Analytic Psychocatharsis

... combining meditation with science

Psyche und Raumzeit

Als ich zum ersten Mal Bilder und Beschreibungen des Calabi-Yau-Raumes sah, war ich fasziniert. So sieht die Seele aus, dachte ich sofort. Ein mehr als vierdimensionales Gebilde, rätselhaft ich sich verschlungen und verdreht, das ist die in Bewusstes und Unbewusstes, in Überich, Ich und Es, in Symbolisch, Reales und Imaginäres gespaltene Psyche des Menschen. Wunderbar, so einfach ist alles. Man stelle sich eine Kugel vor, deren Fläche sich an einer Stelle ‚einrollt‘, sich verwindet und sich so innigst in sich verbirgt, dass sie nicht mehr da zu sein scheint. Gewiss ist dies nur ein fast poetische Beschreibung, aber man muss sich nur dazu denken, dass so das Weltall und vor allem die seit Einstein so genannte ‚Raumzeit‘ gestaltet ist. D. h. gestaltet ist schon zu viel gesagt, denn die Raumzeit durchwindet sich stets anders und neu, nur bei uns auf der Welt hat sie zeitlich und räumlich eine scheinbare Stabilität bekommen. Sie hat sich – wie manche Wissenschaftler sagen – in raumzeitlicher Weise verfestigt, materialisiert.

Die Zeit läuft also in nicht zu schneller und nicht zu langsamer Weise ab, Gravitationskraft und andere Kräfte halten die Sterne, Planeten und die Erde in einer gewissen Räumlichkeit stabil. Es ist überhaupt nicht schwierig sich mit Hilfe einer bestimmten Meditation, die ich noch erläutern will, so in sich zurück und minimal nach oben zu ziehen, dass sich der innere, der seelische Raum enorm vergrößert und Lichtpunkte in ihm auftauchen, die wie Sterne wirken. Die zeit scheint still zu stehen – oder rast sie nicht mit unendlicher Geschwindigkeit davon? Egal, es ist eine subjektbezogene Erfahrung, aber ist die Erfahrung der Stringtheoretiker, die sich den Calabi-Yau-Raum ausgedacht haben, nicht ebenso subjektbezogen? Die Einsteinsche Geometrie, auch Topologie genannt, liefert zwar Anhaltspunkte, aber sind die Lichtpunkte, die wie Sterne ausschauen, nicht auch Anhaltspunkte?

Ich will nicht zu theoretisch und abstrakt werden. Die Heilige Hildegard von Bingen meinte, dass am ‚Jüngsten Tag‘ die Fixsterne durcheinanderwirbeln und sich zu etwas Neuem zusammenfinden werden, doch darf man sich dies nicht astrophysikalisch vorstellen. Gehen wir anders vor: Je nach Zeitverlauf und Raumgestaltung gibt es viele Raumzeitmaterialisierungen, und es würde schon genügen, wenn man wenigstens außer unseren noch in eine zweite hineinschnuppern könnte. Genau dies nämlich kann man in einer wissenschaftlich begründeten und selbst erfahrbaren Meditation ansatzweise tun. Nehmen wir als Grundlage dafür die von dem Wissenschaftsphilosophen D. Hofstadter beschriebene ‚naive Analogie‘, die er als Beweisinstrument ansieht. Astrophysik außen und Meditation innen verhalten sich wie beschrieben ‚naiv analog‘. Das mag vorerst einmal genügen.

Ich weiß nicht warum mich der Calabi-Yau-Raum so fasziniert, denn eigentlich ist er ja schrecklich in sich verschachtelt. Ich denke, der Hauptgrund meiner Faszination liegt darin, dass sich mit seiner Struktur eine Verbindung – wenn vorerst auch nur analoger Art – zwischen Physik und Psyche herstellen lässt. Endlich müssten wir nicht mehr strikt zwischen Materie und Geist unterscheiden, was uns Jahrtausende lang gequält hat. Was ist Geist hat man immer gefragt und fragen sich auch heute noch zahlreiche Menschen, man muss dazu nur ins Internet schauen. Und die Antworten sind damals wie heute skurril und verwirrend. Ich würde sagen, die Frage ‚Was ist Geist‘ ist irgendwie falsch gestellt. Denn jeder weiß in etwa, was mit Geist gemeint ist: eine Verfeinerung des Seelischen über die simplen Gedanken hinaus, mystische Höhe oder irgend so etwas. Oder Gott, den die Theologen ‚spiritus purus‘ nennen, reiner Geist, als ob damit alles geklärt wäre. Geist ist genauso wie Materie letztlich ein Rätselwort und beide werden dies für immer bleiben, es sei denn,  man sucht selbst nach einer subjektbezogenen, also für jeden einzelnen persönlich gültigen Lösung.

Ich gehe jetzt hier nicht auf die in den letzten Jahrzehnten immer weiter ausufernden Versuche der Physik ein, die sogenannte ‚Alles umfassende Theorie‘ für die Materie zu finden. Die Physik befindet sich in der Sackgasse, in der sie bis heute steckt, da sich die Quantenmechanik (Theorie des ganz Kleinen) nicht mit der Relativitätstheorie (Theorie des ganz Großen) verbinden lässt. Supersymmetrie und Stringtheorien versuchen heute doch noch eine Zusammenhangserklärung zu postulieren, scheiterten jedoch in ihrer eigenen Komplexität und Abstraktion. Aber den Geisteswissenschaften geht es nicht anders, denn sie wissen bis heute nicht was Geist sein soll, bzw. versuchen jeweils in ihrer eigenen Disziplin eine Fachlösung anzubieten. Und da kommen eben die Theologen mit ihrem ‚purus‘, die Neurowissenschaftler mit dem Gehirn, die Psychologen mit den Affekten und die Esoteriker nennen es die Feinstofflichkeit, den bis zum Geht-Nicht-Mehr sublimierten Stoff.

Aber warum sollte man es nicht mit der Selbstsublimierung versuchen, für die man dann, wie oben angeführt, ein Stück Topologie braucht, um wissenschaftlich zu bleiben. Der Alleswissenschaftler – so darf ich ihn einmal nennen – A. Damasio führt in seinem Buch „Selbst ist der Mensch“ von der Evolution angefangen über viele neurowissenschaftliche Forschungen ein System von Gehirn, Geist und Selbst in zahlreichen Ebenen gegliedert vor.[1] Alles hört sich wirklich interessant an und zeugt von enormer Arbeit, aber es ist total bedeutungslos und irrelevant. Das Wort Geist verwendet er völlig im Sinne einer Informationsstruktur, so dass für ihn Insekten (z. B. Ameisen) Geist haben, wenn auch ohne Bewusstsein. Das Selbst dagegen ist eine Mischung aus Geist und Vernunft, das nur im Menschen auftaucht.

Aber ist der Geist der Ameisen nicht ein fixierter, sozialer Instinkt? Schon der Verhaltensforscher K. Lorenz, um dessen Kopf im Teich immer viele Entenschwammen, weil sie es für ein Muttertier hielten, hatte vor fünfzig Jahren erkannt, dass die Tiere aus Überlebensstrategie ganz kurzfristig ihre Instinkte aufbrechen können, um sie – wie z. B. beim Totstellreflex – für diesen Reflex zu öffnen und diesen dann wieder völlig fixiert ins Instinktverhalten einzubauen. Vor langer, langer Zeit gab es diesen Reflex also noch nicht, nun aber nutzen ihn viele Tiere. So ist es auch bei den Ameisen gewesen, wobei man vielleicht dieses Aufbrechen des Instinkts als einen kleinen Geistesblitz bezeichnen kann. Um gekehrt aber haben sie ein gewisses Bewusstsein. Diese blöde Gerede um das sich als Ich selbst Bewusstsein beim Menschen, handelt einerseits nur von dem einfachen Wachbewusstsein, einem spiegelreflexartigen Bewusstsein, den alle Lebewesen haben, während andererseits, das den Menschen auszeichnende Unbewusste das Entscheidende ist, was ihn vom Tier unterscheidet.   

Bei Damasio verhält es sich dann so: Beim Menschen dieser Insekten-Geist plötzlich rebellisch werden, weil das dazukommende Selbst mit dem Geist Vernunft und Wissenschaft entwickelt und dann . . . das „biologische Wertesystem“, das generelle und besondere Überleben, noch von einer komplexeren Warte her sichern kann. Kurz: der Mensch ist eine äußerst vielschichtige Maschinerie, bei der alles innen mit allem außen wechselwirkt, um zu überleben. Es gibt also kein Subjekt, das einer symbolischen  Ordnung unterstellt wäre, jenem Spiel der Signifikanten, diesem sprachlich Anderen in uns selbst, dem Unbewussten, wie es in der Psychoanalyse und speziell auch in der von mit entwickelten Analytischen Psychokatharsis der Fall ist.

Dabei muss es nicht unbedingt völlig problematisch sein, wenn man den Insekten Geist zuspricht, Damasio verwendet halt eine weitgehend andere Nomenklatur. Die Sprache ist biegsam. Auch Geist ist ein unglaublich diffuser, unscharfer Signifikant, und wenn man ihm den Signifikanten Mensch gegenüberstellt, kann man die tollkühnsten Theorien aufstellen. Damasios Buch wurde übrigens auch von E. Löhr im Spektrum der Wissenschaft wegen seiner „äußerst schwammigen und unwissen­schaft­li­chen Formulierungen“ und anderer meinen Anmerkungen ähnelnden Thesen kritisiert.[2] Das Wort Wahrheit kommt in Damasios Buch beispielsweise kein einziges Mal vor. Für ihn ist die Materie, die Biologie, die neuronale Vernetzung, die Ursache von all dem, was er beschreibt, und er weiß auch warum: auch beim Menschen aus purem und rein biologischen Überlebenswillen. Das ist die Einsicht eines großen Egos, das keinen ‚freien Willen‘ hat und für das die Wahrheit zum Überleben nichts beiträgt.

Denn es fehlt, dass man ja z. B. auch dadurch lebt und überlebt, dass man ‚sein Wort macht‘, dass man im Kontext Mensch / Natur und Mensch / Mensch Geistesblitze sofort in wörtliche Rede übersetzen kann, dass es eine Wortordnung, eine symbolische Ordnung gibt und nicht nur eine imaginäre, eine Bildordnung, auf die sich Damasios Geistdefinition hauptsächlich stützt.

Jeder Psychoanalytiker weiß, dass man, wie es das Wesen des Ödipus Dramas ausmacht, „die Sehenden blind machen muss und die Blinden sehend”[3], weil die Identifizierung, dieser zu scharfe Blick, dieser Scharfblick – wie ich es gerade oben zitierte – ein zu begehrlicher Blick ist, und das heißt in der psychoanalytischen Fachsprache: ein von der Kastration bedrohtes „Auge”.[4] Der Schautrieb, die Schaulust, das  Strahlt ist eine so intensive Faszination, dass sie nicht nur einer der Grundtriebe, Grundautonomien des Menschen ist, sie muss auch noch dazu von dem zweiten Trieb, dem Sprechtrieb in Schach gehalten, also ein bisschen kastriert werden. Der Identifizierung stellt Freud daher die Objekt-Beziehung gegenüber, eine schon komplexere, vielschichtigere „Gefühls-Bindung”, die bereits ein erstes Spricht darstellt.

Man sagt oft, dass Kinder einen direkteren Scharfblick besäßen als Erwachsene. Ein solcher Scharfblick ist wohl nur eine mögliche Auswirkung einer spezifisch kindlichen Beeindruckbarkeit. Für das Kind ist es sozusagen normal und unvermeidlich, von bestimmten Formen, Situationen, Konstellationen zutiefst getroffen zu werden – so tief, dass das, was in es eingefallen ist, sich mit seinem Sein vermischt, sein Sein `informiert´, zuinnerst mitgestaltet, in die Bildung seines Innersten eingeht”.[5] Bis heute kann man mittels Psychotherapie oder Psychoanalyse nicht dauerhaft in diese tiefen imaginären Bereiche eindringen, um die Probleme zu lösen, die sich durch diese zu blitzartigen „Bindungen”, Fixierungen der Identifizierung, durch dieses Es Strahlt der vorwiegend imaginären Identitätsbildung, ergeben. Aber es existiert eben auch das Es Spricht, die symbolische Ordnung. Offensichtlich muss man beiden gerecht werden, um Klarheit darüber zu haben, was Geist ist.

Und jetzt kann man auch ganz präzise sagen, was es mit Raum und Zeit und der berühmten Raumzeit auf sich hat. Der Raum gehört dem Imaginären zu, hat aber auch Anteile am Realen, an dem Es Ist, Ex-sist (es sitiert, beharrt, ex, außerhalb, wie Lacan sich hier ausdrückt) der Realordnung. Die Raumzeitrealisierung hat also an allen drei Bereichen Anteil. Bei den Ameisen gibt es nur das Bildhafte, Imaginäre, und das Reale. Sie realisieren auf imaginäre Weise, also vermittels einer bildhaften Ordnung, ihr Leben. Natürlich hat der Geist etwas mit dem Imaginären zu tun. Aber beim menschlichen Geist sielt doch auch die symbolische Ordnung, die Sprache und das Sprechen eine mindestens gleichwertige Rolle. So meint Lacan, dass in der Religion das Imaginäre symbolisch realisiert wird, in der Psychoanalyse dagegen Reales imaginär symbolisiert wird, also durch das Gewinnen von anschaulichen Bildern aus den Phantasien und Assoziationen des Patienten eine Stufe des Realen, des Letztlichen erreicht wird, und man dann diese Bilder deuten, aussagen, sprachlich interpretieren kann.

Der Geist hat also am Imaginären genauso teil wie am Symbolischen, man kann nicht in eine rein imaginäre Welt flüchten, aus der wir ja als Kleinkinder gerade erst gekommen sind. Durch die Entwicklung der Sprache haben wir gelernt, die beherrschend imaginäre Ordnung etwas in den Schatten zu stellen, aber gelöst ist das Problem nicht. Dagegen kann die Topologie das Calabi-Yau-Raumes etwas für das Geistproblem tun. Sie ist in allen drei Bereichen vorhanden. Im Realen, indem sie nicht die äußere Realität ist, sondern dieses unmöglich Reale Lacans repräsentiert, das neuropsychologisch Letztliche, wo es nicht mehr weiter geht. Aber es ist immerhin noch Physik, theoretische Physik. Dass diese Topologie am Imaginären teilhat ist schon an dem obigen Bild sichtbar. Aber sie Spricht auch wie der hier angehängte Text hinsichtlich des CalabiYau-Raumes zeigt.

 „Die Stringtheorie beschreibt zusätzliche Raumdimensionen. Fast alle Calabi-Yau-Räume treten paarweise als Spiegelpartner auf. Dies geht direkt aus der Stringtheorie hervor und wird Spiegelsymmetrie genannt. Die Spiegelsymmetrie ist ein Grundprinzip der Natur. Jedes bekannte Elementarteilchen hat einen Spiegelpartner, der sich entweder durch die Ladung (Teilchen und Antiteilchen) oder durch den Spin (Teilchen und Spiegelteilchen) unterscheidet. . . Ein Calabi-Yau-Raum kann Löcher aufweisen, so dass ein Raum vereinfacht wie z.B. ein Ring (mit einem Loch) oder eine Brezelform (mit 3 Löchern) aussehen kann. . . Abgesehen davon stimmen die Calabi-Yau-Räume auch in allen übrigen physikalischen Eigenschaften überein. Dies wird Spiegelmannigfaltigkeit genannt oder einfach Supersymmetrie. Die Calabi-Yau-Raum-Spiegelpartner sind also physikalisch äquivalent, aber geometrisch unterschiedlich. Obwohl die Spiegelpartner unterschiedlich geometrische Eigenschaften besitzen, führen sie zur Entstehung ein und desselben physikalischen Universums.

Die Stringtheorie beschreibt sieben weitere Dimensionen als die uns bisher bekannten vier Dimensionen, also der drei Raumdimensionen und einer Zeitdimension. Nur die vier uns bekannten Dimensionen haben sich nach dem Urknall ausgedehnt, alle anderen Dimensionen sind noch in sich zusammengerollt. Nach der Stringtheorie sind alle weiteren Dimensionen so klein, dass wir sie nicht wahrnehmen können. Die kleinste theoretisch messbare Einheit nach der Stringtheorie ist die Größe einer Planklänge.

Alle Dimensionen waren im Anfangszustand Ihrer Existenz, also direkt nach dem Urknall, von der Größe einer Planklänge (10-33). Eine Planklänge ist die kleinste mögliche Längeneinheit unteilbarer Einheiten. Jede Dimensionen ist zu einem komplizierten Calabi-Yau-Raum aufgewickelt, der die geometrische Form und die physikalischen Eigenschaften der Dimension beschreibt. Ein Calabi-Yau-Raum kann sich durch Risse in einer Dimension verändern. Wenn ein Riss entsteht beginnt sich der Raum auszudehnen und zu verformen. Ein auftretender Riss wird sofort von einer "Stringfaser" umwunden und dadurch verschlossen. . . In den hektischen, extrem heissen Augenblicken nach dem Urknall, war der Bewegungsdrang in allen Dimensionen enorm groß. Die Dimensionen waren bestrebt sich auszudehnen. Die Calabi-Yau-Räume begannen immer aus Neue zu reißen, sich zu reparieren mit Hilfe der gewundenen Strings und durchliefen so eine lange Folge von Metamorphosen, wobei sie sich von einem Calabi-Yau-Raum in einen anderen verwandelten. Als das Universum sich abkühlte, schafften es nur die drei bekannten Dimensionen sich auszudehnen, die anderen Dimensionen behielten Ihre Größe im Bereich der Planklänge. Die Calabi-Yau-Verwandlung verlangsamte sich, bis sie schließlich in Form eines bestimmten Calabi-Yau-Raumes zur Ruhe kamen“.[6]

Gewiss ist dies nun eine einseitig naturwissenschaftliche Sprache, ein rein ‚universitärer Diskurs‘, wie Lacan sagt. Aber auch der psychoanalytische Diskurs hält nicht immer das, was er verspricht, auch wenn Lacan hier die Wahrheit als den zentralen Motor des Geschehens heraushebt. Das Wissen, das Frau D. Kuntz oben über den Calabi-Yau-Raum vermittelt hat, ist eine Art gesicherter Information, wie sie auch ein Telefonbuch oder die Computerclouds abgeben. Doch „gibt es in jedem einmal konstituierten Wissen eine Dimension des Irrtums, die darin besteht, die schöpferische Funktion der Wahrheit in ihrer Entstehungsform zu vergessen“, schreibt Lacan. Man kann Unwissenheit nicht immer durch mehr und neues Wissen ersetzen. Vielmehr – und jetzt kommt nochmals so ein pfiffiger Lacanscher Satz - „konstituiert die Unwissenheit sich polar zur Beziehung auf die virtuelle Position einer zu erreichenden Wahrheit.“[7] Das klingt kompliziert, heißt aber nur, dass die Unwissenheit eben nur durch ein Wissen, das den Blick strikt auf die Wahrheit gerichtet hat, ausgeglichen werden kann. Ohne entscheidende Orientierung an der Wahrheit, die virtuell über allem thront, kann Unwissenheit nie mit noch so viel gutem und neuem Wissen aufgehoben werden.  Noch weiter vereinfacht: für das menschliche Subjekt muss das Wissen der Wahrheit dienen und nicht umgekehrt. Die Wahrheit will wissenschaftlich auf sie selbst bezogen gewusst werden, anders ist sie heute für das Subjekt nichts wert.

Und damit kann ich wieder auf mein Verfahren der Analytischen Psychokatharsis zurückkommen, in der man sich selbst das Wesen das Calabi-Yau-Raumes am besten erarbeiten kann. Der meditative Anteil an diesem Verfahren ermöglicht den imaginär-realen Aspekt dieser Topologie direkt zu erfahren, denn die Einrollung des Raumes ist hier, besser noch als im Traum, unmittelbar begreifbar. Schon im Traum gibt es bekanntlich keinen Horizont, der Raum ist immer etwas eingerollt, und wenn diese Einrollung einen zu starken Grad erreicht hat, wechselt das Traumgeschehen einfach vollkommen die Szenerie. Was vorher noch ein Waschbecken war, ist dann plötzlich ein Auto mit dem man davonrauscht. Der Schnitt von einem zum anderen Raum ist so radikal, dass man eine psychoanalytische Traumdeutung benötigt. Es kann sein dass das Waschbecken und die rasende Autofahrt etwas mit dem Mutterleib zu tun haben, dessen Bild man absolut nicht wahrnehmen will, also rollt man den Raum immer wieder weiter ein, bis man aufwachen muss. In der Meditation kann man jedoch wie Pamino in Mozarts Zauberflöte gegen Schluss quer durch selbst feuer- und wasserspeiende Welten gehen, wobei als Zauberflöte das genutzt wird, was ich die Formel-Worte nenne, einen Sprache an der Grenze des Normalsprachlichen, die aber gerade deswegen eine starke Wirkung auf das Unbewusste hat. Details dieser entscheidenden Funktion in der Analytischen Psychokatharsis sind mehrfach auf dieser Webseite beschrieben.

Nur eines noch. Man kommt auch mit diesem Verfahren dem Calabi-Yau-Raum nicht aus, aber auf Grund seiner Topologie, die der Topologie des Unbewussten vollkommen gleicht (wie ja am Traum gezeigt, der ebenfalls eine Auswirkung des Unbewussten ist), wird ihm ein anderes Sprechen abgerungen, ja geradezu abgepresst, das völlig anders ist, als der ‚universitäre (astrophysikalische) Diskurs‘, nämlich ein Sprechen in – erneut Lacans Ausdruck: ‚ultrareduzierten Phrasen‘, die ich analog zu den Formel-Worten Pass-Worte nenne, weil sie die eigene, unbewusste, psychische Identität auszudrücken helfen. Die Erschütterungen, die solche Identitätsworte auslösen, gehen sicher in höhere Einrollungen des Calabi-Yau-Raumes ein, die die Physiker nur beschreiben können, der Übende der analytisch psychokathartischen Methode aber selber erfahren kann. Was mag wohl besser sein? Vielleicht können sie sich auch kreativ ergänzen. Ich hoffe Antworten darauf erhalten zu können (Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!).



[1] Damasio, A., Selbst ist der Mensch. Körper, Geist und die Entstehung des menschlichen Bewusstseins, Siedler (2011)

[2] Löhr, E., Geist + Selbst = Bewusstsein oder so, Spektrum der Wissenschaft 3 / 12, S. 98

[3] Joh 9, 39, Ödipus muss sich erst blenden, um sehend zu werden wie Teresias

[4] Lacan, J., Die vier  Grundbegriffe der  Psychoanalyse, Walter (1980)  S. 111. Tatsächlich gibt es eine hysterische Blindheit, die dadurch entsteht, dass eine unerträglich anzusehende sexuelle Bedeutung, etwas „Unmögliches“, z. B. eine Inzestvorstellung sich ins Bewusstsein einschieben will.

[5] Seitter, W., Jacques Lacan und, Merve Verlag (1984) S. 14

[6] www.dagmarkuntz.de

[7] Lacan, J., Seminar I, Walter (1986) S. 214

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