'teetrunken' II

Dieser Artikel enthält einen weiteren Auszug aus meinem Buch ‚teetrunken‘, Bergwandern, Meditieren, Wissenschaft betreiben‘. Mein Lehranalytiker O. Graf Wittgenstein, bei dem ich den wichtigen, praktischen Teil meiner psychoanalytischen Ausbildung erhielt, hat ein Buch geschrieben: „sagen, hören, sehen“ mit dem Untertitel „Vom dreiteilig-einigen Menschen“.[1] Darin benutzte er Mythen und Märchen sowie philosophische und psychoanalytische Formen der Betrachtung, um ein letztlich – wie er es nannte – ‚trialogisches‘ Ziel zu formulieren. Das unten stehende Bild aus seinem Buch zeigt dies vorerst einmal in der Übersicht.

 

‚Trialogisch‘ sollte heißen, dass der in sich ‚dreiteilige‘ Mensch eine Einheit durch den Logos, durch eine besondere Art des Sprechens oder durch die logische Praxis der Psychoanalyse finden kann. Der Mensch ist keine in sich einheitlich ruhende Persönlichkeit. Erst mittels eines psychologischen ‚Durcharbeitens’ der drei Teilaspekte der X-, Y- und Z-Achse kann der Mensch in einer umfassenden Form zur Selbsteinheit gelangen. Auch mir geht es in diesem Buch um dieses ‚treiteilig-einig‘, wobei ich dem ‚Sehen‘ des Graf Wittgensteinschen Buchtitels die Bergwanderungen, dem ‚Hören‘ die Meditation und dem ‚Sagen‘ die Wissenschaft zuordnen möchte. Auf diese Weise will ich die ‚treiteilige Einheit‘, die Graf Wittgenstein den Wochentagen entsprechend in sieben Schritten gestalte, in anderer Weise darstellen. Der letzte Schritt war eben der Sonntag, an dem das ‚trialogische Ziel‘ erreicht werden sollte. Auf´s konkrete Leben übertragen hieße dies in etwa, am Ende des zweiten Lebens-Drittels sollte man schon so weit sein, dass man die vielen - in dieser Abbildung gezeigten - sich gegenüberstehenden Aspekte unter einen Hut bringen kann. Vielleicht aber hat O. Graf Wittgenstein zum Erreichen des ‚Trialogs‘ schon die Phase nach der Pubertät gemeint, also den Lebensabschnitt, wo man diese wirklich überwunden hat. Aber auch diese, postpubertär genannte Phase, kann ja durchaus erst recht spät im Leben vollendet sein. Das Postpubertäre kann lange dauern.

‚Trialogisch‘ sollte zudem auch heißen, dass man über den meist täuschenden ‚Dialog‘, der hier vorwiegend als ein Gespräch  zu zweit aufgefasst wird, hinauskommen muss zu einem ‚Dreiergespräch‘, bei dem ein Bezug zum Unbewussten, zum ganz Anderen in uns selbst, ja zum Fremden in uns als einem Dritten mit einbezogen ist. Alle Welt spricht heute vom Dialog und meint, damit schon alles Zwischenmenschliche in voller Tiefe erfassen zu können. Doch Wittgenstein meinte, dass man vom Katalogischen (dem reinen Auflisten von Begriffen)ausgehend,  zum Analogischen (dem ganz und gar Ähnlichen) fortschreitend und erst dann zum wirklichen und wahren Dialogischen kommen kann. Der Begriff ‚Trialog‘ wird heute jedoch meist in der Psychiatrie verwendet, Kranker, Arzt und Angehörige sprechen alle drei zusammen. In einem Gespräch deutete mir Graf Wittgenstein auch an, dass er den Begriff der ‚Trisexualität‘ einführen möchte, um die Grundannahme Freuds von einer in jedem Menschen angelegten Bisexualität noch erweitern zu können. Ich fand dies kurios, und ich glaube, er hat nie mehr irgendetwas in dieser Richtung verlauten lassen oder veröffentlicht.  

Der Begriff des ‚Trialogs‘ reicht schon aus, um den Menschen in dieser psychoanalytischen Auffassung besser und tiefer zu verstehen. Dennoch kann ich heute genauer erahnen, was Graf Wittgenstein damals bewegt hat. Schließlich gibt es ja in der von Freud konstatierten ‚infantilen Sexualität‘ tatsächlich eine dritte Form der Triebentwicklung, die Freud sogar als eine in jedem Menschen angelegte ‚polymorph-perverse‘ Konstitution ansah, die der Mensch durch Kulturentwicklung überformen kann und muss. Trotzdem bleiben Reste dieser Infantilität in allen Formen des Sexuellen bestehen, und so halte ich den ‚Trialog‘ für einen guten Begriff, denn der Mensch kommt nicht nur mit unreifer Sexualität zur Welt und bleibt darin verhaftet, sondern auch mit einem unausgegorenen Logos, einer nur sehr rudimentären Sprach- und Sprechfähigkeit, die er nicht zur vollen Entfaltung bringt.

Neben den Schilderungen verschiedener Wanderungen möchte ich auch Bemerkungen über Meditation einflechten, die zwar die Psychoanalyse als wissenschaftliche Grundlage nutzen, aber ohne zu viel komplexe Theorie auskommen. Ich habe in vielen Sachbüchern über ein eigenes von mir selbst entwickeltes meditatives Verfahren berichtet. Diese Berichte klingen jedoch wegen des wissenschaftlichen Anspruchs sehr nüchtern und nicht weniger komplex als die heutige psychoanalytische Literatur, in der sich die vielen Schulrichtungen nur noch mit Müh und Not auf ein gemeinsames Begriffsinstrumentarium einigen können.  

Ich kann also auf meine vorigen Bemerkungen zurückkommen und diese noch erweitern, nämlich dass mit dem ‚Sehen‘ die Bergwanderungen einschließlich ihrer (in der Abbildung angezeigten) Nähe und Ferne gemeint sind. Man sieht oben von den Bergen aus ja meist gut in die Ferne und muss dann zu sich selbst zurück in die eigene, innere Nähe schauen. Und mit dem ‚Hören‘ verbinde ich die Meditation auch bezogen auf das, was Graf Wittgenstein mit Verwaltung und Obwaltung angezeichnet hat. Denn so wie ich Meditation verstehe, kommt sie nicht nur von oben, von der Obwaltung, sondern ganz im Sinne der Psychoanalyse auch von unten, wo der Mensch von seinem unbewussten Begehren geradezu verwaltet wird, weil er sich nur schlecht gegen diese Strebungen von dorther wehren kann.

Schließlich wird mit dem ‚Sagen‘ nicht nur die Wissenschaft gemeint sein, sondern auch des Verhältnis von Mann und Frau, das man sonst ja nur aus hunderten von Romanen kennt oder auch aus dem eigenen, vielleicht nicht ganz geglückten Leben. Nirgendwo ist das ‚Sagen‘ so wichtig wie zwischen den beiden Geschlechtern, wo man glaubt vom anderen alles schon zu wissen und zu kennen, dies mit dem Lebenspartner und vielen anderen Menschen schon besprochen zu haben meint und dennoch sich nichts ändert und bessert. Deswegen ist der andere Teil der Psychoanalyse hier gefragt, nämlich der, mit dem sie behauptet, eine Wissenschaft zu sein. Hier muss alles genau hinterfragt werden und nur mit Liebe und guten Vorsätzen allein ist es nicht getan. Ausgerechnet da also, wo es ums intime Leben geht, ist Wissenschaft gefragt.

Weiterhin auch noch die anderen in der obigen Abbildung aufgeführten Aspekte der X-Y-Z-Achsen in diese Zuordnungen einzubringen ist nicht leicht. Jeder wird verstehen, warum Graf Wittgenstein die Y-Achse den Begriffen Obwaltung / Verwaltung zuweist. Denn die Y-Achse ist die vertikale Line. Wie aber die diesbezüglichen Gewalten im Zusammenhang mit den Thematiken der anderen Achsen realisiert, introjiziert und projiziert sind, ist eine sehr komplexe Angelegenheit, auf die ich nicht nur in Graf Wittgensteins Sinne eingehen kann. Natürlich überschneiden sich die Zugehörigkeiten sowohl der Achsen wie deren Bezeichnungen bei so vielen Parametern. Und so werde ich versuchen, bei meinen Bergwanderungen auch an die Sexualdifferenzierung zu denken, genauso wie bei zu großer Nähe an die Ob- und Verwaltung, wobei das letztliche Ziel ohnehin die ‚Trialogie‘ ist, auf die ich über mehrere Kapitel hin versuchen werde zu zusteuern. 

Von Pokhara nach Muktinath

Ende der sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts wurde der Trekkingpfad von Pokhara nach Muktinath in Nepal eröffnet. Das heißt, dass von da an überhaupt erst Wanderungen in dieses Gebiet gemacht werden konnten. Ich hatte das Glück schon kurz nach der Eröffnung diese etwa sieben bis acht Tage lange Tour (reiner Hinweg) zu gehen. Es klingt sicherlich altväterlich und elitär überzogen, wenn jetzt wieder die Klage kommt, dass es so wie damals dort nicht mehr aussieht. Aber diesmal stimmt es wirklich. Die nepalesische Regierung musste schon vor vielen Jahren ein Sonderprogramm entwerfen, um den Abfall und Müll der Trekkingtouristen zu entfernen. Man trifft auf der Wanderung mehr Touristen als Einheimische.

Meines Wissens gibt es eine Route von Pokhara durch das Tal des Kali Gandhaki. Wir, eine kleine Gruppe von vier Personen und zwei Trägern, gingen jedoch gleich nach Norden und dann über Ghandruk, Shikha, Tatopani, Ghasa, Jomosom nach Muktinath. Es gab noch keine offiziellen Unterkünfte, doch die einheimischen Träger, ein Tibeter und ein Nepalese, konnten uns immer in Privathäusern unterbringen. Circa acht Stunden gingen wir jeden Tag, oft über fast stufenartige Wege auf- und dann wieder abwärts, später im oberen Teil auf das Kali Gandhaki Tal treffend ging es oft lange und schmale Steige entlang stetig aufwärts. Ich erinnere mich noch gut an den gewaltigen Moment, als man um eine Biegung herum gehend plötzlich den fast achttausend Meter hohen Machapuchare vor sich sah.

Obwohl er sich noch in einiger Entfernung befand, war der Anblick überwältigend und kein Zweifel, dass es sich hier um andere Dimensionen als in den Alpen handelt. Man kann ja das Verhältnis von Entfernung zu Höhe manchmal nicht so genau abschätzen, aber hier war es klar und eklatant: einer dieser immensen, fast achttausend Meter hohen Bergriesen, von denen aus man über der Welt thronen kann und somit im Besitz aller Fähigkeiten ist. Diese Bergriesen sind Mahnmale, Götterburgen, megalithische Ungeheuer, die man schon immer und zu Recht verehrt und gefürchtet hat. Es war mir nicht möglich sogleich wieder weiter zu gehen. Man musste auf einem Baumstamm sitzen bleiben und lauschen, ob man nicht das Grollen oder gar eine Stimme des Riesen hören konnte.

         

Wir aßen fast jeden Tag nur Reis mit Linsengemüse und manchmal etwas Mitgebrachtes, eine Dose mit Pfirsichkompott oder ein paar Nüsse. Schon auf dem Weg trafen wir Leute aus Mustang, einem eigenen kleinen Königreich tibetischen Ursprungs, das ganz hoch im Norden an der Grenze zu Tibet liegt. Der Zugang nach Mustang war gesperrt, was diesen Ort besonders geheimnisvoll und interessant machte. Sehr tibetisch war auch die Tracht und die schweren Körbe, die die uns begegnenden Männer und Frauen trugen. Aber ein Permit nach Mustang, das wir schon vorher beantragt hatten, war nicht zu bekommen. Es war schon schwierig genug in das noch um etliches davor liegende Muktinath zu gelangen. Inzwischen hat die nepalesische Regierung den König von Mustang abgesetzt und das Gebiet dieses ganz eigenen Volkes verwaltungsmäßig übernommen. Seit 2009 gibt es auch eine befahrbare Straße und inzwischen werden auch Touristentouren nach Mustang angeboten.

Immerhin ist Muktinath ein Pilgerort für Hindus und Buddhisten gleichermaßen. Aber wie Jomosom, dem letzten Ort davor, war es nicht so gut zum Meditieren geeignet. Ich empfand es zu schmuddelig, zu simpel, zu kahl und zu hässlich. Wir wollten eigentlich von Jomosom, das einen Miniaturflugplatz besaß, mit einer kleinen Maschine nach Pokhara zurückfliegen. Nach Tagen der Wartezeit kam endlich ein Flugzeug, ihm entstiegen jedoch nur Beamte, die den Flugplatz kontrollierten und wegen angeblicher Mängel schließlich auch noch sperrten, so dass wir und etliche Einheimische, die sowieso nicht alle in die Maschine gepasst hätten, wieder alles zu Fuß zurückgehen mussten. Unsere Träger hatten wir schon entlassen, und so mussten wir uns auch selber die Unterkünfte suchen, die man unterwegs benötigte.

Doch dies erwies sich als schwierig. Als Fremde waren wir ‚unrein‘, religiös nicht sauber genug, und so ließ man uns äußerstenfalls draußen auf der Terrasse schlafen und auch Verpflegung war nicht mehr so leicht zu bekommen. Trotzdem würde ich diese Trekkingtour als das Eindrucksvollste bezeichnen, das ich diesbezüglich je erlebt habe. Diese winzigen Bergdörfer, die Schluchten, die Rhododendronbüsche, wiederholt ein Bad im Fluss, der Pfad links von Dhalaugiri und rechts vom Annapurna umgeben, waren schon ungeheure Eindrücke. Sie waren eine Zeitreise zurück in frühere Jahrhunderte und somit auch zu sich selbst. Zweifellos gibt es etliche andere Möglichkeiten auch heute so etwas zu erleben. Ich betone dies nochmals, um dem Image des Ewig-Gestrigen zu entkommen. Etliches geht auch heute noch.

Ob es allerdings eine Tour auf den Mount Everest sein muss, ist fraglich. Bekanntlich treffen sich dort oft Auf- und Absteigende und dies noch dazu an den besonders engen Stellen. Viele Todesfälle hat es schon gegeben, einen Wetterumschwung kann niemand genau vorhersagen. Aber auf die Möglichkeit von ‚Trekkingtouren in Afrika‘ habe ich schon hingewiesen. S. Ardito beschreibt sie in seinem gleichnamigen Buch ausführlich. Diese Wanderungen sind wirklich anspruchsvoll, genauso wie solche auch in den heimischen Alpen zu finden sind. Mir sind Touren auf den Ortler und auf die große Zinne in den Dolomiten zu anstrengend gewesen, und so bin ich  schon nach einer Stunde umgekehrt. Oft habe ich den Gipfel irgendeines schönen Berges nicht erreicht, weil entweder die Kinder dabei waren und nicht weiter wollten, und ich musste wehmütig umdrehen. Manchmal habe ich aber auch den Schwierigkeitsgrad nicht geschafft.

Wenn man im Leben nur die Hälfte der Ziele erreicht, die man sich vorgenommen hat, ist es schon großartig. Das wichtigste Ziel ist es – ich habe es ja schon mehrmals angedeutet – wirklich und im vollen Sinne Mensch (dreiteilig-einig) zu werden und dann noch, in genau diesen schon vorgezeichneten Weg die Transzendenz mit ein zu beziehen. Denn nur so ist gewährleistet, dass mein Ausdruck ‚wirklich Mensch‘ nicht ein mythisches Geschnörksel ist und umgekehrt dieses große Wahre dessen, was ich gerade Transzendenz genannt habe, zum Ausdruck kommt. Ich könnte hier auch wieder aus dem Bereich der Psychoanalyse den Begriff der guten ‚Objekt-Konstanz‘ wählen. Er ist jedoch sehr akademisch und einem Laien nur innerhalb des analytischen Vorgehens verständlich zu machen.

Wenn Goethe im Faust sagt : ‘Denn eben wenn Begriffe fehlen, dann stellt ein Wort zu rechten Zeit sich ein,‘ so würde ich dieses Zitat umdrehen und sagen: Denn immer wenn man mit so vielen Worten nicht mehr zurande kommt, dann ist ein definitiver Begriff heilsam. So erweist sich vielleicht der Begriff des Charisma noch als zutreffendst für den Zustand der Seele in der Katharsis und vor allem auch in der Preisgabe dieser Pass-Worte. Jeder ist ein Charismatiker, wenn er sich in seinem nach innen gerichteten Blick und seinem ‚vollen Sprechen‘ findet. Das 'volle Sprechen‘ ist eben auch ein enthüllendes Sprechen und nicht nur ein simpel kommunizierendes. Im Charisma enthüllen sich die subjektbezogenen Zeichen, sozusagen das Innerste eines jeden.

Denn das übliche Zeichen ist nur etwas für jemand, aber das Zeichen eines Subjekts ist ein Signifikant, der schon erwähnte Bedeutungsknoten, der unscharf, ungenau und unbestimmt sein kann, aber der zählt! Deswegen nutzt alle Information, Kommunikation und Digitalisierung nichts, wenn sie nur der Vermittlung von üblichen Zeichen dient. Wichtig ist nicht, dass ein menschliches Subjekt sich mit einem anderen Subjekt austauscht, sondern sie sich gegenseitig enthüllen, sich etwas eingestehen, sich öffnen in gegenseitiger Neugier und Achtung. Neugier verstanden als emotionales Interesse und Achtung als besondere Wertschätzung. Zusammen wirken sie aufbauend, und das zählt.

Mit den Menschen aus Mustang haben wir nur einige Zeit reden können, vermittelt durch unsere dolmetschenden Träger. Wir haben unsere Neugier kund getan, haben sie auch unsere Achtung vor ihrer noch so ursprünglichen Lebensart und physischen Fitness spüren lassen. Und auch sie haben uns wertgeschätzt, indem sie den Wunsch aussprachen, wir sollten sie doch in ihrem Land besuchen. Aber das ging ja nicht, und so verabschiedeten wir uns mit dem größtmöglichen sprachlichem, mimischen und gestischen Bedauern. Wie könnten wir ihre stolze Schlichtheit in unser Leben integrieren? Was könnten wir ihnen mitbringen oder tun, kämen wir wirklich einmal dorthin?

Es verhält sich wie mit dem Leben der Frühmenschen, denen wir zwar nicht mehr begegnen können, aber wir brauchen uns nur – wie ich es schon weiter oben beschrieben habe -  in sie hineinzuversetzen. Dann spüren wir nämlich ihre gebräunten und gegerbten und von Furchen durchzogenen Gesichter. Doch wie bei den Leuten von Mustang wären diese Gesichter straff, klar und irgendwie rein, d. h. nicht so wie unsere, die aufgeschwemmt, verbraucht, verlebt und verzerrt sind. Sie sind von der Hektik, mit der wir bald von Wellnessveranstaltung zu Wellnessveranstaltung hetzen werden, so uninteressant geworden. Von den Frühmenschen kann man also genau so gut die völlig Entspannte Ungezwungenheit lernen, wie von den Menschen im Himalaya.

Denn man muss sich nicht immer einen stillen Winkel suchen oder eine verschwiegene Dachterrasse, um dieses ‚innere Fitnessgefühl‘ zu haben, das die Menschen aus Mustang vermittelten. Fit sind sie nämlich nicht nur wegen der Lasten, die sie kilometerweit über die Bergpässe tragen, sondern weil sie innerlich so ganz einheitlich und so stark sind. Die viele Schlepperei ist eher nachteilig, denn mit dieser Arbeit werden sie nicht alt. Meist verwenden sie  ihre Yaks als Lasttiere so wie in Bhutan oder anderen Himalayaländern auch. Die Tiere sind zäh, angepasst an extreme Höhen und so stark, dass man ihr Blut gegen Krankheiten nutzt (die Tiere werden dabei nicht getötet sondern nur zur Ader gelassen, aber man muss das Blut trinken, wozu es in Mustang ein eigenes Fest gibt).

Wir haben es vorgezogen das Wasser aus den sprudelnden Gebirgsbächen zu trinken, die den Kali Gandhaki speisen. Blut trinken muss man nicht unbedingt und ob man es ins normale bürgerliche Essen mischen soll, halte ich auch für fraglich. Der Gourmet-Koch H. This-Benckhard beschreibt nämlich genüsslich, wie man die Soße zum Kaninchenbraten nicht mit Mehl oder Ei, sondern mit Blut bindet.[1] Kurz vor dem Servieren muss das frische Blut noch in die Bratensoße gerührt werden. Der Autor verrät zwar nicht, wo man das frische Blut immer parat hat, aber hier geht es ja nicht darum, ob es besser ist, Vegetarier oder Kannibale zu sein. Vielmehr kann man an diesen Beispielen gut sehen, was Signifikanten sind und warum sie es sind, die zählen. Denn man spürt in diesem Sprechen vom Oralen und von der Kraft, die man sich direkt einverleiben kann sehr schnell, dass der Signifikant „Blut“ darin teufelsrot aufleuchtet. This-Benckhard müsste nur noch ein bisschen übertreiben und schon würden seine pikanten Gourmetgeschichten ins Makabre einer Blutmahlzeit kippen.

Blutmahlzeiten gehörten bei den Frühmenschen wahrscheinlich zu den ganz normalen Tischsitten. This-Benckhard bringt uns auf Wegen eines modernen Kochbuchs diese Frühmenschen wieder viel näher, als es Ausgrabungen von ein paar Neandertaler-Knochen tun könnten. Gerade weil er schauriges Blut in sein Essen rührt, kommuniziert doch This-Benckhard in einer sehr oralen, oro-labialen, Schling-Mund-, Blut-Schlund-Sprache mit uns, die den Pikanterien einer happigen Erotik nicht fern ist. Als Signifikant und nicht so sehr als Zutat zu einer übersteigerten nouvelle cuisine ist Blut“ eben „ein ganz besonderer Saft“, wie es schon  in Goethes Faust heißt. Ein blutroter Signifikant! Das scheint bei manchen Menschen zu zählen!

Und um genau dies geht es auch in einer Meditation. Es muss etwas kommen, das zählt, obwohl es – rein materialistisch betrachtet – gar nicht da ist. Nur im Körperbild und im Begehren ist es sichtbar, spürbar und in der Intention, im Anspruch ist es hör- und sprechbar. Der Gourmetkoch macht sich genauso wie die Angehörigen des Mustangvolkes bei allen Ehren etwas vor, man könnte durch den blutroten Signifikanten, durch das ekstatische Gekitzel mit dem Blut auch die Lebenskraft eines anderen bekommen. Doch die bekommt man vielmehr durch das Gekitzel der Katharsis, die zudem noch den Anspruch durch ein Identitätswort befriedigt.

Dass es doch so schwer ist, das unbefangene Glück der Primärvölker auf uns zu übertragen, und wir geben ihnen dafür ein bisschen modernes know how. Es gibt keine Zwischenlösung. Es gibt nicht den seligen Manager, den paradiesisch gelaunten Sexualfreak, den  glücklichen Bürokraten. Auf dem Weg vom glücklich Befangenen zum neurosegequälten Erfolgsmenschen existieren zwar zahlreiche Zwischenstufen, doch sind sie alle nicht besser. Würde ein Haus an den Hängen des Himalaya helfen, mit grandiosem Blick in die Weite? Eine kleine kenianische Villa am Strand von Msambweni? Oder eine Dachterrassenwohnung am Central Park in New York? Nein. Man findet’s eher dort, wovon Tschuang Tse schreibt: nämlich im

„Reich der Stille. Damals war ich drin.

Wirklich. . .

Gesteigert, neu, ganz.

Stille des Wesentlichen.

Rückkehr in den Grund.

Das Unnütze endlich vertrieben . . .“

„Pferde und Büffel haben vier Beine – das nenne ich Himmel. Dem Pferd ein Halfter anlegen und dem Büffel die Schnauze durchbohren, das nenne ich das Menschliche. . . Achte darauf, dass das Menschliche nicht das Himmlische (in dir) zerstört; achte darauf, dass das Intentionale (gu) nicht das Notwendige (ming) (in dir) vernichtet.“[2]

Man braucht aber wohl beides. Sie müssen nur in gutem Verhältnis zueinander stehen. Intention ist Strebung, Bezogenheit, ein stetiges Wünschen und Zuordnen. Doch so etwas braucht man auch im normalen Leben. Das Notwendige dagegen ist das, was die Not wendet, das Heil, das wirkliche Ziel, das ‚Trialogische’. Ich greife dazu nochmals kurz den Begriff des Hyperraumes auf, dessen Linien der Einsteinschen Topologie folgen und der auch etwas mit dem Visuellen, dem Identischen oder naiv Analogischen[3] zu tun hat. Denn in der Meditation beziehen wir uns nicht auf den Geometral- oder Fluchtpunkt der klassischen Perspektive, sondern auf ein Zentrum, das sich mehr nach den eingerollen Dimensionen und Krümmungen des Hyperraumes richtet.

Wir ziehen uns beim Meditieren ja in den Konkavspiegel des Großhirns weiter zurück, als es für Wahrnehmung und Identifizierung üblich ist. Im Kapitel 19 werde ich zur modernen Bildtheorie Stellung nehmen und auch von dieser Seite her zeigen, dass die ‚Rückkehr in den Grund’ heutzutage klar verortet werden kann. So wie man das Universum nur von diesem Punkt höchster Konzentrationen Dunkler Materie/Energie wird verstehen können, so auch sich selbst  nur durch die Rückkehr, wo das ‚Unnütze vertrieben’ wird.



[1] This-Benckhard, H., Kulinarische Geheimnisse, Piper (2001) S. 229

[2] Billeter, J.-F., Das Wirken in den Dingen, Mathes & Seitz, (2015) S. 86 und 48

[3] Hofstadter, D., Sander, E., Surfaces and Essences. Analogy as the Fuel and Fire of Thinking, Basic Books (2013), worin die Autoren die naïve, elementare Analogie als wissenschaftlichen Beweis ansehen.

 


 
 

Main menu de-DE