Analytic Psychocatharsis

... combining meditation with science

Weiblicher Orgasmus

Mit seiner Frage „Was will das Weib" hatte sich Freud natürlich auf die libidinöse Ebene des weiblichen erotischen Erlebens bezogen. Viele Autoren nach ihm haben dieses Rätsel des weiblichen Eros aufgegriffen. Aber eine Antwort hat es bis heute nicht gegeben. Lacan meint, auch die weiblichen Psychoanalytiker hätten hierauf keine Antwort gehabt. Die Analytikerin E. Seifert meinte einmal die Frage mit einem „Dazugehören" beantworten zu können. Diese Antwort ist zweifellos nicht schlecht. Aber was heißt das auf der erotischen Ebene? Heißt es „dazugehören", wenn es um den vom Männlichen dominierten Sex geht? Das kann doch nicht die letzte Wahrheit sein.

Der männliche Orgasmus ist einfach zu beschreiben. Er besteht in einer - fast könnte man sagen - apparathaften Form der Tätigkeit mehrerer Drüsen und deren Ausführungsgänge samt dem psycho-neurologischen Funktionen und Erleben. Psyche, Nervensystem, Nebenhoden, Samenbläschen und Prostata müssen zusammenarbeiten um eine Ejakulation herzustellen, die durch ihre lustvolle Entladung den Mann von seinen gesamten Phantasien, seinen Gefühlen für die Partnerin und seinen eigenen Grundemotionen eigentlich eher wieder herunterholen. Was bleibt ist der Orgasmus, die Endlust wie Freud dies nannte.
Natürlich können Frauen sich an diese Form des sexuellen Höhe- und Endpunktes anpassen. Schon in der von Freud so bezeichneten „phallischen Phase" lernen sie, eine gewisse Dominanz der Erregungsausbreitung, der Potenzphantasie und Kraftmeierei sich anzueignen, wobei sie auf eine eigene, völlig originäre libidinöse Entwicklung weitgehend verzichten. Lacan meint, dass die Frauen die Ihnen gemäße Erotik zu gering schätzen und daher eher in einem passiven Sexualstreben verbleiben. Er zitierte gerne J. Reviere, eine Analytikerin, die in der weiblichen Erotik die „Maskerade" hervorgehoben hat, während bei den Männern eher eine „Parade", ein sich „Aufmandeln" wie man in Bayern sagt, vorherrschend ist.
Doch was ist nun mit der originär weiblichen Erotik und mit dem weiblichen Orgasmus? Auch hier wurde viel herumgerätselt, der mehr vaginale dem mehr klitoridalen Orgasmus entgegengesetzt oder gar eine ausgesprochen emotionale Zufriedenheit im Sexualakt als das weibliche Pendant zum männlichen Entladungsakt herausgestellt. Doch die Wahrheit ist viel einfacher: der weibliche Orgasmus endet nicht. Es gibt keine feste Markierung, an dem er abgeschlossen wäre wie beim Mann. Er verflacht etwas, geht aber weiter je nach den Ereignissen des Liebeslebens und kann sich nur zu gut auch auf eine eventuell folgende Schwangerschaft, Geburt und Stillperiode und allgemeine Liebesgefühle ausweiten. Der Frauenarzt M. Odent behauptet in seinem Buch „Die Natur des Orgasmus" sogar, dass das Ausstoßen des Kindes bei der Geburt der männlichen Ejakulation gleich eine derartige Fortsetzung des Orgasmus bei der Frau ist, für den er auch noch viele andere wellenartige Bewegungen im weiblichen Organismus anführt.Aber verfällt er nicht auch dem Gedanken, das weibliche erotsiche Erleben müsste dem männlichen angepasst sein? Um was es hier geht, soll eine ganz spezifische, originär und grundsätzlich andere Art der Erotik sein, die eben speziell der libidinösen Eigenheit der Frau entspricht und mit dem männlichen Sexualakt nicht unbedingt vordergründig etwas zu tun hat.

Auch H. Deutsch, eine der ersten Psychoanalytikerinnen, betonte die weibliche Lust im Zusammenhang mit Schwangerschaft und Kind. Den Säugling zu knuddeln und an sich zu drücken ist nun tatsächlich - auch dies war bereits Freuds Entdeckung - ein Ersatz für den Phallus und somit etwas ganz anderes als ein mechanisch aufgeplustertes Lustorgan. Der sogenannte „Penisneid" bei Freud bezog sich eher mehr auf eine typische männliche Dynamik, die eher mit der Kontrolle der männlichen Triebe zusammenhängt, als mit deren Ausleben. Auf diese Dynamik kann sich der Geschlechtsneid der Frau beziehen, der jedoch dann eigentlich gar kein Geschlechtsneid mehr ist, sondern eben ein struktureller Neid. Und der entsprechende männliche Neid ist selbstverständlich kein „Gebärneid" wie viele geäußert haben, denn dieser Vorgang ist selten so lustig. Es ist ein Neid auf die weibliche Geschlossenheit, das libidinöse Bei-Sich-Sein der Frau. Die Frau "schließt" - so Lacan - "die Libido in sich zum Kreis". Die Erotik baut sich bei der Frau in großen Teilen bei ihr selbst verweilend und nicht so sehr an Erregungstimulation als vielmehr an erotischen Regungen generell, an erotisch Aufregendem, ja mehr an Eros-Worten als -Taten auf.
Der weibliche Orgasmus endet also nicht, weil er über dieses Bei-Sich-Sein vefügt. Er hat natürlich dann auch keinen so ganz definitiv sichtbaren Anfang. Die Frauen verschieben eben schon sehr früh ihre weibliche Potenz, sie spalten sie auf in eine erotisch-emotional-körperliche Vielschichtigkeit, aus der heraus sie jedoch ein „Genießen" entwickeln können, das man zurecht erotisch und amurös nennen kann. Die Psychoanalytikerin R. Golan hat diese weibliche Identität, die eher ein „Genießen" als ein Orgasmus ist, besonders gut herausgearbeitet. Dieses „Genießen" ist eine andere Form der Lust, eine Lust, die über das simple phallische Genießen insofern hinausgeht, als sie auch Schmerz und Leid einschließt, dafür aber auch Universalität, Höhe, Grenzenlosigkeit, Erkenntnis / Erleuchtung, Wissen, Freiheit und Glückseligkeit beinhaltet. Die „jouissance feminine" wie Golan auch den weiblichen Orgasmus nennt, ist das tiefsinnigere Genießen! Man muss also Sex mit der Seele der Frau haben, nicht (oder nicht nur) mit ihrem Körper, so ist wohl diese Aussage über das Weibliche zu verstehen. Auf jeden Fall ist sogesehen die Frage "Was will das Weib" eigentlich falsch gestellt. Die weibliche Libido schließt sich in der Frau selbst zum Kreis, sei muss hier keinen Willen einschalten. Sie will - wenn man es schon so sagen soll - im Genießen dazugehören, aber Orgasmus ist dafür das falsche Wort.
Um nicht in der Theorie zu sehr stecken zu bleiben, will ich noch einen Fall aus meiner psychoanalytischen Praxis erzählen. Eine Patientin kann zu mir, weil sie „Orgasmusstörungen" hatte. Um es genauer zu sagen: sie sagte, sie habe wohl noch nie einen Orgasmus gehabt. Im ersten Moment denkt man selbst als Mann in alter Machomanier (wenn man noch nicht genug ausgewachsener Analytiker ist): das könnte man der Frau doch schnell zeigen, was ein Orgasmus ist, bevor man sich jetzt über hundert Stunden mit Gesprächstherapie zudeckt. Aber so aggressiv und infantil geht es freilich nicht. Wir kamen der Sache insofern schnell auf die Spur, als sie mir folgende Geschichte erzählte. Die Mutter war sehr dominant, der Vater zwar gütig und liebevoll, aber mehr im Hintergrund verbleibend. Ein Bruder der Patientin war früh tödlich verunglückt und die Mutter daher sehr auf die Patientin fixiert. Als diese endlich ihren ersten festen Freud hatte, klagte sie der Mutter bei Gelegenheit schon einmal, dass sie glaube, sie habe keinen Orgasmus.
Doch das Problem löste die Mutter schnell. Sie ging eine Beziehung zu dem Bruder des Freundes meiner Patientin ein und schwärmte eines Tages randvoll davon, welch tolle Orgasmen sie jetzt habe, davon hätte sie früher nicht einmal träumen können. Es konnte nicht lange ausbleiben, dass die Patientin nach insgesamt recht langer Zeit die Beziehung zu ihrem Freund beendete und einen neue einging. Die Mutter hatte ihr die Schau gestohlen. Doch auch in der neuen Beziehung ereignete sich keine Klarheit über den Orgasmus. So kam sie zu mir in die Therapie. Ihr wurde schnell klar, dass die Mutter sie fest an sich binden wollte und ihr am liebsten den Freud weggenommen hätte. Aber mit dem Bruder und der brühwarmen Schilderung ihrer Lusterfahrungen konnte sie auch so erreichen, dass die Tochter sich wieder mehr an sie anschloss, auch wenn sie dann wieder eine neue Freundschaft einging. Wahrscheinlich hatte die Mutter gar keine so tollen Orgasmuserfahrungen gemacht, sondern nur ein Mittel gebraucht, um ihre Tochter nicht zu weit zu verlieren. Schließlich kam meine Patientin selbst darauf, dass es bei den Frauen wohl die unterschiedlichsten Erfahrungen darüber gibt, was denn nun wohl ein weiblicher Orgasmus ist und was nicht. Und dass es egal ist, welche man (nein: besser sie) macht.
Letztendlich sagte sie nach vielen Sitzungen zu mir: „Hauptsächlich es ist ein Wohlbefinden, eine Befriedigung, ein lustvolles Miteinander, Aufregung, Zärtlichkeit und schließlich auch noch die Erfüllung eines Kinderwunsches dabei. Dies ist nämlich jetzt der Fall, ich bekomme ein Kind von meinem neuen Freund und wir heiraten demnächst." Ich beglückwünschte sie dazu und sie kam später noch einmal in die Praxis zu mir, um mir ihren kleinen Sohn zu zeigen. Von Orgasmen haben wir nicht mehr geredet. Und die Mutter war mit einem Enkelkind auch nicht schlecht bedient. Und so bestätigte es sich, dass der "weibliche Orgasmus" nie endet. Das heißt, man würde eben besser von der "jouissance feminine" sprechen, die vielleicht auch die Männer erlernen müssten, dann würde es für beide klappen.

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