Analytic Psychocatharsis

... combining meditation with science

Auszüge aus dem Buch 'Die Revolte des Selbst'

1. 1 ‚L’Homme Révolté‘

Wenn im Untertitel dieses Buches von einem ‚selbstanalytischen Verfahren‘ die Rede ist, klingt dies nach einem Angebot, jetzt eine der üblichen und herkömmlichen psychotherapeutischen Methoden in Selbstanwendung erlernen zu können. Doch Verfahren wie Verhaltenstherapie, analytische Psychotherapie oder ein gesprächssuggestives Vorgehen, selbst wenn sie in Eigenregie geübt werden würden, stellen keine Revolte dar.


Ein Buch über die ‚Revolte des Selbst‘, also über eine revoltierende Veränderung in und mit dem Kern des eigenen Seelenlebens, muss sich deutlich abheben von den klassischen psychotherapeutischen Methoden, die man heutzutage sogar in simplen Lehrbüchern darstellt. Noch am ehesten beinhaltet Freuds Psychoanalyse etwas Revoltierendes, ja eine ‚Umwertung aller Werte‘ wie es Nietzsche ausdrückte. Denn wo Kultur und Religion von oben her auf den Menschen blickte, wollte Freud das menschliche Selbst von unter her aufrollen. In seinem Buch ‚Der Mann Moses und die monotheistische Religion‘ glaubte Freud, dass der Katholizismus schwer erschüttert und die Psychoanalyse wohl verboten würde, wenn ihr revoltierender Gehalt erkannt worden sei. Aber nichts dergleichen geschah. Freuds Revolte war zu theoretisch, zu akademisch, und so fehlte ihr eine aufwühlende Praxis, weshalb er selbst einmal sagte, dass die Psychoanalyse der praktischen Heilung nur wenig dienlich sei, eher der theoretischen Wahrheitsfindung. In diesem Sinne halte ich das Vokabular und Begriffsinstrumentarium der Psychoanalyse für das fortschrittlichste, das es auf dem Sektor seelischer Erforschung und Veränderung gibt. Ich werde es daher auch für viele meiner Ausführungen verwenden, auch wenn ich ein eher praktisches Vorgehen in den Vordergrund stelle. Der Fortschritt intellektueller Ausarbeitung muss Schritt halten mit eine Revolte in der Praxis, die am ehesten jedem Einzelnen schnell und spürbar eine Veränderung und Verwandlung bringt.

 

Nur eine derartige psychologische Hilfe, die Theorie und Praxis in ganz kompakter Weise eint, kann eine endgültige Befreiung aus der eigenen Begrenztheit ermöglichen, die im ‚Selbst‘, im psychischen Kern des Menschen und das in ihm schlummernde Unbewusste haust. Es handelt sich bei dieser ‚Revolte des Selbst‘ nicht um eine Befreiung vom Ich, von bewussten, egoformen Strebungen und schon gar nicht um ichbezogene oder idealistische, politische oder soziale Umwälzungen. In seinem Buch ‚L’homme Révolté‘ (Der Mensch in der Revolte) geht der Schriftsteller und Philosoph A. Camus darüber hinaus, dass Revolten nur gegen die Herrschenden und Reichen, gegen die Militaristen und Unterdrücker anzuzetteln sind. Er will, dass der Mensch sich auch gegen das Absurde und Abgründige des menschlichen Seins von innen her auflehnen soll. Er soll sich wehren gegen transzendente Sinngebungen, gegen vernunft-orientierte Philosophien, politische Ideologien und gegen die im Exaktheitswahn agierenden Wissenschaftler, denn sie alle beseitigen das Absurde nicht. Sie revoltieren alle nur oberflächlich und nicht umfassend genug.

Eigentlich soll man – so verstehe ich Camus – gegen alles revoltieren, das nicht genügend humanitär ist, vor allem gegen den „Hochmut“ der Politiker und für eine neue ‚Solidarität‘ kämpfen, für eine humanitäre Gemeinsamkeit, für das pralle Leben und ein Wir gegenseitiger Liebe – wie er wörtlich sagt. Schon Sisyphos stemmte sich in Camus‘ gleichnamigem Buch gegen die „Gewissheit eines erdrückenden Schicksals“. Aber letztendlich findet Camus dafür, wie seine „permanente“ und „gemeinsame Revolte“ wirklich aussehen soll, nur den Weg, den er schließlich das „menschliche Maß“ nennt, das sich hauptsächlich vom demokratischen Denken und von einem nicht näher definierten humanitärem Gefühl speist.

Camus kann also dieses Maß nicht exakt genug beschreiben, manchmal nennt er es auch das „mittelmeerische Maß“, das er von der griechischen Antike und seiner Kindheit in Algerien her kennt. In seinem letzten Roman kehrt Camus in diese Kindheit zurück, zu dem „brausenden jungen Blut, dem unersättlichen Lebenshunger, der ungestümen, gierigen Intelligenz . . ganzzeitig ein Freudenrausch . . . mit den Spielen des Meeres, des Windes, der Straße, unter dem Druck des Sommers und den schweren Regenfällen des kurzen Winters, ohne Vater, ohne überlieferte Tradition . . . “1 Die Sucht nach Leben, nach praller Vitalität und mitmenschlicher Power ist Camus‘ großes Thema. Mit dem „menschlichen Maß“ sind jedoch auch eigene Schwächen und Verwirrungen gemeint.

Durchaus geht Camus mit sich selbst kritisch um, seine Seele, sein Selbst ist aufgewühlt nach außen und nach innen, verzettelt sich aber immer wieder in zu vielen und zu emotionalen Argumenten. „An vielen Stellen des Textes [von L’homme Révolté],“ schreibt auch Camus‘ Biographin I. Radisch, „leuchtet eine paradiesische europäische Ursprungswelt auf . . . einfach, griechisch, maßvoll, naturschön, tolerant, bescheiden, mediterran, der menschlichen Natur und dem Glauben an das Leben verpflichtet. Ihr steht das moderne Europa gegenüber . . . maßlos, hybrid, städtisch, fortschrittlich, zerstörerisch, diktatorisch, hässlich, naturfern, terroristisch, nordeuropäisch, imperialistisch.“2 Dennoch war Camus für uns, die wir eine Generation jünger waren, ein Idol. Seine Bücher verkörperten etwas Existenzialistisches, etwas trotzig Lebendiges, das wir nach dem Ende des verheerenden Weltkrieges brauchten.

Doch objektiv betrachtet ist das „menschliche Maß“ und Camus‘ Revolte wohl zu schwärmerisch, es wird wie gesagt nicht immer klar, was mit all diesen Ausdrücken gemeint ist, auch wenn sie die Sprache eines aus dem tiefsten Herzen denkenden Mannes sprechen. Meines Erachtens hängt diese Unklarheit der eigentlichen Revolte mit dem zu krassen Begriff des Absurden zusammen. Warum sollte menschliches Wesen und menschliche Existenz von vornherein so völlig absurd sein? Da Camus‘ Leser ihm vorwarfen, dass sich dann ja alle umzubringen hätten, wenn das Leben so unglaublich absurd sei, musste er Umwege erfinden, die den Kampf für einen Lebenssinn rechtfertigen würden. Diese Umwege wurden jedoch einfac, zu lieblich, zu philosophisch-narrativ und das Absurde erschien mehr und mehr wie eine psychiatrische Diagnose, eine ‚spirituelle‘ Depression oder einfach ein anderes Wort für das aussichtslose Ende.

Im Grunde genommen hat sich S. Freud, der Begründer der Psychoanalyse, nicht anders ausgedrückt. Freud ging von biologischen Vorgängen aus, bei denen „das Ziel des Lebens der Tod ist. Das Leblose war früher da als das Lebende,“3 schreibt er, und so strebt der von Freud so benannte ‚Todestrieb‘ stets zum Anorganischen wieder zurück. Gehindert wird er jedoch von allen möglichen äußeren sperrigen Störungen‚ die dann in Form von ‚Ich-Trieben‘ diesen Vorgang zum Tode hin aufhalten wollen, wobei sie in Wirklichkeit – wie Freud konstatiert – nur „den Todesweg verlängern“. Von diesem grauenhaften Paradox besteht nur ein Ausweg, der „durch Reproduktion des Lebens wirkende sexuelle Trieb“, der zwar ebenfalls sein Ziel nie ganz erreicht, wohl aber das Leben für Millionen von Generationen fortsetzt und so ein Gefühl „potentieller Unsterblichkeit“ erzeugt. Ich komme auf diesen Dualismus der Triebe (Eros-Lebenstrieb/Todestrieb) und ihre Dynamik später zurück.

Vielleicht hätte Camus sein Buch „Le Moi Révolté“ (Das Selbst in der Revolte) nennen sollen, dann wäre dieses Paradox oder die zu liebliche Ausweglosigkeit nicht entstanden. Doch im Französischen klingt „Le Moi Révolté“ zu sehr ichbezogen. Es wäre dann sogar eine Aufforderung zu mehr Egoismus. Doch auch das Selbst ist kein idealer und klar bestimmter Begriff für das Innerste und das unbewusst Seelische des Menschen, der seine Begrenztheit von dorther aufbrechen sollte. Schon Platon sagte: „To soma sema“, das körperliche Selbst sei ein Grab, von dem man sich befreien sollte. Der psychische Bezug zum Körper ist also wichtig. Ich gehe jedoch vorerst einmal vom Selbst im Sinne der psychoanalytischen Selbstpsychologie aus, und lasse es eine Kombination aus bewussten und unbewussten Selbstanteilen sein. Auch hielt und verstand Camus von der Psychoanalyse nicht viel und so ist es kein Wunder, dass er seine Revolte nicht vom unbewussten Seelenkern, von der eigenen Begrenzung und von Selbstanteilen, sondern vom Widersinnigen des Absurden ausgehen ließ, das philosophisch unbestimmt blieb, so wie also auch Freuds Todes-/Sexual-Trieb-Konzept keine gute Lösung findet.

Was die Camus‘sche Revolte als solche angeht, so setzte sie sich damals – in den berühmten sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts – freilich auch vermittels von Studentenprotesten, Bildungen provozierender Kommunen und auch anderer philosophischer Schriftsteller fort. Sartre etwa, Cioran und die Filmemacher der ‚nouvelle vague‘ oder Luis Buñuel agierten genauso gegen Widersinniges und die Fragwürdigkeiten der menschlichen Existenz. E. Cioran, der Philosoph und Nihilist par excellence, drückte sich tatsächlich so aus: Welche Form das Leben des Menschen auch immer annähme, es hindert ihn zu diesem wahren Genuss zu kommen, nach dem er im Grunde genommen unaufhörlich strebt: die Wonnen des Anorganischen, die Lust des Nichts, die Katharsis des Todes. Der Schriftsteller Jean Améry empfahl sogar lauthals den Selbstmord, den er dann auch beging. Eine konkrete oder gar therapeutische Praxis für den Umgang mit diesem Widersinnigen fand jedoch keiner.

Auch die erwähnte studentische Revolte, die bis in die achtziger Jahre hinein reichte, ging nicht von der tiefsten Stelle der menschlichen Psyche aus. Sie richtete sich gegen überkommene Traditionen, gegen sexuelle Verklemmung und entwickelte mit der Psychedelik4 eine eigene Orientierung wie die Hippiebewegung in Haight Ashbury oder Timothy Learys ‚Bewusstseinserweiterung‘. Wir Medizinstudenten besorgten uns LSD Tabletten in der High-Fish-Kommune in der Münchener Giselastraße und glaubten so, diesen psychischen Wesenskern durch psychotrope Stoffe zu erfassen wie es auch D. Hopper in ‚easy rider’ feierte. Aber außer aufregenden Halluzinationen kam dabei nichts Wesentliches und Bewegendes heraus.

Auch J. Kerouac zelebrierte in seinem Buch ‚On the Road‘ eine Hipsterphilosophie ewiger Jugend: immer gut drauf, rauchend, paraphrasierend, durch die endlose Landschaft streunend, kein Ziel, sondern nur den Wind in den Haaren und den grenzenlosen Gleichmut in Kopf und Herz. Es ging „um ein Lebensgefühl des ständigen Unterwegsseins, der hyperaktiven Suche nach dem ultimativen Kick, der Grenzüberschreitung und Grenzerfahrung. Man stolpert von einer Kneipe in die nächste, . . geht ständig ins Kino, um sich dort experimentelle, französische Filme anzusehen, jobbt als Barmann oder Seefahrer, probiert Drogen und experimentiert mit sexuellen Erfahrungen, . . und diskutiert . . über die perfekte Künstler-Gesellschaft.“5

Irgendwann versandete diese Revolte und entpuppte sich als banaler Hedonismus, als oberflächliche Libertinage, als Linkspopulismus. Man muss die Revolte also wohl nicht gegen das Absurde und Erstarrte und nicht mit Hilfe psychoaktiver Mittel, sondern gegen das und mit dem innersten Selbst, gegen das und mit dem in einem selbst Wütende, Verdrängte, Unbewusste, Perverse, Verwirrende, aber auch Kreative, Phantsievolle und Fähige führen. Camus‘ Absurdes ist genauso wie Ciorans ‚Wonnen des Todes‘ und T. Learys Psychedelik – wohl zu abstrakt oder antirational. Auch Freuds paradoxes Todes-/Sexual-Trieb-Konzept schaffte die endgültige Revolte nicht, wozu ich in einem eigenen Kapitel noch Stellung nehmen werde. Zwar schreibt Lacan hinsichtlich dieses Paradoxes, das Freud auch das ‚Nirwanaprinzip‘ nannte: „Es gibt in der Liebe immer irgendeine Wonne des Todes, eines Todes jedoch, den wir uns nicht selbst auferlegen können.“6

Das hört sich nach einem versteckt Erotischen an. Es klingt interessant und ein bisschen differenzierter als all die modernen Befreiungsphrasen, und so verhält es sich wohl auch mit den vielen Prinzipien, deren letztliche Widersinnigkeit das menschliche Leben ständig zu überschatten scheinen. Trotzdem eröffnet sich hier eine Chance, dem Paradoxen zu entkommen. Wenn es tödliche Wonnen sind, um die es geht und die man sich nicht selbst auferlegen kann, kann man sie vielleicht von woanders her erfahren. Freuds Lebensbegriff ist wohl zu biologisch gefasst, schließlich haben wir doch noch das Seelenleben, und vielleicht muss man eben besonders darin revoltieren, um die tödlichen Wonnen genießen zu können. Haben sich nicht früher schon viele Mystiker in tödliche Einsamkeiten, in Höhlen oder in die Wüste zurückgezogen und dort Ekstasen gefeiert? Sie waren doch nicht nur Opfer des Todestriebs. Eventuell gingen sie in ihrem Selbstgenuss zu weit und starben schon, bevor sie eigentlich den Körper verließen. Kurz: sie kürzten den Todesweg ab, aber in einer letzten Vision haben sie vielleicht das ‚gelobte Land‘ gesehen.

Es muss also um eine Revolte gegen das und mit dem ureigensten Selbst gehen, insofern sie nicht nur dem Selbstgenuss sondern auch aggressiv sein kann und sie auch an die Gedanken herangeht, die man bei sich nicht mag, die ‚niedrig‘ sind oder völlig daneben; die eben verdrängt oder gar völlig verworfen sind. Hinsichtlich einer derartigen Revolte möchte ich daher versuchen in diesem Buch eine klare Abgrenzung zu all den Revolten zu geben, die nicht vom diesem tiefsten und verbohrtesten Kern der Seele ausgehen. Es soll eine konkrete Anleitung werden, um sicher zu sein, nicht nur oberflächlich zu agieren. Es genügt nämlich schon ein kleiner Kunstgriff, um in die wahre Tiefe zu gelangen. Man muss den Todestrieb einfach nur ein Geschehen des Biologischen sein lassen (was inzwischen die meisten Psychoanalytiker auch so sehen), demgegenüber das Seelenleben die sperrigen Störungen nicht nur als Verlängerung des Todesweges ansieht.

 Auszug aus Kapitel III. 3

 3. 3 Formel-Worte

Nun muss ich endlich zum Kern der Revolte kommen, mit der man den Knoten zu knüpfen und aufzuknüpfen erlernt, der diese elementare Verbindung nicht nur der zwei Arten des Sprechens, im Spricht zusammengefasst ermöglicht, sondern auch der des Strahlt in der Kombination der beiden Grundkomponenten des visuellen Vorgangs. Die ‚Revolte des Selbst‘ muss da beginnen, doch muss ich zugeben, dass der Ausdruck, das Begriffliche, eines Strahlt / Spricht (also mit diesem Schrägstrich dazwischen, der Trennendes und Verbindendes anzeigt) viel zu pauschal und generalisiert ist, so wie ich es ja schon von Weizsäckers Ur‘ s gesagt habe. So kann man in den modernen Wissenschaften nicht arbeiten, denn derartige Bezeichnungen und Argumente verführen sehr schnell zu den unsinnigen Behauptungen, dass alles mit allem zusammenhängt und man vom Urknall der Astrophysik auf das gerade vorhin geschilderte erste Verlauten des Säuglings schließen kann, weil sie das gleiche ‚akustische Bild‘ verwenden.

Doch wenn ich das Strahlt / Spricht so aufbereiten kann, dass jeder einzelne selbst den Job der Revolte zu machen fähig ist, behaupte ich nichts definitiv und schon gar nichts rein pauschal. Das Strahlt / Spricht ist in solcher noch nicht ganz aufbereiteter Form nur ein Interregnum, eine Zwischenablage wie es in der Computersprache heißt. Es ist nur ein vorläufiger intersubjektiver (zwischen mir und dem Leser) Stützpunkt. Ich kann noch immer nicht sagen: fangt an, revoltiert. So geht es noch nicht. Die Zwischenablage muss noch konkreter werden. Ich habe sie schon mal in dem untenstehenden Bild weiter konkretisiert, besser geht es gar nicht. Das hier dargestellte Möbiusband,7 der Torus und andere Figuren dieser Wissenschaft, die sich Einsteinsche Geometrie oder Topologie nennt, zeigen Flächen und Linien, die sich überkreuzend durchschlingen und so das beste Modell für das Strahlt / Spricht ergeben.

Die Abbildung zeigt also das von mir in mehreren Büchern verwendete Möbiusband mit darauf geschriebenen Buchstaben. Man kann die Buchstaben in einem einzigen Wortzug lesen, und weil das Band keine Endstelle mehr hat, fängt man beim Lesen immer wieder von vorne an. Trotzdem kommen bei dieser Art des Lesens immer wieder andere Bedeutungen heraus, wenn die Schreibung so gemacht ist, dass von verschiedenen Stellen des circa acht oder neun B(r)uchstaben umfassenden Wortzuges mit dem Lesen angefangen wird.8 Man muss sie B(r)uchstaben nennen, da sie ja die Schnittstellen, die Brechungen, die Überlappungen im sonst einheitlichen Wortzug darstellen. Zudem ist das bild- und worthafte, das Kristalline und Linguistische, das Strahlt / Spricht gleichermaßen verwirklicht.

Ich habe solch einen Wortzug wie schon angedeutet Formel-Wort genannt. Es ist aus der lateinischen Sprache erstellt, die sich dafür besonders eignet. Denn es beinhaltet nun wirklich Zugang zu den tiefsten Stellen des unbewussten Selbst, da dieses ja in der gleichen B(r)uchstabenform aufgebaut ist wie in den Freud‘schen Fehlleistungen, Versprechern und Träumen. Ein Beispiel: Ein Ordinarius an der medizinischen Fakultät meiner Universität versprach sich einmal in einer Vorlesung. Er wollte sagen, er sei in dieser oder jener Sache „kompetent“, sagte jedoch, er sei „kompotent“, was etliche Zuhörer zum Lachen brachte, vor allem auch deswegen, weil der besagte Professor als autoritativ und etwas protzig galt. Die Deutung war also nicht schwer, der Professor musste wohl wichtigtuerisch und protzig sein, weil er eigentlich Probleme mit der Potenz hatte.

Die Wahrheit ist Ursache des Symptoms, sie ist es, die beim Versprecher immer mit den ihren Inhalten dazwischen redet, die man weiß Gott nicht sagen möchte und oft auch gar nicht sagen kann. In diesen Fall war nur ein Buchstabe gebrochen, verrutscht oder vertauscht. Das Wort „potent“ hämmerte, klopfte im Unbewussten schon länger an und als es die Gelegenheit bekam sich durch ein fast gleich lautendes Wort Bahn zu brechen, prellte es hervor. Es nutzte die Schnittstelle, die Spaltungsstelle. Sehr anschaulich hat dies auch der Neuro- und Kognitionswissenschaftler D. Hofstadter in Form von Kombinationstechniken dargestellt, die er mit verschiedenen Computerprogrammen erzeugen konnte.9

Für ihn besteht das Unbewusste in einer Art lockerem Schütteln, fließendem Verrutschen von „natürlichen Subeinheiten“ von Bildern, Mustern und auch Worten, so z. B. dem Wort NEUGIER, so dass - ob im Gehirn, im Unbewussten oder im Computer geschüttelt, ist egal - plötzlich zu UR-EIGEN, UREI-GEN, ja zu UR-NEIGE, UN-REGIE oder GNU-EIER wird. Das erinnert auch sehr an Freuds Verschiebung bei Versprechern. Es ist allerdings unwahrscheinlich, dass ein Mensch – von der psychoanalytischen Seite her betrachtet – sich in solch rein anagrammatische Verrutschungen und Vertauschungen verspricht. Die Schnittstellen der „Subeinheiten“ sind viel zu komplex, um für eine Freud‘sche Fehlleistung herzuhalten. Der Signifikant ist eben etwas anderes als ein reines Anagramm!10 Der Signifikant führt, selbst wenn er grausam ist, wenn er als Unsinn daherkommt, wenn er total simpel ist, noch in Richtung auf einen Sinn, der mit dem Betreffenden etwas zu tun hat.

Ja, die Sinnwirkung ist sein ‚Für etwas Bestimmtes sprechen’ ist sein Wesen, wenn er sich mit einem zweiten Signifikanten kombinieren kann. Welches selbst unbewusste Motiv sollten wir haben, uns ständig mit einem weitgehend anagrammatischen Buchstabensalat zu versprechen? Das kann nur der Computer, der somit über das Ziel hinausschießt. Was sollen also die „natürlichen Subeinheiten“ sein, die Anstoß zu solchen Kombinationen geben könnten? „Statistisch emergente, aktive Symbole“, wie Hofstadter spekuliert? Also nur so etwas Ähnliches wie Bewusstseinsneuronen, von denen wir dann manchmal eher zu viele und manchmal zu wenige hätten!? Inwiefern sind die „Subeinheiten“ natürlich? Das wird bei Hofstadter nicht ganz klar. Emergenz und Statistik stellen jedenfalls keine generelle Wahrheit für jedes einzelne Subjekt dar.

Das Unbewusste richtet sich nämlich gerne nach Wort-Klang-Bedeutungen und nicht nach Zeichenverrutschungen. In den bekannten Freud´schen Versprechern kommt dies deutlich heraus. Wenn die ehemalige Justizministerin Frankreichs R. Dati statt Inflation von Fellatio gesprochen hat, ist dies ein gelungenes, wenn auch für die Betroffene sehr peinliches Beispiel. Ganz Europa hat gelacht und die Pikanterie war noch zudem groß, weil Dati ein scheinbar geheimes Liebesleben führte. Sie verriet nie, wer der Vater ihres Kindes war. Aber ihren Job als Justizministerin war sie bald los. Die Abbildung zeigt die Verrutschungen der Wort-Klang-Bedeutungen. Hier wird nur das ‚in‘ zu dem dem ‚f‘ nachgestellten ‚e‘:

in f l atio n

f ell atio

Trotzdem erinnern Hofstadters Versuche sehr stark an die Formel-Worte. Denn seine „Subeinheiten“ ordnen rein formal das ‘Sprechen’ nach wort-bildhaften Einheiten, nach Einheiten des Schreibens, unabhängig davon, was er sonst noch damit behauptet. Auf jeden Fall ist die Schrift das ideale Medium der Strahlt / Spricht - Kombination, weil man sie mit nach Hause nehmen und dort einüben kann, genau das, was ich ja für die Praxis der Analytischen Psychokatharsis vorhabe. Nur das Einüben geht mit Hofstadters Subeinheiten nicht, da der Computer nicht mit den Bedeutungs-Einheiten in der Weise arbeiten kann, wie sie die Psychoanalyse und auch mein Verfahren in Richtung Revolte benötigt. Weil der Computer nicht die Wahrheit findet, sondern immer nur neues Wissen, sinnloses Spezialwissen, savoir pour savoir.

Eine derartige Technik beherrschte auch vorher schon der Rubik-Würfel (Abb. oben), bei dem drei oder mehr Signifikanten in den drei Ebenen des Raumes so verdreht werden können, wie sie wollen, und man dennoch immer etwas Wirkliches lesen kann. Voraussetzung ist allerdings, dass die in der Abbildung gezeigten Buchstaben Signifikanten wären, die mehr sind als nur ein Zeichen, „ein etwas für jemand“, während ein Signifikant „Zeichen eines Subjekts ist.“11 Er ist nicht objektiv fassbar, doch wenn er aus den spontanen Äußerungen eines Subjekts oder aus dem direkt vom Unbewussten herausgehörten Phrasen, kann man an seinem Wahrheitsgehalt nicht mehr vorbei.

Ähnliche Verschiebungen und Versprecher finden sich auch in der Geschichte eines Mannes, der mit seiner Bekanntschaft des reichen Baron Rothschilds prahlen wollte, und die einmal Heinrich Heine erzählte. Dieser Mann wollte sagen, dass er mit dem Baron Rothschild wie „familiär“ verbunden sei, sagte aber: „ich bin mit ihm so „famillionär“. Die Wahrheit also, dass es doch die Millionen sind, die ihn faszinierten, rutschte ihm genauso aus dem Unbewussten heraus wie der armen R. Dati. Und genauso wie im „famillionär“ eine Mehrfachbedeutung steckt, nämlich die des Familiären und der Millionen (und somit die Unverblümtheit einer Habgier), so auch in den Formel-Worten.

Diese bestehen ja aus drei oder mehr bildhaften Bedeutungen (Vorstellungen), die wie beim Versprecher kombiniert sind, diesmal jedoch konstruktiv, progressiv. Indem das Formel-Wort nur eine Formulierung bildet, obwohl ein Mehrfaches an Bedeutungen in dieser Formulierung, in diesem Wort-Zug des Formel-Wortes steckt, weckt es das Unbewusste. Wie ja dargestellt hat dieser Wort-Zug mehrere Schnittstellen, und liest oder spricht man ihn von jeweils einer anderen Schnittstelle aus, kommt immer eine andere Vorstellung heraus. Es verhält sich also genauso wie in dem oben genannten Beispiel: man kann familiär, Millionär oder eben „familiär mit den Millionen“ heraushören.

fa mil i är

mil l i on är

fa mil l i on är

In diesem Mehrfachen von Bildern und Worten funktioniert also das Unbewusste und ebenso auch die Formel-Worte, die alle Beispiele für den „linguistischen Kristall“ sind. Nur verhält es sich bei den Formel-Worten ‚anders-herum‘. Sie stellen nicht die versteckte und verdrängte Wahrheit dar, sondern sie provozieren sie. Sie rufen sie revoltiv herauf, nämlich mit einer einzigen Formulierung, die als solche nichts sagt, obwohl sie viele Bedeutungen in diesem einen Wortzug enthält. Es ist nichts anderes als eine Kombination des Bild- und Worthaften in eben dieser Form von Schnittstellen, wie wir sie auch aus der modernen Computertechnik kennen, wo eine Schnittstelle den Austausch zwischen zwei oder mehr Systemen ermöglicht.

Doch wie kommt man nun endlich zur wirklichen ‚Revolte des Selbst‘? Was fängt man mit diesen B(r)uchstaben oder Verrutschungen, mit diesem „linguistischen Kristall“ des Strahlt / Spricht oder den Formel-Worten nun tatsächlich an? Nun ganz einfach, man meditiert sie. Denn sie haben ja die völlig gleiche Struktur wie die erwähnte ‚Augenscheinlichkeit‘ samt den ‚ultrareduzierten Phrasen‘ des Unbewussten. Man meditiert sie wie in jeder anderen Art von Meditation, jedoch mit dem Vorteil, dass man nicht das Denken völlig ausschalten muss. Dies kann ohnehin nie total gelingen, denn das mit dem Denken engst verschaltete Sprechen und Schauen aus dem Unbewussten liefert ständig neue Gedanken und Bilder. Sinnvoller ist es solch ein Formel-Wort (oder besser mehrere) wie in der obigen Abbildung gezeigt rein mental, gedanklich, innerlich zu wiederholen, zu reverberieren, und zwar solange, bis neben der „jouissance“ auch etwas Sprechendes, Verlautendes durchbricht, dem ich der Wahrheit des Subjekts entsprechend Identitäts- oder Pass-Wort nenne (mehr dazu im nächsten Kapitel).

Auch in ENS – CIS – NOM überlappen sich die Bedeutungen entsprechend den B(r)uch-staben, was besonders bei einer Kreisschreibung sichtbar wird. Gehen wir einmal vom M oben links aus. So heißt MENS CIS NO, der Gedanke diesseits, innerhalb von No, vom N ausgehend: NOMEN SCIS, du kennst den Namen, OMEN SCIS N, du kennst das Omen N, CIS NO, MENS, diesseits schwimme ich, oh Geist, ENS CIS NOM, das Ding diesseits von Nom, C IS NOMEN S, hundert dieser Name S, usw. So unsinnig einzelne der Bedeutungen auch sind, sie sind doch grammatikalisch und syntaktisch normal und sogar auch semantisch in Ordnung. Der Sinn dieser Formulierung besteht ja gerade darin, dass sie keinen vordergründigen Sinn schon parat hat, sondern überdeterminiert ist und nur das Unbewusste anregt, ja provoziert, torpediert, einen Sinn heraus zu geben. Bei ihm ist exakt genau so wie im Unbewussten das Wort bildhaft zerteilt, „wobei jeder Teil, sobald er aufgeschlüsselt wird, eine neue Bedeutung annimmt.“12

Daher ist ein Meditieren derartiger Formel-Worte die Möglichkeit einer ‚Revolte des Selbst‘, denn so etwas ist nunmehr keine simple Seelentröstung, Entspannung oder zögerliches psychoanalytisches Vorgehen mehr. Es lässt einen tief in sich selbst fallen, so dass ein Wort oder genauso eine „ultrareduzierte Phrase“ herauskommt wie sie im Unbewussten schon auf der Lauer liegt. Denn wiederholt man wie gesagt ENS – CS – NOM rein mental (und hintereinander noch drei oder vier weitere Formel-Worte) gerät das Unbewusste so in Bedrängnis, etwas herauszugeben, dem ich also die Bezeichnung Identitäts- bzw. Pass-Wort gegeben habe.

1Camus, A., Der erste Mensch, Rowohlt (1997) S. 233-34

2 Radisch, I., Camus, Rowohlt (2013) S. 240, 241

3 Freud, S., GW XIII, S. 40

4 Psychedelik setzt sich aus griechisch psyche und delos (offenbar) zusammen, sollte also einen Zustand bezeichnen, in dem ‚die Seele offenbar‘ wird.

5 Dietschreit, F., Kulturradio-rbb, 4. 2. 2014

6 Lacan, J., Die Übertragung, Seminar VIII, Sitzung vom 15.5.61

7 Ein Band, das um 180 Grad gedreht und so an den Endstellen zusammengeklebt wird, dass es nunmehr nur noch eine Fläche hat, obwohl es auch Vor- und Rückseite gibt (siehe Abbildung).

8 Oudee Dünkelsbühler, U., Zeugnis und Schrift: B(r)uchstaben an der Couch, Les Etats Généraux de la Psychanalyse (2001). Der Begriff B(r)uchstaben erscheint mir eine ideale Formulierung für diese zerstückelte Schreibweise der Formel-Worte zu sein, indem sie „Buch“ (Lettern, Spricht) mit „Staben“ (Linien, Strahlt) genau durch das ihnen eigene Element verbindet.

9 Hofstadter, D., Metamagicum, Klett-Cotta (1994) und „Ich bin eine seltsame Schleife“, Klett-Cotta (2007)

10 Es könnte Anagramme geben, die dem Gesetz des Signifikanten gehorchen, z. B. Lichtenbergs Wortspiel bei der Lektüre Homers, bei der er statt Agamemnon immer das Wort angenommen las. Aber der esprit des Signifikanten liegt hier nicht im Anagrammatismus, sondern in einer phonematischen Verschiebung und semantischen Verdichtung, die nie in einen totalen Anagrammatismus münden wird.

11 Der Signifikant ist mit einer Barriere verbunden, die dafür sorgt, dass dem sprechenden menschlichen Subjekt die Bedeutung dessen, was es sagt – also das Signifikat -, nicht genau bewusst wird. So muss man beim sprechen immer sehr darauf achten, was mit den Worten wirklich gemeint ist – eine Alltagsweisheit.

12 Lacan, J., Struktur. Andersheit. Subjektkonstitution, August Verlag (2015) S. 14. Ich gehe auf dieses Zitat später ein.

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