Analytic Psychocatharsis

... combining meditation with science

Spiritualität und imaginäre Ordnung

Um was es sich bei der Ordnung der Sprache, der symbolischen Ordnung, handelt, ist noch leicht zu verstehen. Diese Ordnung zu analysieren und zu erklären ist Aufgabe der Sprachwissenschaft. Sie erklärt dies mit Srechakttheorien, mit Semantik oder dem Unterschied von Signifikant und Signifikat, was hier nicht interessieren muss. Doch um was handelt es sich bei der Ordnung des Imaginären? Man muss sich diese Frage stellen, wenn man nach Lacan das Symbolische, Imaginäre und Reale unterscheiden will. Eine derartige Unterscheidung ermöglicht viele Aspekte der heutigen Wissenschaftskultur klar zu regeln. Während die Psychoanalytiker sich vorwiegend für die symbolische Ordnung interessieren, da dort das Sprechen in verschiedenen Ausprägungen im Vordergrund stehen, ist für Kenntnisse meditativer und kontemplativ-besinnlicher Verfahren die imaginäre Ordnung wichtiger. So spielt in der Psychoanalyse das sogenannte ‚freie Assoziieren‘, also Gedanken spontan, ohne nachzudenken, frei bis zur Blödheit hin zu äußern, sowie die sprachliche Deutung von Trauminhalten eine große Rolle. In einer Meditation dagegen geht es mehr um das Bildhafte, um den Blick nach innen und um damit verbundene mythisch-mystische Vorstellungen, die einer wissenschaftlichen Betrachtung zu unterziehen notwendig ist.

In der Entwicklung des kleinen Kindes, das also noch nicht sprechen kann, kommt natürlich die imaginäre Ordnung mehr zum Zug als in späteren Jahren, wo das Symbolische gleichwertig auftritt. Überhaupt stehen ja die beiden Ordnungen (imaginär und symbolisch) noch mit der dritten Ordnung, dem Realen, in enger Beziehung. Im Gegensatz zu Philosophie und Religion hat am ehesten noch die Psychoanalyse mit dem Realen zu tun, da sie ja nicht nur aus Theorie, sondern auch aus praktischer Ausübung besteht. Sie ist eine logische, symbolische Praxis, in der der bedeutende Andere, verkürzt A(Mutter, Vater, Lehrer, Analytiker etc.und schließlich der durch alle diese Beziehungen verinnerlichte, unbewusste A) eine wichtige Rolle spielt. Auch in der Meditation existieren Verfahren, die das Imaginäre mit dem Realen eng verknüpfen. Lacan folgend sehe ich das Reale vor allem darin, wo und wie es den anderen Kategorien Grenzen zuweist. Trotz der logischen, symbolischen Praxis gelingt der Psychoanalyse nur ein geringes Eindringen ins Reale, das Freud auch die psychische Realität nannte, also eine seelische Festigkeit, die positiv ist, aber eben auch Begrenzung beinhaltet.

Das Imaginäre wird somit bei Freud etwas vernachlässigt. Schon bei der Traumdeutung hat es nicht die Funktion, für die der Traum doch viel Material bietet: zahlreiche in sich verschachtelte und eindrucksvolle Bilder, die dennoch flüchtig sind und denen Freud daher weniger Beachtung schenkte, als dem Wortklang der Traumszenerien. Als ihm jemand erzählte, er habe von Van Houten  geträumt, fragte Freud: ‚wann haut denn‘ (die Mutter)? Man kann sich streiten, ob dies nicht zu genial ist. Aber der Patient brachte tatsächlich in seinen weiteren Assoziationen bestätigendes Material dafür. Das Bild des dampfenden Kakaos war nicht wichtig, wohl aber der Sound der Buchstaben. Nur bei Türmen und Bananen machte Freud eine Ausnahme, indem sie das ‚Phallische‘ imaginieren würden.

Ähnlich und doch wieder ganz anders verhält es sich auch in den meditativen, kontemplativ übenden Methoden. Damit das Imaginäre, also die bildhaften Eindrücke beim Meditieren, nicht überhandnehmen, wird hier eine Begrenzung meist künstlich, scholastisch festgelegt. Es werden also Vorschriften und Regeln symbolisch übermittelt, und so hält sich auch hier das Imaginäre an die Grenzen, die es in der Zusammenarbeit mit dem möglich/unmöglichen Realen findet.[1] Ein gutes Beispiel um dies alles zu verstehen, ist der Versuch der Bildlogik.[2] Die Autorin M. Heßler versucht dem Bild, dem Imaginären, möglichst direkt eine Logik, etwas Substanzielles aus dem Symbolischen zuzuweisen. Sie will damit erreichen, dass das Bild einer ‚Ordnung des Zeigens‘ unterliegt, wobei jedoch schon ‚Ordnung‘ und ‚Zeigen‘ aus der verbalen Sprache stammen. Mit vielen weiteren Begriffen, wie  ‚diagrammatische Bildformen‘, ‚Epistemik des Visuellen‘, ‚augenblickliche Evidenz und ‚topologische Differenzialität‘ versucht sie zu begründen, dass das Imaginäre selbst schon Aussage und Klärung ist.

Vielleicht hätte sie besser gleich mit den frühen Hieroglyphen, mit reinen, sich zu einer Systematik hin ordnenden Bildern anfangen sollen, aber wie in der Mathematik, wo auch die reinen Zahlen nicht genügen, benötigt man ein Anfangswort oder wenigstens eine ‚ultrareduzierte Phrase‘, wie Lacan die Sätze des Unbewussten bezeichnet und die auch für mathematische Axiome gelten. Doch weil dies alles mit dem Sagen und Zeigen so schwierig ist, und man die hunderttausende von Büchern nicht mehr lesen mag – schon gar, wenn sie allzu gelehrt daherkommen – haben irgendwelche ultraschlauen Leute den Begriff des ‚Spirituellen‘ ins Gespräch gebracht. Denn dieser Begriff des Geistigen, Transzendenten, Mystischen oder Übersinnlichen ist uferlos und doch sehr intensiv und in weiter Verbreitung gebräuchlich. Sehr, sehr vieles lässt sich damit sagen und scheint auch damit gezeigt zu werden. Ich muss dem nichts hinzufügen. Ich will nur ausdrücken, dass damit vor allem Bereiche des Imaginären gemeint sind, das eine bestimmte Ordnung haben soll, die aus dem Religiösen, Esoterischen oder anderen  bedeutungs- und sinnstiftenten Vorhaben resultiert.

Tatsächlich ist das ‚Spirituelle‘ am besten und neutralsten aus der Ordnung der genannten drei Kategorien (des Symbolischen, Worthafte, des Imagnären, Bildhaften und des Realen) begreifbar. Die nebenstehende Abbildung zeigt anschaulich das Ineinandergreifen der drei Grundkategorien (S, I und R) nach einer Zeichnung von Lacan. Das kleine a in der Mitte hat bei allen gleiche Geltung, es ist das bzw. die ‚Objekte‘, die ökonomisch und libidinös begehrt werden oder real im Wege stehen.[3] Ich habe erwähnt, dass für die Psychoanalyse die Verbindung von R(ealem) und S(ymbolischen) im Vordergrund steht. JΦ, die ‚Jouissance phallique‘, das phallische Genießen, ist die Hauptthematik. Für die imaginäre Ordnung, um die es hier wegen ihrer Bedeutung für das ‚Spirituelle‘ hautsächlich geht, muss man sich mit JȺ, der ‚jouissance des (quergestrichenen) Anderen beschäftigen. A ist hier quergestrichen, weil es sich ja nicht um den absoluten, bedeutenden Anderen handelt, sondern – wie schon angedeutet – um den verinnerlichten A, der zwar auch bedeutend ist, aber unbewusst.

Ob man das ‚Spirituelle‘ also mit Gott verbindet, mit irgendeinem großen Geist, mit der Buddhanatur wie die Buddhisten sagen, mit höheren geistigen Ebenen wie es im Yoga üblich ist oder mit irgendeinem innerlichen, weitgehendst sublimierten A, es wird sich immer um eine im Vordergrund stehende Verbindung von Realem und Imaginärem handeln (den Anteil an Symbolischen besorge ich hier mit diesem Text). In dieser Verbindung hat das oder der unbewusste Andere einen Bezug zum Genießen, der Es/Ihn nicht ganz sein lässt, sondern eben gebarrt, gestutzt, die Psychoanalytiker sagen (symbolisch) ‚kastriert‘. Wer hat sich noch nicht gefragt, ob Gott genießt und ob und wie man Ihn genießen kann? Es ist ein autochthones Genießen, manche sagen eine ‚Jouissance feminine‘, ein weibliches Genießen, oder eben ein ‚spirituelles‘, was immer das vorerst heißen mag. Denn ich bin mit meiner Abhandlung noch nicht zu Ende. Bezüglich dieser Thematik herrscht allgemein Unwissen.

Konnte ich klarmachen, dass das ‚Spirituelle‘, das ich extra in Anführungszeichen schreibe, weil keiner definitiv sagen kann, was das sein soll, mit der Kombination von Imaginärem und Realem ausgestattet, in der Thematik des JȺ, wissenschaftlich verbindlich ausgesagt ist? Ich finde es so wichtig, dass es da etwas gibt, von dem man in neutraler, wahrhafter und wissenschaftlicher Weise sprechen kann, und sich nicht eine Predigt oder eine Suggestion, einen belehrenden Schulmeistervortrag oder eine Glaubensbessenheit anhören muss. Und was hat es mit dem Genießen auf sich?  Kann man das ‚Spirituelle‘ genießen, existiert etwas in ihm, das mit dem Genießen als solchem, als ureigenem, als autochthonen, zu tun hat? Sind dies unsinnige Fragen? Ich gehe davon aus, dass alles Gerede von Kräften, Energien, Trieben, Tatsachen etc. nur vordergründig ist. Der Hauptgrund von allem ist das Genießen per se. Nur frägt danach niemand.

Dabei ist das die einzige Frage, die sich zu stellen lohnt. Wie die Welt entstanden ist, ob durch Schöpfung oder durch Evolution – wahrscheinlich ist beides beteiligt – ist unwichtig. Die Schöpfung ist ein Akt des Imaginär-Symbolisch-Realen. Schon Euklid war sich sicher, dass die Drei, die Drittheit, den Anfang macht. Denn eine Eins (griechisch Hen) repräsentiert nur eine Null für eine andere Eins (griechisch Monos), sagte er. Ob in dieser grundlegenden Triade das ‚Spirituelle‘, das Imaginär-Reale,  mehr als Null oder Eins gewichtet werden kann, hängt davon ab, wie man es symbolisiert. Ich bin dabei es möglichst unmittelbar, sozusagen auch sich heraus zu symbolisieren, so wie es ja auch schon die Bildlogikerin versucht hat. Nur hatte sie – wie erwähnt – die Hieroglyphen nicht, mit denen dies so direkt und bild-anschaulich gegangen wäre. Ich habe jedoch derartige Hieroglyphen.

Ich habe sie unter dem Namen Formel-Worte vielfach auf dieser Webseite beschrieben, so dass ich dies hier nicht noch einmal tun kann. Da sie in einem einzigen Schriftzug drei oder mehr Bedeutungen enthalten, je nachdem von welchem Buchstaben aus man sie liest, stellen sie tatsächlich die Drei-In-Eins Euklids unmittelbar dar. Ich brauche also nichts mehr weiteres zu sagen, denn diese Formel-Worte kann man so wie sie sind meditieren, also kontemplativ verinnerlichen, wo sie – innerlich im Unbewussten – die eigentliche Frage stellen oder die Antwort provozieren, egal wie man es sehen will. Denn nichts stellt die Frage nach dem Ganzen, nach Welt und Mensch oder was auch immer, so direkt, so konkretistisch. Denn als durchgehender Schriftzug hat sie keine festgelegte Bedeutung. Bedeutungen stecken nur überlappend, versteckt und überkreuzt in ihr. Wer damit also meditativ übt, wird selbst zum ‚Spirituellen‘ oder wie man es auch sonst heißen mag: Imaginäre Ordnung zum Beispiel.

Sie habe die Trinität ‚gesehen‘, sagte die Heilige Theresa von Avila einmal. Sie hatte die göttliche Triade wahrgenommen, wie man sich das genau vorstellen muss, sagte sie nicht. Vielleicht nahm es sich so ähnlich aus wie der oben gezeigte Dreierknoten. Es ist auf jeden Fall gut, die imaginäre Ordnung durch derartige geometrische, mathematische oder topologische Strukturen zu erklären. Viele Adepten der Analytischen Psychokatharsis nehmen beim Meditieren einfache Muster wahr, wie sie von der Einsteinschen Geometrie, der Topologie oder Gummigeometrie dargestellt werden. In dieser Topologie kann eine Kugel auch wie eine zerbeulte Kartoffel aussehen, Hauptsache sie hat einen Mittelpunkt und lässt sich – glättet man die Aus- und Einbeulungen wieder aus – als Kugel wieder herstellen. Mehr sollte man möglichst nicht ‚sehen‘, sonst verliert man sich im endlos Imaginären und das Ganze hat dann eben keine Ordnung mehr.

 

Im indischen Yoga verwendet man oft sogenannte ‚spirituelle Ebenen‘, um die imaginäre Ordnung sichtbar zu machen. Die nebenstehende Abbildung zeigt dies schematisch. Unterhalb der Pfeile befinden sich die Körper-Chakras (Körperfunktionszentren). Darüber spiegeln sich die oberen ‚spirituellen Ebenen‘. Die oberste ‚geistige‘Ebene spiegelt sich also in der untersten körperlichen (Muladhara, Aggressions-Sexual-Zentrum). Dies passt gut zu vergleichbaren Schemata in der Psychoanalyse, wo man ebenfalls komplexe psychische Arbeit benötigt, um die am tiefsten im Unbewussten verborgenen Komplexe von Sexuellem und Aggressiven zu analysieren.

 

Doch die einfachste Art mit der imaginären Ordnung umzugehen, ist die der Analytischen Psychokatharsis, in der man sich im sogenannten Spiegelungspunkt, also etwa hinter der Augennervkreuzung konzentriert. Denn man kann das Gehirn (Großhirn unter der Schädeldecke) als Konkavspiegel betrachten, in dessen Mittelpunkt alle Spiegelungen zusammentreffen. Von hier geht alles Bildhafte aus, und man kann davon überflutet werden. Eine Ordnung wird jedoch erst dann hergestellt, wenn die erwähnten Formel-Worte zu Hilfe genommen werden, damit sich das Gleichgewicht zwischen den drei Kategorien herstellen lassen kann. Details sind den knapp gefassten Broschüren ‚Die körperlich kranke Seele I‘ oder ‚Psychoanalyse / Meditation‘ zu entnehmen.

 



[1] Lacan nennt das Reale auch das Unmögliche, also das, wo nichts weitergeht. Auf andere Weise scheint es aber auch das unbegrenz Möglich zu sein, wenn man das Universum oder die Welt 4.0 denkt.

[2] Heßler, M., Logik des Bildlichen, transcript (2009)

[3] Sie sind im Gegensatz zum großgeschriebenen A des Anderen, klein geschriebene andere (‚Objekte‘ oder andere meinesgleichen), die also nicht so betont von ihrer Bedeutung leben.

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