Analytic Psychocatharsis

... combining meditation with science

Geordnete Signifikanten

Der Philosoph Ludwig Wittgenstein begann seine Schrift ‚Tractatus logico-philosophicus‘ mit dem Satz: „Die Welt ist alles, was der Fall ist.“ Bekanntlich ist der erste Satz einer phi-losophischen Abhandlung immer etwas sehr Eminentes, möglicherweise lange Durchdach-tes, Elaboriertes, denn mit ihm hat man schon etwas festgelegt, von ihm aus gehen die wei-teren Gedanken in eine bereits vororientierte Richtung. Wittgenstein hätte vielleicht noch präziser sagen können: „Die Welt ist der Fall“, weil dann neben dem Tatsächlichen der Welt auch der Fall, also der Sturz, das Herunterfallen von ihr mit herauszuhören ist, das ja tat-sächlich – z. B. als Gesetz der Entropie (zweiter Hauptsatz der Thermodynamik) – für die Welt der Fall ist. Er hätte eventuell noch knapper sagen können, „die Welt ist“, und deswe-gen sitzen wir in ihrer Falle. Ich würde das weiße Blatt Papier, das vor einem liegt und einen quält den ersten Satz zu finden, Lacan folgend beschreiben: „Die Welt (das Universum) ist die Summe aller Signifikanten.“ Damit sind gleich drei Dinge in einem Satz formuliert.

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Lacan und das 'Ding'

Das Unbewusste Freuds hat – wie also schon mehrfach betont – nicht nur eine sprachliche, symbolbezogene Seite, sondern auch die dinghafte, aufs Imaginäre bezogene Seite. Den Begriff dinghaft leite ich von Lacans Begriff des ‘Dings’ ab, den er in seinen französischen Vorlesungen immer in Deutsch ausdrückte, und den er dem Signifikanten als dem für die Psychoanalyse so wichtigen Bedeutungszeichen, dem ‚Bedeuter‘, gegenüberstellte. Auch das ‘Ding’ ist ein Bedeutungsknoten, der jedoch mehr vom Imaginären her bestimmt ist. Schon Kant hatte vom ‚Ding an sich‘ gesprochen, das er den herkömmlichen Objekten gegenüberstellte. Es handelte sich mehr oder weniger um eine transzendentes ‚Ding‘, auf das seine idealistische Philosophie hinauslief.

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Verschmelzungssehnsucht

Die Psychoanalytikerin Judith de Soldat hat versucht, die Freudsche Theorie in einer vertieften und verschärften Form zu ergänzen und umzuschreiben. Sie analysiert in ihrem Buch ‚Eine Theorie menschlichen Unglücks‘ Freuds Initialtraum, den er 1895 auf der Bellevue genannten Anhöhe vor Wien gehabt hat. Initialtraum insofern, als Freud sagte, er habe damit das Wesen des Traums in wissenschaftlicher Form erkannt, nämlich dass er einen unbewussten Wunsch, ein unbewusstes Begehren, als erfüllt darstellt. Der Traum ist also eine rauschhafte Illusion, mit der man sich unangenehme Wahrheiten erspart und mit dem man sich dem Schlafwunsch hingibt, der ein Wunsch nach Nichts, nach todesähnlicher Entspannung ist. In diese Entspannung reißt der Traum andere noch unerledigte Wünsche, aber auch Spielereien, mit hinein. Freud analysierte seinen eigenen Traum in die Richtung des von ihm dann auch so benannten Ödipuskomplexes, nämlich – vom Knaben aus gesehen – mit dem Hass, der Eifersucht und dem Todeswunsch gegenüber dem Vater und der Liebesvereinigung und sexuellen Erfüllung mit der Mutter.

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Zwei Formen der Nachträglichkeit

In der Psychoanalyse Freuds ist der Begriff der Nachträglichkeit von besonderer Wichtigkeit. Einerseits – und dies ist die übliche und häufigere Form Nachträglichkeit zu verstehen – geht es darum, dass man einen erregenden, belastenden oder auch zu euphorisierenden Vorgang, also ein Trauma, in der frühesten Kindheit verdrängt hat, später jedoch, z. B. in der Pubertät dessen wahren Inhalt in einer Weise erfasst, der selbst traumatisierend ist. Das typische und oft zitierte Beispiel dafür ist die Urszene, in der man die Eltern in einem aggressiv-intimen Geschehen gesehen und erlebt hat, aber erst beim Wachwerden der eigenen Sexualität erkennt, dass man die Eltern beim Sexualakt beobachtet und sich damit identifiziert hat. ‚Oh Gott, wie peinlich, wie beschämend! Das war es, was ich da erlebt habe und wie ich mich mit der Erregung identifiziert habe‘, könnte der Ausdruck für diese Entdeckung lauten, die nun selbst traumatisierend ist und man wegzuschieben und zu verdrängen versucht. Die Neurose entsteht erst durch dieses erneute, anders geartete Verdrängen sozusagen nachträglich.

Es existiert jedoch auch eine zweite Form der Nachträglichkeit, die schon im ursprünglichen Trauma mitenthalten war. Man hat sich ja so oder so ‚projektiv‘ mit bestimmten Aspekten des aggressiv-sexuellen Geschehens identifiziert. Man war ja aus dem Geschehen einerseits total ausgeschlossen, andererseits konnte man sich wegen des hohen ‚Affektbetrages‘ (ein Ausdruck Freuds) nicht gänzlich davon lösen, sondern war und blieb im Gegenteil affektiv beteiligt. Es ist ein nicht zu ertragender Affekt, denn er beinhaltet so etwas wie einen Lustmord oder andere unverständliche herrlich-grauenhafte Dinge, die man nun irgendwie verpackt mit sich herumschleppt. Sie erscheinen im sogenannten Wiederholungszwang, nämlich unbewusst Dinge zu tun, zu spüren, denken zu müssen – also ohne zu wissen wie und warum. Freud hatte den Wiederholungszwang mit dem Todestrieb gleichgesetzt, denn, um es kühn zu sagen, würde man ihm nicht unbewusst huldigen, wäre die Seele tatsächlich unsterblich.

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Spiritualität und imaginäre Ordnung

Um was es sich bei der Ordnung der Sprache, der symbolischen Ordnung, handelt, ist noch leicht zu verstehen. Diese Ordnung zu analysieren und zu erklären ist Aufgabe der Sprachwissenschaft. Sie erklärt dies mit Srechakttheorien, mit Semantik oder dem Unterschied von Signifikant und Signifikat, was hier nicht interessieren muss. Doch um was handelt es sich bei der Ordnung des Imaginären? Man muss sich diese Frage stellen, wenn man nach Lacan das Symbolische, Imaginäre und Reale unterscheiden will. Eine derartige Unterscheidung ermöglicht viele Aspekte der heutigen Wissenschaftskultur klar zu regeln. Während die Psychoanalytiker sich vorwiegend für die symbolische Ordnung interessieren, da dort das Sprechen in verschiedenen Ausprägungen im Vordergrund stehen, ist für Kenntnisse meditativer und kontemplativ-besinnlicher Verfahren die imaginäre Ordnung wichtiger. So spielt in der Psychoanalyse das sogenannte ‚freie Assoziieren‘, also Gedanken spontan, ohne nachzudenken, frei bis zur Blödheit hin zu äußern, sowie die sprachliche Deutung von Trauminhalten eine große Rolle. In einer Meditation dagegen geht es mehr um das Bildhafte, um den Blick nach innen und um damit verbundene mythisch-mystische Vorstellungen, die einer wissenschaftlichen Betrachtung zu unterziehen notwendig ist.

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Marx, Freud, Lacan und ich.

In diesem Jahr wird der 200. Geburtstag von Karl Marx gefeiert. „Die Produktion produziert nicht nur einen Gegenstand für das Subjekt“, schrieb Karl Marx in seiner Abhandlung ‚Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie‘, „sondern auch ein Subjekt für den Gegenstand“. Die Produktionsverhältnisse waren also der Motor eines in sich geschlossenen Kreislaufs, in dem das menschliche Subjekt und die Gegenstände, die Objekte, hoffnungslos in etwas Wirklichem eingespannt waren, nämlich der Ökonomie als der entscheidenden Triebkraft. Nur wenn man die Produktionsverhältnisse ändern würde, gelänge eine Besserung dieses Wirklichen. Doch um dies zu tun, musste man die ausbeutenden Produzenten ablösen. Die sie ablösenden Proletarier aber wurde dann sehr schnell selbst wieder Ausbeuter, wie die Geschichte inzwischen deutlich gezeigt hat. Sie nannten sich zwar nur Funktionäre, aber der Bedeutungswechsel war nicht echt und wahrhaftig. Die ganze Sache stimmte nicht.

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Heimatminister

Heimatministerien sind en vogue, in Deutschland gibt es sie in NRW, Bayern und im Bund. Man will die Verbundenheit mit Grund und Boden, mit Brauchtum, Sprache (auch Dialekt), Landschaftsgestaltung, Landwirtschaft bis hin zu Nationalstolz pflegen und fördern. Ob es dazu ein Ministerium braucht, da doch offensichtlich viele Menschen sehr wohl wissen, mit welchem Boden sie vertraut sind und wie sie ihn schätzen, kann man vielleicht in Frage stellen. Aber das Hauptproblem liegt ganz woanders. Vor vielen Jahren (noch Ende des letzten Jahrhunderts) hörte ich einmal von einer sudetendeutschen Frau, die ihre Heimat verloren hatte, und sie schilderte, wie schlimm dies für sie gewesen sei. Doch jetzt, nachdem sie auch andere Schicksalsschläge hat hinnehmen müssen, sei ihr klar geworden, dass die eigentliche und wahre Heimat in einem selbst liege. „Die Heimat liegt in mir, und ich will sie dort finden, denn die kann mir niemand mehr nehmen“, sagte sie glaubhaft. Und aus ganz anderen Gründen, glaube ich dies auch.

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Der gemordete und der tote Vater

(alias Dasheit und Drittheit)

Die Psychoanalytikern R. Perelberg unterscheidet den Komplex des gemordeten von dem des toten Vaters.[1] Bekanntlich war Freud davon ausgegangen, dass am Anfang der Menschheit das Alphamännchen triebhaft und grob über die Clangruppe geherrscht hat und so irgendwann von einem Jüngeren ermordet wurde. Nun ist dies selbst im Tiereich nicht immer so, es gibt auch einmal zwei ‚Silberrücken‘, die sich die Herrschaft über die Gruppe teilen. Freud benutzte jedoch diese These, um zu erklären, wie es zur Gründung von Religion und Sozialstaat gekommen ist. Die Jüngeren hätten später Schuldgefühle entwickelt und so den gemordeten Vater zu einem Gott erhöht. So hätten die frühen Juden auch Moses ermordet und erst in der Folge und aus Reue sei die jüdische Religion entstanden.

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Der Schnitt, Psychoanalyse/Meditation

In den unten stehenden Abbildungen bezieht sich das linke Bild auf Lacans grundlegendes psychoanalytisches Schema des Menschen. Für mein Verfahren der Analytischen Psychokatharsis habe ich es durch die Daraufzeichnung einer Pyramide im rechten Bild  (noch weiter unten) erweitert. Diese Erweiterung betrifft das zentrale Element, das von dem englischen Psychoanalytiker W. Bion ins Spiel der psychoanalytischen Theorie eingebracht wurde. Er bezeichnete es mit dem Buchstaben  O  für  ‚Origin‘ (Anfang), was man jedoch auch als 0 (Null) lesen kann. Vereinfacht ausgedrückt geht es um Folgendes:   

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