Analytic Psychocatharsis

... combining meditation with science

Overwhelming: Psychoanalyse und Mathematik

Mit der Verbindung von Mathematik und Psychoanalyse hat sich vor allem Lacan beschäftigt. Er betonte mehrmals, dass es bis heute keine fassbare Empirie der ersten ganzen Zahlen gibt und so der Mathematik etwas Unfertiges anhaftet. „Weil die Mathematik das Unfertige in sich trägt, kann sie helfen, es vielleicht besser zu verstehen und einen Weg dorthin zu finden. Das greift Lacan auf. Er spürt in der Mathematik seiner Zeit etwas, um zu fassen, was sich in der Sprache nicht ausdrücken lässt. Er möchte eine ebenso unanschauliche, ja unverständliche und doch zugleich präzise und in verschiedensten Anwendungen erfolgreiche Sprache finden, wie es der Mathematik möglich ist. Meistens wird der Mathematik ihre Sprachschwäche und Unanschaulichkeit vorgeworfen, aber Lacan sieht genau hier ihre Stärke. Die Mathematik enthält etwas Fremdes, das er in seinem Denken aufgreifen und nutzen will“.(1)

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Lumis Monster

Überwältigt sein muss nichts Negatives bedeuten. Auch wenn es vom Wort Gewalt herkommt, ist doch ein Ausdruck wie: ‚Ich war vom Hamlet im Thalia Theater überwältigt‘, oder: ‚Mendelsohn Bartoldys Violinkonzert war überwältigend‘, kraftvoll und positiv. Doch in diesem Manuskript soll es ohnehin über eine besondere Art der Überwältigung gehen, nämlich um eine, wie sie die amerikanische Psychoanalytikerin A. Saketopoulou erfassen will, die geschrieben hatte, dass Beziehungen letztlich immer noch ein ungelöstes Rätsel enthalten, das nur gelöst werden kann, wenn es zu einer Art intimen ‚overwhelming‘ (Überwältigung) kommt.(1)  Die Autorin beginnt ihren wissenschaftlichen Artikel mit der Geschichte einer Mutter (Imani), die mit ihrer vierjährigen Tochter (Lumi) spielt:
„Spiel das Monster“, fordert Lumi die Mutter auf. Imani verwandelt sich augenblicklich in einen stattlichen Menschenfresser und springt auf ihre Tochter zu. „Ich werde dich auffressen“, knurrt sie drohend. Lumi windet sich aus Imanis festem Griff heraus und kreischt vor Freude. Sie wehrt sich und kichert ungezwungen.

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Das vertikale Ich

Ich möchte bei dem beginnen, was heute viele neuere als ohnehin präexistent ansehen: das Vorherrschen primärer Spiegelungen, speziell solcher im eigenen Körper, also das starke uns von Anfang an bestimmende ‚Körper-Spiegel-Ich‘, das psychische „concrete original object“ (COO).[1] Ihm folgen erst dann die eigentlichen Selbstspiegelungen, mit denen man sich nach außen hin im Anderen reflektiert, wozu dann eben auch Narzissmus und anderes gehört. Kurz: es geht um genau das, wo man als Einzelner mit sich selbst allein sowieso anfängt oder anfangen muss, bevor Welt und Gesellschaft dazukommen.

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Sirri Hustvedt, Frauen Literatur I

Die Romane von Siri Hustvedt sind spannend zu lesen. Sie sind, wie ich schon erwähnte, voll von Geist, Neurowissenschaft, Kunsttheorie, Feminismus, Genderdiskussion, und zig anderen Bereichen, die alle von großer Belesenheit zeugen. Auch in einem ihrer letzten Bücher ‚Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen‘ geht es wieder um die Thematik Mann und Frau. Die Autorin hat zu den Malern M. Beckmann und W. de Kooning sowie zum Schriftsteller O. Knausgard kritisch Stellung bezogen und deren einseitige und hoffnungslos Männer orientierte Lebensanschauung offen gelegt. Man muss nicht Feminist sein, um die rüde Machoart der Genannten zu verurteilen. Freilich hätte sie bei einer Untersuchung der Maler P. Klee, F. Marc und G. Richter wahrscheinlich freundlichere Ergebnisse zu Tage befördert, doch das ist kein ausreichend gutes Argument.

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Siri Hustvedt und Lacan

Siri Hustvedt ist bekannt für ihre phantasievollen Ro-mane, die oft mit Hinweisen auf Neurowissenschaft, Psychiatrie, Philosophie und Psychologie reichlich un-termauert sind. In ihren Büchern kommt sie meist auch selber vor und viele Gestalten aus ihrer Herkunftsfamilie spielen wichtige Rollen. In dem Buch ‚Die Leiden eines Amerikaners‘ ist ihr alter ego nicht nur Eric, ein Psychi-ater, mittels dessen Menschlichkeit und Fachwissen sie alle ihre Kenntnisse anwenden und den vielen gestörten Menschen, für die sich stets interessiert, Raum geben kann. Auch in anderen Figuren spiegelt Siri Hustvedt sich und ihren Vater, dessen Originaltagebuch sie als wichtigen und interessanten Nachlass von Erics Vater verwendet. Viel Neurotisches, Seltsames und Geheim-nisvolles passiert in diesem Buch und machen es span-nend.

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Jeanne D'Arc und die Queerness

Jeanne D’Arc, die Jungfrau von Orleans, war – so würde man es heute zumindest auch sagen dürfen – eine queere Figur. Das liegt schon einmal an ihrer Neigung zur Männerkleidung und ihrem Streben nach männlichen Heldentaten, auch wenn man dies alles – ebenso nach heutiger Manier – als harmlos neurotisch einstufen könnte. Ich will auch ihrer Größe keinen Abbruch tun. Bekanntlich hörte sie schon als Kind ‚Stimmen‘, die ihr anfänglich zu verstärktem Glauben an Gott und an die Kirche rieten. Später erschien ihr jedoch ein Mann mit ‚schneeweißen Flügeln‘, der sich als Erzengel Michael entpuppte und sie zum Kampf gegen England aufrief. Er war es, der ihr dann auch versprach, wo sie sich Männerkleidung besorgen und wie sie zum König gelangen könnte. Strenger Katholizismus und Männerherrschaften bestimmten damals das Leben, und so nahm alles zuerst seinen typischen, zeitgetreuen Verlauf, den man damals zurecht nicht als queer bezeichnete. Derartige Bezeichnungen kannte man noch nicht. Aber ungewöhnlich, seltsam und für die Eltern sicher besorgniserregend war Jeanne D’Arcs Auftreten durchaus.

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Der Borromäische Knoten II

In Fortsetzung von Artikel I beschreibe ich hier die Anwendung des Bo-Knotens auf die Analytische Psychokatharsis. Das zentrale, mit dem kleingeschriebenen ‚a‘ gekenn-zeichnete Feld in der Mitte des Knotens hat so in etwa den Charakter des aus der Astrophysik her bekannten ‚Schwarzen Lochs‘. Dieses von Lacan also als das Loch, als der Lochrand, bezeichnet, den das Symboli-sche ins Reale bohrt, wird von den ‚Objekten‘ des Be-gehrens, den klein zu schreibenden ‚a‘ immer wieder verschlossen, zugestöpselt. In der Analytischen Psychokatharsis sitzt hier das ‚Objekt‘ der Meditation,  ein aus den Strahlt und Spricht zusammengesetztes ‚Ding‘, das auf dem Weg ist zum ‚Ding an sich‘, zum Lacanschen ‚Ding‘, zur Höhe und zum Ziel des ganzen meditativen Vorgangs zu werden. Umgekehrt wie in der Psychoanalyse werden von vornherein Symbolisches und Imaginäres zugunsten des Realen möglichst wenig in Anwendung gebracht.

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Der borromäische Knoten I

In diesem Artikel beschreibe ich, was zum vorwiegend analytischen Verständnis bei Lacans Borromäischem Knoten notwendig ist, während ich im Artikel II darauf eingehe, wie ein Bezug aller Parameter bei dem vorwie-gend meditativen Verfahren der Analytischen Psychoka-tharsis aussieht. Die meisten Hinweise stammen aus dem Seminar XXII von Lacan, so dass ich sie hier nicht einzel aufführe. Der Borromäische Knoten (verkürzt Bo-Knoten genannt) besteht aus drei ineinander verwobenen Kreis-Schlingen, die sein grundlegendes Konzept, nämlich das sich alles auf die drei Kategorien des Symbolischen, Imaginären und Realen hin einordnen lässt, darstellen. Diese Einordnung bezieht sich vor allem auf das unbewusste Seelenleben des Menschen.

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Jesus und die Vision des Anderen

In der FSZ vom 23. 12. 2018 schreibt die Redakteurin Julia Schaaf über eine Frau aus Dänemark, die vor zehn Jahren in der Kapelle des Ortes Ubeda mitten in Andalusien eine Jesus-Vision hatte. Sie war mit einer Reisegruppe unterwegs gewesen und hatte sich wohl etwas ermattet, vielleicht fast ein bisschen erschöpft in die Sakristei gesetzt, als sie in eine Art von visionärem Zustand geriet und den „schönsten Mann, dem sie je begegnet ist, leicht gewellte Haare, schlank, muskulös, . . gebräunt, knapp über dreißig“ unweit vor sich sah. Sein und ihr Blick versenken sich ineinander bis die Vision wieder verschwand und die Protagonistin sich sehr bald sicher war, dass es sich bei dieser Begegnung um Jesus gehandelt hat. Schon vorher hatte sie in der gleichen Kapelle (Sacra Capilla del Salvador) und dann auch anderswo ebenso auratische Erlebnisse gehabt und auch andere haben bemerkt, dass ‚Strahlen‘ von ihr ausgehen.

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