte Kombination, die je für eine wissenschaftlich orientierte Meditation möglich ist.

Knoten-Topologie

Abb. 6 In dieser Abbildung ist ein (anderes) FORMEL-WORT auf ein Möbiusband geschrieben. Dieses Band stellt die Knoten-Topologie des Unbewussten ideal dar, indem es nur eine Fläche und nur einen Rand hat. Zudem ist auch noch gezeigt, wie entsprechend verschiedenen Schnittstellen (bei denen die Buchstaben auf die andere Seite zu wechseln scheinen, obwohl es nur eine Seite gibt) die Bedeutungen variieren können.

Wir sitzen also in bequemer Haltung und wiederholen in Gedanken langsam dieses oder mehrere (von mir auch an anderer Stelle veröffentlicht) so geartete FORMEL-WORTE, während gleichzeitig darauf geachtet wird, ob man irgendetwas bemerken kann, ein Körperbild oder -gefühl, etwas Visibles, kurz: etwas, das einem STRAHLT zukommt. Evtl. muss man einige Zeit ohne Anspannung darauf warten, bis sich dieser „2. Blick", der nichts mit den Augen zu tun hat, einstellt, und der immer vorhanden ist. Viele Menschen kennen diese Computerbilder, die man mit einem ähnlichen „2. Blick", nämlich einem etwas wie in die Ferne gehenden „leeren" Blick anstarren muss, und die uns enthüllen, dass wir tatsächlich noch einen unbewussten „Blick" haben. Wie gesagt ist es eigentlich kein Blick, sondern ein „Raum-im-Raum-Gefühl", ein SCHAUEN, ein STRAHLT oder das „Rieseln" des Körperbildes. Diese erste Übung behalten wir etwa 10 min bei.


 
 

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