Analytic Psychocatharsis

... combining meditation with science

Das konjekturale Denken, Leseprobe


INHALTSVERZEICHNIS

VORWORT: DIE SIGNIFIKANTEN DES NEANDERTALERS


I. DIE EIGENARTIGE SPRACHE DER PHYSIKER UND PHILOSOPHEN

1. 1 EINFÜHRUNG
1. 2 KANT
1. 3 GOTT UND HIRN
1. 4 EINSTEIN
1. 5 DIE ULTIMATIVE THEORIE .

II. SCHAUEN UND SPRECHEN .

2. 1 PHILOSOPHIE UND PHYSIK DER TRÄUME .
2. 2 DIE SPRACHE FREUDS, KAFKAS UND EINIGER ANDERER . .

III. A R E V I D E O R

3. 1 ARITHMETIK, NEUROWISSENSCHAFT UND FORMEL-WORT
3. 2 DAS FORMEL-WORT UND SEINE PRAKTISCHE ANWENDUNG
3. 3 BLICK - KONSTANZ UND VOLLES SPRECHEN

IV. L I T E R A T U R V E R Z E I C H N I S

 

Diese neue Version (Mai 09) ist ohne Fußnoten, da sie nicht erheblich von der etwas

äteren Version abweicht, die hier ebenfalls verfügbar ist. Dort sind alle Fußnoten aufgeführt.

VORWORT: DIE SIGNIFIKANTEN DES NEANDERTALERS
Um es gleich vorweg zu nehmen: das konjekturale Denken ist keine philosophische, akademische oder gar universitäre Methode. Es ist etwas für jeden, der sich dafür interessiert oder es vielleicht sogar aus Gründen seelischer oder seelisch mitbedingter körperlicher Störungen benötigt. Es besteht - vorerst einmal vereinfacht ausgedrückt - darin, dass das übliche, sogenannt „gerichtete" Denken und das Nichtdenken sich in engster Verbindung abwechseln. Mit Nichtdenken ist nicht vollkommene Unbewusstheit gemeint, sondern ein Zustand der Aufmerksamkeit, jedoch ohne Gedanken, also eine Art der Kontemplation. Es handelt sich genau um den Zustand, den der Psychoanalytiker einnehmen muss, wenn er den „freien Assoziationen" seines Patienten zuhört. S. Freud sagte, dass der Analytiker dabei mit „gleichschwebender Aufmerksamkeit" zuhören sollte. D. h., der Analytiker denkt nicht (oder vorwiegend nicht), ist aber wach, auf die Aussagen des Patienten hin orientiert, befindet sich aber dennoch fast wie in leichter Trance.

Ein anderes Beispiel: Der etwas verrückte Szene-Guru der 70ger und 80ger Jahre, Bhagwan Rajneesh, machte manchmal - trotz seiner sonst recht esoterischen Grundhaltung - ganz pfiffige Bemerkungen. So sagte er z. B., dass er in seinen Ansprachen zwischen den Worten oft etwas längere Pausen mache. Nicht zu lange Pausen freilich, bei denen die Zuhörer hätten denken müssen, dass er jetzt den Faden verloren hat. Aber doch so lange, dass das Publikum noch in der zuhörenden Anspannung verblieb, also gleichermaßen noch die Ohren gespitzt hielt, die Aufmerksamkeit wach zum Redner hin gewandt blieb. Bei zu langen Pausen, aber auch bei zu kurzen oder gar keinen Pausen, fangen die Leute nämlich an, sich selbst Gedanken zu machen. So aber verblieben sie in einem Nichtdenken, in einer Art von Meditation. Während einer halbstündigen derartigen Ansprache hätten - so der Guru - die Zuhörer also schon ca. sieben Minuten meditiert (und 23 Minuten „gerichtet" zugehört). Und die Vermittlung von Meditation war ja sein Anliegen.

Während des Zuhörens verbleibt man bei einer derartigen Rhetorik also in einem „gerichteten", auf das Sprachlich-Logische orientierten Denken und wechselt in den Pausen wieder kurz auf ein Nichtdenken, auf die „gleichschwebenden Aufmerksamkeit", eine Art von Meditation oder Kontemplation, um dann wieder den normalen Gedanken zu folgen usw. Freilich kann man sich fragen, wozu das gut sein soll. Nun, es könnte etwas Kreatives befördern, es könnte eine neue Art der Einsicht vermitteln. Sowieso hat man Derartiges schon immer praktiziert, bei Rezitationen oder in bestimmten Formen des Gebets beispielsweise. Zudem ist diese Ansprache / Zuhörer - Methode nicht eine sehr ausgereifte Form des Wechsels von Denken und Nichtdenken. Denn die Lehre des Gurus, die er auf diese Weise vermitteln wollte, hat sich nicht durchgesetzt. Man könnte sich eine kompaktere, direktere Methode vorstellen, z. B. ganz langsam, monoton, eben mit Zwischenpausen einen rätselhaften Satz denken, wie man es beim buddhistischen Koan macht. Der Nachteil ist natürlich ein asiatisch religiöser Hintergrund, der völlig fremd und auch nicht mehr zeitgemäß ist. Oder eben ein Gebet benutzen. Beim Gebet wiederum besteht allerdings der Nachteil, dass der Sinn schon genau vorgegeben, bekannt und ständig wiederholt wird, das „gerichtete" Denken also schon von vornherein sehr eingeengt ist. Der konfessionelle, dogmenbehaftete Hintergrund ist störend, und um genau das soll es beim konjekturalen Denken nicht gehen. Hier soll vielmehr neutrale Wissenschaftlichkeit zum Zug kommen, die jedoch außerhalb der fach-universitären Vermittlung liegt, wie es etwa bei der Psychoanalyse der Fall ist.

Ich arbeite seit fast dreißig Jahren als Psychoanalytiker und stütze mich in meinem Vorgehen auf diese psychologische Wissenschaft. Wie erwähnt, teilt man sich also (zwischen Analytiker und Patient) die Sache mit dem Denken und Nichtdenken in der herkömmlichen Psychoanalyse auf. Sowohl der Patient wie der Analytiker haben Phasen des „gerichteten" wie des tranceartigen Denkens. Es kommt immer wieder zu direkten Überschneidungen dieses Denkens und Nichtdenkens, die man durchaus konjektural nennen könnte. Deswegen hat man auch von der Psychoanalyse als einer Konjekturalwissenschaft (Vermutungswissenschaft) gesprochen. Hier in diesem Buch soll es aber um etwas anderes gehen: eben um ein direktes Verfahren des konjekturalen Denkens, bei dem man nicht Hunderte Stunden in eine Therapie gehen, aber auch nicht an der Universität ewig lange studieren muss. Etwas Eigenes also, in dem jedoch diese Grundtatsachen wie die „freie Assoziation" und die „gleichschwebende Aufmerksamkeit" eine Rolle spielen werden.
Vor ca. 100 000 und wahrscheinlich auch noch mehr Jahren konnten die Menschen bereits sprechen, wenn auch in völlig anderer Weise als wir es heute tun. Wahrscheinlich war ihr Sprechen jedoch so anders, dass unser Wort sprechen für eben diese Tätigkeit sogar missverständlich ist. Ich müsste also meinen ersten Satz geradezu in der Art der „Sprache" - oder müsste ich nicht verrückterweise sagen: „Spreche", „Sprechung", „Lautung" - der Früh-Menschen ausdrücken können, um von ihnen wirklich etwas mitzuteilen. Anderenfalls verfehlt mein Schreiben seinen Zweck. Denn sowohl „sprechen" als auch „Mensch" in diesem ersten Satz müsste ich einander gänzlich anders erfassen und zuordnen, als ich es mit unserer heutigen Ausdrucksweise tue. Denn es liegt ja nicht nur an der Unmöglichkeit einer Übersetzung der Neandertalersprache in unsere heutige verbale Kommunikation, sondern an der Unmöglichkeit einer Rekonstruierbarkeit dieser frühen artikulativen Tätigkeit überhaupt, die wir als „menschliches Sprechen" bezeichnen. Umso mehr glaube ich, dass es wichtig wäre, schon durch die Art meines Schreibens das Originäre des Frühmenschen zum Ausdruck zu bringen.

Wie soll man also generell von so jemand Elementarem, so einem Urwesen, so einem „UR" - um es bildhaft-klanglich und formal möglichst knapp zu sagen - wie dem späten homo erectus oder dem Neandertaler etwas aussagen? Er selbst würde sich selbst ja niemals in unseren trockenen Vokabeln und in unseren gestelzten Formulierungen wiedererkennen können. Umgekehrt könnten wir unsere komplizierten Ausdrücke für seine „UR´s" (Urphoneme, wenn so etwas wie ein Phonem, nämlich die klangliche Einheit des Sprechens, dafür überhaupt zutreffend ist) gar nicht verwenden. Es ergäbe sich also nur eine tiefe Miss-Kommunika¬tion, träfen wir mit einem Neandertaler zusammen. Wir können sicher sein, dass wir niemals wirklich wissen werden, wie der Neandertaler gesprochen, besser: „gelautet" hat. Seine „Sprache" war nämlich, wie man vermutet, eher ein Rufen und Verlauten, als wirkliche Rede, eher Evokation als Mitteilung. - oder wie erwähnt treffender ausgedrückt: eher „Spreche", „Rufung" als Sprache.

Aber eben darin war er wieder sehr modern. Denn eigentlich, sagt der französische Psychoanalytiker J. Lacan, dient das Sprechen (oder sollte es) mehr der Evokation, der Enthüllung, als der Kommunikation und der Mitteilung. Ja, insoweit das Unbewusste des Menschen selbst schon Sprachliches, Symbolisches ist, sollte die Sprache ohnehin mehr „Spreche", „Sprechung", Sage, Verlautung sein, als oberflächliche Vermittlung und Kommunika¬tion. Für die Psychoanalyse ist das Subjekt des Aussagens wichtiger als das der Aussage, das Wie fast authentischer als das Was. Man teilt sich - und das gilt natürlich auch außerhalb analytischer Sitzungen - eklatant mehr in dem mit, was man beim Sprechen nebenbei enthüllt, als in dem, was man inhaltlich sagt.

Was heißt das überhaupt: voll und authentisch sprechen, voll und ganz eine symbolische Ordnung austauschen, so dass nicht eigentlich hintenherum die Wahrheit erst gesucht werden muss, wie in den meisten Fällen von heutiger Kommunikation? Die Unmenge Gedrucktes und Gefilmtes, Gefachsimpeltes und Gequatschtes, Dahingeredetes und bis zum Geht-Nicht-Mehr Debattiertes kann doch nicht immer wirkliche Kommunikation im Sinne auch einer Enthüllung des Wahren und Zutreffenden sein! Das ist ja der Grund, warum ich gerne im Originalton reden möchte, der für uns heute wie für damals gilt. War uns nicht der Neandertaler vielleicht in vielem voraus, wenn er zwar nur Rülps- und Grunzlaute - wie unfreundlich gesinnte Forscher gemeint haben - von sich gab, darin aber viel mehr von sich, seinen Gefühlen und elementaren Affekten verriet, als wir es heute selbst in langen Gesprächen tun?

Lacan war ganz entsetzt über den berühmten Sprachwissenschaftler N. Chomsky, als dieser ihm gegenüber erklärte, die Sprache sei für ihn ein Organ, ein Werkzeug! Nach Chomsky ist die Sprache ein menschliches Werkzeug, das auf den Menschen selbst zurückwirken kann, während Lacan genau der gegenteiligen Auffassung ist: „Der Mensch spricht" - hat die Fähigkeit zum Symbolisieren - „aber er tut dies, weil das Symbol ihn zum Menschen gemacht hat"! Irgendetwas Symbolisches, eine primitive symbolische Ordnung, eine Art von „Sage", „Spreche", ja von einem Es SPRICHT ist schon da, bevor der Mensch erscheint, d. h. mit diesem SPRICHT erscheint er erst voll und ganz. „Die Natur liefert Signifikanten", schreibt Lacan. „Noch bevor die eigentlichen Humanbeziehungen entstehen, sind gewisse Verhältnisse schon determiniert . . Noch vor jeder Erfahrung, vor aller individuellen Deduktion und noch bevor überhaupt kollektive Erfahrungen . . . sich niederschlagen, gibt es etwas, das dieses Feld organisiert und die ersten Kraftlinien in es einschreibt . . die Funktion einer ersten Klassifizierung. Wichtig ist für uns, dass wir hier die Ebene erkennen, auf der es - noch vor jeder Formierung eines Subjekts, das denkt - bereits zählt, auf der gezählt wird. Wichtig ist, dass in diesem Gezählten ein Zählendes schon da ist". Ein Zählendes, ein menschlich Zählendes, ist auch schon ein Erzählendes, eine „Sprechung", ein SPRICHT.

Da haben wir es also, was die Mathematiker seit Pythagoras immer schon behaupten: Etwas, was wirklich zählt, Laute, die wirklich zutreffen, ein SPRICHT, ein (Er-)Zählbares gab es schon zu Zeiten der Neandertaler (und sogar davor), und genau dies Ursymbolische, das einfach rein nur zählte, hat ihn zum Menschen gemacht. Nicht allein das große Gehirn hat den Sprung zum homo sapiens sapiens bewirkt - das sicher auch, wobei man bedenken muss, dass das Neandertalergehirn noch größer als unseres war. Auch war nicht allein die Gruppendynamik Ursache der besonderen Menschentwicklung, denn diese gibt es bei vielen Tiergruppen auch, die trotzdem bis heute nicht menschenähnlich geworden sind.

Am Anfang war also vielleicht die Zahl, die sprechende Zahl. Nur in diesen primären Kraftlinien der Signifikanten, in diesem Es SPRICHT, zählte es also für den Neandertaler bereits, genau so wie für uns heute. Diese Verlautungsmethode, diese - wenn ich das noch einmal so sagen darf - „Spreche", „Rufung", der Signifikanten funktionierte beim Neandertaler genauso wie es in unserem heutigen Unbewussten da ist und funktioniert. Die Sprache ist nicht - wie Chomsky sagt - ein Werkzeug des Menschen, sondern der Mensch ist ein Werkzeug der Sprache, wenn wir sie so auffassen, nämlich als symbolische Ordnung, als Kraftlinien der Signifikanten, als „UR´s" der Bedeutungen. Und die waren immer schon da, längst auch zu Zeiten des Neandertalers. Deswegen muss es eine Möglichkeit geben, dass wir ohne Miss-Kommunikation Vergleiche zwischen ihm und uns anstellen können, ohne uns nur auf die Altertumswissenschaft, speziell die Paläoanthropologie beschränken zu müssen, die uns stets nur magere Funde liefert: ein paar Knochen, Reste einer Höhle, Grabbeigaben.

Natürlich will ich darauf hinaus, dass diese Verlautung, „Spreche" schon ein konjekturales Denken enthält. Wenn es mir so um die Frühmenschen geht, so weil das Vorhaben meines Buches genau darin besteht, in einem Rückgriff auf dieses originäre SPRICHT (oder wie man es auch immer nennen will) einen psychoanalytischen Zugang für uns heute zu gewinnen, der viel kompakter und einfacher zu handhaben ist, als die klassische Psychoanalyse. Dieses neue Verfahren kann man üben wie eine Meditation, indem man eben diese originären Sprach-Elemente in Form sogenannter FORMEL-WORTE wieder aufbereitet und zur Analyse verwendet. Auf all dies werde ich noch ausführlich zurückkommen, aber gerade im Sinne der Enthüllung will ich den Leser nicht lange darauf warten lassen und wie die Pausen beim oben zitierten Guru immer wieder kleine Enthüllungen einsprengen. So könnte vielleicht das Lesen schon ein bisschen konjekturales Denken vermitteln.

Neuere paläoanthropologische Forschungen behaupten, „die Neandertaler sind nicht unsere Vorfahren", weil jetzt endlich exakte Analysen von mitochondrialer DNS bewiesen haben, dass das genetische Muster zwischen den Frühmenschen und uns doch zu unterschiedlich sei. Allerdings schließen die DNS-Untersuchungen nicht aus, dass es doch in einem gewissen Grade Vermischungen zwischen den Neandertalern und den Cro-Magnon-Menschen (unseren gesicherten Vorfahren) gegeben hat und wir somit doch in sehr „verdünntem" Maße genetisches Material von Neandertalern haben könnten. Das genetische Material ist dann eben so ausgedünnt, dass man die Vermischung nicht mehr nachweisen kann, bzw. es spielen auch noch andere epigenetische, nicht an die DNS gebundene Erb-Merkmale eine Rolle.

Auch die Kulturstufe der Neandertaler war - wie K. Wong berichtet - wahrscheinlich doch der des moderneren Menschen viel ähnlicher, als man bisher annahm. So „fertigten vor rund 90000 Jahren Neandertaler wie frühmoderne Menschen Werkzeuge der Moustérien-Stufe, der Kultur der mittleren Altsteinzeit". Erst neueste Erkenntnisse - veröffentlicht in der renommierten Zeitschrift „Nature" - belegen, dass Kunstwerke, die man lange Zeit dem Aurignacien (Altsteinzeit) zuschrieb, wie z. B. die Höhlenzeichnungen von Chauvet sowie Figuren und Flöten, ganz offensichtlich Werke des späten Neandertalers waren. Neandertaler und frühmoderne Menschen lebten einige Zehntausend Jahre mit- und nebeneinander und vermischten sich genetisch und kulturell zumindest in gewissem, begrenzten, Umfang. Schließlich aber wurden die Neandertaler durch zahlenmäßige Übermacht der heutigen Cro-Magnon-Menschen verdrängt, gingen in ihnen auf oder starben durch eigenes Fehlverhalten aus.

Aber darüber hinaus sind es ja vielmehr diese primären Signifikanten, diese in der Natur schon vorgezeichneten Kraftlinien ursprünglichster Bedeutungen, dieser „Erscheinungen mit Bedeutung", eine Art von SPRICHT, von primärem SPRECHEN, von UR-Artikulation, die sie zu unseren engsten Verwandten machen. Das Genom ist nicht das Wesentliche unserer Identität. Denn viel wichtiger als die Genetik, die Physiologie, der Nachweis spezifischer DNS oder RNS, aber auch wichtiger als irgendeine „geistige" Tendenz sind eben die Signifikanten, die uns zum Menschen und Nachfahren des Neandertalers werden ließen, indem sie uns den Stempel der symbolischen Ordnung schon eingedrückt haben, lange bevor wir im modernen Sinne „verbal" sprechen konnten. Bildartig, zeichenhaft, lautlich - irgendwie muss es schon begonnen haben, dass man sich - wie soll man es nennen? - ausgedrückt, verständigt, „gemitteilt" hat? Signifikantisiert hat? Signi......? Eben, da stocke ich bereits wieder: wie sprechen, wenn sprechen bei uns und beim Neandertaler zwar irgendwie ähnlich und doch eben so unterschiedlich war? Denn vielleicht unterscheiden wir uns nicht so sehr im Wesen dessen, was Sprache vermag, sondern nur in der Form der Äußerung, aber darin dann sicher erheblich.

Die Gene dagegen sind nicht die wesentlichen differentiellen Elemente, die für einen Vergleich von uns und dem Neandertaler interessieren. Schließlich fühlen wir uns manchmal ja selbst einem Tier viel „verwandter", obwohl dessen Gene viel weiter von uns abweichen, als die des Früh-Menschen. Doch leider ist das Gefühl jedoch auch kein so gesichertes wissenschaftliches Instrument, und deshalb muss ich bei den Signifikanten bleiben. Zwar hat der Paläoanthropologe Pääbo erst im Februar 2009 neuere Forschungen zum genetischen Unterschied zwischen uns und dem Neandertaler vorgestellt, aber auch zugeben müssen, dass ausgerechnet das Sprachgen (das FOXP2-Gen) beim Neandertaler schon genau so ausgeprägt war wie bei uns heute. Selbst wenn er also nicht so verfeinert kalkulatorisch sprechen konnte wie wir, hatte er offensichtlich die gleiche symbolische Ordnung zur Verfügung, fiel er wie wir im Hamletschen Konflikt zwischen „Sein oder Nichtsein" letztlich dem Signifikanten, dem SPRICHT, einer Art von „Stöhnen" zum Opfer, das das Universum im Moment seines Untergangs von sich geben wird, indem es dadurch ein neues wieder hervorbringt (der Big Crash des Untergangs des Universums wird - vermutet man - genauso wie der Big Bang seiner Entstehung, ein Ur-Knall, ein Ur-Geräusch sein).

Diese Signifikanten bestanden nämlich beim Neandertaler noch vorwiegend aus jener von Freud so genannten primärsten Identifizierungsart, die sich „vor dem Hintergrund einer assimilierenden Verschlingung" abspielt. Kurz: diese Signifikanten („Sinn" - und „Bedeutungseinheiten") waren eine Art von Silben-Kauen, von direkter Mundmotorik, von vorwiegend vokalischen Lauten beim gemeinsamen Verzehr, ja, von „Oralem", das ausgetauscht werden kann. Sie stehen den Trieben nahe, dem „Oraltrieb". Bekanntlich kann man sich mit Worten füttern (beim berühmten Kaffeeklatsch etwa oder gerade dann, wenn man sich „zu gut" versteht), und die Neandertaler gaben sich diesbezüglich recht drastisch. Nicht nur, dass sie sehr viel vom Essen sprachen, ihr Sprechen hatte selbst den Charakter von Essgeräuschen und oralen Genusslauten. Es gab ein Ur-Gespräch, oder besser noch: eine Art UR von Gespräch, in dem sie sich unterhielten, schwätzten und sch(w)(m)atzten. Sie liebten sich dabei so sehr, dass sie sich - freilich nur im Sinne eines rituellen Kannibalismus - auch fraßen.

Auch wenn dies spekulativ ist, für unser Vorhaben ist es nicht so wichtig, quantitative oder qualitative Unterschiede zwischen uns und dem Neandertaler auf einer rein genetischen, biologischen (oder auch auf einer rein theoretisch-philosophischen oder gar linguistischen Ebene) herauszustellen, denn gerade im Bereich der Signifikanten, wo wir also am ehesten einen Vergleich zwischen uns und dem Neandertaler herstellen können, zählen just die Unterschiede nur insofern sie ohnehin nivelliert, ja gelöscht sind! Der Signifikant ist eine gelöschte Spur, aber gerade weil sie gelöscht ist, ist sie signifikant! Dies kann man aus Folgendem sehen: Obwohl jede Jagd auf ein Tier für den Frühmenschen die Spur eines immensen Erlebnisses in ihm erzeugte und hinterließ, machte er bereits doch nach jedem erfolgreichen coup den gleichen Strich, die gleiche Kerbe in einen Stein oder Knochen! Es fing also an zu zählen (wiederum glaube ich nicht, dass er in unserem Sinne gezählt hat, so dass der Ausdruck „Es zählte in ihm" eigentlich besser ist)!

Mit den Kerben verwandelte er nämlich die Spur des starken Erlebens, der aufwühlenden Erregung, in ein signifikantes Zeichen, er gab dem affekterfüllten Ereignis die Kerbe einer Bedeutung als Bedeutung schlechthin. Er gab ihm - Kerbe für Kerbe - die Bedeutung von etwas-und-noch-etwas-und-noch-etwas, was ein Tier so niemals tun könnte. Jedenfalls musste er für diesen Moment einer Kerbe sich vom Erleben der Jagd kurzfristig lösen, er musste die Handlung, das Geschehen als solches weitgehendst löschen können. Den Signifikanten zeichnet nämlich der Unterschied als solcher aus, bei dem „die Beziehung vom Zeichen zum Ding gelöscht ist", nivelliert, unsichtbar gemacht. Trotzdem und gerade deswegen zählt´s! Gerade deswegen gibt es am Anfang die symbolische Zahl. Dieser Vorgang muss sehr genussvoll gewesen sein und zudem war er ja auch Erkenntnis. Genießen und Erkennen lagen noch sehr nahe beieinander.

Der Kehlkopf liegt in der gleichen Höhe wie beim Menschenaffen, so dass dieser Hominide im Verhältnis zum Neandertaler nur ein sehr begrenztes Lautspektrum aufwies. Dieses Geschehen schildert auch C. Türcke aus einer anderen Perspektive. Seiner Ansicht nach war es die Bearbeitung von Geröllsteinen zu scharfkantigen Werkzeugen, die vor ca. 2,5 Millionen Jahren einen entscheidenden Fortschritt in der Menschwerdung bewirkt hat. Der Frühmensch hat mit der intensiven Zuwendung zu dieser Arbeit eine enorme „Verschiebung und Verdichtung von Triebenergie" zustande gebracht, weil er sich statt wie wild auf Nahrungssuche zu stürzen auf diese seine Steinmetzarbeit konzentrieren musste. Eine Million Jahre später - mitten im Neandertalerdasein - kam ein weiterer Verschiebungs- und Verdichtungsschub hinzu: derjenige nämlich, als „nicht mehr nur Naturmaterialien geformt wurden, die zu etwas dienen, nämlich als Mittel zu Nahrungszwecken, sondern auch solche, die für etwas anderes stehen: etwas bedeuten, Zeichencharakter haben." Kerben, die Zahlen sind. Worte, die Sinn und Bedeutung haben. Es hat - so Türcke - geradezu eine innere „Umkehrung" stattgefunden, wie sie auch Freud für den Begriff der Urverdrängung feststellt (er nennt sie auch innerseelische „Gegenbesetzung").

Dieser Begriff der „Umkehrung" ist etwas Wichtiges. Die ganze Lebensorientierung des Tieres, des Primaten, kehrte sich um und warf den Menschen in sein Dasein. Plötzlich war das „Es Zählt" (SPRICHT) da und dann (gleichzeitig) auch noch die Ziffern, die Kerben, die Zeichen der Zahlen. Das, was wir üblicherweise unter Zahl verstehen, die Ziffern, die Zahlenfolgen, stehen nicht so sehr auf der Seite des SPRECHENS, des SPRICHT (das übrigens auch gut durch den oben gerade erwähnten Begriff der Verdichtung charakterisiert ist), sondern befinden sich mehr auf der Seite dessen, was ich im Laufe des Buches das SCHAUEN nennen werde, also etwas mehr Bildhaftes, eine Art von STRAHLT (ich werde noch erläutern, warum ich diesen Begriff bevorzuge, der übrigens wieder gut mit dem oben genannten Begriff der Verschiebung korreliert). Die Sequenz der Kerben, der Strahl der Zahlen, die verwirrender Weise bis ins Unendliche reichen können (man denke nur an das strahlig explodierende Zahlenkontinuum der Mathematiker), hat mehr von einem „Strahlen" als solchem, von einer „Vision" an sich, und was wirklich zählt, liegt zwischen den Kerben, zwischen den Zeilen, zwischen den Ziffern, liegt in der Art ihrer Verwendung und Rechnung. Diese ist es, die SPRICHT. Sie SPRICHT - wenn man es so sagen will - direkt aus dem STRAHLT der Zahlen heraus. Und eben weil es so doch „Zahlen" sind, erste Einheiten eines diffusen STRAHLT, eines zunehmend Bedeutenden, SPRICHT es auch wirklich. (Ich habe vorhin schon die „Kraftlinien" zitiert, die sich als Frühestes ins Leben eingeschrieben haben. Sie sind - als reine Linien - das STRAHLT, das sich jedoch in seiner ständigen Verschiebung mit dem SPRICHT kombiniert zeigt, so dass ich es also - nunmehr in seiner Verschiebung / Verdichtung - so: STRAHLT / SPRICHT schreibe).

Plötzlich zählten also für den Frühmenschen die mit Bedeutung aufgeladenen Kerben und nicht mehr nur das Beute machen. Plötzlich hatte er für Töten ein Wort in Form aneinandergereihter Striche, während er vorher eigentlich gar nicht getötet hat, sondern - man darf es vielleicht so sagen - nur gejagt und getroffen und verzehrt hat! Dieses Kontinuum, die Zahlenfolge, der Zahlenstrahl fing an zu zählen, nicht er. Deshalb kann der Signifikant nicht er selber sein, sondern nur Zeichen der Umschaltung, der radikalen Vertauschung, Umkehrung. Und eben darin, in diesem wichtigen Vorgang, der das symbolische Vermitteln, das Sprechen, das Signifikantisieren als solches betrifft, sind die Neandertaler uns vollkommen gleich. Auch wir treffen heute oft nur, obwohl wir töten! Nur machen wir es umgekehrt: wir wissen genau, dass wir töten, aber wir nennen es - wenn es um Tiere geht - lediglich „Schlachtwirtschaft", Proteinversorgung, Verwertung tierischen Materials. Und wenn es Menschen trifft, sprechen wir von „gerechtem Krieg" und „Kollateralschaden", versehentlichem Töten oder manchmal auch vom Töten im Affekt. Wir zählen Töten und Essen scheinbar nicht zusammen, handeln aber oft so. Dagegen gab es für den Frühmenschen noch ein direkteres „Zählt!" und das war jagen, treffen, erlegen und essen zugleich. Verschiebung und Verdichtung kamen bereits isoliert vor, waren aber noch nicht so scharf getrennt. „Wählt, pfählt, mählt", schrieen sie, wenn solch ein lautmalerisches, spekulatives, iteratives Wortspiel einmal erlaubt ist (während sich das wirkliche „Zählt" erst langsam herauskristallisierte). Letztlich kommen sich aber beide Versionen, die des modernen Menschen und die des Neandertalers noch sehr nahe.

Denn ob das Fleisch Wort wird, wie noch bei Ezechiel, oder das Wort Fleisch wie bei Johannes, ob Schmatzen und Sichzuraunzen bei enormen Fleischmahlzeiten oder quasselige Kaffeeklatsch-Geräusche, ist vielleicht ziemlich egal. Auch die Neandertaler haben erkannt, dass die Welt ganz anders zu lesen war, signifikantisiert zu lesen war, obwohl sie noch gar keine Buchstaben kannten. Aber diesen Sprung der reinen Differenz konnten sie tun. Denn mit dem Fleisch, das sie sich zuschoben, fütterten sie sich auch mit Zuspruch, so wie wir uns durch wortreiche Gesten trösten. Sie verwendeten also Signifikanten wie wir, wenn auch anders geartet. Wie bei uns war auch bei ihnen das „Wort Mord an der Sache" - wie Hegel sagt - und erst recht „zählte" das.

A. Sick zeigte in ihrem Vortrag „Geisterleben, Menschenessen" sehr plastisch auf, dass der rituelle Kannibalismus der Neandertaler nichts anderes darstellt, als die Erfassung einer individuellen menschlichen Seele. Schließlich isst man seinen Nächsten (oder seinen Feind), um sich - wie es heißt - die „Kraft" dieser Menschen anzueignen und doch auch gleichzeitig ihre „Macht" abzuwehren. So ist der Begriff „Kraft" hier im Sinne einer künstlich abgetrennten, isolierbaren „übertragenen" Potenz gemeint. Lange hat man geglaubt, dass die Seele etwas ist, was wie ein Geisthauch dem Körper entsteigt. Aber gerade dadurch war ja der Mensch gespalten und suchte wieder eine Einheit im Sinne einer individuellen seelischen Kraft-Macht. Jetzt konnte man glauben, dass man die „Macht" durch Aufessen töten, die „Kraft" aber durch Verdauen assimilieren kann. Auch heute noch glauben viele Leute, dass Fleisch zu essen besondere „Kraft" verleiht, während die moderne Ernährungswissenschaft eher eine ballaststoffreiche Kost aus Vollkornprodukten und Pflanzenfasern als wirkliche Kraftspender empfiehlt und nachgewiesen hat. Wichtig ist nur, dass in beiden Fällen „Kraft" etwas ist, das man von seiner Quelle zu isolieren zu können glaubt, eine Spaltung, die man mit der gleichen Kerbe in einen Stein ritzen könnte. Signifikanz ist Signifikanz, echt, „verfleischlicht". Wenn das Tier seine Jungen frisst, frisst es ein Bündel Fleisch, aber die Menschen, die sprechen, d. h. die Signifikanten nutzen, wenn sie von der „Kraft" im Fleisch reden, würden - insbesondere in ihren Artgenossen - nicht nur das fleischliche Etwas fressen, sondern die „Menschen-Kraft", die Seele, den Geist, - eben: sie fressen etwas, wofür sie eine Kerbe, einen Strich, ein A oder Omega machen können und von daher gesehen sind wir den Neandertalern gleich, indem wir uns dabei wie diese für ausgemachte Individuen halten. Wer an Geister glaubt ist ein Menschenfresser.

Der Gourmet-Koch H. This-Benckhard beschreibt genüsslich, wie man die Soße zum Kaninchenbraten nicht mit Mehl oder Ei, sondern mit Blut bindet. Kurz vor dem Servieren muss das frische Blut noch in die Bratensoße gerührt werden, eine Sprache, die die Neandertaler sicher verstanden hätten. Der Autor verrät allerdings nicht, wo man das frische Blut immer parat hat, aber hier geht es ja nicht darum, ob es besser ist, Vegetarier oder Kannibale zu sein. Vielmehr können wir an diesen Beispielen gut sehen, was Signifikanten sind. Denn man spürt in diesem Sprechen vom Oralen, vom Fressen, von Kraft und Geist sehr schnell, dass der Signifikant „Blut" darin teufelsrot aufleuchtet, und This-Benckhard müsste nur noch ein bisschen dazusetzen und übertreiben und schon würden seine pikanten Gourmetgeschichten in ein anderes Metier hinüberkippen: ins Groteske oder ins Makabre einer Blutmahlzeit. Es kommt ganz darauf an, wie der Signifikant „Blut" sich mit den anderen kombiniert, um ganz unterschiedlichen Sinn zu erzeugen. Und Blutmahlzeiten gehörten bei den Neandertalern wahrscheinlich zu den ganz normalen Tischsitten. This-Benckhard führt uns auf Wegen eines modernen Kochbuchs wieder zu ihnen zurück, und bringt er uns nicht tatsächlich viel authentischer diese Frühmenschen wieder nahe, als es DNS-Untersuchungen könnten? Gerade weil er schauriges Blut in sein Essen rührt, kommuniziert doch This-Benckhard in einer sehr oralen, oro-labialen, Schling-Mund-, Blut-Schlund-Sprache mit uns, die den Pikanterien einer happigen Erotik nicht fern ist. Als Signifikant und nicht so sehr als Zutat zu einer übersteigerten nouvelle cuisine ist „Blut" eben „ein ganz besonderer Saft", wie es im Faust heißt. Ein blutroter Signifikant! Das zählt!

Wann immer wir also glauben, dass es eine individuelle seelische Einheit gibt, vom Signifikanten her - genau von diesem „happig", von diesem Happen „Blut" her, den wir als Besonderheit und Saft gerade benutzten, - gehört dies der gleichen kannibalischen Ordnung an wie eine Totemmahlzeit. Für S. Freud hat dies also mit dem Wesen der primären Identifizierung zu tun, die sich - wie ich bereits zitierte - vor dem Hintergrund einer assimilierenden Verschlingung abspielt. Identifizieren ist in dieser Hinsicht immer auch ein bisschen fressen. Der Phototheoretiker O. Richon spricht bezüglich dieser Identifizierung durch Kraft-„Übertragung" vom „oralen Blick". Weil der Blick oral, d. h. gefräßig ist, kann man das Wesen seines Nächsten für immer in sich bewahren, wenn man ihn in sich aufnimmt (oder vernichten, indem man es durch Verdauen zerstört). Es muss also ein ursprüngliches SCHAUEN geben, ein kannibalistisches Sehen, über das wir uns sehr gut vorstellen können, wie die Neandertaler gedacht und empfunden haben. Denn wer immer an die (individuelle) Seele im Sinne von Geistern, isolierten Seeleneinheiten, glaubt - S. Freud hat dies auch für unsere Zeit an den Neurotikern zeigen können - befindet sich im kannibalistischen System: Das Geisterleben impliziert das Menschenessen. Daher glaube ich sagen zu können, dass das ursprüngliche SCHAUEN eigentlich ein STRAHLT ist, ein SCHEINT, das SCHEINT eines oralen Rausches. Der Begriff des STRAHLT deckt sich auch mit dem weiter oben genannten Begriff der Freudschen Primär-Identifizierung.

Es gibt in der Psychoanalyse jedoch noch eine zweite Form der Identifizierung, nämlich die mit „einem einzigen Zug eines Objekts". D. h. es steht nicht gleich das unmittelbare Verschlingen im Vordergrund, wenn es um die Liebe zu den Dingen und zum anderen geht, sondern man legt eine kurze Strecke der Distanz dazwischen. Wir haben davon schon weiter oben beim Triebaufschub durch die Herstellung scharfer Steinwerkzeuge gehört. Nur „ein Zug" des Objekts, des anderen, wird als ideal verinnerlicht. Es geht eben um das, was zählt, das nunmehr jedoch auch wirklich zur Zahl wird und das ich somit dem SPRICHT zugrunde gelegt habe. Dem oralen Blick steht jetzt auch der Anspruch gegenüber und konkurriert mit ihm. Da stehen wir auch heute noch. Die Signifikanten, die Kerben, die wir machen, wenn wir erfolgreich unsere Jagd auf Geld, Ruhm und Macht erledigt haben, sind - wie gesagt - die gleichen geblieben. Wir fressen uns damit auf. Unser Anspruch, unser SPRICHT kann außer dem Oralen der Frühmenschen noch komplexere Dinge umfassen (die vielen Objekte, die vielen Sexualitäten, die vielen Begriffe, die wir heute beanspruchen. So hat sich auch unser STRAHLT etwas geändert. Auf was es ankommt wäre schließlich die Kombination von STRAHLT / SPRICHT zu verbessern, zu komplexerer, wissenschaftlicher Form zu bringen.

Trotzdem: bleiben wir noch beim SPRECHEN: Jeder Säugling fängt wieder mit sehr ähnlichen Lauten zu sprechen an, wie dies zu Zeiten der Frühmenschen bereits gewesen ist. Denn Neurologen haben herausgefunden, dass die Art des Sprech- und Sprachapparates, aber auch der Sprachrhythmus, evtl. noch Laute der Muttersprache (aber am wenigsten der Inhalt), das SPRICHT des Menschen bestimmen. Aber ist der Rhythmus nicht wieder eine Abfolge von - diesmal akustischen - Kerben? Sind wir nicht schon wieder im primären STRAHLT / SPRICHT? Im Juli 2002 veröffentlichten Forscher wiederum im „Nature" die Ausgrabung des Schädels des „Sahelmenschen", eines Hominiden, der vor fast 7 Millionen Jahren lebte. Dieser „Affenmensch" war den zur gleichen Zeit lebenden Menschenaffen so ähnlich, dass er wahrscheinlich selbst große Schwierigkeiten hatte, sich von diesen abzugrenzen. Mit Sicherheit konnte dieser Vormensch noch nicht sprechen, aber es muss etwas Entscheidendes begonnen haben, das ich eben mit dem Begriff des SCHAUENS bezeichnen will, insofern es mit SPRECHEN als einem eben noch ganz elementarem SPRICHT einen Zusammenhang gibt: im Übergang zum Menschen musste das Tier seinen durch den Instinkt geregelten Innen-Außenwelt-Blick, seine Innen-Außen-Bildentsprechung blicklich völlig ändern. Der Evolutionsbiologe C. Wills spricht von dem mit sich selbst „durchgegangenen", „vorauseilenden Gehirn". Die Vergrößerung, Vorauseilung seines Gehirns, die komplexere Gruppendynamik (zu der auch die längere Abhängigkeit von der Mutter gehört), aber var allem dieses aufsteigende Identitätsproblem zwangen diese Frühmenschen zu Umorientierungen, ja manchmal zum „Durchdrehen" (Umkehrung). Es entstanden die ersten Kraftlinien primärster Signifikanten bereits auf dem visuellen Feld, und es war nur eine Besonderheit, wenn diese sich ums Orale, ums „Fleisch" herum organisierten. Sie konnten sich genau so ums Skopische, ums Blickfeld herum organisieren und so mit einem ersten beginnenden Sprechfeld (SPRICHT) eine Kombinatorik konstituieren, in der das SCHAUEN, das STRAHLT und das SPRECHEN, das SPRICHT sich gegenseitig aufbauen (auch unabhängig also von dem, was Freud mit dem Oralen als Trieb eingeführt hat). D. h. nicht nur Fressphasen konstituierten den Frühmenschen, sondern auch Verwirrungsphasen.

Es muss sich ja schließlich um eine paläoanthropologische „Urszene" gehandelt haben, wenn dieser Vormensch einen anderen erblickte, der gar kein anderer seiner selbst war, sondern doch noch fast ein Tier. Obwohl der gleiche, so doch auch ein anderer! Es geht zu wie in der antiken Komödie des „Amphitrion", in der die Personen vertauscht sind. Vertauschungs- und Doppelgängererlebnisse haben auch noch heutige Menschen. Sie sehen sich vollständig am und im Anderen wieder, und in gewisser Weise ist dies sogar normal. Als Kolumbus auf die ersten Indianer traf, entstand dieses Problem nur noch in einem Minimum, denn man erkannte sich wenigstens doch als sehr, sehr gleichwertig, und sehr schnell erlernte man die ersten gegenseitigen Vokabeln. Trotzdem hat es sehr befremdliche Momente gegeben. Aber der „Sahelmensch" musste verrückt geworden sein in diesem Schwanken seiner Identität. Noch mussten ca. 4 - 5 Millionen Jahre (!) vergehen, ehe er soviel SPRECHEN besaß, dass er seinem SCHAUEN einen festen Widerpart bieten konnte. Damit, als homo erectus und sicher als Neandertaler, war er dann in der Lage, ganz Mensch zu sein, d. h., das Paradies verloren zu haben, bzw. dies glauben zu dürfen oder zu müssen. Er musste wohl in eine erste Art von Depression fallen, als er zum ersten mal SCHAUEN und SPRECHEN in einer festen Kombinatorik verband.

Dieses SPRICHT / STRAHLT sind natürlich keine direkt fassbaren Gegebenheiten, und dennoch s i n d sie. Es ist nicht nur so, dass wir sie uns so denken müssen, wie der Philosoph sagt, sondern wir können sie direkt erfahren. Denn - um mit Freud zu sprechen - sie stellen ja das Primärprozesshafte zweier Grund-Triebe dar und man muss nur ein bisschen regredieren (wie z. B. kurz vor dem Einschlafen oder beim zu genüsslichen Essen) um ein visuelles Flimmern oder ein fast körperliches „Durchrieseln" wahrzunehmen, also ein ursprünglichstes (gleichzeitig auch nach innen gerichtetes) SCHAUEN. Im „oralen" Anspruch und „oralen" Blick der Neandertaler sind diese Triebe in ihrer Kombinatorik für uns sogar sehr gegenwärtig, wenn wir in unserem Unbewussten Ähnliches entdecken. This-Benckhard macht es uns bewusst, indem er - vielleicht geht er etwas zu weit - es einfach auslebt.

Wie gesagt, ich schreibe dies alles nur, weil das STRAHLT (SCHAUEN) und SPRICHT (VERLAUTEN), wenn ideal kombiniert, bereits ein konjekturales Denken darstellt. Der Neandertaler muss bereits ein bisschen konjektural gedacht haben. Seine ersten Laut-Worte waren Losungsworte, Identitätsworte. Mehrere solche aneinandergereiht machten seine Verlautungen, seine „Spreche" aus, aber auch sein „Denken". Denn das hing noch alles sehr eng zusammen. Er selbst war der große, zottelige Tiermensch, und wenn er einen anderen traf, und sie sich beide mit den gleichen Urlauten anriefen, dann waren sie sich als Menschen einig. Damals genügten noch ein paar Laute, um die ganze Welt in Eins zu packen (zumindest für kurze Zeit). Wie gesagt: das Genießen der Identität und die Erkenntnis in einer Verlautung waren noch sehr nahe beieinander. Ich werde sogleich diese enge Korrelation noch mit dem Begriff der Konnaturalität (von gleicher Natur, mit der Natur ineins) erklären, denn das Konjekturale des Frühmenschen war eben auch etwas Konnaturales.

SCHAUEN und SPRECHEN als so elementare Gegebenheiten aufgefasst, s i n d, existieren vielleicht sogar vielmehr als alles andere, das eine Ontologie hat, ein Wissen vom objektiven Sein. Denn sie sind Signifikanten, pure Differenz, was J. Derrida versucht hat, philosophisch so auszudrücken: „Differenz ist. . wenn man sie außerhalb der Bestimmung des Seins als Präsenz . .denkt, indem man die Differenz als ursprüngliche Unreinheit, als >différance< . . denkt". Ist diese Unreinheit nicht wieder unserem Nichtdenken sehr ähnlich? SCHAUEN (das mehr „Unreine") und SPRECHEN (das mehr „Gerichtete") sind zwei Signifikanten, die besonders geeignet sind, unser Leben und das des Neandertalers zu vergleichen, um so zu einem anderen Denken, dem konjekturalen Denken zu kommen. SCHAUEN als Schautrieb, wie Freud es nannte, als STRAHLT, und SPRECHEN als Sprechtrieb, als SPRICHT. „Die Triebe sind mythische Wesen", sagt Freud, „großartig in ihrer Unbestimmtheit". Der Neandertaler hatte diese beiden Grundtriebe, Urprinzipien lediglich in einer vorwiegend auf das Orale bezogenen Weise kombiniert, während wir heute eine vielschichtigere, aber durchaus nicht bessere, Kombinatorik (z. B. vom Analen geprägt) haben. Darin liegt der ganze Unterschied.

Vom Wissen wissen

Trotzdem - oder vielleicht eben deshalb - kann uns ein derartiges Trieb-Struktur-Konzept für unser weiteres Vorgehen ein gutes und einfaches Modell liefern, das uns besser durch viele wissenschaftliche Probleme führen kann als der Begriff einer „ursprünglichen Unreinheit" oder andere Konzepte, in denen man z.B. versucht die „Visibilität" (SCHAUEN) der „Textualität" (SPRECHEN) als den „nahezu perfekten Chiasmus" (Kreuzung, Gegenüberstellung) gegenüber zu stellen. Damit habe ich aber auch einen Grundstein legen wollen für das, um was es in diesem Buch letztlich gehen soll: ein psychologisches Verfahren, eine Methode zur Optimierung von Wahrnehmung und Selbsterfahrung, eine Erneuerung der Psychoanalyse bzw. der Wissenschaften, die sich um dieses Problem herum bewegen. Denn damit das Wissen wirklich zählt, muss es in seinen Signifikanten voll erfasst werden. Es genügt nicht, dass man nur richtig weiß - wie an der Universität - sondern dass man es auch voll und treffend sagt. Gut sagt wie es der Dichter tut. Im Originalton - wie ich es gerne haben würde.

Sollten wir - um zu diesem originären (und später dann zu einem elaborierteren) STRAHLT / SPRICHT zu gelangen - nicht vielleicht wie James Joyce reden, der uns in seinem „Ulysses" gleichzeitig mit der Schilderung, wie der Hauptakteur L. Bloom sich seine eben frisch gekauften Nierchen im braun-bruzelnden Fett heraus brät, auch noch diesen dabei entstehenden leichten, zärtlichen Uringeruch um die Nase wehen lässt und uns zudem noch dessen Gedanken mitteilt - schrill-schillernde Dichtung dieses literarischen Krönungswerkes! Oder gar Finnegans Wake, Finn awake, Finn again - Wortspielereien, Lautungen - Laut-Zungen, mit denen der Dichter besser als der Wissenschaftler eine Situation zum Leser herüberbringt. Was wir bräuchten wäre ein J. Joyce als Wissenschaftler oder ein Neandertaler als moderner Schriftsteller, der eben an dieser Grenze des Sprachlichen schreibt. Denn dann wäre das Problem der Misskommunikation vermieden. Doch der Dichter bleibt eben Dichter und nicht Wissenschaftler oder Psychonalytiker wie etwa G. Harrus-Rédivi, die sich noch deftiger ausdrückt als This-Benckhard. G. Harrus-Révidi sagt es allerdings wieder so gut, dass es fast nicht mehr stimmt. Sie weiß es nicht richtig.

Sie belebt, indem sie psychoanalytisch die Lust am Essen mit der am Wort zusammenbringt, eine geradezu neandertalerische Direktheit der Kommunikation wieder. Auch sie betont die zentrale Vermittlerrolle der Innereien und zitiert Rabelais, bei dem „der Appetit auf Kutteln als Erfüllung einer körperlichen Lust dargestellt wird, die mit einem undefinierbaren Makel besudelt ist, der ihr einen um so größeren Reiz verleiht". „Damals mochte ich auch den Bauch der Tiere", schreibt Rabelais in seinem „Gargantua und Pantagruel". „Aus dem Körperinneren von Waldkaninchen drang selbst dann ein betörender Geruch, wenn ihre Eingeweide von den Schrotkugeln zerfetzt worden waren. Ich machte mir einen Spaß daraus, die kleinen runden Kotkugeln in den Dünndarm hineinzuschieben . . Ohne Widerwillen verzehrte ich die Eingeweide der Waldschnepfe, die auf gerösteten Brotscheiben angerichtet waren. Die Fische wiederum enthielten leuchtend rote oder mattrosa Lebern, Eier, die unter den Zähnen knirschten . ." Oh, wie lustvoll müssen die Neandertaler gesprochen haben, wenn sie miteinander ihre fleischlichen Rohheiten schmatzten und schwatzten! Denn so etwa muss man sich „Sprechen" bei ihnen vorstellen. Doch G. Harrus-Révidi scheint mir noch in der kannibalischen Ordnung zu stecken. Ihr Sagen ist ein Verköstigen, eine Gourmet-Geschichte. Sie hat vergessen, Wissenschaftlerin zu sein.

Besser ist es Lacan zu lesen, der dieser Forderung nach einer derartigen wissenschaftlichen Treue aber auch Erneuerung, nach einem universellen Wortkünstler - wenn also auch ohne Kuttelnmetaphern - vielleicht recht nahe kommt. Lacan wendet sich an den „Anderen" (mit großem A), der nicht so sehr die Objekte (die anderen mit kleinem a) genießt, so wie wir in unserer Konsumlust und der Neandertaler in seiner Oralität es tun, sondern das Wissen (die reine Differenz wiederum)! Dieser groß zu schreibende schillernde Andere, der eher so etwas wie ein Gott, ein Fremder oder der Sprachverarbeiter in unserem Gehirn (der Ort der Entstehung der Sprache, die Schatzkammer der Signifikanten) ist, genießt nämlich das Wissen als solches, das Wissen als Unbewusstes, als das, „was einem von sich selbst fehlt von Grund auf zu Grund auf" , also als radikale sprachliche Differenz, als beredter Schatten. Es ist eine Botschaft, die wie von jenseits her erklingt und doch die eigene ist, weil sie Wissen ist, unbewusstes Wissen, Essenz, geistiges Mark, „transzendentes Fleisch". Denn mit diesem Anderen und nur im Genießen selbst (das immer einer uralten Wahrheit entsprechend essenzhaft, „fleisch"haft ist) kann man sich austauschen, wenn man die Psychoanalyse, die Semiotik oder die Kognitionswissenschaften, kurz: die modernen Wissenschaften zwar nutzt, aber schließlich im Sinne einer neandertalerischen „Wortechtheit", Elementarität, auch neu formuliert, signifikantisiert - davon also soll dieses Buch handeln.

Kurz zusammengefasst: Verschiebung / Verdichtung, STRAHLT / SPRICHT, SCHAUEN / SPRECHEN sind - so geschrieben mit dem Schräg-, Bruchstrich in der Mitte und abgeleitet aus dem Freudschen Trieb / Struktur - Konzept - ein Grundkomplex des Menschseins. In einer primären, „primitiveren" Form hatten die Frühmenschen daran schon genau so Anteil wie wir heute. Aber wir haben es zwischenzeitlich zu ei-ner etwas elaborierteren Form dieser Kombinatorik gebracht, wenn wir auch immer wieder in diese Frühform der „kannibalistischen Ordnung" zurückgefallen sind und auch noch immer wieder fallen (siehe die fast hundert Millionen gemordeter Menschen in den Kriegen und Verfolgungen der letzten hundert Jahre). Das Problem ist, dass wir sowohl die primäre wie die elaborierte Form dieses Komplexes, dieser Kombinatorik, brauchen, denn sie gehören beide zusammen. Um sie aber in einer einheitlichen Weise zusammenzubringen genügt es nicht, sie in Natur- oder Geisteswissenschaften zusammenzuflicken. Man muss ein eigenes Denken dafür entwickeln, dass ich eben das konjekturale Denken nenne. Das darin enthaltene Nichtdenken (aber dennoch Wissen!) entspricht ein bisschen dem Vorgehen des Neandertalers, während das ebenso darin enthaltene „gerichtete" Denken mehr uns modernen Menschen zugehört. Durch eine Formulierung, die an der Grenze der symbolischen Ordnung steht (die bereits erwähnten FORMEL-WORTE) werde ich eine Möglichkeit anbieten, dieses konjekturale Denken mit seinen beiden Komponenten (Logik und Kontemplation) eigens zu erlernen.

Denn so paradox es klingt, auch die Menschen der Vorzeit genossen ihr Wissen, das natürlich ganz anderer Art war, als das Wissen, das wir heutzutage nutzen. Für sie war das Wissen noch sinnhafte Erfahrung, Ur- SCHAUEN, und sie genossen es - wie gerade erwähnt - direkt, unmittelbar als Fleisch, Mark, oder Gehirn - und das hieß eben auch wieder als unmittelbarste Metapher, Erkenntnis! Sie lebten nicht im Genuss der Sachen, wie wir heute, wir kleinkrämerischen Materialisten, bei denen selbst das Wissen nur ein Ding ist, eine Sache, die man vermarkten und kaufen kann. Das eine Technik ist oder ein Kalkül. Bei den Frühmenschen, den Neandertalern, handelte es sich - wie schon angedeutet - um ein konnaturales Wissen, ein Wissen also, das in einer ständigen Abstimmung mit der Natur stand, von der diese Menschen in einer viel elementareren Weise umgeben waren als wir es uns heute vorzustellen vermögen. Zu diesem Konnaturalen, insofern es primäre Signifikanten auch der Natur waren, diesem Mit-der-Natur, gehörte eben auch der/das Andere, dem man „Kraft" unterstellte. Insofern hatten die Neandertaler ein viel weniger komplexes Unbewusstes als wir. Aber indem sie bereits voll Menschen waren, waren sie in der Kombination von SCHAUEN und SPRECHEN, Wissen und dessen verbaler Verarbeitung, von STRAHLT / SPRICHT wie wir verwickelt. Wir unterstellen dem Anderen das Wissen, z. B. dem Universitätslehrer, und müssen dann immer wieder feststellen, dass dieses Wissen nicht reicht. Schon der Professor selbst versucht sich als Subjekt auf eine meist ungeschickte Weise aus dem Spiel zu lassen (er soll ja objektiv sein!), und so muss immer wieder neu und mehr gewusst werden. So wird unsere eigene Subjektbezogenheit nicht berücksichtigt. Diese Handhabung des Wissens verhält sich beim Psychoanalytiker etwas anders. Wir unterstellen zwar auch ihm das Wissen, müssen aber erst durch mühsames Durcharbeiten unseres Unbewussten das wahre Wissen erobern. Erst dann - nach langer und gelungener Analyse werden wir dahin kommen, Erkennen und Genießen wieder im Zusammenhang und in elaborierterer Form zu erfahren (während der Neandertaler dies in primär-primitiver Form bereits konnte). Ich werde allerdings - wie erwähnt und nochmals betont - statt der langwierigen Psychoanalyse das konjekturale Denken, ein kompaktes Übungsverfahren, propagieren. Nur gewisse theoretischen Erläuterungen folgen den psychoanalytischen Vorgaben.

Noch gab es in den Reihen der Neandertaler keinen derart ausgeprägten Ödipuskomplex wie bei uns heute. Zwar gibt es bei jedem Wesen, das wirklich spricht, d. h. eine Fähigkeit zur vollen symbolisierenden Darstellung besitzt, ein Unbewusstes. Ja, das Unbewusste ist gerade dadurch definiert, dass es „die Sprache des Anderen ist" - wie Lacan betont, die Kette der Signifikanten. Aber wir könnten uns sehr wohl ein elementareres Unbewusstes vorstellen, als wir es heute haben. Denn die Neandertaler „sprachen", wie ich sagte, nicht so gewählt, nicht so syntaktisch, elaboriert, sondern eher rein phonematisch, prosodisch. Die Prosodie besteht in der Laut-Klanglichkeit, Akzentuierung und Betonung, und sie wird auch von Kleinkindern beim anfänglichen Spracherwerb benutzt. Die Neandertaler benutzten vielleicht nur zwei, drei Vokale und ein paar Konsonanten und zwar in einer Form, die die Sprachforscher „Vokanten" und „Klosanten" nennen: Gurrlaute, ein nasales m / n, ein herausplatzendes p / b, Brabbelartikulationen, schallendes, herausstoßendes Sich-vernehmen-lassen. Sie drückten sich also dabei viel direkter aus - man könnte fast sagen: sie erzählten sich, sie waren ideale Analysanden. Ich komme auf Einzelheiten noch ausführlich zurück, denn insofern sie ideale Patienten, Analysanden, Von-Sich-Weg-Artikulierer waren, mangelte es ihnen natürlich noch massiv daran, auch ideale Analytiker zu sein! Aber immerhin waren sie recht authentisch, „ur-lautig", drastisch klar.

Sicher lebten sie noch in einer animistischen Welt. Alles war irgendwie von eigenen Wesen belebt. Der Wind, die Vielfalt der sie ständig umgebenden Tiere, das Hereinstürzen eines Wassers, das Ausbrechen eines Feuers, repräsentierte für sie ständig ein aufregendes Theater, ein Spektakel. Die „Laute" der Natur waren auch ihre „Laute", jedoch stellte alles zusammen eine Gemeinschaft dar, in der diese Laute besonders kombiniert eine Art von lautmalerischer, geräuschechter, wenn auch niemals so differenzierter und wahrscheinlich - was den Inhalt angeht - auch zehnmal langsamerer und umständlicherer Verständigung ergaben. Vielleicht sagten sie vieles vorwiegend im Imperativ, weil alle Symbol-Sprache am Anfang sehr stark vom Imperativ beherrscht ist. P. Sloterdijk spricht von dieser Menschwerdung als „distanzerzeugender Selbsteinschließung": in ihren Lauten, in ihren Geisterblicken, konnten sie sich von der übrigen Natur distanzieren, aber sie schlossen sich wie wir auch heute noch in den eigenen Echos (dem SPRICHT) und Narzissmen (dem STRAHLT) ein.

Die Frühmenschen sprachen also vielleicht mehr im Originalton, so - wenn wir also weiterhin auf die Fressmetaphern verzichten - wie (nachdem ich J. Joyce schon erwähnt habe) Ezra Pound es gedichtet hat: „Die Worte raspeln: Hülsen von Hülsen gedroschen. Der Lebende, aus Verliesen und Ländern rüttelt an trockenen Schoten, stochert . . „ Es lispelt und zischt und rattert in seinen Versen. Doch dafür, dass E. Pound so geräuschecht gedichtet hatte, bezahlte er leider mit einem Leben in der Psychiatrie. Es ist eben nicht so einfach und gefahrlos, sich mit dem Ur- SPRECHEN und dem Ur-SCHAUEN der Menschen zu beschäftigen. Es ist fast unmöglich, dass wir uns - gestützt auf wirklich wissenschaftliche Befunde, allein auf Paläoanthropologie z. B. - in das Leben der Neandertaler hineinversetzen können und E. Pound, der in seinen Cantos mehrere Sprachen und Urlaute ineinander verwirbelte, konnte da leicht scheitern. Aber lehrreich in diese Richtung sind seine Dichtungen allemal.

Denn es muss doch einen Weg vom damals zum heute geben, vom „Geräuscheln" zum modernen Sprechen eine Brücke zu finden, wo es - wie ich sagte - für alle gleichermaßen zählt, signifikantisiert ist. Wenn es vor so langer Zeit auch nur annähernd so etwas wie Sprache gab, muss man doch wenigstens rekonstruieren können, wie die Korrelation von Subjekt (moderner Mensch) zu Subjekt (Neandertaler) vorstellbar ist. Allein die Korrelation von Subjekt zu Subjekt, oder - wissenschaftlicher ausgedrückt - „von Signifikant zu Signifikant kann einen Maßstab angeben" für das, was wir suchen. Die Knochenfunde allein sind zu wenig. Der Kannibalismus zuviel, zu provokativ, wenn auch einleuchtend. Ein Signifikant ist eine „bedeutende Erscheinung", Signifikanten sind die Haltepunkte unserer symbolischen Ordnung, sie sind Sinn-Einheiten, Wahrheitseinheiten, Einheiten der Übertragung von einer Raum-Zeit zu einer anderen. Sie sind die symbolischen Einheiten, um sich voll und ganz von Einem zum Andern verständlich zu machen. Nur wie kann man das perfekt lernen?

Der Signifikant ist wie eine Reise mit unbekanntem Ziel, insofern er auch engsten Bezug zum Tod hat. Und von daher verstehen wir den Neandertaler wiederum sofort, wenn er seinen Toten bereits Grabbeigaben mitgab. Denn der Tod von seinesgleichen war eine ganz große Kerbe, eine gewichtige Einkerbung in seinem Leben. „Was der Existenz des Signifikanten, seiner Anwesenheit in der Welt zugrunde liegt . . . ist der Tod". Auch C. Türcke weist darauf hin, dass Bestattungen und Gräber einen entscheidenden Schritt zur Menschwerdung darstellten. Dank dieser (letztlich immer irgendwo sprachlichen) Symbole, der Signifikanten, sind wir in der Lage, alles Erleben, alle Gefühle, ja Gedanken auf die Seite zu stellen und nur über diese Brücke die menschlichen Beziehungen zu ordnen (mit der Todesangst oder Todesgewissheit im Hintergrund). Gerade der Animismus beispielsweise ist für uns nur verständlich, wenn wir uns all diese Belebungen, Beseelungen von weiß Gott welchen Geschehnissen oder Dingen als Signifikantisierungen vorstellen, also dass sie vom Anderen stammen, einem mit Symbolisie¬rungsfähigkeiten ausgestattetem Etwas, das ein Aussagen, das Signifikanz hat, die man sich - den Tod dabei wohl meist überspielend - einverleiben kann. So kann man mit dem Tod leben, ohne ihn dauernd wirklich sterben zu müssen.

In der Psychoanalyse arbeitet man grundsätzlich mit diesen Signifikanten. Man lässt jemanden wirres Zeug reden (alles, was ihm gerade einfällt) und wittert gerade hinter diesem spontanen Durcheinander, hinter dieser Wirrnis etwas Signifikantes. Da man selbst nur wieder mit etwas Signifikantem antworten kann - denn man kann sich ja nicht einfach als schon fertigen real-realistischen Wahrheitsbezug hinstellen - entsteht eine starke, unmittelbare Inter-Subjektivität, eine Zwei-Subjekt-Welt, eine Korrelation von Signifikant zu Signifikant, von Wahrheitszeichen zu Wahrheitszeichen, von Wirklichkeit zu Wirklichkeit - oder wie soll man es sagen? Von Mensch zu Mensch? Von Buch zu Buch? Von Laut zu Laut? Wie soll man es sagen, ES, wenn wir doch selber schon ganz im modernen „verbalen" Sprechen stecken, in diesem neuzeitlichen Gealbere der Vokabeln und nicht mehr „singen" können von Lautwunder zu Lautwunder. So wie es also E. Pound tat und nach unserer vorläufigen Vermutung die Neandertaler es phonematisierten, hervorwürgten oder trällerten. Oper, Katilene, Audio-Vision. Sollte ich nicht dieses Buch in einer neuen, „canto-bukolischen" Dur-Moll-Sprache schreiben? Es ist doch lieblos, über das Wesen des menschlichen Seins nur mit diesen seelenlosen Buchstaben Texte zu tippen!

Wegen all dieser Probleme sagt der Neandertalerforscher T. Appleton zu recht, dass wir nur mit „Liebe" den Neandertaler verstehen können. Wir müssen ihn lieben. Jede Wissenschaft versagt hier und wir müssen einfach zur „Liebe", zur vollkommenen Sympathie, Identifikation, zurückkehren, um überhaupt ein bisschen von diesen Frühmenschen zu erfühlen und zu erkennen. „Wir haben keinen Grund, uns über die Neandertaler zu erheben", schreibt Appleton. „Der amerikanische Anthropologe Milford Wolpoff sagt, er sehe einen Neandertaler jeden Tag - wenn er in den Spiegel blicke. Man hat diese Aussage als Witz gewertet. In Wirklichkeit zeigt sich darin ein tiefer philosophischer Ernst, eine Bereitschaft, dem Neandertaler mit Liebe zu begegnen. . . . Das Wort Liebe ist keine paläoanthropologische Kategorie und klingt in diesem Zusammenhang verdächtig nach Esoterik. . . Doch dem Neandertal-Menschen mit Liebe zu begegnen bedeutet einfach, sich einer kognitiven Erfahrungsmöglichkeit zu bedienen, die bisher noch nicht ausreichend genutzt worden ist".

Liebe ist so gesehen der wichtigste Signifikant, den es gibt. Denn dieser Begriff von Liebe ist nicht allein mit einem Gefühl erfasst. Er ist tatsächlich nur in Dur-Moll-Sprache, in der Kombination von Signifikanten erfassbar. Er ist nur in einer Ausdrucksweise mitteilbar, die selbst diese warme Getöntheit des langen ie´s, die Zartheit des L´s und des b´s mitenthält. Er ist nicht im Auf-Rülpsen gebackener Gekrösereste und im Erschmecken von Blutkoageln dauerhaft zu erfahren, wenn dies auch Realität war und wenn auch moderne Gourmets uns dies heute wieder so verkaufen wollen. Sicher ist er auch nicht in delirierenden „spirituellen" Hochgesängen zu erfassen, nicht im Verliebtsein und nicht in der ethisch hochgehobenen Anstands- oder Nächstenliebe. Wenn wir zur Menschentstehung zurückwollen, bedarf es tatsächlich eines großen Maßes an Liebe als Erkenntniskategorie, als „kognitiver Erfahrungsmöglichkeit". An signifikanter Liebe, Nur, was heißt das konkret?

Der Begriff des Signifikanten stammt aus der Sprachwissenschaft und meint eigentlich: Zeichen von Jemand, Zeichen des Subjekts. Welches Zeichen (Knochenfunde, genetisches Material, etc.) reicht aus, um den Zusammenhang zwischen uns und diesen Frühmenschen (die Korrelation von Signifikant zu Signifikant) so authentisch, so (wissenschaftlich) präzise wieder herzustellen, dass für uns etwas Echtes, Bedeutsames, ein wirklicher Maßstab herauskommt? Appleton hat recht, dass hier eine Kategorie in der ihr selbst zustehenden Weise eingeführt werden muss, um im eigentlichen Sinne die Wissenschaft der Paläoanthropologie zu betreiben. Und wenn man diesbezüglich von Liebe reden will, kann es sich nur eine „der Liebe unterstellte Wissenschaft" handeln. D. h. , dass man etwas so lange mit Empathie, Zuwendung, Respekt, Behutsamkeit und Anteilnahme und vielem mehr fragend umkreisen muss, bis es selbst eine Antwort herausgibt. Es ist, als müsste man nicht ein bestimmtes Etwas, sondern geradezu ein Nichts lieben, um dahin zukommen, dass eine Frage von sich aus zu einer Antwort führt. Ohne Liebe als Erkenntniskategorie - freilich in einer noch klarer zu bestimmenden Weise - hätten diese Zeilen keinen Sinn. Mit objektiven Zeichen kommt man hier nicht weiter.

Selbstverständlich kann man sich fragen, warum man soweit zurückgehen muss, gleich hunderttausend oder evtl. auch noch mehr Jahre und auch noch mit der „kognitiven Erfahrungsmöglichkeit" Liebe, um etwas über uns selbst zu lernen? Genügt es nicht, dass wir nur sehr unvollständige Vorstellungen der Frühmenschen haben können und fertig? Genügt es nicht, dass wir eben nur ein paar elementare Dinge wissen können? Genügt nicht auch ein Studium der alten Hochkulturen, des alten Ägypten etwa, um zu dem gleichen Ergebnis zu kommen? Oder auch einfach nur der vorhergehenden Generationen? Gewiss würde dies auch genügen und ich werde mich in diesem Buch auch auf derartige Quellen und ihre Signifikanten, stützen. Denn die Hieroglyphen beispielsweise waren Liebes-Zeichen, Subjekt-Zeichen, par excellence. Davon hat ihr Entzifferer, Champollion beredtes Zeugnis abgelegt. Er liebte diese Kultur so sehr, war von der ägyptischen Bilderschrift so entzückt, dass er bei ihrer Erstentzifferung in Ohnmacht fiel und sich später in seiner weiteren Forschungs- und Übersetzungsarbeit völlig übernahm und frühzeitig starb. Er liebte diese Kultur zu exzessiv, er nutzte wirklich die Liebe als kognitive Erfahrungsmöglichkeit, wenn auch vielleicht zu mansich. Man benötigt immer nur eine gewisse Menge möglichst disparater Bilder, um den Signifikanten, dem SPRICHT, wirklich gerecht zu werden, und wenn es zu viel Bilder sind, wenn es zu sehr STRAHLT, wird es manisch und exzessiv. Man benötigt diese ausgeglichene Formel des SPRICHT / STRAHLT, also mit dem verbindend / trennenden Schrägstrich dazwischen, um nicht zu scheitern.

Andererseits muss man auch bedenken, dass wir zu leicht die frühen Hochkulturen wie etwa das alte Ägypten als etwas deuten, das uns doch noch sehr nahe steht und verwischen so den Unterschied, auf den es eigentlich ankäme. Bei den Neandertalern liegt der Unterschied zu uns eklatant auf der Hand. Deswegen sind sie für ein Bild von uns auch wieder von Vorteil. Den Nachteil, dass wir sie dafür nur mit viel wissenschaftlicher Spekulation wieder herholen können, müssen wir eben anders ausgleichen. Eben mit diesem Etwas, dessen Existenz - wie Lacan sagt - man nur dadurch beweisen kann, dass man liebt. Sogenannte objektive Forschung hat hier nur einen begrenzten Sinn. Damit kann man vom Wissen nichts tief genug wissen.
Die Universalität des Neandertalerischen

Wie ich an anderer Stelle ausgeführt habe, lässt sich dieses primäre SCHAUEN, diese primären Kraftlinien eines Es STRAHLT, Es SCHEINT und das dazu dissymmetrische Pendant des SPRECHENS, eines Es SPRICHT der reinen Signifikanten, in fast allen Wissenschaften oder Bereichen des allgemeinen Lebens nachweisen. Freud hatte dieses Paar also in Form der Triebe beschrieben, wobei er den Eros-Lebenstrieben den Aggressions-Todes-Trieb gegenüberstellte. Schließlich haben aber viele Autoren zeigen können, dass für den Todestrieb das Wort Trieb nicht gleichermaßen stimmig ist wie für die aktiven Eros-Lebens-Triebe. Todestrieb und Aggression sind mehr ein Prinzip als ein Trieb. Freud selbst hatte ja die Ich-Triebe, zu denen auch die Aggression als das reine „Darauf-Zugehen" gehört, zurecht den Lebenstrieben zugerechnet, wohingegen die Aggressivität, die ungesteuerte Impulsivität, aus den ersten Identifizierungen stammt. Man identifiziert sich mit etwas und der Rest, der in diese Identifikation nicht eingeht, bleibt als etwas Störendes, Aggressivität Auslösendes, zurück. Deswegen schlug Lacan vor, dem bereits von Freud in seinen Schriften mehrmals herausgehobenen Schautrieb (der eben auch mit der Verschiebung zu tun hat) den Sprechtrieb (Invokationstrieb, der auch Verdichtung ist) gegenüber zu stellen. Und genau diese zwei Grundtriebe müssen wir auch beim Neandertaler auffinden können, und es muss hilfreich sein, dies zu tun.

SCHAUEN (Es STRAHLT) steht also dem SPRECHEN (Es SPRICHT) gegenüber - psychoanalytisch gesehen handelt es sich um zwei Triebe, denen alle Charakteristika des Wortes Trieb zukommen: Aktivität, libidinöse Energie, Quelle, Ziel, Objekt. Andere Triebe lassen sich davon ableiten. Vor allem aber bietet uns dieses Konzept die Möglichkeit, auch andere Lebensbereiche und Wissenschaften mit einzubeziehen und schließlich ein für jeden erlernbares Verfahren zu entwickeln, an dem er weiter selber wissenschaftlich arbeiten und teilnehmen kann. Denn „der Geist in der Teilnehmerperspektive ist als Subjekt der Erkenntnis methodisch vorrangig gegenüber Geist und Körper als Erkenntnis-Objekten in der Beobachterperspektive" . So lade ich jeden zur Teilnahme an diesem Vorhaben ein, von dem der Philosoph Wittgenstein sagte, dass es nur aus zwei Dingen besteht: „Das Sprechen und dann das, was man nicht Sprechen kann, und das muss man zeigen" (also das Schauen). Ich werde diese Grundthese noch mehrmals in diesem Buch erhärten und begleitend auch am Beispiel der Welt des Frühmenschen veranschaulichen.

Sicher ist ein so abstraktes Konzept zweier Grundprinzipien, Grundtriebe, zu simpel und erscheint vielleicht sogar ganz abgehoben wie eine Mathematik, die mit der Null und der Eins auskommt. Eigentlich könnten wir uns sogesehen mit zehn Zeilen begnügen, indem wir z. B. auf einige neuere Werke der Kognitionswissenschaft hinweisen, in denen auch nichts anderes steht, als dass der Mensch etwas ist, was sich am besten durch Module beschreiben lässt, die auf Maschinen hinweisen, die, indem sie Zeichen ausgeben, die für andere Maschinen wieder Module sind etc., alles möglichst so perfekt, komplex und präzise formalisieren, dass wir, jetzt höchst komplexe Wesen, Menschen also, homo sapiens sapiens sapiens, die vollkommen durchstrukturiert sind, uns nur noch in Gang setzen müssen, damit alles wie am Schnürchen abläuft . Wir müssten nur Sprachverarbeitende (Sprechen) und Bildverstehende (Schauen) Algorithmen in den Computer eingeben (D. h. den Anderen als solchen) und das Programm starten!

Aber so einfach natürlich lässt es sich aus zweierlei Gründen nicht machen. Das Faszinierende an den Kognitionswissenschaften ist tatsächlich ihre an einem Computer oder sonst wo abbildbare Welt, die, wie wir noch sehen werden, den gerade benannten Prinzipien von SCHAUEN und SPRECHEN genügen - sie drücken es nur viel besser in der Sprache der Informatik aus - und dann, wenn man alle Beschreibungen durchgearbeitet hat, kann jeder selbst weitermachen. Doch halt! Eigentlich können eben nur die weitermachen, die selber wiederum Kognitionswissenschaftler sind, denn Fachkenntnisse in Informatik, in künstlicher Intelligenz und Mathematik sind unabdingbar! Das ist der eine Grund, in dem sich meine Anleitung zur Wahrnehmung (SCHAUEN) und Selbsterfahrung (SPRECHEN) unterscheiden soll, indem jeder es weiterführen kann, weil es von den Prinzipien ausgeht, die für jeden als Prinzipien fassbar sind, also als das, was Freud eben Triebe (Schautrieb und Sprechtrieb) nennt, und wir einfach STRAHLT und SPRICHT nennen wollen. Trotzdem wollen wir den Wissenschaften bis in den Buchstaben hinein folgen, denn ohne eine strenge Anbindung an die Wissenschaften lässt sich kein neues Verfahren zur Selbsterfahrung und Wahrnehmung begründen.

Der andere Grund hat mit der Ansicht zu tun, dass der zwanghaft mit seinem Objekt verbundene Fachmann eigentlich der Tod der Wissenschaft ist, was z. B. vehement von dem Com¬pu¬ter¬wissenschaft¬ler J. Weizenbaum vertreten wurde. So sehr er für die Vernunft an sich ist, wendet sich Weizenbaum gegen den „Imperialismus der instrumentalen Vernunft", gegen die totale Vercomputerisierung des Menschen, so z. B. auch gegen die automatische, computergestützte Erkennung des menschlichen Sprechens . Er fordert eine Ethik in der Wissenschaft. Aber er kann eine solche nicht aus dem wissenschaftlichen Denken selbst, das er selber als so wesentlich beschwört, direkt heraus begründen, und da liegt der Fehler. So recht er hat, dass das nackte wissenschaftliche Kalkül sich nicht selbst rechtfertigt, so benötigen wir doch gerade eine Ethik, die sich aus dem Diskurs der Wissenschaft in direkter Linie selbst ableiten lässt, denn jede moralisierende oder sonst irgendwoher gezauberte Ethik ist unwirksam, ist abwegig und passé. Eine wirkliche Ethik kann nur zustande kommen durch die „Teilnahme des Subjekts", auch jedes einzelnen Subjekts, also durch die Priorität jener oben genannten Teilnehmerperspektive am wissenschaftlichen Vorgang selbst.

Weizenbaum kann aus dem reichen Schatz seines Wissens heraus nicht begründen, warum die computergestützte Erkennung des menschlichen Sprechens so unethisch sein soll. Gewiss erschrickt man, wenn man die wissenschaftliche Literatur der letzten 20 -30 Jahre studiert, vor der Unzahl neuerer Wissenschaften wie der Kognitionswissenschaft, Informatik, Künstl. Intelligenz, Chaostheorie, neuere Mathematik, den vielen Schulen der Psychoanalyse usw. Andererseits bemerkt man jedoch sehr schnell, dass alle Wissenschaften unser Doppelprinzip durchzieht: Auf der einen Seite die Welt des Visuellen, das SCHAUEN als solches, die Erfahrung und Erforschung des Bildhaften, Film, Wahrnehmung, Traum, optische Modelle, Identität, Bewusstsein etc., genauso wie auf der anderen Seite die Welt des SPRECHENS, die Sprachforschung, Linguistik, Rhetorik, Literaturwissenschaft, die Wissenschaft des Unbewussten, Informatik und andere mehr. STRAHLT und SPRICHT könnten also Prinzipien, Triebe, sein, die einfach genug sind, dass jeder in einer wissenschaftlichen Weise sich mit ihnen auseinandersetzen und somit selbst der Frage der Ethik sich stellen kann.

Dieses Buch ist also auch für den allgemeinen und interessierten Leser geschrieben, es soll um keine Fachdiskussion gehen. Auch wenn ich immer wieder längere Zitate aus Facharbeiten heranziehen muss, um dem Wissenschaftsanspruch genüge zu tun, so liegt das Wesentliche nicht darin, diese bis ins Letzte verstehen zu müssen, sondern lediglich zu spüren, dass der Text wirklich wissenschaftlich und authentisch fundiert ist, dass man jederzeit in eine wissenschaftliche Tiefe eindringen kann, wenn man will. Man muss es aber nicht. Im Gegenteil, dem Text anzumerken, dass an ihm etwas Wesentliches ist - wesentlich genau im Sinne der Wissenschaft - ohne alles zu verstehen, kann mehr Effekt haben, als alles bis zum Geht-Nicht-Mehr erfasst zu haben und keine beunruhigende Anregung daraus zu ziehen. Zu Recht sagt J. Lacan, dass etwas zu klar, zu betont und eindeutig zu sagen, was man meint, eine Lüge ist. Man spürt dann nämlich zu drängend die dahinterstehende Absicht, den Empfänger der Botschaft auf jeden Fall überzeugen, überreden zu wollen. Dabei liegt die Wahrheit doch immer offen zutage. Zwischen den Zeilen, zwischen Textualität und Visibilität, in der „Lautung" der Worte und „Sichtung" der Zeichen, enthüllt sich ihr wahrer Sinn.

Es soll also nur um die Entwicklung eines Verfahrens gehen, das ich im wissenschaftlich konkretesten Sinne eine Anleitung zu Wahrnehmung und Selbsterfahrung nenne, d. h. ein Übungsverfahren, ein kleiner Apparat, mit dem vor allem die Beziehung zwischen diesen beiden Grundtrieben, Grundelementen erneuert werden kann (D. h. das/der Andere als wirklich Andere(r)(s) gefasst werden kann). Wie man zu diesem Apparat des konjekturalen Denkens kommt, wird sich als wesentliche Aussage wie ein roter Faden durch das Buch ziehen, das nur dazu dient, dieses Selbsterfahrungs-Wahrnehmungs -Training so plausibel, so wissenschaftlich klar wie möglich zu machen, weil es dann also auch beim Anwenden, beim Üben von entscheidendem Vorteil ist, dass man in die Methode Vertrauen und absolute Sicherheit hat. Eine wissenschaftliche Methode ist selbst mitten im Moment ihrer Anwendung immer wissenschaftlich überprüfbar und erneuerungsfähig und braucht sich nicht an die Autorität eines Gurus klammern, noch in überholter, erstarrter Wissenschaftlichkeit oder gar Dogmatik verharren.

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